5. Das Zustopfen des Leckes.

[276] Bei jeder Sage hat man zweierlei auseinanderzuhalten: das unverrückbar feststehende Hauptmotiv, das den Kerninhalt bildet, und die hinzutretenden leicht veränderlichen Nebenmotive, die der weiteren Ausführung dienen. Als feststehendes Motiv der Noahsagen ergibt sich offenbar der Gedanke, daß der Teufel sich mit List Eingang in die Arche verschafft, um diese zum Sinken zu bringen, daß aber seine Arglist zu Schanden wird. Als leicht veränderlich erscheint die Art, wie er hineingelangt, wie er den Untergang der Arche herbeiführen will und wie seine Tücke vereitelt wird. Die Entstehung der Katze ist kein unbedingt notwendiges Motiv, an dem die Sage hätte festhalten müssen. Die Rettung aus der Gefahr des Ertrinkens konnte ja leicht auch auf andere Weise bewirkt werden. Die Katze war zunächst in all solchen Fällen zwecklos, in denen nicht von der Verwandlung des Teufels in eine Maus die Rede war. Wenn es dann aber nicht mehr bloß hieß, daß die Maus die Arche benagen wollte, sondern daß der Teufel ein wirkliches Loch bohrte, oder daß sonstwie ein Leck entstand, so bildete sich eine ganz neue Sagenform, die sich mit der Frage befaßte: Wie wurde das Leck beseitigt?[276]

Conway, Demonology I, 123 spricht von einer alten Überlieferung, wonach der Teufel sich in Noahs Arche einschlich und sie durch ein Loch zum Sinken zu bringen versuchte. Doch der Plan wurde vereitelt und das Menschengeschlecht gerettet, indem der Igel sich selbst in das Loch stopfte. Ich habe diese Überlieferung bisher nicht nachweisen können, wohl aber finde ich ähnliche, wo teils die Kröte (so in Enikels Chronik), teils die Schlange mit dem Kopf oder dem Schwanz, teils der Hase mit dem Schwanz ein Leck verschließt, das nicht von der Maus genagt ist. Die Sagen von der Schlange werden noch in dem Abschnitt über die Entstehung der Insekten erörtert werden. Hier sei zunächst nur eine interessante Sage der Letten im polnischen Livland angeführt, die durch die Sagen vom Schlangenkönig und Schlangenkrönchen eigentümlich beeinflußt ist.


Es gibt, sagt man, eine Schlange mit vergoldetem Kopfe. Als Noah in der Arche fuhr, biß der Teufel ein Loch in deren Boden, und alle wären ertrunken, wenn es diese gute Schlange nicht bemerkt hätte. Als sie sah, daß das Wasser eindrang, schob sie den Kopf in das Loch, um es zu verstopfen, und rettete auf diese Weise alle. Zur Belohnung vergoldete ihr Gott das Köpfchen.


  • Literatur: Zbiór wiad. XV, 269, Nr. 25.

In einer finnischen Variante hat sich die Erinnerung an den Teufel verflüchtigt. Dort ist die Schlange anfangs nicht mit in der Arche. Noah vergißt einen Nagel einzuschlagen. Das Wasser dringt ein. Die Schlange bietet sich an, das Loch mit ihrem Schwanze zu verstopfen, und wird dafür in die Arche gelassen.1

Eine Mischung der Katzensage mit der Schlangensage zeigen mehrere Fassungen. Eine russische2 lautet: Als der Teufel in Gestalt der Maus ein Loch in das Schiff genagt hatte, stopfte die Schlange es mit ihrem Kopfe zu. Ebenso eine polnische und huzulische Variante.3[277] Nur benutzt da die Schlange das Schwanzende. – Eine ungarische4 Fassung erzählt so: Als Noah in die Arche einzog, nahm er von jeder Tierart ein Paar mit sich; auch die Maus vergaß er nicht. Da sagte der Teufel zur Maus, sie solle die Arche durchnagen, damit dieselbe untersinke. Das Wasser begann bereits in die Arche zu dringen. Als dies die Schlange bemerkte, verstopfte sie das Loch mit ihrem Schwanze, damit die Arche nicht untersinke. Die Katze aber fraß die Maus. Eine hübsche Ausschmückung bringt folgende Variante5: Es regnete 40 Tage und 40 Nächte lang. Als das Wasser schon hochstand, durchnagte die Maus an einer Stelle die Arche so, daß das Wasser eindrang. Als dies die Schlange sah, sprach sie: »In meiner Gestalt ward die Welt verführt, und Adam sündigte. Auf daß nicht all dies Getier, Gottes Geschöpfe, zugrunde gehe, will ich das Leck verstopfen!« Und sie verstopfte es mit ihrem Schwanze. In Frankreich6 heißt es, daß die Ratten (vom Teufel ist nicht mehr die Rede) das Schiff leck machten und daß Noah auf Gottes Geheiß das Leck mit dem Kopf der Schlange verstopfte. Seitdem haben die Schlangen einen flachen Kopf.

Auch die Sage vom Hasen findet sich in Frankreich.7 Der Teufel macht wiederholt Versuche, mit einem Bohrer Löcher in die Arche zu bohren. Aber Noah steckt jedesmal einen Pflock hinein. Zuletzt hat er keine Pflöcke mehr. Da schneidet Noah dem Hasen den Schwanz ab und nimmt den zum Zustopfen. Als der Teufel sieht, daß Noahs erschöpfter Vorrat Ersatz gefunden hat, entflieht er. Seit der Zeit aber haben die Hasen keine Schwanze mehr.

Im Anschluß hieran sei noch erwähnt, daß als Pflock zweimal der Finger erscheint. In Ungarn8 heißt es: Kaum war der Teufel ein Weilchen in der Arche, so bohrte er sie an. Noah versuchte es mit allem[278] möglichen, das Loch zuzustopfen, aber es gelang ihm nicht, und so schlug er »des Teufels namenlosen Finger« ab. Damit verstopfte er das Loch. Sogleich leckte es nicht mehr. Die Knorren im Holz sind das Zeichen von des Teufels namenlosem Finger. Der Finger ist darum namenlos, weil man ihm keinen Namen geben kann. In Rußland9 findet sich die Entstellung, daß Noah sich selbst den Finger abschlug und ihn zum Zustopfen verwendete. Auch wird in derselben Variante wieder von der Maus, dem verwandelten Teufel erzählt.

Eine ganz oberflächliche Kenntnis der Sage zeigt folgende ungarische Fassung10: Noah wußte so lange nichts von des Teufels Anwesenheit, bis die Arche ein Loch bekam. Man untersuchte nun alles und fand ihn. Aber er hatte die Arche schon angebohrt. Man nahm ihn nun beim Kragen und warf ihn zur Arche hinaus. Als Noah wahrnahm, daß die Arche sinke, schickte er den Raben, dann die Taube aus usw. Von dem Leck erfährt man nichts wieder.

Fußnoten

1 Krohn, Suom. Kars. I, 283. Nr. 305.


2 Afanasiev, Legendy, S. 50.


3 Wisła XIV, 485. Kaindl, Die Huzulen, S. 96: Gott befahl Noah, die Arche zu bauen. Vierzig Jahre lang wahrte dieser Bau. Als aber das Schiff fertig war, kam der Teufel und zerstörte es. Da Noah hierüber voll Trauer war, kamen zwei Wanderer des Weges; der eine derselben war Gott, der andere aber der heilige Petrus (!). Diese trösteten Noah und ermutigten ihn, eine zweite Arche zu bauen. Noah befolgte den Rat, und nach längerer Zeit war eine neue Arche hergestellt. Da kam auch schon die Flut, und Noah schwamm auf derselben. Der Teufel hatte sich aber in eine MausA1 verwandelt und nagte in den Boden der Arche ein Loch. Da wäre sie wohl zugrunde gegangen, doch die Schlange, welche Noah in die Arche mitgenommen hatte, verstopfte mit ihrem Schweife so lange das Loch, bis Noah einen Keil anfertigte und diesen in das gefährliche Loch trieb. So war die Arche und alle, die in ihr waren, gerettet und schwammen auf dem Wasser. Dazu folgende mir handschriftlich von Krohn übermittelte Variante: Es wären wohl gar keine Schlangen auf Erden zurückgeblieben, obgleich die eine im Paradiese war. Aber als Noah seine Arche baute, da blieb ein Loch darin. Durch dieses Loch wollte die Schlange hinein, als die Arche fertig war. Aber Noah ließ sie nicht herein, sondern sagte: »Hier ist kein Platz.« Sie meinte jedoch: »Hier ist ein Loch, da schlüpfe ich hinein.« Und er ließ es zu. So ist die Schlange auf Erden geblieben. (Aus Paulaharju.)


4 Herrmann, Globus 63, 336, Nr. 15.


5 Kálmány, Szeged Népe III, Nr. 36 = Herrmann ebd. Nr. 3.


6 Revue des trad. pop. 16, 445.


7 Revue des trad. pop. 5, 244 (= Dähnhardt, Naturgeschichtl. Volksmärchen. 2. Aufl. S. 49) 14, 607 = La Nature 1898, 1, 113 f. Vgl.: Sébillot, Folklore de France III, 9: Noah schnitt der Häsin eine Pfote ab, um ein Loch der Arche zu verstopfen. Sie starb dabei, und so kam nur der Hase aus der Arche wieder heraus. Damit er nun sein Geschlecht fortpflanzen könne, gewährte ihm Gott die Fähigkeit, einen weiblichen Hasen zur Welt zu bringen, den man am weißen Stern auf dem Kopfe erkennt. Aus Anjou.

Vgl. ebd. aus Bonaventure de Periers: Les contes et joyeux devis, ed. Nodier p. 248–249: Es gab nur einen männlichen Hasen, der weibliche entschlüpfte Noah und ertrank im Wasser, darum kann auch der männliche Hase Junge zur Welt bringen.


8 Kálmány, Világunk al. ny., S. 60 f.


9 Etnogr. Zbirnyk XII, Nr. 33.


10 Herrmann, Globus 63, Nr. 2.


A1 Sie gilt daher ebenso wie die Fledermaus als unrein (Kaindl, S. 103).


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 279.
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