Abendweite

[9] Abendweite eines Gestirns ist der Bogen im Horizont (Winkel im Zenith) des Beobachtungsorts zwischen dem Untergangspunkt des Gestirns und dem Westpunkt auf dem Horizont. Ganz ebenso heißt Morgenweite eines Gestirns der Bogen zwischen Aufgangspunkt und Ostpunkt des Horizonts.

Bezeichnet w zunächst die mathematische Abend- und Morgenweite des Sterns mit der Deklination δ, so ist für einen Beobachtungsort mit der geographischen Breite φ:


Abendweite

oder, wenn w nahe bei 90° ist,


Abendweite

w ist ein spitzer Winkel mit dem Vorzeichen von δ. Sterne, die auf ihrer scheinbaren täglichen Bahn den Horizont im Südpol streifen (gerade nicht mehr aufgehen), haben die Abend- und Morgenweite 90°; Sterne, die den Horizont im Nordpunkt streifen (gerade noch Zirkumpolarsterne sind), ebenfalls mit anderm Zeichen, die Abend- und Morgen weite 90°; ein Stern im Aequator hat die Abend- und Morgenweite 0. Die Abend- und Morgenweite der Sonne ist wegen des veränderlichen δ veränderlich, erreicht extreme (und langsam veränderliche) Werte zur Zeit der Solstitien, ist 0 (aber rasch veränderlich) zur Zeit der Aequinoktien; für einen Beobachtungspunkt auf der Erdoberfläche zwischen Aequator und nördlichem Polarkreis nimmt der absolute Wert der Morgen- und Abendweite der Sonne vom 22. Dezember bis 21. März ab, von da an bis zum 21. Juni wieder zu, dann wieder ab bis zum 22. September, und endlich wieder zu bis zum 22. Dezember. Abend- und Morgenweite sind praktisch fast ohne Bedeutung, nur etwa für rohe Orientierung brauchbar, wenn keine Bussole zur Hand ist.

Uebrigens ist die »mathematische« Abend- oder Morgenweite, die nach 1. oder 2. berechnet wird, um sie in die physische, für den Anblick vorhandne zu verwandeln, noch zu verbessern um den Einfluß der Refraktion r im Horizont (nach Bessel bei 751 mm Barometerstand und +9°C. Lufttemperatur r = 34',9, aber für andre b, t stark veränderlich); dieser Betrag ist


Abendweite

– Beim Mond wäre auch noch die Parallaxe zu berücksichtigen. Tabellen der Abend- oder Morgenweite s. z.B. bei [1], [2].[9]


Literatur: [1] Albrecht, Formeln und Hilfstafeln für geographische Ortsbestimmungen, 3. Aufl., Leipzig 1894, S. 4, u. Tafel 1b, S. 151. – [2] Handwörterbuch der Astronomie, herausgegeben von Valentiner, Bd. 1, Breslau 1897, S. 164–165.

Hammer.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 1 Stuttgart, Leipzig 1904., S. 9-10.
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