XII. Stuhluhrmessungen und Leistungsschwankungen

[183] Es liegt nun, da, wenigstens vorerst, diese Akkordverdienstzahlen eine gewisse Sterilität zeigen, insbesondere die Schwankungen weit überwiegend ganz irrational erscheinen, der Gedanke nahe, ob man nicht durch Beobachtung der Leistungsschwankungen in kürzeren Perioden, möglichst von Tag zu Tag, also mittels der Stuhluhr, welche die Zahl der von Arbeitern gemachten Schüsse exakt für jede beliebige Zeiteinheit anzeigt, zu besseren Resultaten kommen könne. Dies um so mehr, als ja, wie die obigen Ausführungen zeigten, in den Zahlen, welche die Monatsakkordverdienste angeben, stets das Ergebnis von Kalkulation[183] steckt: ihre Vergleichbarkeit untereinander beruht auf der Voraussetzung, daß die Akkordsätze für die Sorten, die ein Arbeiter nacheinander verarbeitet, »richtig«, d.h. so kalkuliert sind, daß sie das untereinander verschiedene Maß der Arbeitsanstrengung, welches diese verschiedenen Sorten erfordern, durchaus zutreffend berücksichtigen. Wir werden weiterhin noch sehen, welche Rolle die »Anpassung« des Arbeiters an die Akkordbemessung für die Leistungsschwankungen spielt, – hier erinnern wir uns vor allem, daß ja eine wirklich im exakten Sinne »richtige« Bemessung des Akkords im Prinzip nur dann möglich wäre, wenn die verschiedenen Leistungen nur in der Quantität oder Intensität ihrer Anforderung an die Arbeitskraft unter sich verschieden wären. Allein dies ist durchaus nicht der Fall. Die Unterschiede der Anforderungen an den Arbeiter sind mindestens insofern qualitativer Art, als die einzelnen in Anspruch genommenen »Fähigkeiten« – etwa: Konzentrationsfähigkeit, Schnelligkeit des Reagierens, Gleichmäßigkeit der Aufmerksamkeitsspannung usw., deren jede ja in gewissem Grade bei jeder Sorte erfordert wird, bei den verschiedenen Sorten in sehr verschiedener Weise kombiniert in Betracht kommen. Die Akkordkalkulation geht dann auch natürlich ganz und gar nicht von Erwägungen über das Maß, in welchem jede von jenen verschiedenen »Komponenten« der Leistung beansprucht wird, sondern umgekehrt rein empirisch von Erfahrungen über den Leistungseffekt – das Maß der Maschinenausnützung – aus, den ein »brauchbarer Durchschnittsarbeiter« bei der Arbeit in einer Sorte zu erzielen pflegt, sie verfährt also, wie dies ganz allgemein schon früher gesagt wurde, aus sehr naheliegenden Gründen, gerade entgegengesetzt, wie eine »psychophysische Analyse« der Arbeit es tun müßte. Sollten wir also nicht besser tun, Zahlen, welche auf einer derartigen Grundlage ruhen und, wie wir sahen, schon weil sie nicht einmal wirklich auf der Basis der »Leistung«, sondern der Ablieferung der Ware ruhen, allen möglichen Zufällen unterliegen, ganz beiseite zu lassen, und uns ausschließlich an die Ergebnisse von Stuhluhr-(Schußzähler-)Aufnahmen zu halten, die ja doch, da sie wirklich die Arbeit selbst unmittelbar »kontrollieren«, ein in ganz andrem Sinn »exaktes« Material darzubieten scheinen?

Es ist nun zweifellos, daß die Messung der von den Arbeitern gemachten Schußzahl durch jene Vorrichtungen in der Tat[184] den Ausdruck »exakt« verdient, und daß also, soweit sich die Leistung des Arbeiters in dieser Schußzahl ausdrückt, sie auch dadurch »exakt« gemessen wird. Allein daß die für die Beurteilung des Leistungsmaßes denn doch äußerst wichtige Qualität des erzeugten Gewebes dabei gänzlich unter den Tisch fällt (diese kann durch Heranziehung der Kettenkontrollkarten mit den Notizen des die Stücke abnehmenden Beamten ermittelt werden – aber natürlich weder so noch irgendwie sonst »exakt«), – diesen Mangel teilt die »Stuhluhrmessung« mit den in der Tabelle I wiedergegebenen »nackten« Akkordverdiensten (bei diesen wäre darüber durch Angabe, ob Prämien gezahlt sind, – was nur bei normaler Güte der Ware geschieht – wenigstens für die Uebernormalleistungen einige Klarheit zu gewinnen, worauf wir gelegentlich zurückkommen). Ferner aber ist es auch bei Stuhluhrmessungen wieder nur der Endeffekt: die »Leistung«, welche feststeht, und beim Vergleichen mehrerer Leistungen untereinander bleiben wir auch hier im Unsichern, was solche Schußzahlen eigentlich über die Art der Leistung: über das Maß, heißt das, in welchem die verschiedenen für die Weberei überhaupt relevanten Qualitäten des Arbeiters dabei in Anspruch genommen werden, aussagen können (s. o. S. 129 f.). Ein einfaches Vergleichen nach der Zahl der per Arbeitstag oder per Stunde vom Arbeiter gemachten Schüsse würde bei jedem Sortenwechsel gänzlich schiefe Resultate ergeben. Wieviel Schüsse der Arbeiter im idealen Grenzfall – der in der Wirklichkeit nie eintritt – in einer Zeiteinheit machen könnte – wenn nämlich die Maschine keinerlei Störung erlitte, das Garn unzerreißbar wäre, keine Entleerung und Neufüllung des Schützen mit Garn nötig würde, keinerlei Fehler in der Herstellung der Kette Abhilfe verlangten, keine Verwirrung der Fäden aus anderen Gründen einträte, kurz die Maschine und auf ihr das Garn derart von selbst kontinuierlich weiter liefen und Gewebe erzeugten, daß – der Arbeiter überflüssig wäre, – dieses »ideale« Maximum der Maschinenausnützung richtet sich natürlich vor allem nach der Geschwindigkeit des Ganges der Maschine: ihrer Tourenzahl per Minute, und das Optimum dieser Tourenzahl ist bei jeder Garnsorte, nach dem Maß ihres Reißwiderstandes – der wieder von Feinheit, »Draht« (Maß der beim Spinnen dem Garn gegebenen Drehung), Güte des Rohmaterials usw. abhängt – und ihrer Angreifbarkeit durch Reibung[185] auf dem Stuhl sehr verschieden68. Eine gesteigerte Tourenzahl nun nimmt unzweifelhaft ceteris paribus die Aufmerksamkeit des Arbeiters in erhöhtem Maße in Anspruch und greift wohl auch – wiederum: ceteris paribus – nervös stärker an; aber die »cetera« sind eben regelmäßig dabei nicht »gleich«: denn wenn es sich um zwei untereinander verschiedene Sorten handelt, so kann jenes Moment durch andere, die Arbeit erleichternde Umstände mehr als ausgeglichen werden. Die hohen Tourenzahlen bei Verwendung der gröberen und deshalb bei gleicher Güte des Materials ceteris paribus weniger reißfähigen Garne gehen, da gröberes Garn auch gröberes Gewebe bedeutet, doch im großen und ganzen mit einer Entlastung der Aufmerksamkeit und des Auges des Arbeiters zusammen, andrerseits wieder bedeutet aber das gröbere Garn, da von ihm nicht so viel in den Schützen hineingeht, wie von feinerem, eine Steigerung der Zahl der Arbeitsunterbrechungen durch neue Schützenfüllungen, unter Umständen um 100% und mehr pro Arbeitstag, also für den Arbeiter: mechanische Mehrarbeit. Es kann also keine Rede davon sein, einfach die absoluten Zahlen der Schußzähler pro Tag oder Stunde zum Vergleich zugrunde zu legen69. Vielmehr muß die Relation zwischen gemachter und möglicher Schußzahl dafür geeigneter erscheinen. Dazu einige Vorbemerkungen. Das Maß, in welchem eine von einem Arbeiter bediente Maschine hinter jener idealen Maximalzahl von Schüssen, welche sie bei gegebener Tourenzahl in einer Zeiteinheit (Tag, Stunde) machen könnte, zurückbleibt, ist in erster Linie Funktion von zwei Bedingungen: 1. der erforderlichen Häufigkeit der Schußfüllung (von der eben die Rede war) – ein Umstand, der vom Arbeiter ganz unabhängig ist – und der, von seiner Geschicklichkeit abhängigen Schnelligkeit der Neuauffüllung, – 2. der Häufigkeit des Eintritts von Kettenfadenbrüchen (Schußfadenbrüche spielen eine ganz untergeordnete Rolle),[186] welche teils von der Garnnummer, teils von dem Garnmaterial, daneben auch von der Güte der Schlichte (also von Dingen, die für den Weber »gegeben« sind), abhängt, teils aber auch von seiner Aufmerksamkeit auf die in das »Fach« einlaufende Kette, da ein bedeutender Teil der Fadenbrüche Folge von Verwirrungen von Kettenfäden ist, welche der Arbeiter rechtzeitig beseitigen kann und soll. Was zu diesen beiden Hauptquellen von Unterbrechungen des Maschinenganges noch an Bedingungen der Arbeitsleistung hinzutritt, betrifft vornehmlich die Qualität des Gewebes, in deren Interesse der Arbeiter das Laufen der Kette kontinuierlich beobachten und erforderlichenfalls regulieren muß: auch hier kann die Notwendigkeit einer Abstellung der Maschine eintreten, allein je größer die Uebung und Sicherheit des Arbeiters, um so seltener. In jedem Falle steht, wenn man die erfahrungsgemäß von dem Durchschnitt einer gegebenen Arbeiterschaft in einer Zeiteinheit bei hinlänglichem Anreiz zur optimalen Anspannung ihrer Fähigkeiten erzielbare Anzahl von Schüssen mit jener theoretischen, idealen Maximalzahl der Schüsse, wie sie die Multiplikation der Tourenzahl mit der Zahl der Arbeitsminuten ergibt, vergleicht, diese normalerweise zu erwartende Schußzahl (und das heißt: das normalerweise zu erwartende Maß der Ausnützung der Maschine) zu der idealen Schußzahl in einem Prozentverhältnis, welches bei der gleichen Tourenzahl für jede verschiedene Sorte verschieden ist und für jede gegebene Sorte bei einer bestimmten Tourenzahl ihr Optimum erreicht. Wo aber dies Optimum des erzielbaren »Nutzeffekts« bei jeder Sorte liegt, hängt einerseits, wie schon diese flüchtigen Bemerkungen ergeben, von einer ganzen Anzahl rein technischer oder im Material liegender Momente ab, andrerseits aber auch von Qualitäten der Arbeiterschaft und zwar für jede Sorte verschiedenen Qualitäten derselben. Da überdies die einzelnen Arbeiter diese Qualitäten in sehr verschiedenen Assortimenten in sich vereinigen, wird die Betriebsleitung auch bei einer und derselben Sorte die Festsetzung der Tourenzahl unter Umständen auch individuell verschieden gestalten; im ganzen aber wird auch hier wieder mit Erfahrungen über das, was durchschnittlich die Arbeiterschaft, so wie sie jeweils einmal ist, an Leistungen »hergibt«, operiert werden müssen: man kennt das erfahrungsgemäße ungefähre Durchschnittsoptimum der Tourenzahl, bemißt den Akkordsatz[187] nach dem durchschnittlich erzielbaren »Nutzprozent« (vom idealen Maximum) und weist dann den einzelnen Arbeitern diejenigen Sorten zu, für die sie, nach den mit ihnen gemachten Erfahrungen, sich relativ am besten eignen, d.h. deren Verarbeitung durch sie einerseits für den Betrieb, andererseits für sie selbst, die relativ rentabelste ist. Handelt es sich um Einführung neuer Sorten, so ist unter Umständen ein gewisses Probieren dabei unausbleiblich, bis feststeht, welche Arbeiter für diese Sorten relativ am geeignetsten und fähig sind, das Soll-Normale des Akkordverdienstes an ihnen zu erzielen. Alles in allem steckt offensichtlich auch in den scheinbar ganz »exakt« gemessenen Stuhluhrzahlen überall die Kalkulation der Betriebsleitung, und dieser Umstand erfordert Berücksichtigung, sobald Vergleiche zwischen mehreren Arbeitern oder zwischen Leistungen desselben Arbeiters zu verschiedenen Zeiten beabsichtigt werden. Wir können hier jedenfalls nicht anders verfahren, als daß wir statt der für Vergleichs zwecke zwischen Leistungen verschiedener Sorten70 ganz unbrauchbaren absoluten Schußzahlen die »Nutzprozente« (Prozente der idealen, »theoretischen« Maximalleistung der Maschinen) zugrunde legen71, und zwar die aus der Lohnkalkulation ersichtliche Relation der erwarteten bzw. verlangten Nutzprozente für die Orientierung über die durchschnittlichen Verhältnisse der Schwierigkeit der Arbeit an verschiedenen Sorten, die vom Arbeiter jeweils wirklich geleisteten zur Feststellung des Schwankens seiner Leistung.

Vorerst aber fragen wir: stellt denn nun schließlich wenigstens die tägliche Schußleistung eines und desselben Arbeiters und an einer und derselben Kette eine einigermaßen konstante Größe dar, konstanter als die Schwankungen der monatlichen Verdienstdurchschnitte? Wir werden dies schon nach dem, was früher[188] (S. 144 f.) gesagt ist, kaum erwarten. Oder zeigen sich in den Bewegungen der Arbeitsleistung von Tag zu Tag bei mehreren gleichzeitig arbeitenden Webern irgendwelche Regelmäßigkeiten? Nach dem, was S. 145 gesagt ist, werden wir das für denkbar, nach den Beobachtungen aber, die S. 171 wiedergegeben sind, nicht für sicher halten. Sehen wir also zu: die Tabelle II gibt für eine Anzahl herausgegriffener Monate und für die in denselben der Stuhluhrkontrolle unterworfen gewesenen Arbeiter – die Zahl der vorliegenden Kontrollnotizen ist an sich klein und schwankt leider auch für die einzelnen Monate sehr stark – für jeden Tag die Zahl wieder, welche das Verhältnis der betreffenden Leistung zum Durchschnitt der von ihnen an der betreffenden Kette erzielten Schußzahl ausdrückt und (an den Sonntagsdaten in gesperrten Ziffern) die Durchschnittszahl der vergangenen Woche72. – Es fällt nun bei Betrachtung dieser Zahlenreihen – um mit diesem Punkt zu beginnen – in die Augen, daß irgendeine gleichmäßige und eindeutige Tendenz dieser Schwankungen nicht vorhanden ist. Insbesondere zeigt sich, daß nicht etwa die jeweilig an einem Tag bestehenden meteorologischen oder irgendwelche sonstigen »allgemeinen« Bedingungen der Arbeit die Schwankungen zu erklären vermögen.

Wenn die täglichen Schwankungen der Arbeitsleistungen von solchen »allgemeinen« Umständen irgendwelcher Art in beträchtlichem Grade abhängen sollten, so müßte, wenigstens in irgendwie annäherndem Maße, doch offenbar die große Mehrzahl der gleichzeitig beschäftigten Arbeiter sich von ihnen an einem und demselben Arbeitstage in der gleichen Richtung beeinflußt zeigen. Das ist aber nicht der Fall. Wir fanden zwar in einem früher besprochenen Fall, daß der Wassersättigungsgrad der Luft eine ziemlich genaue Parallele mit der Leistung einiger an diesem Tage beschäftigter Arbeiter zeigte73. Und die Erschwerung der Arbeit durch gesteigerte Trockenheit der Luft ist an sich unzweifelhaft.


Tabelle IIa. Tagesleistungen von Arbeitern (in Prozenten der in der betreffenden Kette von ihnen erzielten Durchschnittsleistung).
Tabelle IIa. Tagesleistungen von Arbeitern (in Prozenten der in der betreffenden Kette von ihnen erzielten Durchschnittsleistung).

Tabelle IIb [Fortsetzung]. Tagesleistungen von Arbeitern (in Prozenten der in der betreffenden Kette von ihnen erzielten Durchschnittsleistung).
Tabelle IIb [Fortsetzung]. Tagesleistungen von Arbeitern (in Prozenten der in der betreffenden Kette von ihnen erzielten Durchschnittsleistung).

Sie wird auch den Arbeitern, die sich dann über die sich stark steigernden Fadenbrüche zu beschweren pflegten, subjektiv fühlbar. Gleichwohl findet sich nur noch an einem einzigen anderen Tage ein ähnlich klar liegendes Beispiel74. Dagegen zeigen die wenigen sonstigen Tage, an denen der hygrometrisch gemessene Sättigungsgrad der Luft 70% unterschritt – oberhalb dieser Grenze ist eine Einwirkung an den Tagesziffern überhaupt nicht konstatierbar – nur sehr unbestimmte Einwirkungen, manche aber das gerade Gegenteil der erwarteten Senkung der Leistung75. Und ganz allgemein zeigt die Tabelle, daß die Abweichungen vom Durchschnitt sich bei den verschiedenen Arbeitern am gleichen Tage in allen erdenklichen Varietäten vorfinden und daß hier von einer bei ihnen generell vorhandenen, daher möglicherweise durch äußere allgemeine Verhältnisse bedingten Tagesdisposition, deren Variation von einem Tage zum andern die gewaltigen Schwankungen der Tagesleistungen erklären würde, nicht die Rede sein kann76.[192] Die Kälte der Außentemperatur im Winter, welche oft die ersten 2 Stunden der Arbeitsleistung, bis zum »Auftauen« der Hände, sehr fühlbar drückt, ebenso das winterliche Arbeiten bei elektrischer Beleuchtung statt bei Tageslicht, welches die winterlichen Morgen- und Abendstunden belastet, andererseits starke trockene Hitze im Sommer, welche das Arbeiten an Mittags- und Nachmittagsstunden erschwert, üben selbstverständlich den ihnen entsprechenden Einfluß aus: dieser steckt in den starken Senkungen, die in heißen Sommer- und kalten dunklen Wintermonaten im Leistungsdurchschnitt beobachtet werden, darin. Aber nur ein Bruchteil der Arbeiterschaft reagiert auf diese Erschwerungen der Arbeit – das häufigere Reißen der Fäden bei Trockenheit der Luft, die erschlaffende Hitzewirkung, die Tendenz zu unsicherem Funktionieren und die Ermüdung des Auges bei künstlicher Beleuchtung – prompt auf den Tag oder die Woche mit Abnahme der Leistung. Die anderen suchen offenbar ihren bisherigen Verdienst standard durch gesteigerte Anstrengung zu behaupten, und es gelingt ihnen dies häufig so gut, daß gerade einige der hydrographisch ungünstigen Tage besonders günstige Leistungen aufweisen77. Erst wenn die Ungunst der allgemeinen Arbeitsbedingungen längere Zeit hindurch anhält und einen gewissen Grad übersteigt, versagt diese Gegenwirkung mit Erschlaffung der Arbeitskraft und -lust der Arbeiter.

Wie die meteorologischen, so scheiden aber auch alle sonst etwa denkbaren »allgemeinen«, d.h. die Arbeiterschaft jeweils gemeinsam betreffenden Bedingungen der Arbeit als mögliche[193] Erklärungsgründe für die Tagesschwankungen der Leistungen aus, wenn diese, wie sich zeigt, überhaupt keinerlei Gleichmäßigkeit aufweisen. Also bleibt hier wie bei den Monatsschwankungen nichts übrig, als die einzelnen Arbeiter mit ihren Leistungen gesondert vorzunehmen, wenn man auf Ergebnisse hoffen will Dabei scheidet für Tagesleistungen selbstredend von vornherein der Gedanke aus, auf irgendeinem Wege festzustellen, warum die Leistung eines Arbeiters etwa am 1. November 1907 um 10% höher und nicht um ebensoviel niedriger gewesen ist als am Tage vorher oder nachher. Es wäre gewiß ein nützliches Unternehmen, einmal eine größere Anzahl von Arbeitern, die mit Stuhluhren arbeiten, zu veranlassen, jeden Tag am Abend den Stand des Zählers zu notieren und dabei alsbald auch möglichst sorgfältig anzugeben, welche Gründe – ihrer Ansicht nach – die Unterschiede der Leistung an den einzelnen Tagen bedingt haben. Aber es läßt sich dabei mit voller Sicherheit prophezeien: 1. daß dabei soweit die Unterschiede nicht in objektiven Arbeitsbedingungen, d.h. in Maschinen- oder Materialverhältnissen (verschieden große Häufigkeit von Fadenbrüchen u. dgl.) begründet sind, auch (oder vielmehr: gerade) bei großer Gewissenhaftigkeit des Antwortenden wirklich sichere Angaben nur in einer nicht sehr großen Minderheit von Fällen werden gemacht werden können; ferner 2. daß man, wenn man versuchshalber den Schußzähler irgendwie für den Arbeiter verdecken und dann ihn um Angaben ersuchen würde, auf welche Leistung er, und warum, an diesem Tage glaube gekommen zu sein?, d.h. auf eine um wieviel etwa größere oder geringere als gestern? – daß man dann, sage ich, in einem noch geringeren Bruchteil von Fällen auch nur annähernd zutreffende Antworten erhalten würde. Denn das Maß der eigenen psychophysischen »Disposition« zur Arbeit entgeht selbst Versuchspersonen im Laboratorium oft oder bleibt ihnen unerklärt, und die Arbeiter vollends zeigen sich, von Ueberstunden und exzeptionellen anderen Anstrengungen abgesehen, regelmäßig nicht einmal imstande, den Grad der eigenen Ermüdung durch die Arbeit irgendwie abzuschätzen, ja oft sich auch nur der Tatsache der Ermüdung selbst ganz klar bewußt zu werden. Um so weniger werden wir hier versuchen wollen, in die Gründe der Schwankungen zwischen den einzelnen um 3/4 bis 11/2 Jahr zurückliegenden Arbeitstagen einzudringen. Verfolgen wir immerhin,[194] zunächst lediglich des Interesses an den Fakten selbst halber, die täglichen Leistungsschwankungen eines einzelnen (einstühligen) Webers, für den zufällig fortlaufende Kontrollnotizen für die 10 Monate November 1907 bis August 1908 vorliegen (es ist dies c der Tabelle I), so zeigt sich (Tabelle III, S. 197) folgendes Bild:

Man sieht: die Leistungen des Arbeiters, der übrigens zu den am gleichmäßigsten arbeitenden Webern des Betriebes gehört, schwanken in der allermannigfachsten und zweifellos durch kein Mittel für uns erschöpfend zu erklärenden Art. Immerhin lassen sich nun doch für die Zahlen der Tabellen II und III einige Einzelbeobachtungen machen78. Für uns kommt wesentlich die eine in Betracht, daß ein sehr erheblicher Teil der niedrigen Leistungen am Beginn neuer Sorten und Ketten liegen79. Zwar setzt keineswegs jede neue Kette mit einer Senkung des Tagesleistungsprozentes ein: auch das Gegenteil, hohe und dann sinkende Anfangsleistungen kommen vor. Wie es scheint, namentlich (wenn schon keineswegs ausschließlich) dann, wenn der Wechsel zu einer neuen Sorte einen Uebergang von schwerer zu leichterer Arbeit darstellt: der Arbeiter, dem die Arbeit ungewohnt leicht von der Hand geht, unterschätzt die Anstrengung und sucht viel zu verdienen, beispielsweise in Tabelle III am 18. VIII., wo der Arbeiter bei gleichbleibender Tourenzahl und Breite des Gewebes ein um 1/3 gröberes Garn zu einer um rund 28% weniger dichten Sorte zu verarbeiten hatte und ähnlich in einzelnen anderen Fällen. Doch findet sich auch in solchen Fällen überwiegend eine niedrigere Anfangsleistung. Andererseits kommen, wie wir sehen werden, auch Fälle vor, wo ein sehr leistungsfähiger Arbeiter beim Uebergang zu einer schwierigeren Sorte die bisherige Schußzahl pro Tag mit aller Anstrengung aufrecht zu erhalten sucht und erst[195] nach einiger Zeit kollabiert. Wir halten uns hier zunächst an die Tatsache, daß die Arbeit an neuen Sorten, auch neuen Ketten derselben Sorte, jedenfalls sehr häufig unter der im ganzen an dieser Kette erreichten Durchschnittsleistung bleibt und fragen, ob und in welchem Maß dies dem Durchschnitt entspricht. Soweit dies der Fall wäre, würde wohl naheliegen, anzunehmen, daß wir es hier mit »Uebungs«erscheinungen zu tun haben. Diese wollen wir etwas genauer auf ihr Vorhandensein prüfen.


Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitk. Hrsg. von Marianne Weber. Tübingen 21988, S. 183-196.
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