XIII. Erzählung.

[60] Hierauf gieng er wieder wie das vorige Mal hin und lud sich den Todten auf den Rücken, und während ihrer Wanderung erzählte Siddhi-k ýr abermals eine Geschichte.

Früh vor Zeiten lebte einmal in einem weitentlegenen Lande ein Brahmanensohn. Dieser verkaufte sein eigenes Ackerland um drei Klafter Tuch, lud sie einem Esel auf und zog in ein fremdes Land. Unterwegs begegnete er einer Schaar Jungen, welche eine Maus ergriffen hatten. Sie hatten ihr einen Strick um den Hals gebunden, steckten sie in das Wasser und zerrten sie hin und her. Da sie dieselbe so quälten, fühlte er Mitleid und konnte es nicht länger mitansehen. »Ach ihr Jungen,« sagte er, »die Sünde ist gross, lasset sie los.« Doch die Jungen sprachen: »Weil wir sie benöthigen, desshalb ward sie ergriffen; du bist ein voreiliger Mensch.« »Nun, wenn dem so ist,« sprach jener, »so will ich den Preis dafür geben.« Und indem er eine Klafter Tuch dafür gab, bewirkte er, dass sie die Maus losliessen.

Auf seinem weiteren Wege traf er abermals eine Schaar Jungen, die einen jungen Affen festhielten und unter Faustschlägen zum Spielen anhielten. Da dieser jedoch, weil er nicht spielen konnte, nur zitternd auftrat, und sie ihm mit den Worten: »Spiele doch ordentlich«,[60] immer wieder Faustschläge versetzten, so empfand der Mann inniges Mitleid. Da die Jungen jedoch trotz seiner Aufforderung den Affen loszulassen, ihn nicht losliessen, so gab er ihnen wieder eine Klafter Tuch, nahm den Affen und liess ihn in den Wald laufen.

Als er von hier weiter gieng, traf er in der Nähe einer Stadt wieder eine Schaar Jungen, die einen jungen Bären hatten, den sie durch Reiten und dergleichen Neckereien quälten. Indem er sich seines Mitleids nicht zu erwehren vermochte, gab er wieder eine Klafter Tuch hin, nahm den Bären und liess ihn in den Wald laufen.

Da er nun mit seinem Tuche zu Ende war, so dachte er, seihen Esel vor sich her treibend, auf seinem Wege: »Da ich zum Handeln hieher gekommen bin, so ist jetzt, nachdem meine Waaren dahin sind, einen Gewinn zu erzielen unmöglich; ich will aus dem Palaste des Chânes zu stehlen versuchen.« So denkend band er seinen Esel im dunkeln Walde an, drang in den Palast des eigenen Chânes ein, nahm aus der Vorratskammer eine Last Seidenstoffe und wollte mit ihr auf dem Rücken sich davon machen. Doch am Thor erblickte ihn die Chânin. »O, dieser Mensch hat aus dem Palaste gestohlen!« rief sie ganz laut. Da liefen die Leute von allen Seiten herbei, ergriffen den Mann und übergaben ihn dem Chân. Der Chân sprach: »Das ist keine Art! Man baue einen Kasten von Menschengrösse, lege ihn in denselben hinein, nagle mit eisernen Nägeln ihn zu und werfe ihn ins Wasser.« So gebot er und dem Befehle gemäss warf man ihn in das Wasser. Der Wind aber trieb den Kasten an einen Baum mitten auf dem Wasser, an welchem er hängen blieb. Weil jedoch das Athmen im verschlossenen Kasten beengt war, so war er fast dem Tode nahe, als an der Aussenseite des Kastens etwas zu zerren anfieng. Als der Nagel ein wenig nachgegeben und er durchblicken konnte, da war es die früher von ihm losgekaufte und freigelassene Maus. Die Maus sprach: »Warte nur einen Augenblick ganz ruhig, ich will die andern zwei Gefährten rufen und komme gleich wieder.« Damit gieng sie fort. Weil er aber etwas geathmet hatte, so starb er nicht. Die Maus war inzwischen zu dem Affen hingelaufen und hatte ihm den Vorfall gemeldet. Der Affe kam und machte eine bedeutende Spalte in den Kasten. Darauf kam der Bär, zertrümmerte den Kasten, zog ihn aus dem Wasser heraus und setzte ihn auf einen geräumigen Werder im Flusse. Die drei brachten ihm dann Obst und dergleichen Nahrungsmittel, welche sie zerbissen, und gaben ihm zu trinken; er nahm das Gereichte zu sich. Während[61] er nun, nicht im Stande aus dem Wasser herauszukommen, ruhig dasass, erblickte er einmal, nachdem es Nacht geworden, auf einer grossen Ebene einen glänzenden Lichtschein. Er schickte den Affen hin, um zuzusehen. Dieser fand einen Edelstein, so gross wie das Ei des Vogels Tomi, und überbrachte ihn dem Sohn des Brahmanen. Kaum hatte der Brahmanensohn den Wunsch ausgesprochen aus dem Wasser herauszukommen, da war dieser sein Wunsch erfüllt. Ferner sprach er folgenden Wunsch aus: »Mitten auf einer grossen Ebene schaffe der Talisman eine grosse Residenzstadt und in derselben Räume für Pferde und einen Drachen-Palast; in dem Kreise der Umgebung sollen Bäume allerlei Art emporsprossen und Quellen von heiligem Wasser strömen; das Innere aber sei mit mancherlei verschiedenartigen Habseligkeiten und Schätzen angefüllt!« Wie sein ausgesprochener Wunsch lautete, so hatte der Talisman, als kaum des Morgens seine Augen erwachten, alles in Erfüllung gebracht.

Während er nun im ruhigen Genüsse seines Glückes dahin lebte, kamen einstmals zahlreiche Handelsleute, und als sie das sahen, riefen sie staunend unter einander: »Was ist das? früher war hier eine leere Ebene; jetzt hat sich das alles so wundervoll gestaltet!« Der Führer dieser Handelsleute begab sich zu dem Brahmanensohn und fragte ihn darüber. Als dieser den ganzen Hergang erzählt und den Talisman gezeigt hatte, sprach der Karawanenführer: »Dir ist alles in höchster Vollkommenheit zu Theil geworden; damit kannst du wahrlich zufrieden sein; die sämmtlichen Lastthiere nebst den ihnen aufgebürdeten Lasten der Kaufleute hier überreiche ich dir; doch diesen deinen Talisman überlass dafür mir.« Und er gab den Edelstein dem Karawanenführer.

Der Brahmanensohn war diese Nacht auf Polstern von Seidenstoffen eingeschlafen; doch als bei Tagesanbruch seine Lagerstätte hart und rauh war und er beim Erwachen zusah, da waren Palast und alle die übrigen Habseligkeiten und Schatze spurlos verschwunden und er befand sich wieder auf seinem früheren angeschwemmten Werder im Flusse. Während er dort in Kummer versunken sass, kamen seine drei Freunde und fragten: »Was für ein Unglück ist denn geschehen?« Und als er ihnen den ganzen Hergang erzählt, da sprachen sie: »Ach, du bist doch ein leichtsinniger Mensch! Wohin ist jetzt der Mann gegangen, der deinen Talisman mitgenommen? Wir drei sind vielleicht im Stande ihn zu holen; lasst uns ihn suchen gehen.« Mit diesen Worten[62] entfernten sie sich. Als sie ihn erreicht hatten, da fanden sie jenen Karawanenführer jetzt in der Fülle der Macht und des Glanzes ein gar herrliches Leben führen. Da jedoch der Affe und der Bär durch das Thor nicht hinein konnten, so schickten sie die Maus ab, um zu sehen, wo er den Edelstein hingelegt hatte. Diese kroch durch das Schlüsselloch der Thüre hinein. In einem geglätteten, glänzenden Hausgemache lag der Karawanenführer schlummernd. In einer Ecke dieses Zimmers hatte man Reis aufgehäuft, den Edelstein an eine Pfeilkerbe gebunden und den Pfeil in diesen Reishaufen gesteckt. Neben demselben aber erblickte die Maus zwei grosse Katzen angebunden. Da sie desshalb nicht in die Nähe des Wundersteines gelangen konnte, so kam sie zu ihren zwei Gefährten zurück und erzählte es ihnen. Da sprach der Bär: »Nun, wenn dem so ist, so gibt es kein Mittel, lasst uns zurückkehren.« Der Affe aber sprach: »Ich weiss noch ein Mittel. Du Maus geh hin, und wenn du heute Nacht die Haare des Karawanenführers zerbeissest, wen wird er dann morgen Nacht dort neben dem Kissen anbinden? Dann bist du im Stande den Edelstein zu entwenden.« Mit diesem Auftrage entliessen sie die Maus. Sie gieng somit hin und zerbiss seine Haare. Den andern Tag, als der Karawanenführer erwachte und aufstand, fielen ihm die Haare in Masse nieder. Wie ihm diese von seinem Haupte abfielen, da machte er sich unruhige Gedanken und sprach: »Heute Nacht hat eine Maus meine Haare zerbissen; jetzt ist es dringend nöthig Vorkehrungen dagegen zu treffen. Um mein noch übriges Haar bewachen zu lassen, binde man die beiden Katzen hier neben meinem Kissen an.« Und so liess er sie anbinden.

Diesen Abend warteten der Bär und der Affe beide aussen und schickten die Maus hinein, den Edelstein zu stehlen. Die Maus gieng und war sehr erfreut darüber, dass die Katzen nicht mehr in der Nähe des Reishaufens sich befanden. Als sie jedoch den Edelstein nehmen wollte, konnte sie nicht zu dem Pfeile gelangen. Nachdem sie leer zurückgekommen war, sprach der Bär: »Jetzt gibt es kein Mittel, lasst uns zurückkehren.« Der Affe aber versetzte: »Ich weiss noch ein Mittel. Du Maus geh hin, und wenn du den pfeilbesteckten Reis umwühlst, so wird der Pfeil umfallen. Alsdann bring den Edelstein hieher, ihn vor dir herrollend.« Mit diesem Auftrag entliessen sie die Maus. Die Maus nahm auch auf diese Weise den Edelstem mit sich fort. Doch da sie ihn aus dem Schlüsselloch der Thüre nicht herausbringen konnte, so gieng sie erschöpft hinaus und sprach zu ihren Gefährten: »Bis zur[63] Thüre habe ich ihn gebracht; allein ans dem Schlüsselloch der Thüre konnte ich ihn nicht herausbringen«. Da sprach der Bär: »Jetzt gibt es kein Mittel. In dem Schlüsselloch haben wir beide der Affe und ich nicht Platz; lasst uns gehen.« Der Affe versetzte: »Ich weiss noch ein Mittel. An dem Schwänze der Maus binde ich einen Faden an; du Maus umfasse dann fest mit deinen vier Füssen den Edelstein, und ich werde am Faden deines Schwanzes ziehen.« Auf diese Weise zogen sie die Maus heraus und erhielten den Edelstein.

Indem sie sagten: »die Maus hier hat sich was abgemüht!« setzte sich der Affe auf den Bären, steckte die Maus in sein Ohr, nahm den Edelstem in den Mund und so zogen sie eilig dahin. Beim Übersetzen über ein Wasser sprach der Bär: »Edelstein, Affe und Maus, euch alle drei habe ich auf den Rücken genommen, meine Kraft ist gross.« Da die Maus schlief, der Affe aber sich fürchtete den in seinem Munde befindlichen Edelstein fallen zu lassen, so erfolgte keine Antwort. Darüber erzürnend sprach der Bär: »Wollt ihr beide nicht antworten, so werfe ich euch ins Wasser«. Indem nun der Affe ausrief: »Wirf ja nicht!« fiel der Edelstein ihm aus dem Munde. Als sie aus dem Wasser heraus waren, sagte der Affe: »Du Bär bist doch wahrlich ein unverständig Geschöpf!« Indem er so schmähte, hörte es die Maus und fragte: »Was gibt es?« Der Affe erzählte, was der Bär angestellt, und, fuhr dann fort: »Jetzt ist die Sache schwieriger als früher; aus dem Wasser können wir ihn nicht herausfinden; lasst uns zurückkehren.« Die Maus aber versetzte: »Ich bin im Stande ihn durch ein Mittel herauszuschaffen, ich will zusehen, bleibt ihr beide nur hier in der Ferne sitzen.« Mit diesen Worten liess sie dieselben dort sitzen. Sie selbst aber lief am Rande des Wassers laut rufend auf und nieder. Die Bewohner des Wassers sprachen: »Du Maus, was bedeutet diese Eile?« Die Maus erwiederte: »Habt ihr es nicht gehört? ein Kriegsheer nahet, das nicht auf dem trockenen Lande, nicht auf dem Wasser Platz hat,« »Was ist denn jetzt,« fragten jene weiter, »für eine Vorkehrung dagegen zu treffen?« Die Maus sprach: »Dagegen gibt es kein anderes Mittel: nur wenn man zwischen dem trockenen Lande und dem Wasser ein Wehr errichtete, das wäre zweckmässig.« Auf diese Worte schleppten die Wasserbewohner Steine herbei, übergaben sie der Maus und diese machte den Baumeister. Als die Höhe eine Spanne betrug, da brachte ein Frosch den Edelstem dahergerollt und sagte: »Schwerer als der ist kein Stein!« Da rief die Maus den Affen herbei und mit den Worten:[64] »hier ist er«, ihn zeigend, übergab sie ihm denselben. Der Affe freute sich und sprach: »Der Verstand der Maus ist scharf.«

Der Affe steckte die Maus wieder in sein Ohr und setzte sich auf den Bären. Als sie zu dem Brahmanensohn gelangten, war dieser vor Hunger fast dem Tode nahe. Nachdem der Affe den Edelstein übergeben hatte, sprach jener: »Ihr, meine Freunde, habt euch um mich sehr verdient gemacht!« Und kaum hatte er wieder den Wunsch ausgesprochen, aus dem Bereiche des Wassers herauszukommen, da erhob sich ein Palast, weit herrlicher, denn eine fürstliche Residenz, Zahllos an Menge waren die Unterthanen. Früchte beladen sprossten Bäume verschiedener Art. Mancherlei Vögel liessen ihre melodischen Stimmen ertönen. Von Blumen verschiedener Art war beständig eine Fülle vorhanden, wohlschmeckende Früchte gab es in Menge. An allerlei reizend schönen Kostbarkeiten, an denen man sich kaum satt sehen konnte, war eine ungemeine Fülle. Weit herrlicher als ein Drachen-Palast war diese Residenz.

Weiter sprach der Brahmanensohn an seinen Talisman folgenden Wunsch aus: »Wenn du wahrhaftig und wirklich ein Wunderstein bist, so lass, da ich keine Gemahlin habe, aus dem Reiche der Götter eine Brahmatochter erscheinen und mache sie zu meiner Gemahlin.« Kaum hatte er diesen Wunsch ausgesprochen, so war eine Göttertochter erschienen, von Gespielinnen zahllos an Menge umgeben. Indem er mit ihr in Freude und Lust ein glückliches Leben führte, erblühten ihm hundert reizende holde Söhne.

Bei diesen Worten der Erzählung sprach der auf glücklichem und gutem Pfade wandelnde Chân: »So ein hochbeglückter Chân war das!« und Siddhi-k ýr versetzte: »O Chânssohn, vortrefflich, vortrefflich!« und ganz in der Nähe von Meister Nâgârģuna machte er sich los und flog durch die Lüfte davon.

Da liess der Meister seinen Ausspruch also ergehen: »Obgleich du nun durch deine Busse deine Schuld gesühnt hast, so hast du doch das Glück der Gesammtheit der Bewohner auf Ģambudvîpa nicht befördert; weil du aber in eigener Person dreizehn Mal den Siddhi-k ýr auf dem Rücken getragen, so sollen alle übrigen Könige, wer sie auch seien, in diesem Leben nimmer an Glücksgütern mit dir sich vergleichen können.«

Aus Siddhi-k ýr's Erzählungen das dreizehnte Capitel: die Abenteuer des Brahmanensohnes.

Quelle:
Jülg, B[ernhard]: Kalmükische Märchen. Leipzig: F.A. Brockhaus, 1866, S. 60-65.
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