C. Angebliche Blindheit.

1. Die Blindschleiche.

[19] »Die Blindschleiche, die kleine schlangenähnliche Eidechse, gilt dem Volke als blind. Man hält sie außerdem vielfach für taub, für ein grimmig[19] wütendes, für ein giftiges Tier. »Kunn ick hören, kunn ick seen, byten wull ick dœr en Flintensteen«, sagt der ›Hartworm‹ in Schleswig-Holstein (Müllenhoff, Sagen S. 479), und in Pommern heißt es: »Wenn die ›Adder‹ sehen könnte, so wäre das Kind im Mutterleibe nicht sicher vor ihr; so giftig ist sie.« In Wirklichkeit ist das Tierchen durchaus harmlos, es ist nicht giftig, es hört ganz gut, es hat zwei ziemlich große Augen ... Die schlangenähnliche Körpergestalt der Blindschleiche hat offenbar eine Verwechselung mit der Kreuzotter veranlaßt und bewirkt, daß man sie für giftig hielt. Die irrige Meinung, daß sie keine Augen besitze, wird wohl dadurch entstanden sein, daß sie im Tode und im Winterschlaf die Augen geschlossen hat, während die Ringelnatter und Kreuzotter wie alle Schlangen keine Augenlider haben.« (Müllenhoff, Die Natur im Volksmunde S. 2 f.)

Folgende Zeugnisse für den Volksglauben von der Bösartigkeit des Tieres sind zu Bd. 2, 7. 84. 263 hinzuzufügen.


a) Als Gott alle Tiere erschaffen hatte, fragte er sie, was sie tun wollten. Die Blindschleiche sagte, sie wolle das Kind im Mutterleibe nicht verschonen. Da sprach Gott: »So sei blind, auf daß du keinen Menschen siehst!«

Seitdem können die Blindschleichen nicht sehen. Aber ihre Natur ist noch immer sehr bös, und wenn sie auf einen Menschen zufahren und ihn treffen würden, so würden sie ihn durchbohren.


  • Literatur: Meier, Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben 1, 224. Branky, Volksüberlief. aus Österreich in Veckenstedts Zeitschr. f. Volkskunde 3, 223 (aus Niederösterreich).

b) Es heißt auch, Gott habe mit Binsen den Blindschleichen die Augen ausgestochen, weil sie unter allen Tieren am grausamsten gewesen. Und davon seien die Binsen oben dürr.


  • Literatur: Meier, ebd. Vgl. Haas, Rügensche Sagen und Märchen S. 151 f. Stöber, Elsässisches Sagenbuch S. 325. Über die Binsen sei der Volksaberglaube angemerkt, den Phil. Hoffmeister, hessische Volksdichtung, 1869, S. 179 mitteilt: Am Morgen des ersten Mais geht die Unke auf die Wiese und sticht sich mit den Binsen in die Augen. Darum sind von diesem Tage an alle Spitzen der Binsen, sie mögen so frisch und grün sein, wie sie wollen, doch verdorrt. Von der Blindschleiche sagt er S. 181, daß das Volk sie Schießotter nennt. Denn es heißt von ihr, sie nehme ein Blatt ins Maul, schieße damit auf die Menschen und töte sie auf diese Weise.

c) Die Blindschleiche ist einmal so frech gewesen, daß sie einen Reiter auf dem Pferde stach und er sofort tot herabfiel. Dafür ward sie vom lieben Gott mit Blindheit geschlagen.


  • Literatur: Philo vom Walde, Schlesien in Sage und Brauch, 1883, S. 59.

d) Die Blindschleichen, sagt man in der Gegend von Kratzau, stammen von den Drachen ab, die vor uralten Zeiten in jener Gegend gelebt haben. Sie sollen auch früher sehr böse gewesen sein, daher hat sie Gott mit Blindheit gestraft. – Die Blindschleichen, sagt man in Hainspach, sind so giftig, daß sie furchtbaren Schaden anrichten würden, wenn sie Gott nicht geblendet hätte.


  • Literatur: Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen Nr. 585.

e) In grauer Vorzeit hatte einst eine Schlange gesagt: »Wenn Gott (Jumal) mir Füße gegeben hätte, so würde ich in einer Nacht die Menschen in neun Häusern umbringen.« Weil der himmlische Vater Prahlereien nicht liebt, so hat er[20] das giftige Tier in zwei Hälften geschlagen, wobei er sagte: »Der eine Teil werde im Wasser zum schmerzhaftesten Fische, der andere Teil auf der Erde zur häßlichsten Schlange.«

Darum ist der Aal so ähnlich der Schlange1, und darum ist die Blindschleiche dick und kurz, hart und morsch wie ein verfaultes Pfropfreis.


  • Literatur: Estnisch. Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt. Vgl. Bd. 1, S. 218. 2, S. 281.

Weiteres bei Wossidlo, Mecklenb. Volksüberl. S. 27, Nr. 121–127 nebst Anm. S. 349 ff., bes. zu Nr. 121. (Vgl. auch Natursag. 2, 226.)

Zu den zahlreichen Nachweisen ist nach Feilbergs Ordbog, Art. stålorm hinzuzufügen: Volkskunde 7, 165. 8, 93; Choice Notes 243; Suffolk Folklore 10; Laisnel, 199 Anm., 2, 244. Vgl. ferner Natursagen 2, 7. 84. 2632 und unten das Kap.: Wechsel des Eigentums (Nachtigall und Blindschleiche).


2. Die Eidechse.

Aus Italien (Venetien).


Die grüne Eidechse ist die größte der Eidechsen in Venetien. Man nennt sie Salva-omi (= Menschenretterin), weil sie oft in geringer Entfernung von sich die Existenz einer Schlange anzeigt.

In Aurongo glaubt man, daß die großen Eidechsen giftig seien, weshalb man folgendes Geschichtchen erzählt: Als der Herr die Welt schuf und die Tiere bildete, fragte er die Eidechse: »Willst du Augen oder Gift?« und sie antwortete: »Gift!«


  • Literatur: Nardo-Cibele, S. 94.

3. Die Zikade.

Aus Sizilien.


Als einst im Winter die Zikade nichts zu essen hatte, bat sie die Ameise, die im Sommer fleißig gesammelt hatte, um etwas Korn. Die Ameise aber erinnerte sich der Trägheit der Zikade in jener Jahreszeit, wollte ihr nichts geben und gab ihr Schläge auf die Augen. Auf diese Mißhandlung hin eilte die Zikade zum Herrn, aber er ließ die Dinge, wie sie waren; und weil die Zikade geblendet war, ließ er von da an alle Zikaden blind geboren werden.


  • Literatur: Pitrè, Usi e costumi Sic. 3, 318.

4. Der Wurm.

Dem Wurm ist eingebildet worden, daß in nächster Zukunft das Ende der Welt eintreten müsse. Da überlegte er nicht lange und blendete sich, denn er meinte:[21] »Es ist besser, daß meine Augen dieses Unglück nicht sehen.« [Auf diese Weise ist der Wurm seiner Augen verlustig gegangen].


  • Literatur: Sbornik materialov dlja opisanija městnostej i plemen Kavkaza 32, 3, 116.

Fußnoten

1 Die Gestalt der Schlange hat nicht bloß zur Vergleichung mit dem Aal herausgefordert. Sie gab auch zu dem Glauben Anlaß, daß die Schlange aus dem Mark (bes. Rückenmark) eines Verstorbenen entstehe (Röscher, Myth. Lexikon u.d.w. »Heros« Sp. 2467, 40; Plin. h.n. 10, 86; Baba Kam. 16, 1 (nach Bergel, naturw. Kenntnisse der Talmudisten S. 52).


2 Wenn es dort Var. 6 c heißt, daß die Bl. durch neun Türen hindurchgeschossen sei, um die dahinter versteckte Jungfrau mit dem Kinde zu stechen, oder wenn die Bl. prahlt, sie könne durch neun eiserne Ofenplatten stechen (Wossidlo S. 349 = Wucke-Ulrich S. 3), so erinnert das an folgenden Glauben vom Luchs:

Lynx acumine visus perspicui novem fertur parietes penetrare, adeo ut si quis novem interpositis parietibus carnem crudam deferat incedens iuxta parietem, lynx incedentem sequatur incedens, stet et ipsa stante illo, qui carnem deferat. Nonnulli tamen in rerum naturis instructi virtuti olfactus hoc ascribunt potius quam potentiae visus.

Alexander Neckam, de naturis rerum lib. II cap. 138 (ed. Thomas Wright, London 1863, S. 219).


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 22.
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