5. Der Träumer

[17] Es war einmal ein Junge, der hatte eine Stiefmutter. Eines Tages schüttete diese Getreidekörner zum Trocknen auf die Tenne und befahl ihrem Stiefsohn, darauf achtzugeben. Der schlief aber ein und wahrend er schlief kamen die Hennen und fingen an das Getreide zu picken. Schrecklich zornig wurde da die Stiefmutter und schlug den armen Jungen.

»Mutter, Mutter!« rief dieser, »horch, was ich dir sage!«

»Nun, was?«

»Hör', was ich geträumt habe: mit einem Fuß stand ich mitten in Bagdad, mit dem anderen am Rande der Stadt; auf dem einen saß die Sonne, auf dem anderen der Mond und die Sterne hatte ich an den Händen und im Gesicht.«

Der Stiefmutter gefiel dieser Traum so sehr, daß sie ihn haben wollte: »Gib mir sofort deinen Traum!«

»Aber, das war doch nur ein Traum, wie kann ich dir ihn geben!« sagte der Junge.

Wieder bekam er Schlage und wurde aus dem Hause gejagt.

Fort ging der Junge und wanderte, bis er zu dem Schlosse eines Königs kam.

»Wohin des Wegs?« frug der König, »was willst du?«

»So und so steht meine Sache,« antwortete der Junge, »meine Stiefmutter hat mich geschlagen und mich aus dem Hause gejagt, weil ich ihr meinen Traum nicht geben konnte.«[17]

Der König ließ sich den Traum erzählen und wollte ihn gleichfalls haben.

»Ich kann doch nicht!« sagte der Junge, »es war doch ein Traum! Er ist gekommen und wieder gegangen ...«

Der König aber ließ den Jungen in eine Grube werfen. Nun hatte dieser König eine wunderschöne Tochter. Der tat der kleine Junge leid; sie brachte ihm heimlich Essen und ließ es in die Grube hinunter.

Dieser König nun war der Herrscher des Westens. Und der König des Ostens hatte um die Hand seiner schönen Tochter gebeten, aber vergebens. Nun schickte der Herrscher des Ostens eines Tages zum König des Westens vier Stuten und ließ ihm sagen:

»Errate, welches die Mutter, welches das jüngste Füllen, welches das mittlere und welches das älteste ist. Wenn du's errätst, ist's gut, wenn nicht, gehört deine Tochter mir.«

In eine recht schlimme Lage kam da der König mit seiner Tochter, denn das konnten sie auf keine Weise erraten. Die Königstochter sagte zu dem Jungen, als sie ihm wieder einmal zu essen brachte: »Armer Träumer, was soll nun aus dir werden? Wenn ich zum König des Ostens muß, wirst du verhungern.« Und dann erzählte sie ihm die Sache mit den vier Stuten.

»Seid unbesorgt,« sagte der Junge, »ich will euch helfen. Gebt den Pferden ordentlich zu essen und tut Salz hinein, dann sperrt sie in den Stall. Laßt sie nicht heraus bis zum nächsten Tag und wenn ihr dann die Stalltüre aufmacht, dann werdet ihr euch wundern: zuerst kommt zum Trinken die Mutter heraus, dann das jüngste Füllen, dann das mittlere und zuletzt das älteste.«

Die Königstochter erzählte das ihrem Vater und so geschah es denn auch.

Da diese List nicht gelungen war, schoß der König des Ostens einen Pfeil ab, der vor dem Hause des Königs des Westens stecken blieb und den niemand herausziehen konnte.[18]

Wieder ging die Königstochter zum Träumer und frug um Rat.

»Fürchte nichts,« sagte dieser, »heute Nacht geh' ich aus der Grube und hole den Pfeil heraus.«

So tat er denn auch; er zog den Pfeil heraus, legte ihn auf den Boden und kehrte wieder in seine Grube zurück.

Als der König am Morgen den Pfeil fand, rief er: »Wer hat den Pfeil herausgeholt? Wer? Dem will ich meine Tochter geben!«

Alle, die das hörten, wollten es getan haben. Aber der König war auf der Hut: »Wer ihn herausgezogen hat, der soll ihn jetzt auch wegtragen!« befahl er. Doch konnte niemand den Pfeil von der Stelle rühren.

»Väterchen,« sagte dann die Königstochter, »vielleicht war es der Träumer!«

Man schickte die Veziere mit dem Auftrag, den Träumer zu holen. Der kam, hob den Pfeil auf und schoß ihn zurück ins Haus des Königs des Ostens.

Der König aber freute sich ungemein und gab seine Tochter dem Träumer. Zwei, drei Wochen bloß blieben die beiden Neuvermählten zusammen, dann machte sich der Träumer auf, um den König des Ostens zu bekriegen.

Als er schon ziemlich weit gekommen war, sah er auf einem Felde einen Mann der pflügte und dann die aufgeworfenen Schollen verschlang.

»Du, Mann,« rief er ihm zu, »das muß doch eine sehr schwierige Sache sein, solche Schollen zu verschlingen.«

»O nein!« antwortete dieser. »Schwer war das, was der Träumer zustande gebracht hat, die Königstochter zu heiraten und jetzt Krieg zu führen.«

»Der Träumer bin ich! Komm mit mir, wir wollen Brüder sein!«

Weiter gingen sie und stießen auf einen, der saß am Meere und trank gierig die salzigen Wellen.

»Das ist doch eine ziemlich schwere Sache, so viel Meerwasser zu schlucken«, meinte der Träumer.[19]

»Nicht doch!« sagte der, »schwer war das, was der Träumer zuwege gebracht hat, nämlich die Königstochter zu heiraten und jetzt Krieg zu führen.«

»Der Träumer bin ich! Komm mit, wir wollen Brüder sein!«

Auch der schloß sich den beiden an und sie setzten ihren Weg zu dritt fort. Da sahen sie einen, der hatte sich Mühlsteine an die Füße gebunden und lief einem Hasen nach. Sie wunderten sich ungemein und riefen ihm zu, es sei doch etwas sehr Schwieriges, was er da mache.

»Was, schwer?« antwortete dieser. »Schwer war das, was der Träumer vollbrachte, der die Königstochter geheiratet hat und jetzt Krieg führt.«

»Der Träumer bin ich! Komm mit!«

Nun waren sie zu viert. Da trafen sie einen, der hatte ein Ohr auf die Erde gelegt, horchte und sprach dabei.

»Was tust du da?« frugen sie ihn.

»In der Unterwelt führen die Ameisen Krieg und ich helfe ihnen und gebe ihnen guten Rat.«

Wieder meinte der Träumer, das müsse sehr schwer sein und erhielt dieselbe Antwort wie von den anderen. Nun schloß sich auch dieser Mann an und so waren sie jetzt zu fünft. Sie gingen weiter und sahen bald einen Mann stehen, der hatte einen Bogen in der Hand und schaute in die Luft.

»Was schaust du denn da?« frugen sie.

»Vor drei Tagen habe ich einen Pfeil abgeschossen und jetzt erst kommt er zurück«, antwortete der Mann.

»Oho! Da hast du aber etwas sehr Schwieriges fertiggebracht!« lobte der Träumer, erhielt aber auch von diesem Mann dieselbe Antwort wie früher.

Jetzt waren ihrer sechse. Weiter gingen sie und trafen einen, der hatte sich an eine Schar Tauben herangeschlichen und tauschte ihnen eben die Flügel aus, ohne daß die Vogel etwas davon merkten.

»O, o! Das ist aber schwer!« meinte der Träumer und hörte von dem Manne genau dasselbe, was er von den andern gehört hatte.[20]

Sieben waren's jetzt, die ihren Weg zogen. Da kam ihnen einer entgegen, der war ein Priester und hatte sich seine Kirche auf den Rücken gebunden und wo es ihm gefiel, da stellte er sie hin und hielt Gottesdienst ab.

»Priester, Priester! Das ist nun aber wirklich ein schweres Stück!«

Aber der Priester wollte das nicht zugeben; das sei schwer, meinte er, was der Träumer gemacht hatte.

Nun waren sie schon acht. Zu acht gingen sie zum König des Ostens und verlangten seine Tochter. Der wollte aber nicht so ohne weiteres.

»Zuerst will ich wissen, wer ihr seid und dann wollen wir von meiner Tochter sprechen. Ich werde von meinem Bäcker drei Tage lang Brot backen lassen, wenn ihr's in einem Tage aufeßt, kriegt ihr meine Tochter, wenn nicht, schneide ich euch die Köpfe ab.« So sagte der König.

»Nu, mal los,« sagten die Gefährten zu dem Schollenfresser. »Mensch, wenn du Erdschollen fressen kannst, macht dir doch das Brot keine Angst.«

»Laßt das meine Sorge sein,« sagte der, »nicht ein Krümchen laß ich übrig.«

Und riesige Haufen Brot schleppten sie herbei, der Schollenfresser aber verschlang alles; nicht ein Stückchen blieb übrig.

»Gut,« sagte der König, »jetzt müßt ihr noch Wein trinken. Wenn ihr meinen Sechsarbenweinkrug6 austrinken könnt – auf einen Sitz aber! – dann bekommt ihr meine Tochter, sonst – ich eure Köpfe!«

»Gut!« sagten die Freunde, »jetzt ist an dir die Reihe, Meerwassersäufer. Wenn du Salzwasser trinken kannst, wirst du wohl auch mit dem Wein fertig.«

»Her mit dem Wein, und alles andere ist meine Sache!« sagte der Meerwassersäufer. Als er aber den Weinkrug sah, lachte er und sagte:[21]

»Ach, das ist ja bloß ein Schluck, das werden wir gleich haben!«

Und trank den ganzen Weinkrug aus.

»So, jetzt wollen wir drei Tagereisen weit Wasser holen lassen; schickt ihr euren Mann und ich schicke den meinen. Kommt der meine zuerst, dann gibt's keine Tochter und eure Köpfe sind verspielt; kommt der eure zuerst, bekommt ihr mein Kind.«

Nun mußte der herhalten, der mit Mühlsteinen an den Füßen den Hasen gejagt hatte. »Laßt mich nur machen«, sagte er und machte sich mit dem Beauftragten des Königs auf den Weg. Als sie einen ganzen Tag gelaufen waren, blieb dieser schon zurück, der Hasenjäger aber lief noch munter. Da dachte jener sich eine List aus und sagte: »Weißt du was, wir wollen langsam gehen, was sollen wir uns so anstrengen. Laß uns ein wenig ausruhen und dann gehen wir wieder.« Der andere traute ihm; sie setzten sich nieder, aßen und tranken. Aber der Beauftragte des Königs träufelte ein Schlafmittel in den Wein seines Nebenbuhlers. Der schlief ein, der andere aber stand auf, lief, und lief, durchlief zwei Tagereisen, kam ans Wasser, füllte sein Gefäß und lief zurück. Einen ganzen Tag war er schon auf dem Rückweg und der Hasenjäger schlief immer noch.

Da sagte der Träumer zum Bogenschützen: »Du, schau mal und hör mal. Mir scheint, da kommt schon der Mann des Königs, wo aber ist der unsre?«

Der Bogenschütze schaute und sprach: »Weh, der unsere ist auf halbem Wege eingeschlafen und der andere hat sein Gefäß schon gefüllt und ist auf dem Rückweg.«

»Hilf, hilf!«, riefen alle die Sieben.

Der Schütze nahm Bogen und Pfeil, schoß und der Pfeil traf den einen Mühlstein des Schlafenden. Der wachte auf, lief wie der Wind zum Wasser, füllte sein Gefäß und holte den Mann des Königs ein.

»So, jetzt wollen wir Hochzeit halten«, sagte der König zum Träumer.[22]

Man holte die Tochter und traute die beiden. Es gab ein sehr gutes Mahl, aber der König befahl seinen Leuten, heimlich Gift in das Essen seiner fremden Gäste zu mischen, damit sie alle stürben. Aber dieses heimliche Gespräch hatte einer von den achten doch gehört, der nämlich, welcher die Ameisen in der Unterwelt belauscht hatte und der erzählte es dem, der den Tauben ihre Flügel vertauscht hatte. Der vertauschte also die Teller, ohne daß des Königs Leute etwas merkten, und wer die vergifteten Teller bekam, der starb.

Da war nichts mehr zu machen. Aber der König versuchte es noch einmal. »So, jetzt bringt mir einen her, der die Mitgift wegschafft«, sagte er.

Da sprang der Priester, der seine Kirche mitschleppte, helfend ein: »Laßt mich nur machen,« sagte er, »nicht bloß die Mitgift schlepp' ich weg, ihr könnt euch selbst noch oben drauf setzen!«

Also luden sie ihm die ganze Habe der Königstochter auf. »Nur her damit, nur her damit!« rief der Priester, als könnte er nicht genug bekommen. Dann gingen sie weg und jeder kehrte nach Hause zurück.

Über all dem aber waren fünf, sechs Jahre vergangen. Des Träumers erste Frau hatte einen Knaben geboren und der war auch schon hübsch groß geworden. Als der Träumer nun zurückkam, setzte er die eine Frau zur Rechten, die andere zur Linken seines Throns. Sein Söhnchen aber kam mit einem goldenen Waschbecken, setzte es vor seinem Vater nieder und wusch ihm Hände und Füße. Der Träumer aber zeigte auf seine beiden Frauen und sprach, zu seinem Schwiegervater gewendet: »Sieh, das ist die Sonne und das ist der Mond. Und der mir Füße und Hände wäscht, ist ein funkelnder Stern. Wer hat dir die gegeben?«

Der König aber trat dem Träumer seinen Thron ab und sein Königreich und setzte ihm selbst die Krone aufs Haupt.

6

Das heißt ein Weinkrug, zu dessen Beförderung man sechs Arben (Wagen) braucht.

Quelle:
Dirr, A.: Kaukasische Maerchen.Jena: Eugen Diederich, 1922, S. 17-23.
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