3. Die drei Gesellen.

[96] Ein Mann hinterliess nach seinem Tode seine Frau schwanger, und nach sechs Monaten gebar sie einen Knaben. Sie zog trotz aller ihrer Armuth den Knaben auf, bis er fünfzehn Jahre wurde. Als der Knabe verständig geworden war, fragte er seine Mutter, ob sie nicht etwas vom Vater hätte. Die Mutter antwortete ihm, der Vater hätte viele Dinge hinterlassen, aber sie hätte alles verkauft, um seine Erziehung bis jetzt zu bestreiten. Aber der Knabe lag seiner Mutter immerfort in den Ohren, indem er sie um irgend etwas vom Vater bat, was es auch sei. Endlich sagte sie zu ihm: »Mir kommt es vor, als ob irgendwo auf dem Boden des Hauses ein Säbel liege«; und der Knabe sprach zu ihr: »Heb mich auf deine Schulter, damit ich hinaufkomme und ihn herunter nehmen kann«. Der Knabe nahm den Säbel, der seit Jahren nicht gereinigt und daher verrostet war, reinigte ihn, dass er wieder glänzte, und hängte ihn sich um den Hals. Dann sprach er zu seiner Mutter: »Mutter, ich will in ein fremdes Land ziehen«. Da begann die Mutter zu weinen und zu klagen, bat ihn, er solle nicht fortgehn, und sagte schliesslich zu ihm: »Schlag mir mit dem Säbel deines Vaters erst den Kopf ab, und dann zieh fort«. Aber der Knabe sprach: »Welcher Sohn hat jemals seiner Mutter den Kopf abgeschlagen? Ich bitte dich, grolle mir nicht, brich mir nicht das Herz, sondern wünsche mir Glück und habe mich lieb, denn mit Gottes Hilfe werde ich bald zurückkehren«. Nach diesen Worten änderte er seinen Namen, indem er den Namen »Säbel« annahm, und nahm den Säbel und schrieb seinen Namen darauf. Endlich schlang er seine Hände um den Hals seiner Mutter, damit sie vor der Trennung einander noch recht küssten, und sie konnten lange Zeit nicht aufhören zu weinen. Beim scheiden küsste der Knabe den Säbel, damit er ihm Glück brächte, und als er zum Hause heraus gieng, sprach er zu seiner Mutter: »Bleib gesund und sei mir nicht böse, denn länger als sechs Monate werde ich nicht ausbleiben«.

Als er sich von seinem Dorfe fünf oder sechs Stunden entfernt hatte, kam er an einen Berg, ganz einsam; er setzte[97] sich an einem ebenen Platze hin, zog den Säbel heraus, küsste ihn und steckte ihn wieder in den Gurt. Es vergieng keine halbe Stunde, da kam ein Jüngling in seinem Alter und sprach zu ihm: »Guten Tag, Freund«. Jener antwortete: »Sei willkommen, Bruder«. Der fremde fragte ihn: »Woher kommst du und wohin gehst du?« Und jener sagte: »Ich bin ausgezogen nach meinem Glück«. »Ich auch,« sprach der andere, »und wenn du willst, wollen wir Brüder werden und zusammen nach unserm Glück ausziehen«. Da schlang jener die Hände um seinen Hals und küsste ihn und fragte ihn nach seinem Namen; und er sagte, er hiesse »Stern«. Dann sagte er ihm auch den seinigen, »Säbel«.

Hierauf machten sich die beiden auf und zogen gradaus ihres Weges, bis die Nacht herein brach; da machten sie Rast, und nachdem sie ein wenig geplaudert, legten sie sich nieder zu schlafen, ohne gegessen und getrunken zu haben. Am andern Tage zogen sie wieder gradaus ihre Strasse; nach etwa einer halben Stunde trafen sie einen Jüngling in ihrem Alter und sprachen zu ihm: »Guten Weg, Dörfler«. Und jener antwortete: »Möget ihr Glück haben, meine Brüder!« Sie sagten: »Woher sind wir deine Brüder?«, und er sprach: »Ihr waret nicht meine Brüder, aber jetzt und in Zukunft sollt ihr es sein«. »Wenn wir deine Brüder sein sollen,« antworteten jene, »so sollst auch du unser Bruder sein«. Sie fragten ihn nach seinem Namen, und er sagte ihnen, man hiesse ihn »Meer«. Sie sagten ihm auch ihre Namen, und dann umarmten und küssten sich die drei wie wirkliche Brüder und verpflichteten sich feierlich zusammen zu sterben, wenn ihnen etwas zustossen sollte.

So zogen die drei weiter und kamen in die Nähe einer Stadt. Dort herrschte ein König, der hatte grade in diesen Tagen einen breiten Graben ziehen und ausrufen lassen: der, welcher über diesen Graben springen könne, solle die Tochter des Königs zur Frau bekommen; wer nicht hinüber käme, dem solle der Kopf abgeschlagen werden. Viele Leute versuchten den Sprung in der Hoffnung, hinüber zu kommen, aber sie fielen hinein und wurden zum Scharfrichter geschickt, welcher allen die Köpfe abschlug. In dieser Zeit kamen auch jene[98] drei dorthin, und als sie diese ganze Menge sahen, sprachen sie: »Lasst uns näher gehen und sehen, was hier vorgeht«.

Als sie näher kamen und hörten, dass es sich um die Aufgabe handle, über den Graben zu springen, überlegten die drei mit einander und sprachen: »Sollen wir uns ein Herz fassen über diesen Graben zu springen? vielleicht kommen wir hinüber. Und wenn wir nicht hinüber kommen, wollen auch wir sterben«. Meer sagte: »Der Graben ist sehr breit, und wir können nicht hinüber springen«. Da nahm Säbel einen Stein von der Erde, gab ihn Meer und sagte ihm, er solle ihn hinüber werfen; und als er dies gethan hatte, fragte er ihn: »War der Stein sehr schwer?« Meer sagte: »Er war nicht schwerer als fünf Gramm«. »So schwer ist auch unser springen,« sprach Säbel, und ohne lange zu zögern, stellte er sich in die Mitte der beiden, Sterns und Meeres, umarmte sie fest mit beiden Armen und sprang mit ihnen auf die andere Seite hinüber, ohne irgend welche Schwierigkeit, so dass die ganze dort anwesende Menge, als sie es sah, sich verwunderte. Der König liess sie auf einen Wagen setzen, in den Palast bringen und vor sich führen; dort fragte er sie: »Wer von euch will meine Tochter zur Frau nehmen?« Säbel erwiderte, Stern wolle sie nehmen. Und der König gab Befehl die Hochzeit zu rüsten. Dann fragte er auch Säbel und Meer, was sie für eine Stellung wünschten. Säbel sagte, er solle dem Meer eine geben, denn er wolle für sich nichts.

Einige Tage nach der Hochzeit nahm Säbel Abschied von Stern und Meer, um sich aufzumachen und weiter zu ziehen. Aber diese sprachen mit grossem Missmuth zu ihm: »So wenig also bedeutet unsre Bruderschaft, dass du das Herz hast, fortzugehen und uns zu verlassen?« Da antwortete Säbel: »Unsere Bruderschaft ist unvergänglich, und darum lasse ich euch jetzt, wo ich fortziehn will, diese Feder zurück. Gebt wol Acht: wenn sie anfängt Blut zu tropfen, dann macht euch sogleich auf und suchet mich so lange, bis ihr mich findet, denn dann bin ich in gefährlicher Lage«. Dann küsste er sie, machte sich auf und zog fort.

Als er so drei oder vier Tage seine Strasse gezogen war, kam er an einen Punct, wo sich sieben Wege theilten. Dort[99] stand ein Thurm, in dem eine alte Frau wohnte. Diese alte bat Säbel, sie sollte ihm sagen, wohin diese Wege führten, und als er es erfahren, schlug er den Weg zur schönen der Erde ein. Da sprach die alte zu ihm: »Mein Sohn, setze nicht deinen Kopf und dein junges Leben umsonst aufs Spiel, denn auf diesem Wege sind Könige mit starken Heeren gezogen und sind nicht dorthin gelangt, wohin du, ganz allein, gehen willst«. Da schrieb er an die Mauer des Thurms und gab der alten den Auftrag: »wenn zwei Jünglinge kommen nach mir zu fragen, so zeige ihnen diese Schrift und den Weg, den ich einschlage«. Hierauf schlug er den Weg ein, den er vorhin schon betreten hatte, und zog dahin.

Als er ein Stück weiter gekommen war, traf er eine Kutschedra1 mit sechs jungen auf dem Wege, die sich auf ihn stürzte, um ihn zu fressen. Er aber zog seinen Säbel und tödtete sie mit allen ihren jungen. Als er weiter zog, sah er von weitem den Palast der schönen der Erde; und während er den Weg nach dem Palast einschlug, fand er am Wege eine Quelle, bei der er ein wenig verweilte. Die schöne der Erde sah ihn und sprach zu der Kutschedra: »Es kommt ein Jüngling, gekleidet in ein weisses Gewand«, und jene antwortete: »Beobachte aus dem Fenster, wie er Wasser trinken wird, mit der Hand oder auf den Knien«. Der Jüngling liess sich auf ein Knie nieder, legte sein Haupt an das Becken der Quelle und trank. Da sprach die Kutschedra zu jener: »Vor diesem Manne habe ich Furcht«. Dort ausserhalb des Palastes stand ein Apfelbaum mit Früchten, und als der Jüngling sich näherte, beobachtete sie ihn, ob er springen würde, um den grössten Apfel zu nehmen. Und der Jüngling sprang und nahm den Apfel mit den Zähnen, nicht mit der Hand. Als dies die Kutschedra sah, rief sie: »Wehe! vor diesem Manne gibt es für mich keine Rettung«.

Der Jüngling kam an die Thür des Palastes, gieng direct hinein und sagte zu ihnen: »Guten Tag«. Die Kutschedra sprach zu ihm: »Wie hast du es gewagt, hieher zu kommen?«,[100] und er antwortete: »Ebenso wie du es gewagt hast«. Da entbrannte sie in Zorn und suchte sich auf Säbel zu stürzen; aber dieser zog sofort sein Schwert und hieb sie in zwei Stücke; und so gewann er die schöne der Erde. Als einige Wochen vergangen waren, hörten die Könige, dass ein Held die Kutschedra erschlagen und die schöne der Erde zur Frau genommen hätte; da machten sie sich eilig auf und giengen zu den sieben Wegen und fragten die alte: »Was für ein Mann ist hier vorbei gezogen zur schönen der Erde?« Und sie sagte ihnen: »Ein Jüngling von elf bis sechzehn Jahren«. Da beschlossen sie gegen ihn zu ziehen und machten sich auf und bekämpften ihn vier und zwanzig Tage, aber mit aller ihrer Macht vermochten sie ihm nichts anzuhaben, sondern kehrten unverrichteter Sache wieder um. Nachdem nun diese Könige den Säbel nicht hatten besiegen können, kamen sie auf dem Rückwege zu jener alten und trugen ihr auf, sie sollte zur schönen der Erde gehen und sie fragen, mit welcher Heldenthat und Kraft jener Jüngling sich ihrer bemächtigt hätte. Und die schöne der Erde antwortete der alten: »Als er gekommen war, tödtete er die Kutschedra mit Leichtigkeit und bemächtigte sich meiner«. Hierauf sagte ihr die alte, sie solle den Jüngling fragen, worin seine Heldenkraft liege. Und nach einigen Tagen fragte sie Säbel: »Wo hast du deine ganze Kraft?« Und der arme enthüllte ihr in Folge seiner Liebe zu ihr alles, indem er ihr sagte, seine ganze Kraft sei sein Schwert, und wenn ihm dies jemand weg nähme, sei er verloren. Sie sagte dies jener alten wieder, und diese fand nach einigen Tagen eine Gelegenheit dem Jüngling das Schwert zu stehlen und warf es ins Meer.

Nachdem das Schwert Säbels ins Meer geworfen war, verfiel er sogleich in eine Krankheit und wurde zum sterben. Die alte kehrte erfreut in ihren Thurm zurück und rief den Königen zu, wer die schöne der Erde ohne Heer und ohne Kampf gewinnen wolle, der möge hingehen, denn der Tag sei gekommen. Als die Könige dies hörten, machten sie sich auf gegen Säbel zu ziehen. Aber die Brüder Säbels hatten gesehen, dass seine Feder Blut tropfte, und waren eiligst ausgezogen ihren Bruder zu finden. Stern nahm Meer auf die[101] Arme, und so kamen sie bei Säbel viel früher an als die Könige und fragten die schöne der Erde: »Wo hast du das Schwert unsres Bruders?« Sie antwortete: »Sie haben es ihm genommen und ins Meer geworfen«. Da erhob sich Meer sogleich, tauchte ins Meer, fand das Schwert und brachte es dem Bruder, welcher sich sogleich die Augen rieb, erwachte und aufstand wie ein gesunder. Und während er sich die Augen rieb, sprach er zu ihnen: »Ach, wie lange habe ich geschlafen!« Als er aber seine Brüder bei sich sah, begriff er, dass er in einer grossen Gefahr geschwebt hatte.

Hierauf kamen auch die Könige, um ihn zu bekämpfen, und fielen mit Muth über ihn, aber da Säbel wieder genesen war, unterlagen sie auch diesmal und mussten besiegt umkehren. Als Säbel auch diese Schlacht gewonnen hatte, nahm er die schöne der Erde mitsammt allem, was sie hatte, und machte sich auf, um mit seinen beiden Brüdern zu seiner Mutter in seine Heimat zu ziehen. Sie zogen wieder ihre Strasse, und als sie zu den sieben Wegen kamen, beschenkte er dort die alte reichlich, indem er zu ihr sagte: »Das schenke ich dir für das gute, das du mir gethan hast, indem du mein Schwert ins Meer warfest. Jetzt bitte ich dich, lass die Könige, welche kamen und mich bekriegten, die Botschaft wissen, dass ich, der ich die schöne der Erde gewonnen habe, nun in meine Heimat ziehe; wenn sie wollen und wenn sie Groll gegen mich hegen, sollen sie wieder kommen mit mir zu kämpfen, ich will sie dann in tausend Stücke hauen«. Dann sprach er zu der alten: »Ich grüsse dich, bleib gesund«, und sie trennten sich.

Indem sie weiter zogen, kamen sie zu dem Könige, der Sterns Schwiegervater war (denn dieser hatte seine Tochter zur Frau genommen), und baten ihn um Erlaubniss mit seiner Tochter in ihre Heimat zu ziehen. Aber der König antwortete ihnen: »Ihr ziehet, wohin ihr wollt, aber mein Schwiegersohn und meine Tochter bleiben hier«. Da sprach Stern zu ihnen vor den Augen des Königs: »Ich trenne mich um nichts, auch nicht um die Tochter des Königs, von euch, o Brüder«. Der König sprang auf und rief: »Mag er wollen oder nicht, ihr werdet euch trennen«. Säbel erhob sich und sprach zu[102] ihm: »Was soll dies Mag er wollen oder nicht heissen? Stern, unsern Bruder, willst du wider seinen Willen zurückhalten? Der Mann, der einen von uns drei wider seinen Willen zurückhält, ist nicht geboren«. Hierauf befahl der König seinem Thürhüter: »Nimm diese Männer und wirf sie ins Gefängniss«. Aber Säbel erwiderte dem Könige: »Lass deiner Tochter sagen, sie solle hieher kommen, damit wir sehen, was sie sagt«; und jener befahl, sie sollten seine Tochter zu ihm bringen. Da sprach Säbel zu Stern: »Nimm auf einen Arm deine Frau und auf den andern Meer und geh fort, indem du dem Könige lebewol wünschest«. Der König hörte diese Worte mit Erstaunen; er rief seine Thürhüter und befahl ihnen, es sollten an jeder Thür nicht weniger als vier Hüter stehen. Stern aber erhob sich, blieb in der Mitte des Zimmers stehen und sagte zum Könige: »Ich grüsse dich, lebewol, mein Schwiegervater!« Dann sprang er mitsammt seiner Frau und Meer durchs Fenster hinaus, und die drei entkamen, während Säbel allein zurückblieb. Als der König dies sah, eilte er ans Fenster, um zu sehen, ob sie sich nicht zerschmettert hätten, da sie so hoch hinabgesprungen wären, und als er sah, dass ihnen nichts schlimmes zugestossen war, wusste er nicht mehr, was er thun sollte. Er befahl hierauf Säbel zu tödten. Säbel erwiderte ihm: »Und warum willst du mich tödten?« »Weil du Schuld bist, dass mich meine Tochter verlassen hat.« Da erhob sich auch Säbel, nahm die schöne der Erde, um fortzugehen, und als die Thürhüter ihn nicht herauslassen wollten, zog er sein Schwert, tödtete sie alle vier und entkam zu seinen Brüdern.

Als der König dies alles sah, und wie er ihm auch seine Thürhüter erschlug, da liess er in Eile sein Heer sich versammeln und ihnen nachsetzen; und wenn sie sich nicht lebend fangen liessen, sollten sie auf sie stürzen und sie tödten. Als die Brüder das Heer sahen, das ihnen nach kam, blieben sie stehen und warteten, bis es sich näherte. Da schickten jene einen Abgesandten zu ihnen, der ihnen folgendes sagte: »Entweder kehret gutwillig zum Könige zurück, oder das Heer wird über euch kommen und euch niederhauen«. Und jene antworteten: »Thuet ihr, wie euer Herr euch befohlen hat,[103] denn wir kehren nicht zurück«. Der Abgesandte kehrte ins Lager zurück und meldete, sie wollten nicht gutwillig umkehren. Da zog ihnen das Heer entgegen, und sie erwarteten es furchtlos. Als sie diese ganze Menge sahen, die gegen sie los stürzte, erhob sich Säbel und rief: »Lasset ab vom Kampfe! Was habt ihr im Sinne und was erwartet ihr? Wollt ihr alle hier niedergestreckt werden oder wieder heimkehren?« Aber obgleich diese Worte wie Bleikugeln auf sie fielen, gehorchten sie doch nicht, sondern versuchten über sie herzufallen. Da sprach Säbel zu seinen Brüdern: »Nehmt ihr die Frauen und ziehet weiter«. Und er, ganz allein, zog sein Schwert, stürzte sich auf sie und erschlug sieben Hundert von ihnen, darunter ihren Anführer. Als das unglückliche Heer sah, dass auch ihr Anführer fiel, da flohen sie in grosser Verwirrung, ohne dass der erste noch den zweiten sah. Da machte sich auch Säbel auf, zog seinen Weg und traf mit seinen Brüdern da zusammen, wo sie ihn erwarteten.

Nun zogen sie alle zusammen ihre Strasse, und nach drei Tagen kamen sie beim Hause Säbels an. Indem sie seine Mutter begrüssten, sprachen sie zu ihr: »Willkommen, liebe Mutter!« Und sie erwiderte höchlich erstaunt: »Wer seid ihr, dass ihr mich Mutter nennt?« Sie sprachen: »So hat uns dein Sohn geheissen, welcher auch in diesen Tagen kommen kann. Wir haben eine Wette mit deinem Sohne gemacht, dass du ihn, wenn er kommt, nicht erkennen wirst«. Und sie sagte zu ihnen: »Meinen Sohn werde ich erkennen, auch wenn er erst in fünfhundert Jahren kommt«. (Aber bei diesen Worten ergriff sie die Sehnsucht, und sie weinte.) Da sprach Stern zu ihr: »Welcher von uns dreien ist dein Sohn?« Nun fieng sie an sie genauer zu betrachten, und als sie sich gesammelt hatte, verglich sie die Söhne und erkannte den ihrigen; da fiel sie auf die Knie und weinte ohne aufhören. Dann umarmte sie ihren Sohn und küsste ihn zärtlich; darauf küsste sie auch die beiden andern und die beiden Frauen.

Als sie sich nun dort niedergelassen hatten, sprachen sie nach einiger Zeit unter einander: »Sind wir drei Brüder oder zwei?« Stern sagte: »Wir sind drei«. »Wenn wir drei sind, warum sollen wir nur zwei Frauen haben?« Meer erhob sich[104] und sagte: »Das thut nichts«. Da sprach Säbel: »Wir wollen dich zum Könige über unser ganzes Land machen«. Und sie machten ihn zum Könige, und er regierte sein ganzes Leben lang; und so lange die drei lebten, waren sie immer Brüder, die sich lieb hatten.


Wenn die Kutschedra zur schönen der Erde sagt: »Beobachte den Jüngling aus dem Fenster, wie er Wasser trinken wird, mit der Hand oder auf den Knien«, und wenn sie dann, als der Jüngling sich auf ein Knie niederliess, sein Haupt an das Becken der Quelle legte und trank, sagt: »Vor diesem Manne habe ich Furcht«, so vergleiche man die Stelle im Buche der Richter (Cap. VII), wo der Herr die zehntausend, die mit Gideon bei dem Brunnen Harod geblieben sind, um gegen die Midianiter zu kämpfen, prüft. Es heisst da V. 4–7 nach Luthers Uebersetzung: Und der Herr sprach zu Gideon: »Des Volks ist noch zu viel, führe sie hinab ans Wasser, daselbst will ich sie dir prüfen, und von welchem ich dir sagen werde, dass er mit dir ziehen soll, der soll mit dir ziehen, von welchem aber ich sagen werde, dass er nicht mit dir ziehen soll, der soll nicht ziehen«. Und er führet das Volk hinab ans Wasser. Und der Herr sprach zu Gideon: »Welcher mit seiner Zunge des Wassers lecket, wie ein Hund lecket, den stelle besonders; desselben gleichen, welcher auf seine Knie fällt zu trinken«. Da war die Zahl derer, die geleckt hatten aus der Hand zum Mund, dreihundert Mann, das andere Volk alles hatte kniend getrunken. Und der Herr sprach zu Gideon: »Durch die dreihundert Mann, die geleckt haben, will ich euch erlösen, und die Midianiter in deine Hände geben, aber das andere Volk lass alles gehen an seinen Ort«.

R.K.

1

Kutšédra, Kuljtšédra, Kuljtšéndra, »être fabuleux du sexe féminin, répondant à l'ogresse des contes français et à la Lamia des Grecs et des Bulgares«. Dozon.

Quelle:
Meyer, Gustav: Albanische Märchen. In: Archiv für Litteraturgeschichte, 12 (1884), S. 96-105.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Nachkommenschaften

Nachkommenschaften

Stifters späte Erzählung ist stark autobiografisch geprägt. Anhand der Geschichte des jungen Malers Roderer, der in seiner fanatischen Arbeitswut sich vom Leben abwendet und erst durch die Liebe zu Susanna zu einem befriedigenden Dasein findet, parodiert Stifter seinen eigenen Umgang mit dem problematischen Verhältnis von Kunst und bürgerlicher Existenz. Ein heiterer, gelassener Text eines altersweisen Erzählers.

52 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon