IV. Die Gewöhnung bei Arbeitsstörung

und Arbeitskombination

[94] Der Begriff der »Gewöhnung« gewinnt nun, in etwas anderer Wendung, erhebliche Bedeutung speziell auf dem Gebiet der »Arbeitsstörung« und »Arbeitskombination«. Das Milieu, in welchem sich eine Arbeit vollzieht, übt fortgesetzte Einflüsse aus, welche die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, also von der Arbeit »abzulenken« trachten. Das Maß der »Ablenkungsfähigkeit« oder umgekehrt der Widerstandsfähigkeit dagegen: der »Konzentrationsfähigkeit«, ist individuell sehr verschieden. Sie gilt als eine generelle, häufig in ererbten Anlagen begründete, Disposition, was jedoch nicht ausschließt, daß Individuen von gleicher genereller Sammlungsfähigkeit sich den gleichen Arten von störenden Einflüssen gegenüber sehr verschieden ablenkbar verhalten: Die individuelle Geschichte der Persönlichkeiten sowohl wie die sonstigen Unterschiede ihrer Veranlagung (z.B. etwa der musikalischen) begründen eben sehr oft tiefgehende Verschiedenheiten der »Empfänglichkeit« für ganz die gleichen Eindrücke. In jedem Falle stellt die, sei es angeborene oder erworbene, Fähigkeit zur »Konzentration« eine äußerst wichtige Komponente der Arbeitsleistungsfähigkeit eines Individuums dar. Sie kann sowohl dem erreichbaren Grade, wie dem Tempo nach, in welchem diese gegenüber störenden Einflüssen erreicht wird, verschieden sein. – Das Maß der Wirkung ablenkender Einflüsse ist natürlich am stärksten bei solchen, die neu, »ungewohnt« sind, um dann rasch abzunehmen. Die Schnelligkeit, mit der ein Individuum an Widerstandsfähigkeit gegen bestimmte, ihm ungewohnte, Ablenkungen zu nimmt, sich an sie »gewöhnt«, seine Gewöhnungsfähigkeit, ist daher ebenfalls von erheblicher Tragweite für seine Leistungsfähigkeit. Die »Gewöhnungsfähigkeit« in diesem Sinn ist vermutlich in nicht unerheblichem Maße durch »Uebung« erwerbbar. Das heißt: die zunehmende Gewöhnung an bestimmte Störungen bei Arbeiten einer konkreten Art wirkt – dies scheint auch experimentell nachweisbar – auch beim Uebergang zu Arbeiten anderer[94] Art nach. Inwieweit die »Gewöhnung« an bestimmte Arten von Störungen auch die Gewöhnungsfähigkeit für andersartige Störungen steigert, scheint noch nicht festgestellt zu sein.

»Störungen« und »Ablenkungen« können nun auch bestehen in der Nötigung, neben einer kontinuierlichen Arbeit noch eine andere Leistung, sei es nur gelegentlich, sei es diskontinuierlich wiederkehrend, sei es endlich ebenfalls dauernd, zu vollziehen, also: in der zeitlichen Kombination einer Leistung mit einer anderen Nebenleistung. Unter den Begriff von »Störungen« im eigentlichen Sinne des Worts wird diese allerdings nur dann fallen, wenn 1. die eine von beiden Leistungen als »Hauptleistung«, die andere als »Nebenleistung«, die störend zu jener hinzutritt, angesehen werden kann, und wenn 2. beide Leistungen untereinander heterogen sind, so daß sie sich nicht zu einer aus Einzelleistungen bestehenden Gesamtleistung zusammenfügen. Indessen ist, ad 1, der Fall, daß keine der beiden Sonderleistungen als Hauptleistung angesehen werden kann, dem Prinzip nach dem Fall der »Störung« (im engeren Sinn) gleichartig, und ad 2 ist, falls etwa praktische Unterschiede bestehen sollten, doch der Uebergang von »kombinierten« zu »Gesamtleistungen« natürlich ein gänzlich flüssiger. Denn letztlich läßt sich zum mindesten eine sehr große Anzahl von »einheitlichen« Arbeiten des Alltagslebens, wohl die übergroße Mehrzahl aller, in eine Mehrheit von Einzelleistungen zerlegen, die keineswegs immer als schon ihrer Natur – d.h. der Art der Inanspruchnahme des psychophysischen Apparates – nach aneinander angepaßte Teilstücke einer Einheitsleistung erscheinen. Selbst ein so »einfacher« Vorgang z.B. wie das »Lernen« von Silben erscheint gegenüber dem »Lernen« von Zahlen, wenn dies letztere rein »motorisch« erfolgt, dadurch kompliziert und »gestört«, daß beim Silbenlernen das »akustische Bild« stärker mitwirkt und dadurch kompliziertere innere Anpassungen notwendig macht. Erst recht aber bestehen massenhafte Arten gewerblicher Arbeitsleistungen aus einem Ineinandergreifen und aus gelegentlicher Abwechslung mehrerer Verrichtungen, die ganz verschiedene Organe und Fähigkeiten oder dieselben Organe in verschiedenem Sinn in Anspruch nehmen. Insofern ist also mit Recht die (bisher wesentlich »geistige« Leistungen betreffende) experimentalpsychologische Untersuchung der »kombinierten« und »Gesamt«leistungen von dem Begriff der »Störung« ausgegangen. – Natürlich liegt eine »Kombination«[95] mehrerer Leistungen in dem hier erörterten Sinne nur da vor, wo es sich nicht – wie, am einfachsten, bei der Aufeinanderfolge von »Auffassung« des »Reizes« und »Reaktion« auf den Reiz – um einen sukzessiven Ablauf innerer Vorgänge handelt, von denen jeder folgende durch den vorhergehenden bedingt wird. Dagegen kann natürlich der Ablauf der Reaktion auf einen Reiz durch die gleichzeitige Aufnahme eines anderen »gestört« werden, wie ebenso die Aufnahme zweier verschiedener Reize oder die Reaktionen auf sie miteinander im Sinne von »Störungen« kollidieren können. Prinzipiell kann man ferner von gegenseitiger »Störung« zweier Leistungen nur dann sprechen, wenn sie simultan vollzogen werden. Allein nun ist – wenn man unter »Gewöhnung« auch den Vorgang innerer Anpassung der verschiedenen simultanen, einander »störenden«, Einzelleistungen aneinander bezeichnet – es fraglich, ob dieser »Gewöhnungs«vorgang nicht wesentlich gerade in der Verwandlung »simultaner« in »sukzessive« Leistungen besteht? Ziemlich wahrscheinlich scheint es jedenfalls gemacht zu sein, daß ein erheblicher Teil ihrer derart verläuft: daß eine der miteinander kombinierten Leistungen in die (subjektiv oft unmerklichen) kleinen Pausen, die im Rhythmus des Ablaufs der anderen sich finden, hineingezwängt wird, die »innere Anpassung« also in einer solchen Ausgestaltung des Rhythmus der Einzelleistungen besteht, daß dies: das heißt also: eine Verwandlung kontinuierlicher simultaner in rhythmisch alternierende Leistungen, möglich wird. Ein Teil der Bedeutung des »Rhythmus« für die Arbeit würde – wenn diese Hypothese richtig wäre – vielleicht eben hierauf beruhen. Immerhin erschöpft dies die Art des Verlaufes der »Gewöhnung« anscheinend keineswegs. Eine andere Form ihres Ablaufes scheint in einer Umwandlung der psychophysischen Technik einer der beiden Leistungen zu bestehen, derart, daß der psychophysische Apparat für die andere frei wird. Unter dieses Schema fällt, ganz allgemein, schon die Erfahrung, daß bei komplizierten Leistungskombinationen ein möglichstes Maximum der Einzelbestandteile möglichst schnell (durch erhöhte Anfangsanstrengung) »mechanisiert« und dadurch das Zentralorgan für die Inanspruchnahme durch andere Leistungen freigesetzt wird. Aber jenes Prinzip beherrscht auch die technischen Einzelhergänge der Arbeit in ihrer qualitativen Gestaltung. So hat z.B. Vogt wahrscheinlich gemacht, daß bei einer Kombination von fortlaufenden Additionsleistungen[96] mit (gleichzeitigem) Hersagen eines (bekannten) Gedichtes für den Vollzug der von der Versuchsperson gewöhnlich unter Benützung des Sprachklangbildes (»akustisch-motorisch«) vollbrachten Additionsleistung nunmehr (unbewußt) die optischen Zahlenbilder als Mittel substituiert, der Ablauf des (dadurch wesentlich anstrengender gestalteten) Addierens also von demjenigen Teil des psychophysischen Apparates, welcher für die andere Leistung (Gedichthersagen) benötigt wurde, sozusagen auf eine Surrogatmaschinerie gedrängt wurde. Die Kombination mehrerer simultaner Einzelleistungen ist also nicht einfach eine Summe dieser, sondern kann qualitative Aenderungen ihrer Ableistungsart bedingen. Derartige Vorgänge komplizieren die »technische« Art, wie sich die »Einübung« kombinierter Leistungen vollzieht, ungemein, und sie entscheiden zugleich über den Grad, in welchem die Einzelleistungen sich gegenseitig »stören«, also auch über die Schwierigkeit der Kombination. Es scheint, daß mehrere simultane Leistungen sich um so weniger stören, je weniger sie zu ihrem Vollzuge auf die gleichen technischen Mittel angewiesen sind: »den gleichen Draht benützen« müssen, wie Vogt es ausdrückt. Leistungen, die sich in den technischen Mitteln, die sie erstreben, besonders nahestehen, stören sich also gegenseitig am stärksten. Zwei untereinander in dieser – »technischen« – Hinsicht völlig identische Leistungen können nie wirklich simultan, sondern in Wahrheit stets nur alternierend vollzogen werden. Je heterogener dagegen in jenem rein »technischen«, psychophysischen (nicht etwa, wie schon oben gesagt, im logischen oder sachlichen) Sinn geistige Leistungen sind, desto leichter sind sie ceteris paribus (im Prinzip) simultan psychophysisch kombinierbar. Womit nicht gesagt ist, daß es nicht (vielleicht!) auch Leistungen geben könnte, die umgekehrt infolge allzu starker psychophysischer Heterogenität schwerer kombinierbar, weil etwa schwerer in der Rhythmisierung aneinander anpaßbar oder etwa auch schwerer zu einer, die »Aufmerksamkeit« weniger in Spannung haltenden »Gesamt«leistung zusammenziehbar sein können. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß die größere oder geringere Fähigkeit der Kombination mehrerer Leistungen in hohem Grade auch Funktion individueller Differenzen in der Technik ist, die dem einzelnen für den Vollzug bestimmter einzelner in der Kombination enthaltener Leistungen die adäquateste ist: je[97] nachdem er also z.B. das »Lernen« visuell, oder auditiv, oder motorisch vollzieht, oder je nachdem er die eine oder die andere »Reaktion« leichter oder schwerer zu mechanisieren oder in einer für die Anpassung an die übrigen Leistungen geeigneten Art zu rhythmisieren imstande ist usw. Es folgt daraus ferner, daß die Frage, ob die Kombination mehrerer Einzelleistungen zu einer simultanen Gesamtleistung oder umgekehrt die möglichste Zerlegung einer Gesamtleistung in sukzessiv zu vollziehende Einzelleistungen »ökonomischer« ist, d.h. in einer gegebenen Zeiteinheit mehr Gesamteffekt einbringt 1. je nach den psychophysischen Verwandtschaftsverhältnissen der betreffenden Einzelleistungen, und 2. je nach den individuellen – sei es auf ererbter Anlage, sei es auf anhaltender Gewöhnung beruhenden – Differenzen der psychophysischen Arbeitstechnik des einzelnen Individuums beim Vollzug jeder dieser Einzelleistungen, gänzlich verschieden sein können, – was für die Theorie der Arbeitszerlegung und »Spezialisierung« nicht unwichtig ist.

Es erklären sich ferner, wie es scheint, aus der Eigenart jener Anpassungsvorgänge auch gewisse Eigentümlichkeiten des Verlaufs der Arbeitskurven kombinierter Leistungen. Bei einer von Anbeginn an (z.B. durch ungewohntes Milieu, ebenso aber durch Kombination mit einer anderen Leistung) »gestörten« Leistung tritt die Steigerung der Leistung, wie es scheint, oft wesentlich schneller und stärker ein, als der bloße Einfluß des Uebungsprozesses es nach den Erfahrungen bei ungestörten Leistungen bedingen würde, insbesondere, wie der Versuch zeigt, auch schneller, als wenn die gleiche Arbeit ohne »Störung« begann und weitergeführt wird. Andererseits stellt sich die »Ermüdung« bei der »gestörten« resp. kombinierten Arbeit nicht selten langsamer ein als bei der »ungestörten«, ja, die Leistungen in späteren Arbeitsstunden scheinen bei der »gestörten« Arbeit sehr oft größere zu sein, als der normale Uebungszuwachs erwarten läßt. Diese Ergebnisse, welche die kompliziertere Arbeit als die weniger ermüdende und leichter einübbare erscheinen lassen, würden – die Richtigkeit der Beobachtungen vorausgesetzt – nur dem Anschein nach paradox sein, wie Vogt überzeugend darlegt. Sie erklären sich einfach daraus, daß die »gestörte« Leistung – also, bei einer kombinierten Leistung, jede der Einzelleistungen, in die sie sich zerlegen läßt – infolge der »Störung« auf wesentlich niedrigerem Niveau einsetzt[98] als die ungestörte. Daher erhebt sich die Leistung mit fortschreitender »Gewöhnung« und innerer Anpassung an die »Störung« bzw. an die übrigen Leistungen wesentlich schneller zu ihrem Maximum, als bei ungestörten Leistungen, weil eben nicht nur die fortschreitende Uebung, sondern auch die zunehmende Anpassung an die »Störung« zur Geltung kommt und weil diese oft gerade gegen Ende der Arbeit erst ihre volle Höhe erreicht. Das Maximalniveau der »gestörten« Leistungen, also: bei kombinierter Leistung dasjenige jeder Einzelleistung, für sich betrachtet, bleibt hinter dem Niveau jeder von ihnen, wenn sie ungestört verläuft, natürlich regelmäßig (auf die Dauer nicht immer) sehr merklich zurück. Es kann dadurch, unter Umständen, der Ermüdungseinfluß nicht nur jeder Einzelleistung, sondern auch mehrerer simultan kombinierter Einzelleistungen zusammen, geringer, also insofern die Leistungskombination arbeitsökonomischer sein, als bei sukzessivem gesondertem Vollzug der Einzelleistungen. Ob dies der Fall ist oder nicht, hängt unter anderem natürlich von der größeren oder geringeren Schwierigkeit ab, die kombinierten Einzelleistungen in die gegenseitigen rhythmischen Pausen hineinzuverlegen, überhaupt aber davon, ob die Anpassung derselben aneinander besonders schwierig ist, ob sie also nicht nur, wie stets, eine Verzögerung, sondern auch spezifische Anstrengungen verursacht oder nicht, endlich auch davon, ob dabei das Maß der Arbeit – wie das bei motorischen im Gegensatz zu sensorischen Leistungen der Fall ist – durch den Willen stark steigerungsfähig, damit aber auch stark ermüdend, ist. – Aehnlich steht es mit der Uebung bei gestörten oder kombinierten Leistungen. Ihr Effekt tritt bei solchen weniger rein zutage, als bei einfachen Leistungen, und die Kombination ihrer Wirkungen mit denjenigen der »Gewöhnung« gibt oft stark abweichende Bilder der Leistungskurven. Die »Gewöhnungs«anstrengung scheint, vielleicht weil sie oft auf einer ziemlich komplizierten Anpassungstechnik, besonders auf der Hineinpressung einer Leistung in die Pausen der anderen nach vorauf gegangener Rhythmisierung beruht, flüchtiger zu wirken, als die Uebung. Wäre dies richtig, dann wäre es auch begreiflich, daß, wie Vogt für einige Fälle »gestörter« bzw. kombinierter Arbeiten feststellt, im geraden Gegensatz zu dem rascheren Ansteigen der Leistung während des einzelnen kontinuierlichen Arbeitstages, der Fortschritt der Arbeitsleistung von[99] einem Arbeitstage zum anderen kleiner wäre, als dies bei ungestörten Einzelleistungen der Fall sein würde. Dem starken Gewöhnungsfortschritt innerhalb des einzelnen Arbeitstages stände dann ein starker Gewöhnungsverlust von einem Arbeitstage zum andern gegenüber. Bei Individuen mit besonders starker »Ablenkbarkeit« oder geringer »Gewöhnungsfähigkeit«, ebenso auch bei Arbeiten, welche die innere Anpassung ihrer Einzelbestandteile aneinander sehr erschweren, würde daher auch die Arbeitskurve der gestörten Arbeit oft dauernd ihre charakteristische Abweichung von derjenigen der ungestörten Arbeit beibehalten. Gerade Individuen mit geringer Gewöh nungsfähigkeit könnten daher, da für ihre Arbeitskurven die jeden Tag neu zu vollziehende innere Anpassung ausschlaggebend wäre, speziell bei komplizierten Arbeiten den Eindruck spezifisch geringer Ermüdbarkeit, also stark während des Arbeitstages ansteigender und lange anhaltender Arbeitsfähigkeit, mithin: eines besonders günstigen »Uebungs«verlaufs, vortäuschen. Bei Vorherrschaft kombinierter Arbeitsleistungen könnten, aus den gleichen Gründen, unter Umständen lange Arbeitszeiten spezifisch zweckmäßig sein oder doch scheinen. Je mehr umgekehrt ein Arbeitsprozeß in seine einfachsten Elementarleistungen zerlegt, also »Störungen« und »Kombination« beseitigt würden, desto mehr gelangte lediglich der Antagonismus von Ermüdung und Uebung zur Geltung, und desto früher machte sich also, nach erreichtem Uebungsmaximum während des Arbeitstages, die Arbeitsermüdung durch Leistungsabnahme fühlbar, desto weniger also würde durch lange Arbeitszeiten das Leistungsoptimum erreicht werden können, – alles dies unter der Voraussetzung, daß jene psychophysischen Gedankengänge wirklich zutreffend sind.

Eine gewisse Rolle könnten denkbarerweise für die Frage der Arbeitsökonomie kombinierter oder fraktionierter Leistungen schließlich auch gewisse allgemeine »geistige« Bedingungen des Funktionierens der »Aufmerksamkeit« spielen. Auf dem Gebiet der Lernökonomie hat, bei Behandlung der Streitfrage: ob Lernen (z.B.: eines Gedichtes) im ganzen oder in Einzelteilen arbeitsökonomischer sei, Christo Pentschew experimentell wahrscheinlich zu machen gesucht: daß das Lernen im ganzen 1. nach der Zahl der erforderlichen Wiederholungen, 2. nach der insgesamt erforderlichen Zeit, 3. nach dem Effekt:[100] der Festigkeit des Haftens im Gedächtnis also, günstigere Resultate erziele, weil die Aufmerksamkeit dabei besser ausgenützt werde, als bei fraktioniertem Lernen. Dies hängt, wenn es generell zutrifft, letztlich wohl sicherlich mit dem Umstand zusammen, daß ein sinnvolles Gebilde geistig ungleich leichter aufgefaßt und, als Ganzes, dem geistigen Besitzstande einverleibt werden kann, als seine entweder direkt sinnlosen oder doch – wie in diesem Fall – jedenfalls nicht den vollen »Sinn« enthaltenden, insofern also immerhin minder »sinnvollen« Einzelbestandteile: sinnlose Einzelsilben z.B. erfassen und erlernen gerade Kinder weit schwerer als Erwachsene. Eine einfache Uebertragung dieses Gesichtspunktes von dem Gebiet der Gedächtnisleistungen auf andere Arbeitsgebiete ist natürlich nicht möglich. Immerhin wäre es wenigstens denkbar – ob irgend wahrscheinlich, darf der Laie nicht zu beurteilen wagen –, daß in gewissen Fällen die Einübung eines zweckvoll und leicht verständlich, im Hinblick auf einen bestimmten Leistungserfolg, kombinierten gewerblichen Arbeitsvorgangs wenigstens in den Anfangsstadien des Lernprozesses die Einübung psychisch mehr erleichterte als bei Zerlegung in sinnlose Handgriffe. Doch fehlen darüber offenbar exakte Erfahrungen und es ist sehr möglich, daß etwas Aehnliches nicht besteht. – Im übrigen treten die allgemeinen psychophysischen Unterlagen der »Einübung« auch in dem von Pentschew erörterten Fall darin zutage, daß, entsprechend der nach Tempo und Effekt (beim Lernen im Ganzen) gesteigerten Leistung auch die Ermüdung infolge der gesteigerten Inanspruchnahme der Aufmerksamkeit stärker ist.

Ueber die, wie alles vorstehend Gesagte zeigt, arbeitsökonomisch sehr wichtige Frage der größeren oder geringeren Schwierigkeit der (simultanen) Kombination mehrerer Leistungen zu einer »Gesamtleistung« liegen erst einige, einer systematischen Zusammenfassung wohl vorerst noch nicht fähige, Erfahrungen vor. Das oben erwähnte allgemeine Prinzip, wonach die psychophysische Verwandtschaft (die Benutzung des »gleichen Drahtes«) entscheiden soll, erleidet im einzelnen mancherlei Komplikationen. Zunächst setzt sich jede, auch die psychophysisch »einfachste« Leistung, doch aus einem Ablauf mehrerer aneinander geketteter Vorgänge zusammen, »geistige« Leistungen insbesondere zum mindestens aus – irgendwie gearteten – »Auffassungs«vorgängen und der entsprechenden »Reaktion«. Beide können wieder sehr[101] mannigfaltig kombinierte Leistungen darstellen, es können Leistungen der »Merkfähigkeit« dazutreten usw. Wenn nun mehrere »Einzel«leistungen kombiniert werden, so fragt es sich stets, welche von den sukzessiven Teilvorgängen jeder einzelnen von ihnen durch die »Störung«, welche sie gegenseitig aufeinander ausüben, am stärksten betroffen wird und wie sich also die Wirkung auf die sukzessiven Teilvorgänge verteilt. Dies ist natürlich je nach den Qualitäten der Leistungen ganz verschieden. Es scheint, daß die Reaktionsleistung – an Schnelligkeit und Sicherheit – stärker durch Störung leidet, als die bloße Auffassung, und diese auch weniger als etwaige in Anspruch genommene Gedächtnisleistungen. Motorische Störungen scheinen auf motorische Leistungen (wenn diese generell heterogener Art sind, s. o.), auf die Dauer relativ wenig beeinträchtigenden Einfluß auszuüben. Dagegen erleidet z.B. ein unter Störung »motorisch« Lernender (s. o.) anscheinend um deswillen eine stärkere relative Herabminderung seiner Leistungsfähigkeit, weil er (s. o.) spezifisch schneller zu arbeiten pflegt, und deshalb die Pausen, in welche die »Störungsleistung« hineinverlegt werden könnte, geringer sind als bei optisch (durch Gesichtsbilder) Lernenden. Handelt es sich ferner um die Kombination mehrerer in sich schon – psychophysisch betrachtet – komplizierter Leistungen, dann werden die Wirkungen der gegenseitigen Störungen bei jeder solchen weiteren Kombination immer komplizierter. Namentlich tritt auch hier dem Verständnis der Vorgänge die »vulgärpsychologische« Gewöhnung in den Weg, die Leistungen nach dem Effekt, nicht nach der psychophysischen Technik, zu klassifizieren. Was, vom »Effekt« aus betrachtet, als »Hauptbestandteil« einer Leistung erscheint, ist es keineswegs immer auch der psychophysischen Relevanz nach. Eine – vom Standpunkt des Effekts der Leistung aus angesehen – geringfügige Aenderung einer Leistung, namentlich eine Modifikation der Reaktionsform, kann für ihre Kombinationsfähigkeit mit andern entscheidend wichtig werden7. Was die verschiedenen Gattungen von Leistungen des psychophysischen Apparats anlangt, so glaubt Vogt feststellen zu können, daß Willens-, Gedächtnis- und Assoziationsleistungen sowohl selbst, beim Hinzutritt[102] zu anderen Leistungen, auf diese letzteren am stärksten »störend« wirken, als auch umgekehrt ihrerseits durch jene anderen am stärksten gestört werden. – In welchem Maße also die Einzelleistungen durch Kombination herabgesetzt werden, ist je nach ihrer Qualität ganz verschieden und darnach auch die arbeitsökonomische Bedeutung der Kombination oder umgekehrt der Zerlegung komplizierter Leistungen. Es scheint vorzukommen, daß, nach einer gewissen Gewöhnungszeit, mehrere kombinierte Leistungen ohne jeden Störungseinfluß vollzogen werden (natürlich aber: mit entsprechender Steigerung der Ermüdungswirkung). Und ebenso gestaltet sich, wie schon früher angedeutet, (vermutlich) die Arbeitsökonomie der Kombination beziehungsweise Zerlegung durchaus verschieden, je nach den psychophysischen Mitteln, welche der Arbeitende zur Hervorbringung einer bestimmten Leistung verwendet, je nachdem er z.B. in bestimmten Fällen »sensorisch« oder »motorisch« reagiert.

Mit dem Probleme der Beeinflussung verschiedener simultaner Leistungen durcheinander ist die andere Frage, wie die Sukzession verschiedenartiger Leistungen die Einzelleistung beeinflußt, nahe verwandt. Experimentell untersucht ist dabei bisher (begreiflicherweise) nur die Frage: wie der unmittelbare Arbeitswechsel während eines kontinuierlichen Arbeitstages wirkt, nicht aber die andere, für die ökonomische Betrachtung wichtigere: wie ein in längern Perioden – z.B. Monaten oder doch Arbeitswochen – einsetzender Wechsel der ganzen Beschäftigungsart wirken würde. Was nun den stundenweisen Arbeitswechsel anlangt, so interessierte die Experimentatoren im wesentlichen die Frage: wie der Verlauf der Ermüdung beeinflußt, ob insbesondere das Fortschreiten der Ar beitsermüdung durch Einschaltung möglichst heterogener Arbeiten in eine kontinuierliche Leistung gehemmt oder gar aufgehoben werden könne. Kraepelins auf Grund der eigenen Experimente und derjenigen seiner Schüler (namentlich Weygandts) gewonnene Meinung zur Sache ist eigentlich schon in seiner früher wiedergegebenen Auffassung des Wesens der geistigen Ermüdung resümiert. Er bestreitet in Konsequenz jener Auffassung – und im Gegensatz zu dem frühern »Dogma« der Schulmänner, daß »im Wechsel die Erholung liege«: eine Ansicht, auf der ein erheblicher Teil der Stundenplanordnung der Schulen ruhte – jeden derartigen Einfluß: »Nur die Schwierigkeit der Leistung ist für[103] den allgemeinen Ermüdungsgrad maßgebend, nicht ihre Art.« Ein Wechsel der Arbeit setzt nur dann das Tempo des Ermüdungsfortschrittes herab, wenn die eingeschaltete Arbeit leichter ist als die Hauptarbeit, im umgekehrten Fall dagegen steigert die Einschiebung auch die Ermüdung entsprechend, und wenn man mit zwei Arbeiten abwechselt, so wird folglich die an sich schwerere von ihnen – infolge der geringeren Ermüdung – leichter, die an sich leichtere dagegen – infolge der stärkeren Ermüdung – schwerer ertragen, als dies (in den betreffenden Arbeitsabschnitten) geschehen wäre, wenn nur eine von ihnen kontinuierlich geübt worden wäre.

Da auch Weygandt zu dem Ergebnis kam, daß sich ein Unterschied je nach der Art der Wechselarbeiten nicht finden lasse, daß insbesondere auch die Meinung, man könne durch den Wechsel mehrerer möglichst heterogener Arbeiten »Erholung« schaffen, sich experimentell nicht – jedenfalls nicht für die bisher untersuchten Arbeitsarten – bestätige, so wird (s. o.) von ihm und auch von Kraepelin die Möglichkeit partieller geistiger Ermüdung überhaupt abgelehnt, und darin ein strikter Gegensatz gegen die Arbeit der Muskeln, welche eine große Zahl voneinander unabhängiger Tätigkeitsgebiete darstellen, deshalb einzeln ermüden und sich erholen können, gefunden. Es scheint nach den Ergebnissen anderer Arbeiten und auch nach manchen anderweiten Aeußerungen Kraepelins selbst, immerhin mit der Möglichkeit gerechnet werden zu müssen, daß diese Auffassung, wenigstens in dieser Schärfe, nicht aufrecht erhalten werden kann. Es handelt sich, praktisch betrachtet, ohnehin doch nur um Gradunterschiede. Denn was die Muskelermüdung anlangt, so steht ja, wie früher erwähnt, fest, daß auch sie in immerhin nicht ganz geringem Umfang »genereller« Art ist: anhaltendes Marschieren ermüdet z.B. auch die Arme, und schon ein bloßer Spaziergang von langer Dauer scheint auf die nachfolgende geistige Arbeit ermüdend zurückzuwirken. Kraepelin selbst bestreitet diese Erfahrungen keineswegs und führt sie (s. o.) darauf zurück, daß diese Ermüdungs wirkungen dem Bereiche der Willensauslösungen, also dem Zentralorgan, entstammten. Insofern ist also, im praktischen Effekt, natürlich auch nach Kraepelins Ansicht der Einfluß auch physischer Leistungen ein indirekt (durch Vermittlung des Zentralorgans) genereller.

Auch Kraepelin gibt ferner doch eine Möglichkeit der Leistungssteigerung als Folge eingeschobener andersartiger Arbeiten[104] zu. Die (von ihm als möglicherweise richtig zugestandene) Beobachtung: daß der Vollzug leichterer geistiger Arbeiten durch voraufgegangene oder eingeschobene schwerere Arbeiten vielleicht direkt erleichtert werde, begründet er damit, daß die größere Willensanspannung von der vorangegangenen schwereren Leistung hier noch nachwirke. Was also bedeuten würde, daß unter Umständen durch den Arbeitswechsel die Leistung – natürlich aber damit, nach Kraepelins Theorie, auch die »objektive« Gesamtermüdung – gesteigert werden kann. Auch an prinzipiellen Ablehnungen der Theorie von der stets generellen Wirkung geistiger Ermüdung überhaupt fehlt es in der Literatur nicht ganz. Eine solche Ablehnung müßte sich freilich, wenn sie prinzipiell sein wollte, in letzter Linie wohl gegen Kraepelins Ermüdungsbegriff überhaupt richten. In praktischer Hinsicht ist bisher gelegentlich behauptet (wenn auch wohl noch nicht einwandsfrei erwiesen) worden: Es sei möglich, einen Arbeitstag aus Arbeitsleistungen verschiedener Art, bei geeigneter Unterbrechung durch Pausen, der Art zusammenzusetzen, daß überhaupt keine Arbeitsermüdung stattfinde. Der Nichtfachmann wird sich hier keinerlei Meinung anmaßen wollen. Nach manchen von Weygandts Einzelexperimenten könnte man den Eindruck gewinnen, daß vielleicht, je nach der Arbeitstechnik, jeder Einzelfall verschieden liegt. Im übrigen sind die Schwierigkeiten – wenn sie vorliegen – offenbar durch die ebenso sinnreichen wie komplizierten Begriffe von Ermüdung usw., welche Kraepelin geschaffen hat, bedingt.

Gar nicht (oder so gut wie gar nicht) untersucht ist, wie gesagt, die Wirkung des Arbeitswechsels innerhalb längerer Arbeitsperioden. Wo in eine experimentell geprüfte Leistung ganze Erholungstage oder Tage mit andersartigen Leistungen: z.B. Spazierengehen statt Addieren usw., eingeschoben wurden, geschah dies wesentlich behufs Messung des – für jenes Problem allerdings sehr wichtigen – Uebungsverlustes oder zu ähnlichen Zwecken, nicht aber um die Oekonomie der Leistung bei Arbeitswechsel zu erproben, und es liegt auch auf der Hand, daß dies – von anderen Schwierigkeiten abgesehen – experimentell nur in weit längeren Zeiträumen durchführbar wäre, als vermutlich eine und dieselbe Versuchsperson zur Verfügung stehen könnte. A priori, d.h. in diesem Fall: auf Grund anderweitiger bisher festgestellten Tatsachen, läßt sich über die Chancen des periodischen[105] Arbeitswechsels wenig, und mit Sicherheit eigentlich nur sagen: daß er je nach der Eigenart der Leistungen sowohl wie der Person vermutlich sehr verschiedene Ergebnisse zeitigen müßte. Neben der »Uebungsfähigkeit« und »Uebungsfestigkeit« der betreffenden Person käme vor allem ihre »Gewöhnungsfähigkeit« in Betracht. Die Leistungen würden sich also wohl jedenfalls je nach dem Maße der Kompliziertheit, je nach dem Grade also, in welchem »Gewöhnung« eine Rolle für die Leistung spielt, verschieden gestalten. Bei kombinierten Gesamtleistungen, welche nicht leicht in ihre Elemente zerlegbar wären, könnte, bei einem sehr »gewöhnungsfähigen« Arbeitspersonal, der Wechsel vielleicht günstig, bei starker Zerlegung der Leistungen in ihre einfachsten Elemente und Arbeitern von großer »Uebungsfähigkeit« vielleicht die Festhaltung bei der gleichen Leistung zweckmäßiger sein; je nach Lage der Dinge könnte also aus Gründen der Eigenart des Arbeitsprozesses und der Eigenart der Arbeiterschaft heraus ein bestimmter Fortschritt der Arbeitsspezialisierung und die Festhaltung jedes Arbeiters bei seiner Spezialität arbeitsökonomisch ganz verschieden wirken. Doch läßt sich darüber allgemein gar nichts sagen, es käme darauf an, die Einzelfälle zu studieren.


Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitk. Hrsg. von Marianne Weber. Tübingen 21988, S. 94-106.
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