XIII. Uebungszuwachs und Stetigkeitszunahme

der Leistung. Anpassung der Leistung

an die Lohnkalkulation

[196] Allerdings darf man, wie gleich vorauszuschicken ist, auf keinen Fall lediglich die zunehmende »Uebung« des Arbeiters als Grund des niedrigen Einsetzens der Leistung an neuen Sorten oder Ketten ansprechen80. Die Bearbeitung des Kettenanfangs ist ebenso wie die des Kettenendes – dessen Tage im Gesamtdurchschnitt daher ebenfalls Senkungen der Leistungen zeigen – an sich, aus technischen Gründen, die in den Bedingungen des Webstuhls liegen, schwieriger als die der Kette im übrigen, und diesem Umstand muß wenigstens für die allererste Zeit wohl der überwiegende Teil der Verantwortung für die niedrigeren Leistungen zugeschoben werden. Allein, daß »Uebungs«einflüsse stark mitbeteiligt sind, ergibt sich trotzdem mit großer Wahrscheinlichkeit aus der Beobachtung, daß, auch wenn ein Arbeiter an die Stelle eines andern an einer von letzteren schon zur Hälfte aufgearbeiteten Kette tritt, er in allen denjenigen Fällen, wo dies im Material zu beobachten ist, unter seinem nachher erreichten Durchschnitt beginnt und dann erst steigt81.
[196]

Tabelle III. Tagesleistungen (und Wochendurchschnitte derselben) eines Webers während 10 Monaten (Nov. 1907 bis Aug. 1908). *)Neue Kette (der gleichen Sorte). §)Neue Sorte. †) Aenderungen am Stuhl.
Tabelle III. Tagesleistungen (und Wochendurchschnitte derselben) eines Webers während 10 Monaten (Nov. 1907 bis Aug. 1908). *)Neue Kette (der gleichen Sorte). §)Neue Sorte. †) Aenderungen am Stuhl.

[197] Es fragt sich nur, wie lange solche Uebungswirkungen spürbar sind, wieviel Zeit also ein an sich schon im Weben gut geübter Arbeiter braucht, um sich in eine neue Sorte bzw. eine neue Kette derselben Sorte »einzuarbeiten«. Man wird geneigt sein, anzunehmen, daß dies eine Sache weniger Tage sei, und einzelne Zahlenreihen in den Tabellen, welche ein sehr rasches Ansteigen der Leistung nach anfänglichem Tiefstand zeigen, scheinen dies zu bestätigen. Allein hier können nur Durchnittszahlen Klarheit geben, denn es können für dieses Ansteigen im konkreten Fall die verschiedensten Umstände, sowohl Zufälligkeiten des Materials, wie außergewöhnliche Anstrengungen, die der Arbeiter im Einzelfall einmal, es sei aus welchen Gründen immer, macht, wie endlich die späterhin besonders zu erörternden Bedingungen des zweistühligen Webens (bei schmaler Ware) bestimmend sein. Angesichts der durch die verschiedenen Tourenzahlen bedingten verschiedenen Geschwindigkeiten des Fortschreitens der Abarbeitung der Kette legen wir dabei zweckmäßigerweise die durchschnittliche Tagesleistung für eine Leistungseinheit, also: für je ein »Stück« (je nach den Sorten einige Meter über oder unter 40 lang) zugrunde und nicht die Verhältnisse eines Zeitraums. Für einen Teil der mit Stuhluhren kontrollierten Arbeiter liegen Feststellungen vor, welche dies gestatten. Da die betreffenden Ketten ganz verschieden lang sind, manche schon mit dem 7. Stück ablaufen, andere z.B. 25 Stück ergeben, so ist die Zahl derjenigen Ketten, die für die Durchschnittsleistung bei Beschränkung auf die ersten Stücke herangezogen werden können, erheblich größer als die Zahl derjenigen, welche in Betracht kommen kann, wenn man möglichst auch die späteren Stücke heranziehen will (5). Nehmen wir also zunächst nur die ersten 8 Stücke sämtlicher überhaupt kontrollierter Ketten (24) und setzen wir die tägliche durchschnittliche Schußleistung am 1. Stück = 100, so ergibt sich folgende Reihe der Schußleistungen:


Stück:Leistung %:

1.100

2.105,2

3.105,2

4.107,3

5.110,9

6.105,5

7.108,4

8.109,1


Oder: für Stück 1 und 2 zusammen: 102,6, für Stück 3 und 4: 106,2, für Stück 5 und 6: 108,2, für Stück 7 und 8: 108,7% der beim ersten Stück gezählten Leistung. Eine immerhin – mit[198] einem auf den starken Anstieg beim 5. Stück erfolgenden Rückschlag beim 6. – leidlich regelmäßige Zunahme, für deren Beurteilung freilich (s. o.) in Betracht zu ziehen ist, daß mindestens beim ersten Stück, wohl auch noch beim zweiten, die erwähnten rein technischen Bedingungen des Webens, nicht die »Uebungszunahme« allein, als Ursache der Steigerung anzusprechen sind und es in ungünstigen Fällen wohl möglich ist, daß sich jene Einflüsse noch weiter erstrecken. Für die Weiterentwicklung ergibt sich bei Beschränkung auf die langen Ketten82 folgende Reihe:


Stücke:Leistung %:

1 – 3.100

4 – 6.109,2

7 – 9.107,9

10 – 12.111,2

12 – 15.110,3

16 – 18.114,0


oder, bei Zusammenfassung von je 6 Stück: 1 – 6: 104,6, 7 – 12: 109,5, 13 – 18: 112,2% der Leistung am ersten Stück. Also ein an sich ebenfalls ganz leidlich rhythmischer Anstieg der Leistung um 14% bei den drei letzten83 gegen die Leistung der drei ersten Stücke zusammengenommen und um etwa 7%, wenn man je 6 Stück zusammenfaßt. Hier wird man – immer im Auge behaltend, daß die Kleinheit der Zahlen zur Vorsicht mahnt – es für doch ziemlich wahrscheinlich ansehen dürfen, daß tatsächlich die »Einarbeitung« in die einzelne Sorte bzw. Kette vorwiegend bestimmend ist, da ein Mitspielen der Kettenanfangsschwierigkeiten von der 2. Gruppe von je 3 Stück an unwahrscheinlich und, auf die Zusammenfassung von je 6 Stück hingesehen, über das 6. Stück hinaus ausgeschlossen ist84. Man wird das wahrscheinliche Vorhandensein eines lediglich innerhalb der einzelnen Kette und für diese stattfindenden[199] Uebungsfortschrittes um (innerhalb ca. 3 Monaten) etwa 10% (wenn man den Einfluß der Kettenanfangsschwierig keiten abzieht) bei älteren und schon recht gut geübten Arbeitern und bei einer dem Anschein nach so gleichförmigen Arbeit, als welche das mechanische Weben sich darstellt, immerhin keineswegs selbstverständlich und, wenn es sich bei Nachprüfung an größeren Zahlen in anderen ähnlichen Industrien als Tatsache herausstellen sollte, als nicht unwichtig ansehen. Zusammen mit den durch den Webstuhlgeschaffenen Schwierigkeiten der »Einarbeitung« ist es überdies von nicht geringer Bedeutung für die Beurteilung der Wirkung des größeren oder geringeren Sorten- und Kettenwechsels auf die Interessen der Arbeiter. –

Neben der Entwicklung der Höhe der Leistung muß nun für die Frage, ob und inwieweit »psychophysische« (Uebungs-)Einflüsse feststellbar sind, die Stärke der Schwankungen im Verlauf des »Sicheinarbeitens« in eine neue Sorte (oder neue Kette der gleichen Sorte) Interesse bieten. Sie könnten eine Art von Probe darauf darstellen, ob das über die Uebungseinflüsse vorstehend (wenn auch unter allem Vorbehalt) für einigermaßen wahrscheinlich Erklärte wirklich als plausibel hingenommen werden darf. Nach psychophysischen Erfahrungen müßte die Amplitüde dieser Schwankungen mit zunehmender Uebung die Tendenz haben, abzunehmen, die Arbeit »stetiger« werden.

Wenn man nun für die je ersten 6 Wochen85 der Arbeit an einer Sorte den Durchschnitt der täglichen Schwankungen (in Prozenten der Durchschnittsleistung) berechnet, so ergibt sich für die nachfolgenden zwanzig auf gut Glück herausgegriffenen Fälle folgendes Bild von der Bewegung der in Prozent der Durchschnittsleistungen berechneten Schwankungen:


XIII. Uebungszuwachs und Stetigkeitszunahme der Leistung. Anpassung der Leistung an die Lohnkalkulation

[200] Brechen wir hier ab: die Hinzufügung noch weiterer Fälle würde an dem Eindruck bunter Willkürlichkeit, den diese Zahlen zunächst machen müssen, nichts ändern und das Material würde andererseits zur Gewinnung hinlänglich großer Zahlendurchschnitte doch nicht ausreichen. Ermitteln wir nun aber immerhin zur Probe den Durchschnitt dieser nur 20 Fälle (an denen nur 8 verschiedene Arbeiter beteiligt sind), so zeigt sich folgendes Bild:


Woche:Schwankungen %

112,57

211,19

312,17

411,17

58,36

68,0


Das würde, wenn man von der dritten Woche absieht, die einen Rückschlag zeigt, ein stetiges Sinken der Schwankungen von 12,57% auf 8,0%, d.h. auf unter 2/3 der Anfangsschwankungen darstellen, also mit der Zunahme der Leistungsstetigkeit, welche psychophysisch als Folge des »Uebungsfortschritts« zu postulieren wäre, in wenigstens leidlichem Einklang stehen. Fassen wir je 2 Wochen zusammen, so betragen die Schwankungen im I. Drittel: 11,88, im 2.: 11,67, im 3.: 8,18%. Besinnen wir uns nun, daß die Schwankungen bei zweistühligem Weben notwendig irrationaler ablaufen86, als bei einstühligem, erwägen wir dazu noch, daß im vorstehenden in der 5. und 6. Woche einige der mit in die Berechnung einbezogenen Ketten zu Ende gingen und daher aus der Tabelle ausschieden, so werden wir die Vermutung hegen, daß bei ausschließlicher Berücksichtigung einstühliger Weber und bei Beschränkung auf Fälle, wo alle[201] 6 Wochen vollwertige Zahlen bieten, die Zahlenreihe noch stetiger verlaufen müsse. Machen wir den Versuch und berechnenden Durchschnitt für diese Fälle (es sind lit. d, e, n, o, r, s, u, also nur 7 Fälle, so zeigt sich folgendes Bild:


Wochen:Schwankungen:

19,83

27,54

37,06

410,04

56,53

64,49


Also auch hier bei sonst ganz stetigem Anschwellen – und zwar diesmal bis auf unter 46% der ersten Woche – ein einzelner Rückschlag, diesmal in der 4. Woche. Wiederum je 2 Wochen zusammengefaßt, ergibt im 1. Drittel: 8,68, im 2.: 8,55, im 3.: 5,71%, also in Maß und Rhythmus des Rückgangs ähnliche Verhältnisse, wie bei der Zusammenstellung aller Fälle überhaupt. Daß in beiden Fällen erst das dritte Drittel (5. und 6. Woche) ein sehr dezidiertes Schwinden der Schwankungsgröße zeigt, scheint mit dem Umstand gut im Einklang zu stehen, daß das Einarbeiten in eine neue Sorte ganz überwiegend stoßweise, mit starker Anspannung und entsprechenden Rückschlägen, zu erfolgen pflegt (davon später).

Trotzdem ist nun auf das ernstlichste davor zu warnen, diese Zahlenreihen als »Resultate« anzusehen, welche »beweisen« könnten, daß jene psychophysischen Erfahrungen auch hier gelten, oder deren Ablauf gar als deren unzweifelhafter »Ausdruck« angesehen werden könnte. Der bei jeder der beiden Durchschnittsreihen sich findende »Rückschlag« zwar könnte bei genauer Analyse wohl als wirkliche »Zufälligkeit« sich herausstellen87 und dürfte wohl bei sonst hinlänglicher Deutlichkeit des »Typus« auch ohne solchen Spezialnachweis als solche behandelt werden, würde jedenfalls die Zahlenreihen nicht entwerten. Aber immerhin: das zugrunde gelegte Zahlenmaterial ist denn doch weitaus[202] zu klein, und es würde der Prüfung an einem mindestens um das Zwanzigfache größeren bedürfen, um zu leidlich sicheren Resultaten zu kommen.

Ferner und vor allem: stellt sich wirklich definitiv ein Abschwellen der Schwankungen, zunehmende Stetigkeit des Leistungseffekts also, als »typisch« heraus, so fragt es sich wiederum: inwieweit ist die zu nehmende »Geübtheit« des Mannes und inwieweit sind außerhalb seiner Person liegende Bedingungen seiner Leistung dafür verantwortlich? Es kommt auch da vor allem der uns schon oben begegnete Umstand in Betracht, daß nach der Einlegung einer neuen Kette in einen Stuhl zunächst eine gewisse Zeit vergeht, bis überhaupt ähnlich normale Bedingungen des Arbeitens eintreten, wie sie während des weiteren Verlaufes der Arbeit bestehen, die dann solange andauern, bis wieder durch das bevorstehende Ablaufen der Kette und die dadurch entstehende Unsicherheit der Bewegungen des Kettenbaums ähnlich ungünstige Verhältnisse entstehen wie am Anfang. Sicherlich die erste Woche und wohl oft auch noch die zweite stehen unter dem Einfluß solcher, von der »Geübtheit« des Arbeiters ganz unabhängigen, ungünstigen Umstände und sind also nicht einfach mit den folgenden vergleichbar; es muß auch immerhin mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß sich diese Einflüsse gelegentlich noch weiter erstrecken und daß es also jedenfalls unsicher bleibt, in welchem Grade die – an sich plausible und wahrscheinliche – Tendenz der zunehmenden »Einarbeitung« in eine Sorte (im Sinn zunehmender »Uebung« des Arbeiters) und in welchem Grade jene technischen Bedingungen seines Arbeitens an der Abnahme der Leistungsschwankungen (wenn sie durch umfassendere Proben nachweisbar sein sollte) beteiligt sind, wenn man keine längeren als sechswöchentliche Zeiträume zugrunde legt. Andererseits würde, wenn ich ausschließlich die Fälle derjenigen Ketten, die mehrere Monate (und dabei einstühlig) laufen, zugrunde legte, die Zahl der exakt beobachteten Fälle bei so stark von irrationalen Umständen abhängigen Erscheinungen, wie es die Tagesschwankungen sind, entschieden zu geringfügig sein88. Daß die verschiedenen Jahreszeiten mit ihnen untereinander[203] sehr verschiedenen Einflüssen auf die Arbeitsleistung (Beleuchtungs-, Temperatur-, Wassersättigungsverhältnisse) auch auf den Grad der Schwankungen Einfluß haben, erscheint a priori kaum zweifelhaft, da diese ja teils von der Zahl der Fadenbrüche (die bei Trockenheit steigt), teils von der Schnelligkeit und Sicherheit des Sehens und der Bewegungen des Arbeiters (die von künstlicher Beleuchtung, starker Hitze oder Kälte ungünstig beeinflußt werden) abhängig sind; das läßt sich aber hier nicht sicher verifizieren, da das vorhandene exakte Material für Sommer und Winter zu verschiedene Sorten aufweist.

Denn wir werden von vornherein annehmen, daß die Schwankungsamplitüde nicht nur innerhalb einer und derselben Kette, sondern erst recht zwischen verschiedenen Ketten und, vor allem: Sorten, und überhaupt je nach den konkreten Bedingungen der Arbeit, und endlich auch nach der Eigenart der Arbeiter verschieden groß sein wird. Läßt sich nun darüber etwas einigermaßen Plausibles aus dem Material gewinnen?

Wir nehmen zur Probe zunächst einmal den gleichen Arbeiter, dessen Leistungsziffern für 10 Monate oben in Tabelle III wiedergegeben wurden, und verfolgen die Durchschnittsschwankungen durch die von ihm während dieser Zeit gearbeiteten Sorten hindurch, deren äußerlich meßbare Eigenschaften (Dichte, Breite, Garnfeinheit) ebenso wie die Tourenzahl der Maschinen, die normalen (durchschnittlich erwarteten) Nutzeffekte und das Abweichen der faktisch erzielten, alles in Prozent der zuerst gearbeiteten Sorte (dabei aber in abgerundeten Zahlen) angegeben wird. Das entstehende Bild ist folgendes:


XIII. Uebungszuwachs und Stetigkeitszunahme der Leistung. Anpassung der Leistung an die Lohnkalkulation

[204] Man sieht: Die Schwankungsamplitüde geht mit keiner der Zahlen wirklich parallel. Beobachten läßt sich zwar, daß die drei dichtesten Sorten, welche zugleich diejenigen mit den höchsten Akkordsätzen sind (3, 4, 5), gegenüber den drei mit niedrigeren Akkorden bewerteten (1, 2, 6) im Durchschnitt die größeren Schwankungsamplitüden aufweisen (160% der Am plitüde bei der ersten Sorte gegen 127%). Aber wie die Zahlen ergeben, ist ein Parallelismus der im Akkordsatz sich ausdrückenden Leistungsschwierigkeit mit der Höhe der Leistungsschwankungen im einzelnen nicht nachweisbar89. Während ferner bei einer und derselben Sorte bzw. Kette, nach dem oben wahrscheinlich Gemachten, die Entwicklung so verläuft, daß mit steigender Uebung (welche das geleistete Nutzprozent steigen lassen muß) die Schwankungsamplitüde sinkt, ist hier, im Verhältnis zwischen mehreren Sorten, ein solcher umgekehrter Parallelismus nicht klar zu finden: die beiden Fälle, in welchen der geleistete hinter dem normalen Nutzeffekt am wenigsten zurückbleibt (Sorte 3 und 5), haben je eine der drei höchsten Schwankungsamplitüden, während umgekehrt bei der Sorte 2 mit niedrigem erzieltem Nutzeffekt auch die Schwankungen starke sind. Vollends von einem Parallelismus[205] des Schwankungsgrades mit Breite, Garnfeinheit, Tourenzahl (die ja allerdings nur geringe Unterschiede zeigt, übrigens auch ihrer absoluten Zahl nach, welche – dem Prinzip gemäß – hier nicht wiedergegeben wird, niedrig steht), ist keinerlei Rede. Es dürften eben in den durch so einfache Ziffern nicht erfaßbaren Qualitäten der Garne so wesentliche Unterschiede der Leistungsbedingungen liegen, daß – wenigstens in diesem Fall – die sonstigen Unterschiede demgegenüber nicht eindeutig zur Geltung kommen können. Ueberdies fällt ins Gewicht, daß nur die 1. und 3. Sorte lange Ketten waren, von denen die eine (Sorte 1) bei Beginn der Zählung schon einige Zeit lief, also die starken Anfangsschwankungen schon hinter sich hatte, die andere (Sorte 3) 4 Monate auf dem Stuhl lag, während dagegen Sorte 2 nur 7 Wochen, Sorte 4 nur 5 Wochen, Sorte 5 nur 4 Wochen und Sorte 6 nur 2 Wochen – nachher kam ein anderer Arbeiter an den Stuhl – gearbeitet wurde. Sorte 1 präsentiert sich also wahrscheinlich zu günstig, Sorte 6 sicher zu ungünstig.

Die letztere Sorte steht in Dichte und Garnfeinheit der Sorte 1 gleich, in der Tourenzahl um nur (rund) 5% niedriger, in der Breite um 15% höher, ihr Garnmaterial ist etwas leichter zu verarbeiten: das alles findet seinen Ausdruck in einem um 6,8% niedrigeren Akkord. Ob nun der Umstand, daß das an ihr erzielte Nutzprozent um 15% höher steht als bei 1, unter diesen Verhältnissen einen »Uebungsfortschritt« bedeutet, ist schlechterdings nicht zu entscheiden. Sorte 3 verdankt ihre hohe Schwankungsamplitüde bei günstigem Nutzeffekt (sub Nr. 7) teils einem Kettenwechsel, teils einer technischen Aenderung am Stuhl, deren ungünstige Wirkung auf die Leistung dieses Arbeiters schon einmal erwähnt wurde, teils schlechter Gesundheit, die im Frühjahr zweimal zur Arbeitsunterbrechung führte. Das mit niedriger Leistung (sub Nr. 7) verbundene auffallend starke Schwanken bei der zweiten Sorte dagegen hat wohl wesentlich in der Weihnachtszeit mit ihrer unsteten Arbeit und der zufällig gerade damals lebhaften Gewerkschaftsbewegung seinen Grund. Die – mit mittlerer Schwankungsamplitüde verbundene – Minderleistung (gegenüber der Kalkulation) an Sorte 4 erklärt sich aus Unangepaßtheit der Sorte an den Stuhl. Sorte 5 mit einer (bei einstühligen Webern) mittleren, vielleicht etwas über mittleren Schwankungsziffer (sub Nr. 8) – die bei einer längeren Kette wohl wesentlich niedriger ausgefallen wäre – zeigt den Arbeiter[206] in dem nahezu dem geforderten Normalsoll entsprechenden Nutzeffekt (sub Nr. 7) auf der Höhe seiner Leistung: die Sorte ist, wie der Akkord (sub Nr. 5) zeigt, schwierig, infolgedessen der verlangte Nutzeffekt (sub Nr. 6) niedriger: Der als (relativ) nicht sehr gewandt, aber sehr kräftig und ausdauernd bekannte Arbeiter konnte bei mäßigen Ansprüchen an die Schnelligkeit (Tourenzahl und Nutzeffekt) sein Bestes leisten.

Versuchen wir nun, nachdem dies Einzelbeispiel zeigte, in welchen Komplex sehr individueller Bedingungen die Analyse der Schwankungsunterschiede bei einem Einzelarbeiter führt, ob nicht doch sich bei einem Ueberblick über eine größere Zahl von Beispielen irgendwelche deutlichen Tendenzen zu Parallelismen ergeben, so scheint es zunächst wahrscheinlich, daß erhebliche Steigerungen der Tourenzahl die Tendenz haben, die Schwankungen zu steigern. Ordnet man eine herausgegriffene Serie mit der Stuhluhr kontrollierter Ketten nach den Tourenzahlen, mit denen sie verarbeitet wurden, die höchste = 100 gesetzt, so zeigt sich in der Tat, daß alle Schwankungsdurchschnitte, welche 14,0% (der Durchschnittsleistung an der Kette) übersteigen, sich bei Tourenzahlen von über 75% finden, daß dagegen sich bei diesen hohen Tourenzahlen von den Schwankungsdurchschnitten unter 10% nur ein einziger Fall (9,5%) findet, bei einem ungewöhnlich tüchtigen Mädchen: als dasselbe an der gleichen Kette von einem allerdings nur sehr mittelmäßigen männlichen Arbeiter abgelöst wurde, schnellte die Amplitüde der Schwankungen für die zweite Hälfte der Kette auf 20,9% von dessen Durchschnittsleistung – auf die Höchstschwankung aller Ketten – in die Höhe. Dagegen überwiegen bei Tourenzahlen von 75 und weniger % die niedrigeren Schwankungsdurchschnitte von 12 bis zu 6,5% herab und finden sich nur vereinzelte über 12% (bis zum Maximum von 14%) hinausgehende. Im übrigen besteht aber ein irgendwie strenger Parallelismus von Tourenzahl und Schwankung nicht.

Was die Dichte der Gewebe anlangt, so haben von den 6 unter den kontrollierten Ketten, welche 100-95% der Maximaldichte haben, die Hälfte mehr als 12% Durchschnittsschwankung, 5/6 mehr als 10%; bei den Ketten mit 90-60% der höchsten (kontrollierten) Dichte haben 1/3 mehr als 12, 4/5 mehr als 10% Amplitude, bei den noch niedrigeren Dichtegraden kommen – infolge der hohen Tourenzahl – wieder mehr höhere Durchschnitte[207] vor; – bei der Kleinheit der Zahlen sind jedoch diese Unterschiede überhaupt nicht beweisend.

Die Garnfeinheit fällt meist mit der Dichte der Sorte zusammen, und dann gilt das eben Gesagte; wo dies ausnahmsweise nicht der Fall ist, das Gewebe also locker ist, ist ein Parallelismus nicht ersichtlich; auch sind, wie schon gesagt, beim Garn verschiedene andere Qualitäten, die sich nicht in ziffernmäßigen Vergleich bringen lassen, von Bedeutung.

Eine Hauptunterscheidung ist nun noch übrig: einstühliges oder zweistühliges Weben. Sie ist für die Art der Ansprüche, die an den Weber gestellt werden, natürlich von größter Wichtigkeit. Das Arbeiten zwischen den beiden Stühlen, einen jeweils vor sich, einen hinter sich, mit der Nötigung, bei der Inanspruchnahme durch den einen den andern zeitweise aus den Augen zu lassen, wirkt namentlich auf die Nerven ungeübter Arbeiter sehr beunruhigend. Wie demgemäß nicht anders zu erwarten, sind die Schwankungen jeder einzelnen Kette im zweistühligen Weben im großen und ganzen stärkere als beim ein stühligen; der Durchschnitt der Schwankungen bewegt sich bei den letzteren um etwa 10, bei den ersteren um etwa 14% der Durchschnittsleistung. Allein es finden sich beim zweistühligen Weben Ausnahmen mit (relativ) sehr niedrigen Schwankungsziffern (bis wenig über 5% herab), und zwar sind es besonders geübte Arbeiter (männliche und weibliche), welche sie aufweisen.

Die Schwankungen und überhaupt die Bewegung der Leistungen beim zweistühligen Weben erregen aber überhaupt besonderes Interesse und es sei daher auf diesen Punkt noch etwas näher eingegangen.

A priori könnte man glauben, die Schwankungen der Leistung an zwei von demselben Arbeiter bedienten Stühlen würden sich der Regel nach gegeneinander kompensieren: wenn der Arbeiter seine Aufmerksamkeit dem einen Stuhl zuwende, leide die Leistung auf dem andern Not. Daß dies jedoch bei den Schwankungen zwischen den einzelnen Tagesleistungen keineswegs generell der Fall ist, zeigen die – leider freilich nicht sehr zahlreichen – Fälle, wo Stuhluhrmessungen an zwei von einem und demselben Arbeiter bedienten Stühlen vorliegen. Die Regel ist bei weitaus der Mehrzahl der beobachteten Tagesleistungen, daß sie sich, wenn auch meist in sehr ungleichem Verhältnis, in der gleichen Richtung (aufwärts bzw. abwärts) von einem Tage[208] zum andern bewegen. Man könnte daraus schließen wollen, daß darin die gleichmäßige Wirkung der jeweiligen »Tagesdisposition« des Arbeiters für die Arbeit zum Ausdruck gelange. Das dürfte in gewissem Maße wohl auch entschieden der Fall sein. Allein es gibt durchaus kein Mittel zu entscheiden, in welchem Maße, und sicher scheint, daß andere, in der Tecknik des Arbeitsprozesses liegende Umstände die überwiegende Rolle spielen. Der Arbeiter, welcher zwei Webstühle bedient, kann, wenn an einem Tag die Bedienung des einen besondere Schwierigkeiten macht, besonders zahlreiche Kettenbrüche eintreten, die Konsequenzen mangelhaften Schlichtens der Kette oder andere Gründe ihn stark in Anspruch nehmen, auch den andern Stuhl nicht so präzis bedienen, wie an Tagen, an welchen die Kette auf dem ersteren glatter läuft. Dieses gegenseitige Sichbeeinflussen der Arbeit auf beiden Stühlen dürfte die weitaus vorwiegende Rolle bei jener Erscheinung spielen, die jetzt noch durch einige Zahlen illustriert werden mag. Wir werden dann später sehen, daß und warum auch die umgekehrte Erscheinung: entgegengesetztes Verhalten der Leistung auf beiden Stühlen, sich findet. Bei einem besonders gewandten und zugleich stetigen Arbeiter stellten sich zwischen 30 aufeinander folgenden Arbeitstagen die Schwankungen der Leistung von einem Tag zum folgenden auf den beiden Stühlen, die er bediente (in % der Durchschnittsleistung) folgendermaßen:


XIII. Uebungszuwachs und Stetigkeitszunahme der Leistung. Anpassung der Leistung an die Lohnkalkulation

Während der 25 Tage, an denen beide Stühle liefen, bewegte sich also die Leistung nur in 3 Fällen von einem zum andern Tag in entgegengesetzter Richtung; und davon gehört einer (24./25. Tag) schon der Zeit des Zuendegehens der Kette auf Stuhl B an. Addiert man für jeden Tag die Zahl der Schüsse auf beiden Stühlen,[209] so zeigt sich als durchschnittliche Schwankung der Gesamtleistung zwischen je zwei Tagen 6,11%, während die Leistung auf Stuhl A für sich vom 1. bis 25. Tage um durchschnittlich 5,96%, auf Stuhl B, der eine um etwas über 9% höhere Tourenzahl hat, um durchschnittlich 7,36% schwankt. Der Schwankungsdurchschnitt der Gesamtleistung steht zwar dem niedrigen der beiden Eigendurchschnitte näher als dem höheren, aber nicht unter beiden, wie es der Fall sein würde, wenn die Schwankungen der bei den Leistungen überwiegend die Tendenz gehabt hätten, sich gegenseitig auszugleichen. Der Schwankungsdurchschnitt zwischen den sämtlichen 30 Tagen auf Stuhl A, die einstühligen Tage also eingerechnet, beträgt 8%, gegen 5,96% während der zweistühligen Arbeit, also um über ein Drittel mehr. Die Leistung auf Stuhl A schnellt eben während der völligen Außerbetriebsetzung von Stuhl B um rund 45% des Durchschnittes in die Höhe (26./27. Tag), nachdem sie vorher während der mühsamen Arbeit am letzten Teil der Kette auf Stuhl B (24./25. Tag) schnell gesunken war, – und senkt sich dann während der Wiederinbetriebsetzung von B wieder zu ihrem vorherigen Durchschnitt herab. Auf diesem Wechsel zwischen Einstühligkeit und Zweistühligkeit beim Kettenwechsel beruht zu einem Teil der stärkere Schwankungsdurchschnitt, den die Stuhluhren an Stühlen für schmale (also zweistühlig gewebte) Ware aufweisen. Zu einem ferneren Teil beruht er, wie schon kurz angedeutet wurde, darauf, daß der Wechsel der Sorten (oder, bei gleichbleibender Sorte, der Güte des Garnmaterials) auf dem einen Stuhl stets auch das Maß der Leistung auf dem andern Stuhl mit beeinflußt. Wird die Arbeit an dem einen Stuhl schwieriger, so sinkt die Leistung an dem andern Stuhl und umgekehrt, und dies äußert sich teils – bei Beginn des Wechsels – in schrofferen Unterschieden der Tagesleistung, teils in dauernd stärkeren Abweichungen nach unten bzw. oben vom Gesamtdurchschnitt der auf die Kette erzielten Leistung. Wenn beispielsweise der Durchschnitt der Gesamtleistung auf die Kette von Stuhl A = 100 gesetzt wird, so steht die ganze oben betrachtete 25 Tage umfassende Periode der Doppelstühligkeit, während welcher auf Stuhl B eine sogenannte »mitteldichte« Sorte lief, auf Stuhl A mit durchschnittlich 121,5%, infolge des Sortenwechsels auf B, um mehr als 1/5 über dem Gesamtdurchschnitt, während, nach Einlegung einer feinen und um 25% dichteren Sorte auf den andern Stuhl[210] (B), die Leistung auf Stuhl A nur in der ersten Woche noch, offenbar kraft besonderer Anstrengung des Arbeiters90, (der ja seine Leistung an der Stuhluhr kontrollieren kann), sich noch über dem Durchschnitt bewegt (104,0), weil er zunächst versucht, möglichst die gewohnte Schußzahl herauszubringen. Dann aber sinkt sie im Durchschnitt der folgenden 25 Tage unter den Gesamtdurchschnitt der Kette auf 95,4%, auf welcher Höhe sie sich nun auch weiterhin hält91. Und zugleich mit der sinkenden Leistung steigen die Schwankungen. Die Durchschnittsschwankung der Gesamtleistung (die gemachten Schüsse auf beiden Stühlen addiert) beträgt 6,93% der Durchschnittsleistung (gegen 6,11 in der ersten Periode von 25 Tagen). Das Charakteristische ist dabei, daß diese Vermehrung der Schwankungen keineswegs besonders stark auf Stuhl B hervortritt, obwohl dichte Ware, zumal bei feinen Garnen, eine wesentlich größere Zahl von Kettenbrüchen aufweist als leichtere: die Höhe der Durchschnittsschwankung ist auf Stuhl B trotzdem zufällig genau die gleiche in der zweiten wie in der ersten Periode92: 7,36%. Dagegen schwankt die Leistung auf dem Stuhl A, auf welchem dieselbe Kette weiter lief, merklich stärker als in der ersten Periode, nämlich um durchschnittlich 6,99% (gegen 5,96% der ersten Periode). Der Durchschnitt der Schwankungen der Gesamtleistung steht hier also unter demjenigen jeder von beiden Einzelleistungen, was dadurch bewirkt wird, daß hier in 7 Fällen (gegen 3 in der ersten Periode) die Schwankungen der letzteren in entgegengesetzter Richtung verlaufen, also sich kompensieren: in diesem Falle hat der Arbeiter, nachdem er seinen anfänglichen Versuch, beide Stühle auf der bisherigen Schußzahl zu erhalten, hatte aufgeben müssen, offenbar seine Aufmerksamkeit so stark auf die neue Sorte konzentriert, daß er zwar diese letztere auf der[211] Höhe hielt oder selbst steigerte, gleichzeitig aber die Bedienung des andern Stuhles mit der ihm schon vertrauten älteren Kette litt, der Stuhl z.B. bei Kettenbrüchen durchschnittlich wesentlich länger stehen blieb usw. und so auf diesem Stuhl niedrigere und stärker schwankende Leistung eintrat.

Stellen wir nun diesem hochgeübten, besonders leistungsfähigen und -willigen (29jährigen) Arbeiter noch einen andern, leidlich veranlagten, aber um 10 Jahre jüngeren gegenüber, der ebenfalls, und zwar zur gleichen Zeit, zweistühlig arbeitete. Die Tourenzahl seiner beiden Stühle war um rund 2 bis rund 6% niedriger als auf Stuhl B, um rund 3 bis rund 7% höher als auf Stuhl A des andern Arbeiters, – Unterschiede, die für unsere Zwecke nicht ins Gewicht fallen. Die Sorten, welche er machte, waren überwiegend leichte Sorten – also (normalerweise) gut laufende relativ bequeme Arbeit, – daneben nur einmal eine schwerere Sorte, deren Dichte sich aber zu derjenigen der von dem andern Arbeiter gemachten wie 2: 3 bzw. wie 3: 5 verhielt. Seine Arbeit war also ganz wesentlich leichter als die des andern Arbeiters, dafür aber war er auch, mit 19 Jahren, noch nicht 3 Jahre in der Arbeit und 13/4 Jahre im Vollakkord, also ganz wesentlich weniger geübt als der andere Arbeiter. Demgemäß steht auch das Maß der Leistung und Maschinenausnützung, welches er erzielte, trotz der leichteren Arbeit ganz wesentlich hinter der Leistung des andern zurück: je nachdem man die Zahl der gemachten Schüsse oder – was allein ein einigermaßen richtiges Bild gibt – die Höhe der »Nutzprozente« zugrunde legt, um rund 18 bzw. um rund 28%93, wobei allerdings der mehr als doppelt so häufige Kettenwechsel bei dem Jüngern mit ins Gewicht fällt (7 verschiedene Ketten und 5 verschiedene Sorten in 151/2 Wochen auf den beiden Stühlen des Jüngern gegen 3 verschiedene Ketten und ebensoviel Sorten in 131/2 Wochen bei dem Aelteren). Sieht man sich nun die Schwankungen bei dem jüngeren Arbeiter an, so betragen dieselben zwischen den ersten 14 Tagen, an denen die gleichen Ketten nebeneinanderliefen:[212] auf dem einen Stuhl (C): 23,0%, auf dem andern (D) 16,1% des Gesamtdurchschnittes der betreffenden Kette, während die Gesamtleistung (beide Nutzprozente jedes Tages addiert) um 14,3% schwankt. Daß die Schwankungen der Gesamtleistung stark unter denen von jeder der beiden einzelnen stehen, hat seinen Grund darin, daß bei diesem Arbeiter zwischen den 14 Tagen der Periode 5mal die Leistungen in entgegengesetzter Richtung, 8mal in der gleichen sich bewegen. Es folgen dann 15 Tage mit dreimaligem Ketten- und Sortenwechsel (1 auf Stuhl C, 2 auf Stuhl D) und demgemäß sehr heftigen durchschnittlichen Schwankungen auf beiden Stühlen: 29,4% auf Stuhl C, 27,3% auf Stuhl D. Während der alsdann folgenden Periode von insgesamt 31 Tagen hatte der Arbeiter den Vorteil, die gleiche94 leichte Sorte auf beiden Stühlen zu haben. Demgemäß sinken die Schwankungen. Sie betragen zwischen den zur Zählung geeigneten95 25 Tagen im Durchschnitt: 11,9% auf Stuhl C, 16,4% auf Stuhl D, und für die Gesamtleistung: 11,2%, also immer noch annähernd das Doppelte wie bei dem älteren Arbeiter. Die Zahl der Fälle, in denen sich die Leistungen von einem Tag zum andern entgegengesetzt bewegen, beträgt 9 (von 25), also relativ weniger als in der ersten Periode dieses Arbeiters, aber auch jetzt wesentlich mehr als bei dem älteren Arbeiter. Man wird in dem Unterschied der Schwankungsamplitüden sowohl wie in dem Unterschied der Schwankungskompensationen Konsequenzen des Unterschieds der Geübtheit zwischen den beiden Arbeitern erblicken dürfen. Der jüngere Arbeiter schwankt – so darf man als Erklärung auch hier annehmen – mit seiner Aufmerksamkeit zwischen den beiden Webstühlen in höherem Maße hin und her als der ältere, der sein Augenmerk mehr darauf richtet und, zufolge seiner höheren Geübtheit auch mit mehr Erfolg darauf zu richten imstande ist, beide Stühle so voll auszunützen wie möglich und daher, im Effekt, beide etwa gleichmäßig im Gang hält. »Gleichmäßig im Gang halten« heißt dabei nicht etwa: auf jedem von beiden möglichst die gleiche Anzahl Schüsse erzielen, sondern: nach Möglichkeit dasjenige[213] Optimum von Ausnutzung jeder von beiden Maschinen zu erzielen, welches der Lohnkalkulation zugrunde gelegt ist und also – vorausgesetzt, daß diese »richtig« ist – dem Betrieb das unter den gegebenen Bedingungen quantitativ und qualitativ mögliche Optimum von Waren, dem Arbeiter das (bei den der Kalkulation zugrunde gelegten Soll-Löhnen) mögliche Maximum von Lohn in der Zeiteinheit gewährt96. Die Kalkulation kann, auch wenn sie »richtig« war, durch individuelle Bedingungen – insbesondere Materialbeschaffenheit – natürlich desavouiert werden: Dann hat der Betrieb (in der Warenqualität) und der Arbeiter (im Lohn) den Schaden97. Andrerseits würde eine im konkreten Fall für zwei von einem Arbeiter bediente Webstühle »falsche«, d.h.: den rein technischen Bedingungen der Leistungen auf jedem von ihnen nicht entsprechende Bemessung der Akkordsätze die Folge haben, daß der Arbeiter – wenn er seine Verdienstchancen richtig abwägt – seinen Arbeitsverdienst auf dem Weg des »kleinsten Kraftmaßes« zu gewinnen sucht, d.h. jeweils den Stuhl am intensivsten ausnützt, auf welchem mit geringerem[214] Arbeitsaufwand mehr zu verdienen ist, weil für die auf ihm gemachten Sorten der Lohnsatz relativ – im Verhältnis zu der gleichzeitig auf dem andern Stuhl gemachten Sorte – »zu günstig« kalkuliert ist.

Die uns interessierende Frage ist nun: wie weit bei »richtiger« Kalkulation jene Anpassungstendenz, die zur Geltung kommen muß, wenn der Arbeiter das Maß der Ausnutzung der Stühle der Lohnkalkulation und den aus dieser sich für ihn ergebenden Verdienstchancen anpaßt, auch tatsächlich sich realisiert? Dar auf kann nur bei Betrachtung längerer Zeiträume, während deren die gleichen Sorten nebeneinander laufen, eine Antwort gegeben werden. Um diese Antwort – soweit sie bei dem bescheidenen Umfang des Materials überhaupt möglich ist – gleich in dem wesentlichen Punkt vorwegzunehmen: eine solche Anpassung findet, wie es scheint, bei den einzelnen Arbeitern in sehr verschiedenem Grade statt. Jeder Arbeiter, der mehrere Stühle bedient, wird in einem gewissen Maß zur »Anpassung« an die Bedingungen der optimalen Produktion genötigt, wenn anders er nicht ökonomische Nachteile (Lohnausfall oder, bei andauerndem starken Zurückbleiben hinter der kalkulatorisch erwarteten Leistung, Entlassung) gewärtigen will. Aber ziemlich verschieden scheint der Grad zu sein, in welchem ihm diese Anpassung gelingt. Aus der Beobachtung der Verdienstschwankungen einer größeren Anzahl von zweistühligen Arbeitern schien mir hervorzugehen – und dies wurde von der Betriebsleitung als auch ihren Erfahrungen entsprechend bestätigt – daß die überhaupt »begabtesten« Arbeiter auch diejenigen sind, welche sich der Kalkulation am besten anzupassen wissen. Und zwar scheint sich diese Anpassung so zu vollziehen, daß der Arbeiter, welcher gleichzeitig zwei verschiedene Sorten nebeneinander zu weben anfängt, wenn er leistungsfähig ist, meist damit beginnt, zwischen den beiden Sorten mit dem Maximum seiner Anspannung abzuwechseln, so daß ein stoßweises Emporsteigen der Leistung zuerst auf dem einen Stuhl, dann bei gleichzeitigem Stehenbleiben oder auch mäßigem Sinken der Leistung auf diesem, ein ebensolches Ansteigen auf dem andern Stuhl stattfindet, was sich dann eventuell noch ein bis zweimal wiederholen kann, bis der Arbeiter, nachdem er die Leistungen auf beiden Stühlen durch »Uebung« genügend gesteigert und zugleich ihre mögliche relative Lohnrentabilität »ausprobiert« hat, allmählich seine Leistungen[215] auf die beiden Stühle so zu verteilen gelernt hat, daß er das Optimum und das heißt, bei »richtiger« Akkordkalkulation: auf jedem von beiden etwa gleichviel verdient. Dies würde, anders ausgedrückt, bedeuten, daß die Leistungen der von einem Arbeiter bedienten Stühle, in Produktionsquanten ausgedrückt, bei geübten Arbeitern und »richtiger« Kalkulation eine Tendenz haben, sich umgekehrt proportional dem Akkordsatz der Sorten zu stellen. Eine »Tendenz«: – das heißt, daß eine Unmasse individueller, im Material, im Stuhl, in den »Dispositionen« des Arbeiters, in der Jahreszeit usw. liegende Bedingungen es hindern können, daß dies Resultat wirklich eintritt, zumal jene Unterschiede der durch die verschiedenen Sorten bedingten Anforderungen an den Arbeiter, welche durch die Differenzen der Akkordsätze berücksichtigt werden sollen, sich ja nicht auf eine einzige einheitliche und gleichmäßige, für alle Sorten bedeutsame Fähigkeit desselben beziehen, sondern auf einen ganzen Komplex von solchen, die für die verschiedenen Qualitäten in ganz verschiedenem Maße relevant werden, so daß die Individualität der Arbeiter starke Abweichungen bedingen muß. Trotz all dieser Störungsquellen findet sich nun aber die erwähnte Tendenz gerade bei den geübtesten Arbeitern mehrfach ziemlich deutlich realisiert. So zeigt – um wenigstens zwei Beispiele herauszugreifen – der ältere und geübtere der beiden oben als Beispiel für die Tagesschwankungen verwerteten Arbeiter beim Weben zweier unter sich um 7,5% in der Akkordfestsetzung verschiedener Sorten, welche er 41/2 Monate nebeneinander webte, zuerst – von der ersten zur zweiten Halbmonatsperiode – ein starkes Ansteigen der Leistung auf beiden Stühlen, und zwar am stärksten in der dichteren Sorte mit dem höheren Akkord. Auf diese, offenbar durch kontinuierliche Ueberanspannung erzielte Steigerung folgt vom zweiten zum dritten Halbmonat ein erhebliches Sinken, stärker wiederum bei der dichteren (für das gleiche Quantum höher gelohnten) Sorte. Vom dritten zum vierten Halbmonat steigt die Leistung in der schwierigeren Sorte, während sie in der leichteren um ein Weniges sinkt, vom vierten zum fünften ist genau das Umgekehrte der Fall, vom 5. zum 6. Halbmonat wird die Entwicklung durch einen Kettenwechsel in der leichteren Sorte gestört: beide Leistungen sinken, um dann wieder vom 6. zum 7. beide langsam zu steigen, vom 7. zum 8. beginnt der Anlauf zum Anstieg in der schwierigen Sorte von neuem, während die leichtere[216] mäßig sinkt, mit dem 9. geht die Kette der ersteren zu Ende (beide sinken). Dabei hat sich im Durchschnitt von je 11/2 Monaten die Differenz des Produktionsverhältnisses (in Metern Waren ausgedrückt) von 14,5% der mittleren Leistung im Tagesdurchschnitt im ersten Drittel auf 6,5% im Tagesdurchschnitt des letzten Drittels gesenkt. Dabei hat aber im ersten sowohl wie im zweiten Drittel die Produktionsleistung der schwereren Sorte in je einem Halbmonat über derjenigen der leichteren gestanden, und erst im letzten Drittel hat sich der in der Akkorddifferenz (7,5%) zum Ausdruck gebrachte Unterschied der Schwierigkeit der Arbeit annähernd zutreffend in der Differenz der Leistung ausgeprägt. Der Unterschied zwischen dem täglichen Durchschnittsverdienst auf jedem der beiden Stühle ist im Drittelsdurchschnitt auf die Hälfte zurückgegangen, wobei in den beiden ersten Perioden das Maß, in welchem bald der eine, bald der andere Stuhl das Uebergewicht hat, erheblich schroffer wechselt als in der dritten; der Stuhl mit der leichteren Sorte verdiente mehr (+) oder weniger (-) als der andere (in Prozenten von dem jeweils niedrigen Verdienst): 1. Halbmonat: + 14,0; 2. Halbmonat:–8,5; 3.: + 18,7; 4.:–13,8; 5.: + 14,7; 6.: + 9,2; 7.: + 12,9; 8.: + 5,2; 9.: + 3,9. Man sieht aus allem, daß der Arbeiter durch fortgesetztes – bewußtes oder unbewußtes – Probieren und Sichanpassen allmählich sich den der Kalkulation der Akkorde zugrunde gelegten relativen Bedingungen der Arbeit an den beiden Stühlen annähert.

Noch deutlicher als bei diesem Arbeiter – der, beiläufig bemerkt, Gewerkschaftler ist – tritt die Tendenz zur Ausgleichung des Stuhlverdienstes bei einem ebenfalls besonders tüchtigen Mädchen hervor, wenn man folgende Zahlen betrachtet, die sich auf die Halbmonate nach Beginn der zweistühligen Arbeit an zwei untereinander im Akkord um 17,6% verschieden angesetzten Sorten bezieht: Der Verdienst am Stuhl A (mit der höher angesetzten Sorte) verhielt sich zu B (mit der niedriger angesetzten Sorte) in den Halbmonaten:


1wie 100 zu

2262

3155

496,0

586,2

693,0

786,9

8101,5

9100,0

0100,6


Also im Durchschnitt der drei ersten Halbmonate wie 100: 146, im Durchschnitt der vier mittleren wie 100: 90,5, in den drei letzten endlich standen die Verdienste mit winzigen Abweichungen einander gleich. Anders ausgedrückt: in den ersten vier Monaten[217] hat sich die Arbeiterin, welche in der Sorte auf Stuhl B schon 2 Halbmonate gearbeitet hatte, in die neue schwerere Sorte (auf Stuhl A) eingearbeitet, dabei aber durch Konzentration ihrer Aufmerksamkeit auf die alte leichtere Sorte den Stuhl B in vollem Betrieb erhalten (denn die auf diesem Stuhl produzierten Quantitäten stehen pro Tag nur im zweiten Halbmonat etwas niedriger als der Durchschnitt); nachdem dann mit dem dritten Halbmonat die Einarbeitung in die schwere neue Sorte (auf A) vollzogen ist, wendet die Arbeiterin zeitweise ihre Aufmerksamkeit dieser mit entsprechend höherem Akkord ausgezeichneten Sorte so viel stärker zu als der billigeren, daß die Leistungen in dieser letzteren um etwa 15% sinken; während der letzten Zeit der Arbeitsperiode jedoch stehen die Verdienste an beiden Stühlen einander gleich und das bedeutet: die Produktionsleistungen standen umgekehrt proportional den Akkordsätzen, dergestalt, daß die Produktionsleistungen auf B niedriger stehen als in der ersten, diejenigen von A als in der zweiten Periode, also ein Ausgleich auf einer Art »mittlerer« Linie und zwar umgekehrt proportional dem kalkulierten Akkordsatz stattfindet, nachdem die Arbeiterin erst in der einen, dann in der anderen Sorte durch starke Anstrengungen ihren Uebungsstandard hinlänglich erhöht hatte. Es mag an der Analyse dieser beiden Fälle, denen einige andere ähnliche zur Seite gestellt werden könnten, genügen und nur noch bemerkt werden, daß diesen Fällen, in denen es sich stets um sehr geübte Arbeitskräfte handelt, zahlreiche andere, und zwar speziell bei minder geübten oder minder begabten Arbeitern, gegenüberstehen, in denen ein sehr unstetes Schwanken zwischen den beiden Stühlen dauernd bestehen bleibt, die Ausgleichung und Anpassung an die Lohnkalkulation also nicht gefunden wird, – was stets den Verdienst schmälert.

Wir sind mit diesen Darlegungen bereits ganz in die Analyse der Leistungsschwankungen einzelner Arbeiter hineingeraten, wie dies auch früher bereits gelegentlich der Fall war. Damals hatten wir allerdings wesentlich die Entwicklung der Leistungen an einer und derselben Sorte (bzw. zwei Sorten auf zwei Stühlen) beobachtet. Wir wollen nunmehr – was bisher nur vereinzelt und skizzenhaft zu illustrativen Zwecken erfolgte – für eine Reihe von Arbeitern längere Zeitperioden, die einen mehrfachen Wechsel der Sorten umschließen, betrachten.[218]


Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitk. Hrsg. von Marianne Weber. Tübingen 21988, S. 196-219.
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