C. Eifersüchtige Tiere.

[108] 1. Aus Ceylon.


Der kawudu pannikkia (blauschwarze, schwalbenschwänzige Fliegenschnäpper) brachte dem Menschen Feuer vom Himmel. Die Krähe war auf ihn eifersüchtig, tauchte ihre Flügel in Wasser, schüttelte sie über der Flamme und löschte sie so. Seitdem ist Todfeindschaft zwischen beiden.


  • Literatur: Folklore Journal 5, 353.

2. Lettische Sagen.


a) Die Spinne raubt dem Teufel das Feuer, indem sie sich an einem Faden in die Hölle hinabläßt. Während sie nachher schläft, stiehlt ihr die Schwalbe das Feuer und bringt es den Menschen.


  • Literatur: Natursagen 1, 144.

b) Die Spinne, die das Feuer geholt hat, wird von der Fliege betrogen und verfolgt sie seitdem. Die Fliege darf an allen Tischen essen.


  • Literatur: Natursagen 1, 144 und 145.

Da der Überfall auf das feuerholende Tier durchaus ähnlich erzählt ist wie der Überfall auf das botschaftbringende Tier (Naturs. 1, 281 f. 333 f. 356) und dieser asiatischen Ursprungs ist, so kann für die Variante aus Ceylon und die lettischen sowie die folgenden estnischen Varianten asiatische Verwandtschaft angenommen werden.


3. Estnische Sagen (Übertragung des im Lettischen rein erhaltenen Stoffes auf die Aufsuchung des Windes und des Todes).


a) Einmal legte sich auch der Wind schlafen, wie es alle Geschöpfe auf Erden taten. Darunter litten aber alle Tiere und Pflanzen sehr und drohten zu verschmachten. Alle Tiere, groß und klein, kamen zusammen und nahmen sich vor, den Wind zu suchen und ihn zu wecken. Doch der Wind war nirgends zu finden.

Da machte sich auch die Spinne auf den Weg, den Wind zu suchen. Sie zog übers Meer. Da fand sie den Wind neben einem großen Steine schlafend. Die Spinne zog ihr Gewebe über den Wind und weckte ihn dann. Als der Wind erwachte, rief er ärgerlich: »Wenn ich jetzt aufstehe, so zerreiße ich dich in Stücke.« Die Spinne bat den Wind, nicht früher aufzustehen, bis sie das Ufer errreicht habe. Der Wind versprach es. Die Spinne kroch auf dem Wasser weiter. Doch auf dem halben Wege begegnete ihr die Fliege und fragte sie, ob sie den Wind gefunden. Die Spinne erzählte ihr, wie und wo sie den Wind gefunden habe. Kaum erfuhr das die Fliege, so flog sie schnell zu rück, suchte die Ratsversammlung der Tiere auf und erzählte da, sie habe den Wind auf dem Meere neben einem Steine schlafend gefunden und habe ihn aufgeweckt. Der hohe Bat war darüber sehr froh und erlaubte der Fliege, als Lohn für ihren Dienst, von jeder Speise den ersten Teil zu verzehren.

Das tut die Fliege noch bis heute. Ehe noch jemand die Speise versucht, da hat die Fliege schon ihren Teil abgenommen.

Als die Fliege den hohen Rat der Tiere verlassen hatte, da kam auch die Spinne hin. Sie erfuhr, was die Fliege erzählt hatte, und mußte ohne Belohnung von dannen ziehen.

Die Spinne schwor der Fliege ewige Feindschaft.

[109] Sie hat ihren Schwur gehalten. Wenn es einer Spinne gelingt, eine Fliege zu fangen, so umgarnt sie sie in ihr Gewebe und quält sie langsam zu Tode.


b) Niemand wußte, wo der Tod geblieben war, ob er in Gefangenschaft geraten, ob eingeschlafen oder gar gestorben war. Viele Gebrechliche, Kränkliche, Alte und Kraftlose seufzten nach dem Tode, aber er war nirgends. Manche Wehklage, manches Weinen und mancher Hilferuf drang zu Gott (Jumal), er möge doch die Hilflosen von des Lebens. Drangsal befreien, da der Tod sich nicht sehen lasse. Voller Erbarmen sandte Gott seine Engel aus, den säumigen Tod zu suchen, aber sie fanden ihn nirgends.

Daraufhin gab Gott allen Wesen auf der Erde den Befehl, den Tod zu suchen. Alle Menschen auf Erden, alle Tiere im Walde, alle Vögel unter dem Himmel und alle Fische in den Gewässern suchten, – aber vergebens.

Auch die unscheinbare, kleine Fliege machte sich auf den Weg, ihr Glück zu versuchen. Sie flog längs einem halb ausgetrockneten Flußbett hin und – siehe da! unter einer Brücke liegt der Tod und schläft. Seine Sense ist unter dem Kopfe schon ganz verrostet. Die Fliege summte vor seinem Ohre, so laut sie konnte, und der Tod wachte auf. Emsig begann er seine Arbeit und holte schnell das Versäumte nach.

Die Fliege flog zu Gott und erzählte ihm, wie und wo sie den Tod gefunden hätte.

Gott sagte: »Weil du eine so aufmerksame Sucherin gewesen bist und so mutig den Tod wecktest, sollst du das Recht haben, auch von des Königs Tisch zu naschen.«

Seit der Zeit hat die Fliege die Gewohnheit, jeden Schlafenden mit ihrem Summen zu wecken, und das Recht, von jeder Speise sich ihren Teil zu nehmen.


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 108-110.
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