Unterredungen Yâjnavalkyas mit König Janaka

[71] Yâjnavalkya kommt an den Hof des Königs der Videha, um zu disputieren, und erfährt von ihm die verschiedenen Ansichten anderer Lehrer über das Wesen des Brahman, die einen sagen, es sei der Lebenshauch, andere, es sei die Stimme usw. Yâjnavalkya kritisiert diese und stellt sie als äußerliche Auffassungen dar. Er will in den einzelnen Dingen, in Lebenshauch, Stimme usw., nur eine Lebensäußerung des Brahman sehen, eine Teilerscheinung, die an ihm das Liebe resp. das Erkennen, das Wahre, das Unendliche, die Freude, das Beharrliche und andere Seiten zum Ausdruck bringt. All diese einzelnen Erscheinungen sind aber nicht das Brahman, sondern dienen nur als Mittel, als Anhalt, sein Wesen zu offenbaren. So verstanden, deckt teilweise jede von ihnen sich mit dem höchsten Brahman. Man kann an I, 4 desselben Textes erinnern, oben S. 54 und an Chând.-Up. 8, 12, 4. 5: ›Wenn das Auge sich in den Raum richtet, so ist es der Geist im Auge usw.‹.


Janaka, der Fürst der Videha, veranstaltete eine Sitzung. Da kam Yâjnavalkya, und Janaka, der Fürst der Videha, sprach: ›Yâjnavalkya, warum wandertest du? Wünschest du Vieh oder eine kluge Unterredung?‹ »Beides wünsche ich, Großkönig. Laß hören, was dir irgend ein anderer schon gesagt hat.«

›Mir sagte Udanka Shaulbâyana: Brahman ist der Hauch.‹ »Wie einer, der Mutter, Vater und Lehrer hat, reden möchte, so hat Shaulbâyana gesagt, ›Brahman ist der Hauch‹, denn, was wäre mit einem, der nicht atmet? Hat er dir auch von dessen Stütze und Unterlage gesprochen?« ›Nein, davon sprach er nicht.‹ »Dann ist die Erklärung nur halb (›einfüßig‹).«

›So sag du es uns, Yâjnavalkya.‹ »Der Hauch ist die Stütze, der Äther seine Unterlage. Als etwas Liebes soll man es verehren.«[71]

›Worin besteht an ihm das Liebe, Yâjnavalkya?‹ »Eben in dem Hauch, Großkönig«, sprach er. »Dem Hauch [= Leben] zuliebe opfert man für einen, der nicht opferwürdig ist, empfängt man Gaben von einem, der nicht des Annehmens würdig ist; auch Todesfurcht tritt, wohin man auch gehe, o Großkönig, aus Liebe zum Hauch ein. Der Hauch, Großkönig, ist das höchste Brahman. Nicht verläßt den der Hauch, dem strömen alle Wesen zu; ein Gott wird er und gelangt unter die Götter, wer mit solcher Kenntnis es verehrt.«

›Tausend Elefanten und Stiere gebe ich dir‹, sagte Janaka, der Fürst der Videha.

Yâjnavalkya sprach: »Mein Vater meinte, nicht solle einer, ohne eine Belehrung erteilt zu haben, etwas annehmen. Wer sagte dir noch etwas?«

›Mir sagte Jitvan Shailina: Das Brahman ist die Stimme.‹ »Wie einer, der Mutter, Vater und Lehrer hat, reden möchte, so sagte Shailina: ›Brahman ist die Stimme‹; denn was wäre mit einem, der nicht spricht? Hat er dir auch von dessen Stütze und Unterlage gesprochen?« ›Nein, davon sprach er nicht.‹ »Dann ist seine Erklärung nur halb, Großkönig.«

›So sage du es uns, Yâjnavalkya.‹ »Die Stimme ist die Stütze, der Äther ist die Grundlage. Als Erkenntnis soll man es verehren.« ›Worin besteht an ihm das Erkennen?‹ »In der Stimme, Großkönig«, sprach er. »An der Stimme erkennt man den Verwandten, an der Stimme erkennt man Rik, Yajurveda, Sâmaveda, Atharvaveda, Itihâsa, Purâna, die Wissenschaften, Upanishaden, Shloken, Sûtren, Anuvyâkhyas und Vyâkhyas, Großkönig. Die Stimme, Großkönig, ist das höchste Brahman. Nicht verläßt den die Stimme, dem strömen alle Wesen zu; ein Gott wird er und gelangt unter die Götter, wer mit solcher Kenntnis es verehrt.«

›Tausend Elefanten und Stiere gebe ich dir‹, sagte Janaka, der Fürst der Videha.

Yâjnavalkya sprach: »Mein Vater meinte, nicht solle man,[72] ohne eine Belehrung erteilt zu haben, etwas annehmen. Wer sagte dir noch etwas?«

›Mir sagte Varku Vârshna: Das Brahman ist das Auge.‹ »Wie einer, der Mutter, Vater und Lehrer hat, reden möchte, so sagte Vârshna: ›Brahman ist das Auge‹; denn was wäre mit einem, der nicht sieht? Hat er dir aber auch von dessen Stütze und Unterlage gesprochen?« ›Nein, davon sprach er nicht.‹ »Dann ist seine Erklärung nur halb, Großkönig.«

›So sage du es uns, Yâjnavalkya.‹ »Das Auge ist die Stütze, der Äther ist die Grundlage. Als das ›Wahre‹ soll man es verehren.« ›Worin besteht bei ihm das Wahre, Yâjnavalkya?‹ »Im Auge, Großkönig«, sprach er. »Denn von dem, der mit dem Auge schaut, sagt man: ›Du sahst‹, und er sagt: ›Ich sah.‹ Das ist das Wahre. Das Auge, Großkönig, ist das höchste Brahman. Nicht verläßt den das Auge, dem strömen alle Wesen zu; ein Gott wird er und gelangt unter die Götter, wer mit solcher Kenntnis es verehrt.«

›Tausend Elefanten und Stiere gebe ich dir‹, sagte Janaka, der Fürst der Videha.

Yâjnavalkya sprach: »Mein Vater meinte, nicht solle man, ohne eine Belehrung erteilt zu haben, etwas annehmen. Wer sagte dir noch etwas?«

›Mir sagte Gardabhîvipîta Bhâradvâja: Das Brahman ist das Ohr.‹ »Wie einer, der Mutter, Vater und Lehrer hat, reden möchte, so sagte Bhâradvâja: ›Brahman ist das Ohr‹; denn was wäre mit einem, der nicht hört? Hat er dir auch von dessen Stütze und Grundlage gesprochen?« ›Nein, davon sprach er nicht.‹ »Dann ist seine Erklärung nur halb, Großkönig.«

›So sage du es uns, Yâjnavalkya.‹ »Das Ohr ist die Stütze, der Äther ist die Grundlage. Als das ›Unendli che‹ soll man es verehren.« ›Worin besteht seine Unendlichkeit, Yâjnavalkya?‹ »In den Weltgegenden, Großkönig«, sprach er. »Darum, o Großkönig, nach welcher Richtung einer geht, er kommt da nicht ans Ende. Unendlich sind die Weltgegenden.[73] Das Ohr sind die Weltgegenden. Das Ohr, Großkönig, ist das höchste Brahman. Nicht verläßt den das Ohr, dem strömen alle Wesen zu; ein Gott wird er und gelangt unter die Götter, wer mit solcher Kenntnis es verehrt.«

›Tausend Elefanten und Stiere gebe ich dir‹, sagte Janaka, der Fürst der Videha.

Yâjnavalkya sprach: »Mein Vater meinte, nicht solle man, ohne eine Belehrung erteilt zu haben, etwas annehmen. Wer sagte dir noch etwas?«

›Mir sagte Satyakâma Jâbâla: Das Brahman ist das Manas (Verstand).‹ »Wie einer, der Mutter, Vater und Lehrer hat, reden möchte, so sagte Satyakâma: ›Das Brahman ist das Manas‹; denn was wäre mit einem, der ohne Manas ist? Hat er dir auch von dessen Stütze und Grundlage gesprochen?« ›Nein, davon sprach er nicht.‹ »Dann ist seine Erklärung nur halb, Großkönig.«

›So sage du es uns, Yâjnavalkya.‹ »Das Manas ist die Stütze, der Äther ist die Grundlage. Als ›Freude‹ soll er es verehren.« ›Worin besteht seine Freude, Yâjnavalkya?‹ »Im Manas, o Großkönig«, sprach er. »Durch das Manas erfreut er sich der Frau. Von ihr wird ein ihm ähnlicher Sohn geboren. Darin besteht die Freude. Manas, Großkönig, ist das höchste Brahman. Nicht verläßt den das Manas, dem strömen alle Wesen zu; ein Gott wird er und gelangt unter die Götter, wer mit solcher Kenntnis es verehrt.«

›Tausend Elefanten und Stiere gebe ich dir‹, sagte Janaka, der Fürst der Videha.

Yâjnavalkya sprach: »Mein Vater meinte, nicht solle man, ohne eine Belehrung erteilt zu haben, etwas annehmen. Wer sagte dir noch etwas?«

›Mir sagte Vidagdha Shâkalya: Das Herz ist das Brahman.‹ »Wie einer, der Mutter, Vater und Lehrer hat, reden möchte, so sagte Shâkalya: ›Das Herz ist das Brahmam‹; denn was wäre mit einem, der kein Herz hat? Hat er dir auch von dessen Stütze und Unterlage gesprochen?« ›Nein, davon[74] sprach er nicht.‹ »Dann ist seine Erklärung nur halb, Großkönig.«

›So sage du es uns, Yâjnavalkya.‹ »Das Herz ist die Grundlage, der Äther ist die Stütze. Als ›Beharrlichkeit‹ soll man es verehren.« ›Worin besteht seine Beharrlichkeit, Yâjnavalkya?‹ »Im Herzen, o Großkönig«, sprach er. »Das Herz, o Großkönig, ist Unterlage aller Wesen, durch das Herz finden alle Wesen ihren Halt. Das Herz, o Großkönig, ist das höchste Brahman. Nicht verläßt den das Herz, dem strömen alle Wesen zu; ein Gott wird er und gelangt unter die Götter, wer mit solcher Kenntnis es verehrt.«

›Tausend Elefanten und Stiere gebe ich dir‹, sagte Janaka, der Fürst der Videha.

Yâjnavalkya sprach: »Mein Vater meinte, nicht solle man, ohne eine Belehrung erteilt zu haben, etwas annehmen.«


(IV, 1)


Da kam Janaka, der Videhafürst, von seinem Kissen ehrerbietig herbei und sprach: ›Verehrung dir, Yâjnavalkya, lehre mich.‹

Der sprach: »Wie jemand, o Großkönig, der auf eine Reise ausziehen will, einen Wagen oder ein Schiff nimmt, so hast du dich mit diesen Upanishaden versehen. So über alle hervorragend, reich, wie du bist, vedenkundig und in den Upanishaden belehrt: Wohin wirst du gehen, wenn du von hier abscheidest?«

›Ich weiß es nicht, Ehrwürdiger, wo ich hingehen werde.‹

»Dann will ich es dir sagen, wo du hingehen wirst.«

›Sage es, Ehrwürdiger.‹

Der sprach: »Indha mit Namen heißt der Purusha [Mann] im rechten Auge1. Ihn nennt man, obwohl er Indha [ein Entflammer] ist, heimlich Indra. Denn die Götter lieben das Heimliche und scheuen das Offene.

Die menschliche Gestalt im linken Auge ist seine Gattin Virâj. Der Ort ihrer Unterhaltung ist der Raum im Inneren[75] des Herzens; ihre Speise der Blutklumpen im Herzen, ihre Hülle das Netzähnliche im Herzen; der Weg, der ihnen zum Wandeln dient, die Ader, die aus dem Herzen emporsteigt.

Die Adern des Herzens, Hitâ benannt, sind wie ein tausendfach gespaltenes Kopfhaar. Auf ihnen fließt ihm das Flüssige zu. Darum hat er feinere Nahrung als der Âtman im Körper.

Der von diesem Purusha nach Osten gehende Hauch ist der Osten, der nach Süden gehende der Süden, der nach Westen gehende der Westen, der nach Norden gehende der Norden, der nach oben gehende die obere Region, der nach unten gehende die untere Region, alle Hauche sind alle Weltgegenden.

Dieser Âtman heißt: ›na, na‹2. Unfaßbar, wird er nicht gefaßt; unzerstörbar, wird er nicht zerstört; nicht haftend, nicht gebunden, haftet er nicht, schwankt er nicht. Freiheit von Gefahr hast du, Janaka, erreicht«, so sagte Yâjnavalkya. Da sprach Janaka, der Fürst der Videha: ›Verehrung sei dir, Yâjnavalkya. Freiheit von Gefahr möge dir, Ehrwürdiger, zuteil werden, der du uns die Freiheit von Gefahr kennen lehrst. Hier sind die Videher; hier bin ich.‹


(IV, 2)

1

Shat.-Brâhm. X, 5, 2, 9: »Die Person im rechten Auge ist Indra, die andere Indrânî.« Siehe auch Chând.-Up. VIII, 7, 4.

2

Man übersetzt das hier eigentlich unübersetzbare neti neti in der üblichen Weise mit »nicht, nicht«; meine Einwendungen dagegen habe ich ZDMG. 69, 105 zum Ausdruck gebracht; es liegt ein Wortspiel vor, das an den Doppelsinn von na = »ja« (für nai, veraltet) und = »nicht« anknüpft und den deutelustigen Theologen willkommen war.

Quelle:
Upanishaden. Altindische Weisheit aus Brâhmanas und Upanishaden. Düsseldorf/Köln 1958, S. 71-76.
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