II. Bestrafungen.

1. Raben und Krähen; Hühner.

[76] Die Kindheitsgeschichte Jesu von Thomas dem Israeliten erzählt im Anschluß an die Zerstörung der Tonfiguren und das Auffliegen der Vögel noch folgendes:


Aber der Sohn Hannas' des Schriftgelehrten stand da bei Joseph und nahm einen Weidenzweig und ließ das Wasser laufen, das Jesus gesammelt hatte.

Da Jesus sah, was geschah, sprach er zu ihm: »Ungerechter, gottloser Dummkopf, was haben dir die Gruben und das Wasser getan? Siehe, jetzt sollst auch du wie ein Baum austrocknen und sollst nicht tragen Blätter oder Wurzel oder Frucht.« und alsbald verdorrte jener Knabe vollständig.


  • Literatur: Hennecke, Neutestamentl. Apokr. 67.

Diese Erzählung kehrt in allen literarischen Darstellungen wieder, die hierauf beruhen, z.B. in arabischer, lateinischer und mittelhochdeutscher Sprache. Nachweise siehe bei Reinsch, Pseudoevangelien. Die Volksüberlieferung[76] kennt ebenfalls eine Trübung des Wassers und ein Strafwunder1: weiße Vögel werden in schwarze verwandelt; ein Zusammenhang mit dem apokryphen Bericht ist indes nicht nachweisbar. Wenn man nicht zu der entfernten Annahme greifen will, daß jene Vögel, die im apokryphen Evangelium am Wasser aufgeflogen sind, die Rolle des Trübenden übernommen haben, so erklärt sich die Ähnlichkeit aus der gleichen Vorstellung, daß Christus schon als Kind die Macht hatte, solche Strafwunder zu vollziehen. Jene Überlieferung, die sich in Tirol findet, lautet:


Die Raben und Krähen waren einst schneeweiß und gar schöne, stolze Vögel. Sie hielten sich gern an Bächlein auf und badeten darin. Da hatte einmal das göttliche Kind gar großen Durst und wollte von einem Bächlein trinken. Es saßen aber Raben im Wasser und trübten es in einem fort. Da sprach der Jesusknabe: »Weil ihr so undankbar und so stolz auf euer blendendweißes Gefieder seid, sollt ihr bis zum Weltuntergange schwarze Federn haben.« Seit jener Zeit sind die Raben schwarz.


  • Literatur: Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl., 1871, S. 86.

Eine parallele Bestrafung unverschämter Vögel findet sich in Belluno (Oberitalien):


Die Hühner im Hause zu Nazareth, wo die Madonna wohnte, waren so frech, daß sie selbst von der Polenta aus den Händen des Jesusknäbleins pickten. Die Madonna trieb sie fort und und sprach: »Zur Strafe sollt ihr nie satt werden!« Daher kommt es, daß die Hühner nie zu frieden sind mit dem, was sie gerade zu fressen haben, sondern ihr Schnabel ist den ganzen Tag bald hierhin, bald dorthin gerichtet.


  • Literatur: Cibele, Zoologia pop. Veneta S. 72. Nachbildung nach den Sagen oben S. 13 ff., 58, 70.

2. Jesus wird zum Einkaufen ausgeschickt.

Die apokryphen Geschichten erzählen, daß Jesus seiner Mutter öfters Wasser aus einem Quell holte, woraus auch andere Kinder schöpften; und wenn diese ihre Gefäße zerbrachen, stellte er sie ihnen wieder her (Evang. Thomas' des Israeliten Kap. 11; Schade, narrationes cap. 33; im übrigen siehe Reinsch, Die Pseudoevangelien). Einmal trägt er Wasser im Gewand, da sein Krug zerbrochen ist; die zerbrochenen Krüge anderer macht er ganz (Schade, Kap. 40; ev. inf. arab. cap. 45). Auch holt er Kräuter in einem Korbe und macht sie wohlschmeckend (Schade, Kap. 39; Vögtlin 2660 ff.).[77]

Auch die Volkslegende kennt solche Dienstleistungen:


1. Aus Dänemark.


Da Jesus als Knabe zu Hause bei seinen Eltern war, wurde er eines Tages ausgeschickt, um Fische zu kaufen. Da er sie sah, ergriff er einen Flunder, sprechend:


»Favr est du, flynder fisk,

du skal ind på Marie disk.«


»Schön bist du, Flunder Fisch, du sollst hinein auf Marias Tisch.«

Der Flunder wollte aber nicht, krümmte sich, wollte nicht gegessen werden. Darum drehte er ihm den Kopf schief, und so ist er bis jetzt geblieben.


  • Literatur: Kristensen, Sagn 2, 256, 26.

2. Aus Deutschland (Köln).

Die heilige Jungfrau Maria schickte das Jesuskind eines Abends mit einem Korb voll Äpfel heraus; die sollte es zu seinem Pflegevater Josef tragen. Auf dem Wege aber wurde dem Kind der Korb gar zu schwer, und da gerade ein Jude daher kam, so bat es den, er sollt' ihn ihm ein Stück Weges abnehmen. Der Jude aber war ein hartherziger Mensch und sagte zu dem Jesuskindchen: »Ich mal' dir was! Trag du deine Sache selber!« Danach sagte das Jesuskindchen: »Willst du mir dann tragen helfen?« Auch das wollte der Jude nicht tun. »Dann halt nur Wache bei meinem Korb. Unterdessen lauf ich zur Mutter, die soll mir helfen!« »Was?« rief der Jude, »ich soll dir deine Äpfel hüten? Viel lieber säße ich doch da oben im Mond!« Und von der Zeit an sitzt der Jude, der unserm Jesuskindchen nicht helfen wollte, im Mond.


  • Literatur: Am Urquell 4, 68.

3. Jesus spielt Ball.

1. Aus Bulgarien.


Die Welt war noch nicht geschaffen, als Christus schon existierte. Da er noch ganz klein war, folgte er dem lieben Gott überall hin, indem er sich am Zipfel seiner Kleider festhielt. Überall, wo Gott hinging, folgte ihm Christus; aber das ärgerte den lieben Gott, daß er den Kleinen immer zwischen seinen Füßen hatte: »Es ist nun genug mit dem Nachlaufen, mein Kind,« sprach er zu ihm, »setz dich ein wenig nieder und vergnüge dich womit, wie sich's für ein Kind paßt.« Als Christus das hörte, sprang er von den Knien seines Vaters, wo er sich's bequem gemacht hatte, und setzte sich auf den Boden, um zu spielen. Sein erstes Spiel war, aus der Erde Lehm zu kneten und daraus eine große Menge Kugeln zu formen. Er legte sie dann auf Ziegelsteine, um sie trocknen zu lassen. Inzwischen ging der liebe Gott, nachdem er seine Angelegenheiten erledigt hatte, an dem Orte vorüber, wo sein Sohn saß, um sich zu überzeugen, was er machte. Wie er seinen Körper und seine Kleider ganz mit Ton beschmutzt sah, blieb er stehen und sprach: »Aber mein Kind, wo hast du dich so beschmutzt? was soll dieser Ton, den du da vor dir hast?« »Vater, ich mache mir Kugeln zum Spielen.« »Das ist sehr schön, aber was willst du mit einer solchen Menge?« »Nun, ich will mich damit belustigen, sie in die Luft zu werfen.« »Ah! dann willst du also damit spielen? Gut! wirf ein wenig diese große Kugel in die Luft, um zu sehen, wie weit du im stande bist, sie zu werfen.«

Christus gehorchte freudig seinem Vater, nahm die größte Kugel und warf sie ziemlich hoch gen Himmel. Aber der liebe Gott segnete sie, und sie stieg sehr hoch empor, blieb an einer bestimmten Stelle stehen und wurde zur Sonne. Sie[78] verbreitete alsbald einen lebhaften Glanz (wie die Sonne bei ihrem Aufgang, wo sie die Menschen blendet). Da legte Christus seine Händchen auf die Augen, um nicht von ihr geblendet zu werden. »Siehst du, wie ich deine große Kugel habe leuchten lassen, mein Sohn? Wohlan, wirf einmal alle anderen, damit ich sie ebenso verwandle.« »Ich möchte sie wohl werfen, lieber Vater, aber ich bitte dich, laß sie nicht so stark leuchten wie die große Kugel, die ich selbst nicht ansehen kann.« »Schon gut, mein Sohn, wirf sie nur immer, ich weiß schon, was zu tun ist.«

Christus nahm sogleich alle Kugeln in seine beiden Hände und warf eine nach rechts, eine andere nach links; eine nach oben, eine andere nach unten. Alle zerstreuten sich in dem weiten Himmelsraum, und jede blieb an ihrer Stelle stehen, wie Gott sie gesegnet hatte. Und Gott hatte diese Kugeln wohl gesegnet: eine sollte der Mond sein, andere die großen Sterne, andere die kleinen. Als Christus sah, daß alle seine Kugeln in der Luft stehen geblieben waren, und er nichts zum Spielen hatte, nahm er in seine beiden Hände Erde und warf sie auf die Sterne, um sie herunterzuholen; aber Gott hatte auch diese Erde gesegnet, und sie verwandelte sich in ganz kleine Sterne; das ist die Milchstraße. So sind die Gestirne entstanden.


  • Literatur: Schischmanoff, Nr. 1. Vgl. Strauß, Die Bulgaren S. 32 = Sbornik umotvorenija ... 8, 181.

2. Aus Rumänien.


Ein rumänisches Lied, das Marianescu veröffentlicht hat, erzählt:


Das Jesuskind ist auf Marias Schoß und will nicht einschlafen; um es zu beruhigen, gibt ihm Maria zwei Äpfel; das Kind wirft einen in die Höhe, das wird der Mond, es wirft den andern, das wird die Sonne.


  • Literatur: Gubernatis, Myth. d. plantes 2, 305.

4. Jesus belehrt seine Mutter.

Aus Malta.


Einst geschah es, daß der kleine Jesus – er wird wohl 14 bis 15 Jahre alt gewesen sein – sich mit seinem Vater auf Störarbeit befand und seiner Mutter sagen ließ, daß er sich – sagen wir morgen – für etliche Stunden bei ihr einfinden würde. Sie möge ihm Gutes kochen. Also kannst du dir denken, wie fleißig die Mutter Gottes das Häuschen für ihr Kind herrichtete. Sie wusch und fegte und scheuerte, bis alles blitzblank und nirgends ein Stäubchen zu erblicken war. Dann machte sie sich an den Glutofen und bereitete dem kleinen Jesus seine Lieblingsspeise, worauf sie sich an das Fenster setzte, um seine Ankunft abzuwarten. Aber siehe! Plötzlich begann es entsetzlich zu regnen, und die Straße wurde zum Wassertümpel. Gleich darauf näherte sich dem Häuschen ein kleiner, schmutziger Bettelknabe und begehrte Einlaß. Aber da erzürnte sich die sonst so liebenswürdige Mutter Gottes und sagte: »Wie könnte ich dich eintreten lassen, nachdem das Reinwaschen mir so viel Mühe gemacht hat? Du würdest mir nur schmutzige Fußtapfen hineintragen, während ich meinen Sohn erwarte! Nimm dieses Stück Brot und geh!« Der Kleine nahm das Brot, dankte und ging seiner Wege. Jesus aber erschien nicht, und die Mutter wartete vergebens. Erst nach einigen Tagen kam er ins Häuschen und sagte, als Antwort auf die Fragen seiner Mutter: »Ich war vor der Tür gestanden, im Kleid eines Betteljungen, aber du fürchtetest für deinen reinen Boden und wiesest mich ab mit einem Stück Brot! Daraus sehe ich,[79] daß selbst die beste Mutter ihr Kind allein liebt, und da mich dies schmerzte, so sei es von nun an, daß jede Mutter, die ihr Kind liebt, beim Anblick eines fremden sofort Liebe für dasselbe fühlt oder die Schwester der Liebe, Mitleid. So höre denn die Barmherzigkeit nicht mehr auf, solange es Mütter gibt!« Seit der Zeit denkt jede Mutter, die ein verwahrlostes Kind sieht, gleich daran, was sie wohl tun würde, wenn ihr Kind so arm vor ihr stünde, und kommt nicht dazu, ihr Herz zu »erhärten«.


  • Literatur: Bisher ungedruckt. Freundl. Mitt. von Frl. B. Ilg.

Fußnoten

1 Auch im Evang. Matth. 21, 18 ff. vollzieht Jesus ein solches, indem er einen Feigenbaum verdorren läßt. Dagegen spricht er sich Luk. 9, 54 ff. gegen die Benutzung seiner Wunderkraft zu Strafzwecken aus. Im arabischen Kindheitsevangelium finden sich noch zwei Strafwunder:

Kap. 47: Ein Knabe rennt gegen Jesus an, daß dieser zu Boden fällt. Da spricht Jesus: »Wie du an mich gerannt bist, so sollst du fallen und nicht wieder aufstehen.« Und alsobald stürzte der Knabe nieder und war tot. – Kap. 49: Die Hand eines Lehrers, der Jesus schlagen will, verdorrt. (Vgl. Thomas d. Israelit, Kap. 14, wo der Lehrer infolge der Verwünschung stirbt.)


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 80.
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