Astronomie

[327] Astronomie. Gegenstand der Astronomie ist die Erforschung der räumlichen Verteilung, der Bewegungen und der physikalischen Beschaffenheit (und ihrer Aenderungen) aller Himmelskörper. Die Erde kommt nur als Glied des Sonnensystems und als Zentralkörper für den Mond in Betracht, während die Erforschung Gestalt und Abmessungen der Erde, der Erscheinungen an ihrer [327] Oberfläche, in den uns zugänglichen flüssigen und fetten Teilen ihres Körpers und in ihrer Lufthülle an die selbständig gewordenen Wissenschaftszweige der Geodäsie (Erdmessung), Geologie, Geographie und Geophysik (für die Lufthülle Meteorologie) übergegangen sind; dabei sind selbstverständlich die Grenzen nicht überall fest zu ziehen.

Die Astronomie könnte der Wortbedeutung nach ebensowohl oder besser auch Astrologie oder Astrognosie heißen; der erste dieser beiden Namen ist aber dem überwundenen Aberglauben der »Sterndeutung« (Bestimmung menschlicher Schicksale und künftiger Ereignisse überhaupt aus den »Konstellationen« der Wandelsterne, aus Kometenerscheinungen u.s.w.), der zweite einem ganz untergeordneten kleinen Teil der Astronomie (gegenseitige Lage der einzelnen Sternbilder und der helleren Sterne nach Anblick am Himmel) gegeben worden.

Man pflegt die Astronomie einzuteilen in: 1. Sphärische Astronomie, sowie Zeit- und geographische Ortsbestimmung, der erste Ausdruck oft synonym mit dem größten Teil der »Mathematischen Geographie« angewendet, die Lehre von den scheinbaren Bewegungen an der Sphäre umfallend; die zuletzt genannten Aufgaben der Zeit- und Ortsbestimmung auf der Erdoberfläche, die sich unmittelbar auf jene scheinbaren täglichen und jährlichen Bewegungen stützen, kann und sollte man übrigens zum größten Teil als der Geographie (und Nautik) und Geodäsie angehörig auffassen. 2. Die praktische Astronomie, oft zum Teil mit der zweiten Abteilung von 1. identifiziert, aber außerdem auch alle übrigen astronomischen Messungen und die Theorie der Messungsinstrumente, also den größten Teil der Sternwartenarbeit umfassend. 3. Die theoretische Astronomie hat im Gegensatz zu der sphärischen vor allem die Erforschung der wahren Bahnen der Himmelskörper zum Gegenstand, indem sie die Ergebnisse eines Teils der praktischen Astronomie benutzt; oft in theoretische Astronomie und Himmelsmechanik (oder »physische« Astronomie) zerlegt. 4. Die physikalische Astronomie endlich beschäftigt sich mit Form und Zusammensetzung der Himmelskörper, Beschaffenheit der Oberflächen der Körper des Sonnensystems u.s.w. – Ost werden der 3. und 4. Abschnitt unter dem Namen Astrophysik zusammengefaßt, oft aber auch wird die Bezeichnung Astrophysik auf die Erforschung der Fixsternwelt beschränkt (Astrophotometrie, Astrospektroskopie, Astrophotographie, soweit sich diese Disziplinen nicht auch mit Körpern des Sonnensystems beschäftigen). Feste Grenzen zwischen den einzelnen Abteilungen zu ziehen, ist nicht möglich, z.B. spielen 2. und 4. stets ineinander, u.s.w. Irgendwelcher Ueberblick über das Gebiet der ganzen Wissenschaft ist hier nicht zu geben, es muß vielmehr die Anführung einiger Literatur genügen: [1], [2], [3], [4]. – Für die Zwecke dieses Lexikons kommt nur eine etwas eingehendere Behandlung der (geographischen [nautischen] und geodätischen) Aufgaben der direkten Ortszeit- und Ortsbestimmung auf der Erdoberfläche und einiges wenige aus andern Abschnitten der Astronomie (besonders mit Rücksicht auf die Instrumententechnik) in Betracht, während die Arbeiten der Sternwarten und der damit verbundenen Recheninstitute, der theoretischen und physikalischen Astronomie im wesentlichen außerhalb seines Rahmens liegen.


Literatur: [1] Von Lehr- und Handbüchern können die zahllosen, zum Teil sehr guten, von namhaften Astronomen bearbeiteten populären Werke nicht angeführt werden. Wenig Vorkenntnisse setzt voraus Klein, Handbuch der allgemeinen Himmelsbeschreibung, 3. Aufl., Braunschweig 1901 (bevorzugt in populärer Form die physische Astronomie); zur Einführung in die wissenschaftliche Astronomie können dienen: Faye, Cours d'Astronomie de l'Ecole Polytechnique (2 Bde., Paris 1881–83), Baillaud, Cours d'Astronomie (2 Bde., Paris 1893–96); eine gute Einleitung in das Gesamtgebiet, die besonders auf die geschichtliche Entwicklung Rücksicht nimmt, ist ferner Wolf, Handbuch der Astronomie, ihrer Geschichte und Literatur (2 Bde. = 4 Halbbände, Zürich 1891–93) mit sehr reichen Literaturangaben, besonders für die ältere Zeit. Einen Abriß des Standpunktes der Astronomie in den letzten Jahren bietet das Handwörterbuch der Astronomie, herausg. von Valentiner, 3 (in 4) Bde., Breslau 1897–1902. Einige besonders auf astronomische Instrumente sich beziehende Literatur ist im Art. Aequatoreal zusammengestellt. – [2], Die wichtigsten wissenschaftlichen astronomischen Zeitschriften (Beobachtungen, neue Bestimmungen, Entdeckungen, Instrumente) sind u.a. die Astronom. Nachrichten (begründet von Schumacher 1821, jetzt in Kiel-Sternwarte erscheinend), die Vierteljahrsschrift der Astronom. Gesellschaft (Leipzig, seit 1866), das Bulletin astronomique (Paris, seit 1884, von Tisserand gegründet), die Monthly Notices (London), die Memoirs of the Brit. Astron. Assoc. (London), das Astronomical Journal (Cambridge, Mass.), The Observatory (monthly review of practical astronomy, London); daneben erscheint eine sehr große Zahl von populären astronomischen Zeitschriften. Zu erwähnen sind auch die neueren großen Zusammenstellungen der wissenschaftlichen Literatur, z.B. die Bibliothèque scientifique française, t. 1, 2, 3 (années 1902, 1903, 1904), der International Catalogue of scientif. Literature, 1st annual issue, Astronomy (Jan. 1901 to May 1902), publ. by the Royal Society, London 1903, u.s.w. – [3] Mehrere Jahrbücher u. dergl. referieren über die Fortschritte der ganzen Astronomie (von den deutschen Werken dieser Art sei genannt das populär gehaltene Jahrbuch der Astronomie und Geophysik, herausgegeben von Klein, Leipzig seit 1890, sodann der wissenschaftliche, sehr vollständige Astronomische Jahresbericht von Wislicenus [Berlin, seit 1899]; der Band mit der Jahresliteratur erscheint bereits wenige Monate nach Schluß jedes Jahres). – Ferner gibt fast jede Sternwarte periodische wissenschaftliche Annalen, Jahrbücher oder Beobachtungen u.s.w. heraus. – [4] Ueber die literarischen Hilfsmittel der rechnenden Astronomie vgl. die Art. Astronomische Jahrbücher (Ephemeriden), Astronomische Tafeln, Sternkataloge; die sehr umfangreiche Literatur des für das vorliegende Lexikon wichtigsten Teils der messenden Astronomie (es ist richtiger Geodäsie und Geographie), der Zeit- und Ortsbestimmung (abgesehen[328] von dem Astronomischen Jahrbuch) ist nicht hier aufzuzählen, sondern bei den einzelnen Artikeln: Ortsbestimmung, geographische, Azimutbestimmung, Polhöhenbestimmung, Längenbestimmung, Zeitbestimmung und den zugehörigen Einzelartikeln: Theodolit, astronomischer (dort ist über geodätisch-praktische Astronomie eine größere hierhergehörige Literaturzusammenstellung gegeben), Durchgangsinstrumente u.s.w. nachzusehen. – Gar nicht eingegangen kann werden auf theoretische Astronomie, Himmelsmechanik, physische Astronomie; besonders die physikalische Astronomie erfreut sich in der Neuzeit eingehender Pflege und hat bereits ihre eignen Zeitschriften in der periodischen astronomischen Literatur (z.B. The Astrophysical Journal, an internat. review of spectroscopy and astronom. physics, Chicago, Jahrg. 1904 = Bd. 19 u. 20).

Hammer.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 1 Stuttgart, Leipzig 1904., S. 327-329.
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