Apotheose[240] 1

Sing, Infernale, den Mann, der aus dem Geklüfte der Hölle,

Aus den Schwefelbezirken der Nacht, dämonisch empor stieg.

Und, von dem Geist Adramelechs beseelt, mit blutiger Klugheit

Einem der Fürsten zuerst das Kreuzige, Kreuzige! zurief.


Als, verstoßen von Gott, der in ihm Verpestung der Erde

Und des noch übrigen Glücks sah, kalt der Embryo dort lag

In der Schöpfungen Stoff, nahm Satan das künftige Wesen,

Es mit teuflischer Plastik zu formen zu seinem Geweihten,

Und durch ihn zu schaffen das schneidende Gift der Akzise.[241]

Staaten entstanden und Staaten vergingen von Sclaven und Freyen,

Rechts und links den Säulen Herkuls, und Nero verbrannte

Zum Vergnügen die Stadt, und Phalaris warf in das Glühthier,

Und der Gallische Carl schoß bey der blutigen Hochzeit;

Und die Zöllner nannte die Sprache des heiligen Mythus

Sündergesellen: doch keiner verstand das politische Sangwerk

So in das Mark der Völker zu setzen, als er, der es wagte,

Aus dem kleinsten Geäder des Lebens die Kräfte zu ziehen,

Der in die Penetralen der leisesten Häuslichkeit eindrang,

Und die Mächtigen speiste bis zu der Schwindsucht des Landes.

Was der Staat bedarf, nicht was die Fürsten verschwelgen,

Oder in eiserne Kasten verschließen, und nicht was das Hofheer,[242]

Goldbeblecht und ohne Seele mit Dumpfsinn vergeudet,

Fordert des Städters Fleiß und fordert die Schweiße des Pflügers.

Wenn uns der Künstler ein Werk von großer und herrlicher Wirkung

Nur aus wenigen Rädern erbaut, verdienet er Beyfall:

An den Staatsmaschinen wird alles unendlich vervielfacht,

Daß kein schlichterer Sinn sich aus den Verwirrungen findet.

Keiner vermochte das Labyrinth so dädalisch zu flechten,

Als der Blutgeist der neuen Mauthe mit täglicher Schröpfung,

Die so viel Säfte verzehrt und dabey so wenig Gewinn gibt.

Keine der Taxen stempelt den Bürger sichrer zur Knechtschaft,

Oder wecket ihn sichrer zur Wuth, den Dolchen entgegen!

Schreckliches Alternativ für Völker und Völkerbeherrscher.[243]


Spürer lauern in Horden am Thor, und lauern am Heerweg,

Daß der einsame Wandler dem Auge den Sack nicht verberge,

In dem er auf morgen den hungrigen Kleinen die Handvoll

Linsen und Erbsen zum Mittagsbrote verbothen zur Stadt trägt.

Wächst an der Mauer ein Baum und trägt er erfrischende Früchte,

Wage der Pflanzer es nicht, im Durste sich Labung zu brechen,

Bey dem Zorne der Afterthemis wag' er die That nicht,

Eh der Beschauer mit Molochsgesicht für sich decimirt hat.


Jeder Bissen Brots und jede Erquickung von Gerste

Wird in dem Egelsystem durch viele Instanzen verzinset;

Jede Sandale, die der halbnackte Wandrer am Fuß trägt.

Jedes Stadion kommt als Spion der lauschende Mauthner;[244]

Und der Strumpf der benachbarten Stadt wird doppelt bezahlet,

Oder der Dörfer geht zitternd barfuß im Froste des Spätjahrs.

Hier hat der Hüttner mit Disteln in seiner sparsamen Wirthschaft

Für den künftigen Winter ein borstiges Thierchen gefüttert;

Aber der Arme darf es nicht schlachten: er kann die Erlaubniß,

Seines Schweißes Frucht zu genießen, mit Silber nicht lösen.

Das heißt doch mit Gewinn die Tugend der Sparsamheit lehren;

Daß der Kärrner nur Brot ißt, und von dem Brote noch abgibt.


Heere von Lugern begucken das Leben mit hungriger Neugier

Kraft ihres Amtes, und sehn nach dem Gewichte der Spende

Rechts und links, und quälen mit Angst den Handelsgenossen,

Oder betrügen den Staat; und ihre vollendeten Künstler[245]

Wissen beherzt das ein' und das andere klug zu verbinden.

Und wer will sie verdammen? Sie müßten zum Anhange hungern.

So legt man die Schell' an den Fuß, den Stock an den Daumen,

Wie den Ring in die Nasen hyperboreischer Thiere,

Füttert Harpyen des Landes, die Sitten und Ehre verderben,

Und den offnen Charakter des deutschen Volkes zerstören,

Daß ein nur ärmliches Scherflein des Staats Bedürfnissen komme.

Was die Gesellschaft verlangt zu ihrem geheiligten Endzweck,

Bleibet heilige Pflicht; und Murren und Argwohn begleiten

Alles, was nur Betrug und Bedrückung zur Ordnung des Tags macht.

Lange Verwünschung der Völker folget dem Manne zum Styx nach.

Seinem Geburtsland, daß er das Krebsgeschwür uns herauf trug.[246]

Nein, nie werde sein Nahme genannt, in Dunkel begraben;

Und spricht einer ihn aus, so seys mit Herostratus Nahmen.

Unten sitz' er im Rathe bey Adramelech und Moloch,

Theile die gräßliche Freude mit ihnen und ihre Verzweiflung;

Und mit Hohngelächter bringe die Hölle dem Geiste

Zu der Belohnung stinkendes Räuchwert qualibet ex re.

Fußnoten

1 In einem heißen Anlauf von Patriotismus war ich Willens, ein recht gelehrtes politisches Werk über die Accise zu schreiben; aber die Zeit gebrach, und die Lust verflog. Der Enthusiasmus, von dem etwas in dieses Gedicht übergegangen ist, wäre auch vielleicht für eine kalte Untersuchung zu groß gewesen. Mich däucht, die Sache bedarf fast keiner weitern Untersuchung, daß die Accise eine der drückendsten Einrichtungen für den Staat ist, und daß es nicht an Mitteln fehlen kann, mit weniger Gehassigkeit mehr reinen Gewinn für die Staatsbedürfnisse zu schaffen. Die Einrichtung ist wirklich eine Schule des Betrugs und der Sittenverderbniß für viele; denn Zahlende sowohl als Einnehmende begehen, fast nothwendig, täglich Sünden gegen die Verordnungen. Die Zahlenden suchen sich dem furchtbaren Druck zu entziehen, die Einnehmenden sich für ihre kärgliche Besoldung durch Nachsicht und daraus entspringenden Vortheil schadlos zu halten. Daraus entsteht ein commercium improbitatis, das dem Charakter des Volks durchaus nachtheilig werden muß. Daß die Esculenta und Potulenta des gemeinen Mannes ohne alle Rücksicht so sehr beschwert werden, ist doch wahrlich wider alle Humanität und Popularität. Ein armer Bürger kauft sich einen Scheffel Korn auf dem Markte, den der einbringende Landmann schon veracciset hat; nunmehr muß der Käufer noch etwas Ansehnliches bezahlen, ehe er ihn in die Mühle fahren darf. So ist es mit allen Artikeln; und ein Neugieriger hat mich versichert, daß in Chursachsen ein Paar Schuhsohlen, wenn alles gesetzlich zugeht, eilfmahl veracciset werden müssen, ehe sie der Altreiß auf die Schuhe nähren kann. Wem fällt hier nicht des Römers Bonus lucri odor ex re qualibet! ein? Das Personale der Accise in Sachsen kostet, nach der Berechnung eines Mannes, dem ich Kenntnisse zutraue, monathlich gegen vierzig tausend Thaler, ohne das Nefas. Ob alles gesetzlich ist, weiß ich freylich nicht, denn der Gesetze sind so ungeheuer viele, und wir haben leider keine Sammlung zum Unterricht und zur Sicherheit des Bürgers; aber wahrhafte Leute haben mich versichert, daß von keinem Obstbaum in einem Garten im Städtchen eher gebrochen werden dürfe, bis der Visitator taxirt und also decimirt hat, und daß kein Bürger einen Sack mit Kartoffeln von seinem Stückchen Feld vor dem Thore hereintragen darf, von dem er nicht bezahlt. Quae, qualis, quanta! Es ist keine Floskel, sondern sehr oft recht traurige Thatsache, daß ein Häusler das Schweinchen, das er sich mit vieler Mühe und Anstrengung aufgefüttert hat, nicht schlachten darf, weil er den Schlachtzettel nicht lösen kann. In der Verwirrung wird Zoll und Accise fast immer in eine Rubrik gesetzt; und es heißt von fremden Weinen und allen fremden Luxusartikeln sie geben Accise, eben sowohl wie von Linsen und Erbsen, die zwanzig Schritte vor dem Thore erbauet werden. In Rußland hat man nur Gränzzoll; und wenn dieser berichtiget ist, geht man von Polangen bis nach Jakutzk ungehindert fort, und von Abgaben auf die Früchte des Landes zur Nahrung in dem Lande weiß man keine Sylbe: dafür sind sie aber dort auch in der Kultur unendlich weit zurück. Der Churfürst von Sachsen, als einer der humansten und gerechtesten Männer, die das Europäische Publicum kennt, ist ohne Zweifel nicht hinlänglich von allem Druck und allen Malversationen, die dabey vorgehen, unterrichtet; sonst würde es gewiß seine erste Sorge seyn, diese Abgabe, wenn sie durchaus nothwendig ist, in eine zweckmäßigere zu verwandeln. Es ist gar kein Zweifel, daß sie sehr leicht mit zur Steuer gezogen und ihre Hebung von den gewöhnlichen Steuerofficianter mit besorgt werden könnte, daß durch die Abänderung dem Staate ungeheure Summen erspart, eigenmächtiger Druck und Unterschleif verhindert und doch ein größerer Vortheil gewonnen werden würde. Vielleicht könnte durch eine kleine Erhöhung der allgemeinen Personensteuer, durch eine fixe Summe, wie in einigen preußischen Städten, oder durch einen Beytrag von den Kapitalien laut der Konsensbücher das Nöthige gewonnen werden, anderer Mittel nicht zu erwähnen. Das letzte wäre durchaus gerecht und zweckmäßig; wenn es nur einen festern Fuß haben könnte, da diese Art des Vermögensbestandes der Natur der Sache nach sehr unbestimmt und veränderlich ist.


Quelle:
Johann Gottfried Seume: Gedichte. Wien und Prag 31810, S. 240-247.
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