B. Bemühungen mehrerer Tiere und schließliches Gelingen.

[101] 1. Sage der Tschuktschen.1


Der Schöpfer macht den Raben und befiehlt ihm, das Licht zu holen. Der Rabe sammelt (oder schafft) verschiedene Vögel. Sie fliegen zur Morgenröte und versuchen die Steinmauer des Tages mit ihren Schnäbeln zu durchbrechen. Das Rebhuhn bricht ein Stück seines Schnabels dabei ab und hat darum jetzt einen so kurzen Schnabel. Die Bachstelze ist von der Anstrengung so erschöpft, daß ihr Körper zusammenschrumpft, und sie beginnt zu wippen, wie sie es noch tut. Endlich gelingt es einem der drei Vögel (Rabe oder Bachstelze), ein kleines Loch zu machen, und die Dämmerung sah hindurch ....


  • Literatur: Am. Anthrop. 1902, S. 640.

2. Sage der Pawnee.


[Die ältesten Stämme wanderten und kamen an den Missouri. Sie hatten kein Feuer.] Sie wollten es von der Sonne haben und schickten die Schwalbe, es zu holen. Die flog hinauf zur Sonne, konnte es aber nicht bekommen, kam zurück und erzählte, daß die Sonne sie versengt hatte. Darum ist heute noch der Rücken der Schwalbe schwarz. Danach wurde die Krähe geschickt. Sie war einst weiß, aber die Sonne versengte sie auch. Da wurde ein dritter Vogel geschickt, der bekam das Feuer.


  • Literatur: Journ. of Am. Folklore 6, 126.

3. Sage der Karoks.


Die Karoks hatten Nahrung genug, doch noch kein Feuer, um sie zu kochen. Weit weg, in der Nähe der aufgehenden Sonne hatte Kareya in einem Land, das kein Karok je gesehen hatte, ein Feuer gemacht und es in einem Gefäß verborgen, das er zwei alten Weibern übergab; die sollten es hüten, damit kein Karok es stehlen könne. Da erwies sich nun der Präriewolf den Karoks freundlich und versprach, ihnen Feuer zu bringen. Er machte sich auf den Weg und versammelte eine Menge Tiere, eines von jeder Art, vom Löwen bis zum Frosch. Er stellte sie alle in einer Reihe auf, die von der Heimat der Karoks bis zu dem fernen Land, in dem Feuer war, reichte; das schwächste Tier stand der Heimat am nächsten, das stärkste am nächsten dem Feuer. Dann nahm er einen Indianer mit, verbarg ihn unter einem Hügel und ging zur Hütte, in der die Alten das Feuer hielten, und klopfte an die Tür. Eine von ihnen kam heraus, und er sagte: »Guten Abend.« Sie erwiderten: »Guten Abend.« Dann meinte er: »Es ist eine kalte Nacht, darf ich an eurem Feuer sitzen?« Sie sagten: »Ja, komm herein.« Da ging er hinein, legte sich vor das Feuer, streckte seine Schnauze nach der Flamme aus und fühlte sich sehr behaglich und zufrieden. Nach einer Weile streckte er seine Nase zwischen die Vorderpfoten und tat, als ob er einschliefe, doch hielt er einen Winkel seines Auges offen und beobachtete damit die alten Weiber; aber die schliefen nicht, weder am Tage noch in der Nacht, und er überlegte die ganze Nacht, doch kam er zu keinem Entschluß. Am andern Morgen ging er hinaus und sagte dem Indianer, den er unter dem Hügel verborgen hatte, daß er die Hütte der Alten angreifen müsse, als ob er Feuer stehlen wolle, während er, der Präriewolf, in der Hütte wäre. Darauf ging er wieder zurück und bat die[102] Frauen, ihn wieder einzulassen. Sie taten es auch, da sie nicht dachten, daß er Feuer stehlen könne. Er stand bei dem Gefäß mit Feuer, als der Indianer einen Angriff auf die Hütte machte. Die Frauen stürzten zur einen Tür hinaus, der Präriewolf nahm einen Feuerbrand in das Maul und lief zur anderen Tür hinaus. Er flog beinahe über die Erde, aber die Frauen sahen die Funken springen, liefen ihm nach und kamen ihm schon ganz nahe; als er aber schon fast außer Atem war, erreichte er den Bären, der nahm den Feuerbrand und lief damit zum nächsten Tier, das dann wieder damit zum nächsten lief, und so ging es weiter. Jedes Tier hatte kaum Zeit, dem nächsten das Feuer zu geben, so kamen auch schon die Frauen in Sicht. Das vorletzte in der Reihe war das kleine Eichhörnchen, es nahm das Feuer und lief so schnell damit, daß sein Schwanz Feuer fing und es ihn über den Rücken krümmte. Davon erhielt es die schwarzen Flecken, die wir noch jetzt an ihm sehen. Der allerletzte war der Frosch, aber das arme Tier konnte nicht laufen. Darum machte er sein Maul weit auf, und das Eichhörnchen warf das Feuer hinein, und er verschluckte es. Dann drehte er sich um und machte einen großen Sprung, aber die Frauen waren ihm so nahe, daß eine von ihnen ihn beim Schwanz faßte – er war damals wie eine Kaulquappe – und ihn abriß, und darum haben Frösche keine Schwänze mehr. Er schwamm eine lange Strecke unter Wasser, so lange wie er den Atem anhalten konnte, dann kam er in die Höhe und spuckte das Feuer auf ein Stück Treibholz, indem es auch bis jetzt sicher geblieben ist, so daß, wenn ein Indianer zwei Stücke Holz aneinanderreibt, Feuer herauskommt.


  • Literatur: Folklore Record 5, p. 96 (= contributions to north american ethnology vol. 3). Gekürzt auch im Journ. of Am. Folklore 9, 48. Ebd. flgde. Variante der Navajo (= Contrib. 3, 38).

Der Präriewolf, die Fledermaus und das Eichhörnchen brachten den Menschen das Feuer. Die ersten beiden trugen es, soweit sie konnten, und dem Eichhörnchen gelang es, die Flamme den Menschen zu bringen.


4. Sage der Maidu.


[Der Donner hat das Feuer geraubt und den kleinen Vogel Woswosim als Hüter gesetzt. Zwei Eidechsen machen den Ort ausfindig, wo das Feuer ist.] Nun wurde die Maus ausgeschickt, um zu versuchen, ob sie in das Haus gelangen könne. Sie kroch leise zu Woswosim hin und bemerkte, daß er schlief (trotzdem er sang: Ich bin der Mann, der niemals schläft). Die Maus kroch nun zur Öffnung hinein. Der Donner hatte mehrere Töchter, und sie schliefen alle. Die Maus stahl sich leise dahin und band ihre Rockbänder auf, so daß beim Aufspringen die Röcke herunterfallen mußten und sie sie erst wieder in Ordnung bringen mußten. Danach nahm die Maus die Flöte, tat das Feuer hinein und kroch wieder hinaus, wo die anderen sie erwarteten. Etwas von dem Feuer nahmen sie heraus und taten es dem Hund ins Ohr [vgl. S. 97, 3. 4], das übrige in der Flöte wurde dem schnellsten Läufer gegeben. Das Reh aber nahm etwas und trug es auf dem Höcker seines Beines, wo noch heute ein rötlicher Fleck zu sehen ist.

Eine Weile geht alles gut, dann merkt der Donner den Verlust; doch verzögert sich das Verfolgen durch die Röcke. Als sie schon ganz nahe sind, erschießt der Skunk (Stinktier) den Donner und sagt ihm, er müsse nun als Donner am Himmel bleiben.


  • Literatur: Dixon, Maidu Myths, S. 66. Eine andere Version ohne Ätiologie findet sich ebenda, S. 91.

[103] 5. Sage der Cherokee.


Im Anfang gab es kein Feuer, und die Welt war kalt, bis die Donnerer, die im Himmel lebten, ihren Blitz sandten und im Fuße einer hohlen Sykomore das Feuer bargen. Dieser Baum stand auf einer Insel, und die Tiere wußten, daß das Feuer dort war, weil sie den Rauch oben herausqualmen sahen, aber des Wassers wegen konnten sie nicht herankommen; darumbe rieten sie, was zu tun sei. Dies alles ist schon sehr lange her.

Jedes Tier, das fliegen oder schwimmen konnte, wollte gern das Feuer holen. Der Rabe bot sich an, und da er so groß und stark war, dachten sie, er könne es sicher vollbringen, und so wurde er zuerst geschickt. Er flog hoch und weit über das Wasser und setzte sich auf die Sykomore, aber als er sich überlegte, was nun zu tun sei, hatte die Hitze seine Federn ganz schwarz gesengt, und er fürchtete sich und kam ohne das Feuer zurück. Da erbot sich die kleine Schleiereule zu gehen und kam glücklich hin, aber als sie in den hohlen Baum blickte, kam ein heißer Luftstrom herauf und brannte ihr beinahe die Augen aus. Sie flog zurück, so gut es ging, aber es datierte lange Zeit, ehe sie wieder gut sehen konnte, und ihre Augen sind rot bis auf den heutigen Tag. Dann gingen die Barteule und die Horneule, aber als sie zu dem hohlen Baume kamen, brannte das Feuer so stark, daß der Bauch sie beinahe blind machte, und die Asche, die der Wind hinaufblies, machte weiße Ringe um ihre Augen. Auch sie mußten ohne Feuer zurückkehren. Die weißen Ringe aber konnten sie trotz all ihrem Reiben nicht wieder loswerden.

Jetzt wollte es kein Vogel mehr wagen, und so erklärte sich die kleine schwarze Schlange bereit, durch das Wasser zu schwimmen und Feuer zurückzubringen. Sie schwamm zur Insel, kroch durch das Gras zum Baum und schlüpfte durch ein kleines Loch in die Höhlung. Aber Hitze und Rauch waren auch für sie zu stark, und nachdem sie blindlings über die heiße Asche getappt war, bis sie beinahe selbst brannte, konnte sie von Glück sagen, daß sie sich durch dasselbe Loch wieder herausfand. Aber ihr Körper war schwarz gebrannt, und sie hat seitdem die Gewohnheit, umherzuschießen, als ob sie einer Gefahr entfliehen möchte. Sie kam zurück, und die große Natter, die Kletterin, erbot sich, das Feuer zu holen. Sie schwamm zur Insel und erkletterte den Baum von der Außenseite, wie das die Schlange immer tut. Doch als sie ihren Kopf in das Loch steckte, würgte sie der Rauch so furchtbar, daß sie in den brennenden Baumfuß fiel, und ehe sie wieder herausklettern konnte, war sie schwarz geworden.

Nun wurde noch einmal Beratung gehalten, denn es gab noch immer kein Feuer, und die Welt war kalt, aber Vögel, Schlangen und vierfüßige Tiere, alle hatten eine Entschuldigung, warum sie nicht gehen könnten, denn sie fürchteten sich alle, in die Nähe der brennenden Sykomore zu kommen. Endlich erklärte die Wasserspinne, daß sie gehen wolle. Das war aber nicht jene Wasserspinne, die aussieht wie ein Moskito, sondern die andere, mit schwarzem, weichem Haar und roten Streifen auf dem Körper. Sie kann auf dem Wasser laufen oder auf den Grund tauchen, so daß sie keine Schwierigkeiten haben konnte, zur Insel zu gelangen. Die Frage war nur, wie konnte sie das Feuer tragen? »Ich weiß, wie ich es mache«, sagte die Wasserspinne und spann einen Faden aus ihrem Körper und machte davon ein rundgewebtes Gefäß, das sie auf ihrem Rücken befestigte. Dann schwamm sie zur Insel und kam durch das Gras bis zu dem noch brennenden Feuer. Sie tat eine kleine feurige Kohle in ihr Gefäß und kam damit zurück, und seitdem[104] haben wir das Feuer, und die Wasserspinne hat ihr Gewebe auf dem Rücken.


  • Literatur: Mooney, Cherokee Myths, S. 240.

6. Sage der Nutka (Übertragung vom Feuer auf die Winde).


Vor langer Zeit war es immer windig, und es trat nie Ebbe ein. Daher konnten die Ky'äimi'mit keine Muscheln graben. Endlich berief ein Häuptling alle seine Leute zu einer Ratsversammlung. Es wurde beschlossen, daß man zum Hause der Winde gehen und sie töten wolle. Die Boote wurden ins Wasser geschoben, und als die Krieger sich dem Hause der Winde näherten, landeten sie an einer Landspitze. Das Haus der Winde stand an einer Bucht jenseits dieser Landspitze. Der Häuptling trug der Lumme auf, um die Spitze herumzufahren und umzuschauen. An derselben wehte aber ein furchtbarer Sturm und sie konnte dieselbe nicht umfahren. Dann schickte er den »Sägeschnabel« (Sawbill) aus; auch er mußte unverrichteter Dinge umkehren. Dann schickte der Häuptling das Winter-Rotkehlchen (ī'tū) aus und riet ihm, dicht am Ufer entlang zu fahren, da dort weniger Wind sei. Der Vogel umsegelte glücklich die Landspitze, ging ans Haus der Winde und sah sie durch einen Spalt ums Feuer sitzen und schlafen. Er ging hinein und setzte sich zu ihnen ans Feuer, um sich zu wärmen. Da wurde seine Brust voll roter Flecken. Er vergaß ganz, zu den Menschen, die auf ihn warteten, zurückzukehren. Darauf sandte der Häuptling den Kormoran aus, er konnte aber nicht die Landspitze umfliegen. Ebensowenig konnten es der Adler (ts'ī'qōten) und der Fischadler. Dann sandte der Häuptling Kwo'tiath zur Sardine und befahl ihm, zu bestellen, sie solle einen Versuch machen und dicht an der Küste entlang fahren. Kwo'tiath ging zur Sardine, statt aber den Auftrag des Häuptlings auszurichten, sagte er: »Eure Augen sollen nicht nahe den Kiemen, sondern an eurer Nase sitzen«, und seither sind die Augen der Sardinen dicht zusammengerückt. Kwo'tiath ging zum Häuptling zurück und behauptete, er habe den Auftrag ausgerichtet. Während die Leute auf die Rückkehr der Sardine warteten, kochten sie auf den Rat der Strandschnepfe ein Mahl. Sie sammelten Entenmuscheln und rösteten dieselben. Während sie so beschäftigt waren, machten die Strandläufer, die auch mitgegangen waren, viel Lärm. Der Häuptling sandte Kwo'tiath aus, um ihnen zu befehlen, ruhig zu sein. Kwo'tiath ging, sagte ihnen aber, sie sollten fortfahren, Lärm zu machen. Seither schreien die Strandläufer immer. Als sie nun gegessen hatten und die Sardine noch nicht zurückgekommen war, sprach der Häuptling: »Ich fürchte, wir müssen umkehren, wir können die Landspitze nicht umfahren.« Da riet ein Mann: »Laß uns die Möwe senden.« Die anderen lachten und sagten: »Was soll das nützen? Wie soll sie mit ihren schwachen Augen und gebrochenen Armen vollbringen, was sonst niemand konnte?« Sie spotteten dann über die Möwe, sandten sie aber schließlich doch aus. Sie flog fort, schwebte bald aufwärts, bald abwärts und umflog endlich die Landspitze. Da waren alle erstaunt. Der Wind hatte sich gelegt, sobald sie um die Spitze herumgesegelt war, und nun konnten die übrigen Boote ihr folgen. Sie landeten dicht bei den Häusern und verbargen ihre Boote im Walde. Der Reiher und der Königsfischer, welche die besten Lanzenwerfer waren, wurden ausgesandt, um sich an der Hintertür des Hauses der Winde aufzustellen und jeden, der versuchen sollte, dort zu entfliehen, niederzustoßen. Die Heilbutte und der Rochen mußten sich vor die Haustür legen. Dann stürzten sich alle bewaffnet ins Haus. Als die Winde sie kommen sahen, liefen einige hinten hinaus, wurden[105] aber von dem Reiher und Königsfischer niedergestoßen. Andere entflohen aus der Haustür. Da traten sie auf die Heilbutte, glitten aus und spießten sich auf dem Stachel des Rochen auf. Nur der Westwind setzte sich zur Wehr. Der Bär griff ihn an, konnte ihn aber nicht bezwingen. Als der Wind aber schließlich sah, daß er unterliegen mußte, rief er: »Laßt mich am Leben! Ich will gutes Wetter machen. Es sollen nur leichte Winde wehen, und Ebbe und Flut sollen einmal am Tage wechseln, so daß ihr Muscheln graben könnt.« Die Menschen waren damit noch nicht zufrieden und drohten ihn zu töten, bis er versprach, zweimal täglich Ebbe und Flut wechseln zu lassen. Da ließen sie ihn in Frieden und kehrten in ihre Heimat zurück.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen S. 100.

7. Aus Zentralbrasilien (Sage der Bakairi).


Keri und Käme erhielten von ihrer Tante Ewaki den Auftrag, das Feuer zu holen. Der Kampfuchs war der Herr des Feuers. Er hatte es in den Augen und schlug es sich heraus, wenn er Holz anzünden wollte. Der Kampfuchs (canis vetulus; er fängt Krebse und Krabben, Brehm, Säuget. 2, 57) hatte eine Reuse ausgelegt, um Fische zu fangen. Zu der Reuse gingen Keri und Käme. Sie fanden darin einen Jejum-Fisch und eine Caramujo-Schnecke. Keri ging in den Jejum (einen glatten, sparrenlangen Lagunenfisch), und Käme ging in die Muschel. »Beide waren gut darin versteckt.« Singend kam der Kampfuchs gezogen und machte Feuer an. Dann sah er nach, was in der Reuse war, holte den Fisch und die Schnecke und legte sie in das Feuer, um sie zu braten. Aber die beiden gössen Wasser in das Feuer. Erzürnt ergriff der Kampfuchs die Schnecke, die hüpfte aber in den Fluß und holte neues Wasser und goß es ins Feuer, daß dieses beinahe ganz verlöschte. Der Kampfuchs ergriff sie wieder und wollte sie auf einem Holz in Stücke schlagen, die Schnecke aber entglitt ihm und fiel auf die andere Seite. Das wurde dem Kampfuchs zu viel. Ärgerlich lief er davon. Keri und Käme aber bliesen das Feuer wieder an und gingen damit zu Ewaki.


  • Literatur: Von den Steinen, Unter den Naturvölkern Zentralbrasiliens, S. 377.

8. Sage der Kongoneger.


Die Göttin Nzambi hatte eine schöne Tochter, aber sie schwor, daß ein Wesen der Erde sie nur unter der Bedingung heiraten dürfe, daß es ihr himmlisches Feuer von Nzambi Mpungu brächte, der im Himmel wohnt. Da die Tochter so schön war, überlegten sich die Leute: »Wie könnten wir sie wohl erwerben, – wer wird sie bei dieser Bedingung wohl heiraten?«

Da sagte die Spinne: »Ich, wenn ihr mir helfen wollt.«

Und alle antworteten: »Wir wollen dir gerne helfen, wenn du uns dafür belohnen wirst.«

Da machte sich die Spinne auf nach dem blauen Zelt des Himmels und ließ sich wieder zur Erde herunter, dabei ließ sie einen starken seidenen Faden vom Himmel bis zur Erde herabhängen. Dann rief sie die Schildkröte, den Specht, die Ratte und die Sandfliege und befahl ihnen, an dem Faden in die Höhe zu klettern. Das taten sie alle, und der Specht pickte ein Loch durch das Himmelsgewölbe, so daß sie alle in das Reich des schlechtgekleideten Nzambi Mpungu eintraten.

Nzambi Mpungu empfing sie höflich und fragte sie, was sie haben wollten.

Sie antworteten ihm: »O Nzambi Mpungu im Himmel, großer Vater der Welt, wir sind gekommen, um für Nzambi, die auf Erden herrscht, etwas von deinem schrecklichen Feuer zu holen.«

[106] »So wartet hier«, sagte Nzambi Mpungu, »ich will zu meinem Volke gehen und ihm die Botschaft sagen, die ihr bringt.« Die Sandfliege aber hatte ungesehen Nzambi Mpungu begleitet und hatte alles gehört, was gesprochen worden war.

Nzambi Mpungu kam nun wieder und sagte: »Mein Freund, wie kann ich wissen, daß dich wirklich der Herrscher der Welt abgesandt hat und daß ihr keine Betrüger seid?«

»So stelle uns auf eine Probe, daß wir unsere Aufrichtigkeit beweisen können.«

»Das werde ich tun«, sagte Nzambi Mpungu. »Geht auf eure Erde hinunter und bringt mir ein Bündel Bambusstäbe, daß ich mir eine Hütte machen kann.«

Die Schildkröte ging hinunter, während die anderen oben zurückblieben, und kam bald mit dem Bambusrohr wieder.

Darauf sagte Nzambi Mpungu zur Ratte: »Krieche unter diese Bambusstäbe, die ich anzünden werde. Wenn du mit dem Leben davon kommst, werde ich sicher sein, daß Nzambi euch gesandt hat.«

Die Ratte tat, wie ihr geheißen war, Nzambi Mpungu legte Feuer an den Bambus, und siehe, als er ganz verbrannt war, kam die Ratte unversehrt unter der Asche hervor.

Da sagte Nzambi Mpungu: »Ihr seid in der Tat die, für die ihr euch ausgegeben habt. Ich will gehen und mich noch einmal mit meinem Volke beraten.«

Die Tiere schickten ihm aber die Sandfliege nach und befahlen ihr, sich ungesehen zu halten, auf alles zu achten, was gesprochen werden würde, und wenn möglich ausfindig zu machen, wo der Blitz verwahrt würde. Die Sandfliege kam zurück und erzählte alles, was sie gehört und gesehen hatte.

Nzambi Mpungu kam nun wieder und sagte: »Ich will euch das Feuer geben, um das ihr bittet, wenn ihr mir sagen könnt, wo es aufbewahrt wird.«

Die Spinne antwortete: »O Nzambi Mpungu, gib mir einen der fünf Behälter, die du im Hühnerhause hast.« »Du hast es richtig gesagt, o Spinne. So nimm diesen Behälter und gib ihn euerer Nzambi.« Die Schildkröte trug es zur Erde, und die Spinne gab Nzambi das Feuer des Himmels, und Nzambi gab ihr ihre Tochter.

Aber der Specht murrte und sagte: »Das Mädchen sollte mir gehören, denn ich habe das Loch durch das Himmelsgewölbe gepickt, ohne das die anderen nicht in das Reich des Nzambi Mpungu gelangt wären.«

»Das ist schon wahr«, sagte die Ratte, »aber bedenke, wie ich mein Leben unter dem brennenden Bambus aufs Spiel gesetzt habe; ich dächte, das Mädchen sollte mir gehören.«

»Nein, Nzambi, mir sollte es gehören; denn ohne meine Hilfe hätten die anderen nicht gewußt, wo das Feuer verwahrt wurde«, sagte die Sandfliege.

Nzambi erwiderte: »Die Spinne unternahm es, das Feuer zu bringen, und hat es auch getan. Das Mädchen gehört ihr, aber da ihr anderen ihr Leben unglücklich machen würdet, wenn ich sie der Spinne gäbe, und ich sie nicht euch allen geben kann, soll sie niemand haben, sondern jeder von euch soll den gebührenden Kaufpreis bekommen.«

Da zahlte Nzambi jedem 50 Längen Tuch und Wachholderbranntwein; ihre Tochter heiratete nicht und blieb bei ihrer Mutter, solange sie lebte.


  • Literatur: Dennett, Folklore of the Fjort (French Congo), S. 75.

9. Sage der Motu in Neu-Gruinea.


Unsere Vorfahren aßen ihre Nahrung roh oder in der Sonne gekocht. Eines Tages sahen sie Rauch in Taulu. Der Hund, die Schlange, der Bandikut (Art Beuteldachs),[107] ein Vogel und das Känguruh sahen es und riefen: »Rauch in Taulu, Bauch in Taulu! Die Tauluaner haben Feuer. Wer will gehen und uns etwas holen?« Die Schlange ging aus, aber die See war stürmisch, und sie kam bald zurück. Der Bandikut versuchte es und kam wieder zurück. Der Vogel flog auf, aber der Wind war stark, und er konnte nicht weiterfliegen; so kam er zurück. Auch das Känguruh mußte wieder umkehren. Da sagte der Hund: »Ich will gehen und das Feuer holen.« Er schwamm, bis er eine Insel erreichte, landete und sah ein Feuer und kochende Frauen. Die Frauen riefen: »Hier ist ein fremder Hund, tötet ihn, tötet ihn!« Aber der Hund ergriff einen Feuerbrand an dem Ende, das nicht brannte, sprang damit ins Meer und schwamm zurück. Die Leute standen am Ufer und beobachteten, wie er sich ihnen mit dem rauchenden Feuerbrand näherte. Er landete, und die Frauen waren glücklich, Feuer zu haben, und die Frauen anderer Dörfer kamen und kauften Feuer von ihnen. Nach einiger Zeit wurden die Tiere eifersüchtig und schmähten den Hund. Da lief er der Schlange nach, und diese lief in ein Erdloch. Der Bandikut tat dasselbe. Das Känguruh ging in die Berge, und seitdem ist Feindschaft gewesen zwischen dem Hund und den anderen Tieren.


  • Literatur: Journal of Anthrop. Inst. of Gr. Britain and Irel. 1879, 371. Französisch übers. in Revue des trad. pop. 2, 437.

10. Aus Australien.


Die Muk-Kurnai waren einst zum Fischen gegangen. Da kamen Būlŭn, Baukan und ihr Sohn Buluntūt zum Lager, nahmen das Feuer fort und begannen über Wilson's Promontory zum Himmel zu klettern. Als sie auf dem Gipfel waren, warf Buluntūt einen Känguruhsehnenstrick empor, und dieser haftete am Himmel. Dann prüfte er ihn, indem er daran zog, und er zerriß. Danach versuchte er einen Strick aus Sehnen des schwarzen Wallaby, der riß auch. Endlich warf er einen Strick aus den Sehnen des roten Wallaby hinauf, der hielt fest. Darauf kletterten sie alle hinauf, Baukan trug das Feuer. Unterdes hatte aber Wagūlan, die Krähe, diesen Raub bemerkt und lief eilends, um es dem braunen Habicht zu sagen. Der eilte Baukan nach und fand die Feuerdiebe, wie sie an dem Strick, den Buluntūt hinaufgeworfen hatte, zum Himmel kletterten. Und er stieß sie hinunter mit heftigen Flügelschlägen, so daß Baukan das Feuer fallen ließ. Bembrin, das Rotkehlchen, sah dies und blies es sorgfältig zur Flamme an. Da dabei etwas Feuer an seine Brust kam, ist es bis heute gezeichnet geblieben. So bekamen die Kurnai ihr Feuer wieder.


  • Literatur: Journ. of the anthropol. Institute of Great Brit. and Ireland 18, 54.

11. Sage von der Admiralitätsinsel (ähnlich den Sagen vom Zaunkönig und Rotkehlchen).


In alter Zeit gab es auf Erden kein Feuer. Ein Weib schickte den Fischadler und den Glanzstar fort und gebot ihnen, das Feuer aus dem Himmel auf die Erde herabzubringen. Die beiden flogen nun in den Himmel, und der Fischadler trug das Feuer zur Erde herab. Halbwegs jedoch ermüdete er und übergab dem Star das Feuer. Dieser legte es sich auf den Nacken, aber der Wind blies und fachte das Feuer an, so daß der Star versengt und zu einem kleinen schwarzen Vogel wurde. Der Fischadler jedoch blieb groß. Hätte das Feuer nicht den Star versengt, so wäre dieser heute noch so groß wie der Fischadler.


  • Literatur: Parkinson, Dreißig Jahre in der Südsee, S. 716.

Fußnoten

1 Wiewohl hier vom Lichtholen die Rede ist, so gehört die Sage in den Kreis der Sagen vom Feuerholen.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 108.
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