XVI
Der Glücksvogel.1

[253] Zu diesem ungemein verbreiteten Märchen vgl. die Nachweise KÖHLER'S im ArchfslavPh. I p. 274 f. und die meinigen in ZDMG XLVIII p. 669 zu No. 6 von STUMME, TunM. – Trage noch nach KRAUSS, SMSdsl. I p. 187 ff., KNOWLES, FtKash. p. 75 ff. (eine schöne und ausführliche Recension) und ZDMG XXXVI p. 238 ff.


Es war einmal eine arme Frau, die hatte einen Sohn. Dieser pflegte Tag für Tag auszugehen, eine Ladung Holz zu bringen und sie um Brod für sich und seine Mutter wegzugeben. Eines Tages stand er früh auf und ging nach Holz aus. Als er dahinging, flog ein Vogel an ihm vorbei. Er ging an das Nest des Vogels heran und fand da ein Ei. Da nahm er dieses, kehrte um, ging auf den Markt und verkaufte es an einen Juden um hundert Piaster. Am folgenden Tage ging er wieder hin, und siehe da, der Vogel hatte wieder ein Ei gelegt. Er nahm es, trug es zu dem Juden und gab es ihm für hundert Piaster. Das ward nun seine tägliche Beschäftigung.

Eines Tages kam ihm der Gedanke: »Wozu soll ich Tag für Tag hingehen und mich abquälen? Diese Nacht gehe ich hin und bringe den Vogel hierher.« Da stand er[253] des Nachts auf, ging hin und siehe da, der Vogel schlief. Da nahm er ihn, ging [nach Hause] und setzte ihn am Fenster hin. Jeden Tag legte der Vogel ein Ei; das brachte er dem Juden, bekam von ihm hundert Piaster und ging dann nach Hause. So kam er in günstige Verhältnisse und ass und trank nach Herzenslust.

Der Jude merkte, dass der junge Mann den Glücksvogel2 gefangen hatte. Da ging er in das Haus des jungen Mannes und sah denn auch den Glücksvogel am Fenster. Er machte sich nun an die Mutter des jungen Mannes heran und begann Tag für Tag bei ihr ein- und auszugehen, bis er mit ihr sehr vertraut war. Eines Tages sagte er zu der Frau: »Schlachte doch den Vogel, koche eine Schüssel Reis, lege ihn darauf und bringe ihn mir.« Da schlachtete sie eines Tages, als ihr Sohn nicht zu Hause war, den Vogel, kochte eine Schüssel Reis und legte ihn darauf. Doch da trat der Sohn ein und rief: »Was hast du da gethan?« »Ich sass da«, antwortete sie, »da drehte sich der Vogel im Kreise herum, drehte sich, fiel herunter und starb. Nun kochte ich ihn, damit wir ihn essen.« Da nahm der junge Mann das Herz des Vogels und verschlang es; das übrige nahm die Mutter und trug es zum Juden. Als der Jude das sah, freute er sich; als sie es ihm aber vorsetzte, und er fand, dass das Herz des Vogels nicht mehr da war, nahm er ihn und warf ihn weg. »Ich wollte das Herz haben«, sagte er, »und das ist nicht darin; was soll ich jetzt damit machen!«

[Von nun an] fand der Sohn täglich, wenn er vom Schlafe aufwachte, fünfhundert Piaster unter dem Kopfe. Da sagte der Jude zu seiner Mutter: »Entweder du schlachtest deinen Sohn, oder ich nehme [dich] nicht.« Der Sohn erfuhr das, da floh er aus der Stadt und ging[254] nach einer andern. Täglich fand er beim Aufstehen fünfhundert Piaster unter seinem Kopfe. Eines Tages hörte er einen Ausrufer bekannt machen: »Morgen wird die Tochter des Sultans am Fenster sitzen. Wenn jemand sie sehen will – ihr Anblick kostet fünfhundert Piaster, ein Besuch bei ihr kostet aber tausend Piaster.« Der junge Mann ging nun jeden Tag hin, um sie zu sehen und zahlte ihr fünfhundert Piaster. Er kam einen Tag und zwei und einen Monat und ein Jahr und gab ihr dafür immer fünfhundert Piaster. Da sagte die Prinzessin: »Alle Reichtümer, die es giebt, wären schon zu Ende; es ist nicht anders, als dass der junge Mann das Herz des Glücksvogels verschluckt hat.« Sie lud ihn nun am folgenden Tage zu sich, und thöricht wie er war, brannte er danach, zu ihr zu gehen. Als er zu ihr gekommen war, setzte sie ihm Wein und Arak vor, und sie und er setzten sich hin und begannen zu trinken. Sie füllte eine Schale, reichte sie ihm, und er trank sie aus, während sie [ihren Wein] hinter den Hemdkragen goss. Er trank so, bis er auf den Mund fiel. Da erhob sie sich, rieb ihn am Herzen, bis er sich übergab, wobei ihm das Herz des Glücksvogels aus dem Munde fiel. Das nahm sie nun, wusch es ordentlich ab, dann verschluckte sie es und trank ein bisschen Wasser nach. Hernach legte sie sich schlafen.3

Als der junge Mann aufwachte, war es ihm, als ob er sich bemacht hätte, denn er fand, dass er keine Schale und kein Bad mehr hatte.4 Er ging heraus, gesenkten Hauptes, bankerott, ohne einen Heller. Da begegnete ihm ein alter Mann, ein Bekannter von ihm, und redete ihn an: »Heda, NN, was ist dir?« Er erwiderte: »Meine Lage und Geschichte ist die.« »Wenn ich ihr nun dein Herz wieder[255] herausnehme, was sagst du dann?« fragte ihn der Alte. Er antwortete: »Dann bleibe ich dein Sklave bis in den Tod.« »Dann kaufe ein Zicklein«, sagte der Alte, »und hole einen Kessel, dessen Boden durchlöchert ist, und folge mir dann.« Der junge Mann ging, kaufte ein Zicklein, verschaffte sich auch einen Kessel mit zerbrochenem Boden und kam zu dem Greise. »Folge mir«, sagte der Alte zu ihm. Dann gingen sie beide und setzten sich vor das Fenster der Sultanstochter, nahmen das Zicklein und legten es nieder, um es zu schlachten. Der Greis nahm dann ein Messer, um es zu schlachten, und begann es mit dem Rücken des Messers zu schlachten. Das Zicklein begann zu schreien und entlief ihren Händen. Es wurde aber wieder ergriffen und zurückgebracht. Sie begannen wieder, es mit dem Rücken des Messers zu schlachten, und das Zicklein begann wieder zu schreien. Das sah die Sultanstochter und sagte zu ihrer Zofe: »Komm her, sieh, diese Menschen sind wahnsinnig; zeige ihnen doch, dass sie das Zicklein mit der Schneide des Messers schlachten müssen.« Die kam, zeigte es ihnen, und darauf schlachteten sie das Zicklein, zogen ihm das Fell ab, schnitten das Fleisch aus und legten es [in den Kessel]. Nun zündeten sie ein Feuer an, um es zu kochen, und als das Feuer brannte, gössen sie Wasser in den zerbrochenen Kessel und setzten ihn über das Feuer. Der Kessel lief aber, und ihr Feuer erlosch. Sie nahmen den Kessel wieder herab, zündeten ein Feuer an, nahmen den Kessel und setzten ihn über das Feuer. Aber dieses erlosch wieder. Die Prinzessin sah dem zu und sagte zu ihrer Zofe: »Habt ihr nun gesehen, was für ein Malheur uns mit diesen Menschen widerfahren ist! Geh, bringe ihnen einen ganzen Kessel und koche ihnen das Fleisch, damit sie es essen, und wir von ihnen Ruhe haben.« Da kam die Dienerin, kochte ihnen das Fleisch und setzte es ihnen vor, und sie setzten sich hin, um zu essen. Sie nahmen dann das Fleisch und legten es bald in ihre Ohren, bald in die Nase. Da sprach die Prinzessin: »Was sollen wir jetzt anfangen? nicht[256] einmal essen können diese Menschen! was sollen wir nun mit ihnen machen?« Dann sprach sie zur Zofe: »Geh, bringe sie hierher.« Die Zofe ging, brachte sie zu ihr, und dann begann sie dem jungen Manne und die Zofe dem Alten zu essen zu geben. Sie liessen es sich wohl schmecken, und dann legten sie sich schlafen.

Am Morgen erhob sich der Alte und stieg aufs Dach, um zum. Gebete zu rufen. »Wohin gehst du?« fragte sie ihn. »Ich bin ein Malla«, antwortete er, »und will hinaufgehen, um zum Gebete zu rufen.« Sie gab sich Mühe, ihn zu bewegen, dass er nicht hinaufginge, aber er sagte: »Das geht nicht, ich bin ein Malla.« »Mein Vater wird es noch hören und mich totschlagen«, rief sie. Aber er sagte: »Mag er dich totschlagen oder nicht, es geht nicht, dass ich nicht zum Gebete rufe.« »Um Gottes willen«, rief sie wieder, »suche etwas aus, das du begehrst, und ich will es dir geben, aber rufe nur nicht.« Da sagte er: »Wenn du das Herz herausgiebst, das du diesem jungen Manne weggenommen hast, dann will ich nicht rufen; wo nicht, rufe ich, magst du mir auch dein ganzes Reich geben.« Mochte sie nun wollen oder nicht, sie steckte einen Finger in den Mund und gab das Herz wieder heraus. Der junge Mann nahm es dann, verschluckte es, trank ein bisschen Wasser nach und ging dann heraus. »Wie ist dir jetzt?« fragte ihn der Alte. »Nun gehe in Frieden, und ich will auch in Frieden gehen.«

1

Im Texte: »Geschichte einer Frau und ihres Sohnes«.

2

Es steht hier derselbe Ausdruck, den ich oben p. 101 mit »Vogel der Herrschaft« übersetzt habe. Ich schreibe jedoch hier »Glücksvogel«, weil letztere Benennung sich für den in dieser Geschichte erwähnten Vogel bereits eingebürgert hat.

3

Dieser Absatz erinnert sehr an Çukasaptati p. 19.

4

Randglosse in C: Sprichwörtlicher Ausdruck für einen Wechsel in den Verhältnissen (meel tagajjur slḥâl).

Quelle:
Lidzbarski, Mark (Hg.): Geschichten und Lieder aus den neuaramäischen Handschriften. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1896, S. 253-257.
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