Kuppel

[790] Kuppel, ein in Form einer Halbkugel oder in halbkreisförmigem, flachem oder steiler anzeigendem Querschnitt ausgeführtes Gewölbe über kreisrundem, vieleckigem, aber auch über quadratischem Grundrisse.

Bei rundem Räume steigt die Wölbfläche direkt aus den Umfassungsmauern auf und ruht ringsum auf denselben. Man kann dies als die Urform bezeichnen. Das älteste bestehende, zugleich auch das schönste und berühmteste Beispiel ist das nahezu zweitausendjährige Pantheon zu Rom (Fig. 1 und 2) von 43,5 m Durchmesser, dessen überwältigende Raumwirkung zu allen Zeiten, sowohl in der späteren Kaiserzeit wie im Mittelalter, bewundernde Nachahmung fand, besonders aber in der Zeit der Wiedererweckung des Altertums, der Renaissance, für welche der Zentralbau mit der Kuppel die höchste architektonische Kunstform bildete. – Aehnlich der Kuppel über kreisrundem Räume erhebt sich das über dem vielseitigen, meist achteckigen Grundplan aufsteigende Gewölbe, seiner Form; nach ein Klostergewölbe (s. Gewölbe), indem es auf allen Seiten gleichmäßig aufruht und äußerlich wenig zur Erscheinung kommt.[790]

Anders dagegen verhält sich die über quadratischem Grundriß aufragende Kuppel. Diese berührt nur in den vier Hauptachspunkten die Scheitel der unterstützenden Gurtbogen, im übrigen ruht sie auf dem oberen Kranz der zwischen diesen letzteren in Kugelform aufzeigenden Gewölbezwickel (Pendentifs), s. Gewölbe, Fig. 28 und 29 (Sophienkirche, Konstantinopel, Fig. 3). Da aber bei dieser Anordnung die Lichtzuführung eine mangelhafte, so kann hier als Lichtgaden ein senkrecht aufsteigender Zylinder, der sogenannte Tambour, eingeschaltet und auf diesen die Kugel aufgesetzt werden. In Entwicklung dieses formalen Gedankens entstanden jene größten Meisterleistungen der letzten Jahrhunderte; die Kuppeln von St. Peter in Rom (Fig. 4 und 5) ca. 1560, von St. Paul in London ca. 1690 und des Pantheon in Paris 1780. Die weiten Spannungen und schweren Lasten eines so kühnen Bauwerks zu einer dauerhaften Konstruktion zu verdichten verstanden schon die Römer der ersten Kaiserzeit, unsre Lehrmeister in der Gewölbetechnik, meisterhaft. Die zwei Gewölbeschalen aus Backsteinrippen mit Zwischenfüllungen in Gußmörtel (Pantheon) geben für die späteren Kuppelbauten die Weise an, wie die riesigen Masten durch Schaffung von Hohlkörpern eine Entlastung und durch eine Zerlegung in Haupt- und Zwischengurten eine Verspannung und eine Verteilung auf Hauptstützpunkte erfahren konnten. Ueber die Prinzipien dieser Technik geben [1]–[7] Aufschluß.

Das Material der Kuppelgewölbe wird nur bei verhältnismäßig kleinen Durchmessern, der zu großen Belastung wegen, in Hausteinen bestehen. Viel geeigneter sind die Backsteine, und zwar die Hohlziegel (s.d.) oder porösen (Spreuer-) Steine, auch Bimssteine, welche eine geringere Belastung ausüben. Von bestem Erfolge waren die Wölbungen aus Hohlgefäßen (heil. Sophia in Konstantinopel und hienach S. Vitale in Ravenna 547 u. Chr.), während das wichtigste und zumeist angewandte Material der Römer der Gußmörtel war, aus welchem der bei weitem größte Teil ihrer Kuppelbauten bestand.

Die dekorative Ausbildung der Kuppelflächen im Innern besteht 1. in den wirksamen Teillinien von wagerechten und ansteigenden Gurtungen mit dazwischenliegenden vertieften Feldern, den Kassetten oder Kassaturen, deren Mitte ein Stern oder Rosette schmückt; 2. in Bemalungen und Vergoldungen; 3. in Mosaikarbeit auf Goldgrund.


Literatur: [1] Isabelle, Les édifices circulaires etc., Paris 1843. – [2] Hübsch, Der altchristliche Kirchenbau, Karlsruhe 1860. – [3] Violet-le-Duc, Dictionnaire raisonné de l'arch., Bd. 4, Coupole und Bd. 9, Voûte. – [4] Handbuch der Architektur, 2. Teil, Bd. 2, Baukunst der Römer von Durm. – [5] Choisy, L'art de bâtir chez les Romains, Paris 1873. – [6] Breymann, Baukonstruktionslehre, Bd. 1, Konstruktion in Stein, 6. Aufl., von Warth, Leipzig 1896. – [7] Zeitschr. für Bauwesen 1887, S. 353 ff., Zwei Großkonstruktionen der italienischen Renaissance von Durm. – [8] Baukunde des Architekten, Berlin 1884, Bd. 1, S. 252 ff.

Weinbrenner.

Fig. 1 und 2.
Fig. 1 und 2.
Fig. 3.
Fig. 3.
Fig. 4 und 5.
Fig. 4 und 5.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 5 Stuttgart, Leipzig 1907., S. 790-791.
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