XI. Akkordverdienste und Leistungsdifferenzen

[175] Wir wollen im nachstehenden eine Anzahl von Zahlenreihen analysieren, welche den Lohnbüchern und Stuhluhrregistraturen eines (schon mehrfach zitierten) Webereibetriebes entnommen und, in der früher erörterten Art, in Prozente von Durchschnitten oder von Maxima, umgerechnet sind. Ausschließliches Ziel dabei soll sein, in ganz ungefähren Umrissen ein Bild davon zu gewinnen, ob und an welchen Stellen man überhaupt Chance hätte, auf »psychophysisch« bedingte Momente zu stoßen.

Auf den ersten Blick bieten nun solche Zahlen ein scheinbar gänzlich willkürliches Chaos. Der Leser ist gebeten, sich z.B. die Tabelle I umstehend anzusehen, welche angibt, welchen Prozentsatz des (als garantierter Mindestlohn fungierenden) Normalsatzes männlicher Arbeiter eine Anzahl60 von männlichen und weiblichen Webern in der Zeit vom August 1907 bis August 1908 täglich im Durchschnitt der einzelnen Monate verdient hat, wenn man alle Geschlechtszuschläge, Prämien, Strafen usw. fortläßt, also lediglich den »Akkordverdienst« berücksichtigt61.[175] Ueberblickt man diese Zahlen, so ist der erste Eindruck der einer vollkommenen Willkürlichkeit, eines Auf und Ab der Verdienste des einzelnen ohne jegliche Regel und einer ebenso regellosen Verschiedenheit der Leistung der einzelnen Arbeiter untereinander und ebenso deren Bewegung von Monat zu Monat: ein Parallelismus findet sich hier anscheinend gar nicht. Insbesondere fallen innerhalb der Leistungen der einzelnen einige mächtige Sprünge nach oben von einem Monat zum andern auf, die im nächsten Monat wieder ganz oder fast ganz zurückgetan werden, so z.B. bei f vom März zum April nach oben, bei k vom Dezember zum Januar und bei 1 vom März zum April ebenfalls nach oben und im folgenden Monat dann bei beiden wieder nach unten usw.


Tabelle I. Tägliche Akkordverdienste (% des Soll-Verdienstes) in Monatsdurchschnitten? August 1907 bis August 1908 bei Arbeitern.
Tabelle I. Tägliche Akkordverdienste (% des Soll-Verdienstes) in Monatsdurchschnitten? August 1907 bis August 1908 bei Arbeitern.

Es muß nun vorweg konstatiert werden, daß diese Sprünge und ebenso die Differenzen der einzelnen Monatszahlen überhaupt keineswegs notwendig entsprechende Verschiedenheiten der effektiven Arbeitsleistung bedeuten. Der Akkordverdienst wird bei der Lohnberechnung nach dem vom Arbeiter in der Lohnperiode abgelieferten Quantum festgestellt. Die Ablieferungerfolgt regelmäßig nach Fertigstellung jedes »Stückes«. Da ein solches rund 40 m lang ist, so kann schon der zufällige Umstand, daß eine Ablieferung kurz vor oder umgekehrt gleich nach Schluß des Monats erfolgt, eine ziemlich starke Schwankung bedingen. Der Arbeiter hat es aber ferner in der Hand, absichtlich ein Stück auf dem Warenbaum zu behalten und erst einige Zeit nach der effektiven Fertigstellung abzuliefern. Dies zu tun kann er ein erhebliches Interesse haben, wenn, wie im vorliegenden Fall, ein Prämienlohnsystem kombiniert mit Minimallöhnen besteht. Er läßt dann in einem Monat mit ohnedies (aus irgendeinem Grund) geringerer Leistung das Stück auf dem Stuhl und begnügt sich mit dem Minimallohn: infolge dieser Zurückhaltung gelangt er dann im folgenden Monat zu einer (scheinbar) besonders hohen Leistung und damit in eine hohe Prämienklasse. Er kann auf diese Art je abwechselnd einen Monat »gemächlich« im Schatten des Minimallohnes arbeiten und es sich doch, durch den erwähnten Kunstgriff, ermöglichen, im folgenden ohne übermäßige Anstrengung Prämien zu verdienen.

Daran, daß von diesen Möglichkeiten Gebrauch gemacht wird und daß, auch wo dies nicht absichtsvoll geschieht, die Berechnung auf Grundlage der naturgemäß immer stoßweisen Ablieferung die Zahlen merklich beeinflußt, ist nicht zu zweifeln. Beispielsweise sind in der Tabelle für Januar bei dem Arbeiter k als Leistung 121,6% verzeichnet; die Angabe ist in Klammern gesetzt, weil der Arbeiter nur die 6 ersten Arbeitstage des Monats gearbeitet hat und die Zahl (im Gegensatz zu allen andern ähnlichen Fällen, wo solche kurzen Arbeitsperioden als unvergleichbar, einfach gestrichen sind) nur des Beispiels halber ausnahmsweise in die Tabelle aufgenommen ist. Sie steht um mehr als 50% über der vorhergehenden sowohl als über der nachfolgenden Monatsleistung, und dies erklärt sich fast gänzlich dadurch, daß in diese 6 Arbeitstage die Ablieferung von 4 Stück Ware, je 2 für jeden der beiden bedienten Stühle, fällt (in diesem Fall vielleicht ganz ohne planvolle Absicht des Arbeiters). Aus dem Zeitpunkte der Ablieferung erklären sich aber, nach Ausweis der Notizen in den zur Kontrolle der Ketten geführten Stuhlkarten, auch noch einige andere ähnlich starke Schwankungen, wenn auch freilich bei weitem nicht alle62. Daß vielmehr noch andere, und zwar[178] sehr kräftig wirkende Motive für jene Schwankungen vorhanden sind, wird bald zur Erörterung gelangen.

[179] Sehen wir nun die Zahlen, so wie sie einmal sind, zunächst daraufhin an, ob und wo sich etwa Regelmäßigkeiten irgendwelcher Art entdecken lassen, so fällt auf den ersten Blick nur eine ins Auge: die Durchschnitte der Leistungen dieser 13 Monate stufen sich bei den weiblichen und bei den Webern an Modell II ziemlich genau entsprechend dem Alter ab63, während dies bei den Webern an Modell I keineswegs der Fall ist. Nach dem Alter rangiert, stellt sich die Durchschnittsleistung bei:


XI. Akkordverdienste und Leistungsdifferenzen

[180] Bei den Webern an Modell I haben also die drei ältesten zwar zusammengenommen einen höheren Durchschnitt (93,5) als die jüngeren (86,7), im einzelnen aber herrscht anscheinend Willkür, die Höchstleistung repräsentiert der zweitjüngste und auch jener Unterschied der beiden Durchschnitte wird durch Mitzählung des jüngsten erst im Anlernen begriffenen Webers bedingt. Dagegen repräsentieren die beiden anderen Kategorien: Männer der Klasse II und Weberinnen, eine sehr klare Abstufung der Leistung nach dem Alter. Diese könnte nun bei den winzigen Zahlen durchaus zufällig sein. Und ein näherer Blick ergibt, daß jedenfalls nicht das Lebensalter rein als solches, sondern die Uebung es ist, welche die Abstufung der Leistungen erklärt. Bei den Webern der Klasse II waren die hier aufgeführten beiden Fälle (o und k) mit den Höchstleistungen alte, sehr geübte Handweber; das gleiche gilt von dem einen Weber der Klasse I b, welcher eine der Höchstleistungen aufzuweisen hat; die Antezedenzien von c und von d, eines besonders gewandten und gleichmäßigen jüngeren Webers, sind mir nicht bekannt, doch ist er Handweberkind.

Allein auch von den übrigen älteren Arbeitern sind die Mehrzahl aus Handweberkindern rekrutiert. Viele von ihnen mögen freilich durch stärkere Ziegeleiarbeit (die, als Sommerärbelt, neben dem Handweben als Winterarbeit herging), einige auch durch stärkere Betätigung in landwirtschaftlicher Arbeit in ihrer Uebung im Weben gehemmt worden sein. Indessen ist es sehr wahrscheinlich, daß die geringere Koinzidenz der Alters- (und das heißt: der Uebungsstufen) mit der Durchschnittsleistung bei den Webern sub I gegenüber den übrigen Webern noch andere Ursachen hat. Zunächst die größere Bedeutung, welche die Qualitäten des Auges gerade auf diesen Stühlen, bei der hier (Anm. o. S. 165) besonders umfangreichen breiten Fläche feiner, sich bewegender Fäden haben: es wurde schon erwähnt, daß im fünften Lebensjahrzehnt und zuweilen schon etwas früher die abnehmende Sehschärfe für die Leistung des Webers überhaupt recht fühlbar ins Gewicht zu fallen beginnt. Dann aber die konkreten Verhältnisse dieses Betriebes: die Sorten der Klasse I waren, im Gegensatz zu den andern, in der hier analysierten Periode neu eingeführte Sorten und wurden permanent weiter neu eingeführt, neue Akkordsätze erstmalig auf ihre »Richtigkeit« hin an den Leistungen geprüft; in einer solchen Periode müssen notgedrungen[181] die reinen Akkordverdienste der davon betroffenen Arbeiter eine Neigung zu irrationalem Schwanken haben, – die garantierten Minimalverdienste sollten zweifellos u.a. auch diese Quelle von Unzufriedenheit stopfen. Immerhin: die höhere Qualifikation früherer dauernd geübter Handweber ist an sich und auch nach den Erfahrungen des Betriebs wohl sicher. Am günstigsten freilich werden von der Betriebsleistung die Chancen solcher Arbeiter beurteilt, welche von Jugend auf an den mechanischen Webstühlen (oder doch in der Spulerei) beschäftigt waren: der augenfällige schnelle Uebungsfortschritt, der in den Monatsdurchschnitten bei dem Arbeiter f der Tabelle zu beobachten ist, illustriert dies gut.

Was ferner die Weberinnen in Klasse III anlangt64, die ja sämtlich erst im dritten Lebensjahrzehnt stehen, so spielt in gewissem Maß auch hier die zunehmende Uebung in der Bedienung von Webstühlen mit. Aber die Fähigkeit zu Höchstleistungen kann hier von Arbeiterinnen durch Uebung am Webstuhl allein – wiewohl diese natürlich Voraussetzung ist – wohl nicht erworben werden, sondern erfordert spezifische, und zwar ziemlich seltene, persönliche Qualitäten, welche sowohl auf Anlage (Geistesgegenwart und Ruhe, also: sehr sichere Nerven), wie auf anerzogener Lebensführung (worüber früher gesprochen ist), beruhen können65.

Wenn man nach anderweiten Regelmäßigkeiten in der Bewegung der Akkordverdienstzahlen in der Tabelle Umschau hält, so zeigt sich sehr wenig davon. Daß der Uebergang zu anderem Stuhlmodell, also zu mannigfach andersartigen Arbeitsbedingungen zunächst einen Kollaps der Akkordverdienstziffer hervorbringt, ist ohne Kommentar erklärlich: die Leistung steigt dann, der Regel nach, infolge der Uebung bald wieder an. Aber auch jener in dieser Tabelle durchweg sich zeigende66 Kollaps ist keine[182] ausnahmslose Erscheinung: ein anderer Arbeiter, der auf Stuhlmodell II in den gleichen Monaten (August 07 bis August 08) 63,0 – 65,0 – 68,4 – 70,1 – 68,0 – 75,5 – 71,0 – 77,0 – 77,3 – 72,6 – 68,6 – 64,0 – 65,0% das Soll-Normale verdient hatte, brachte es beim Uebergang zum Stuhlmodell I im September 08 alsbald auf die sehr hohe Zahl von 124,3%, war also wohl für diesen Wechsel nach seiner Eigenart spezifisch geeignet. –

Im übrigen zeigt die Tabelle auf den ersten Blick auch in den Verhältnissen von einem Monat zum nächstfolgenden Monat keine Gleichartigkeit der Bewegung der Zahlen und nur in einigen Fällen eine deutliche »Gesamttendenz« derart, daß die entgegengesetzten Bewegungen als zufällige, durch besondere Bedingungen hervorgerufene »Ausnahmen« angesehen werden könnten. Einigermaßen deutlich ist nur die Tendenz zum Sinken vom Oktober zum November und dann wieder zum Steigen im Frühjahr. Da über diese, offenbar durch eine Kombination verschiedener Motive: Einfluß der künstlichen Beleuchtung in der dunklen Jahreszeit, starke Kälte im Januar und Februar, Verstimmungen anläßlich der Gewerkschaftsbewegung, zahlreiche neue Sorten, – schon früher und zwar auf Grund der Heranziehung nicht nur der in diese Tabelle aufgenommenen, sondern aller nach Lage des Materials vergleichbaren Arbeitskräfte67 gesprochen wurde, sei hier darauf nur erneut verwiesen.


Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitk. Hrsg. von Marianne Weber. Tübingen 21988, S. 175-183.
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