Passagen

[879] Passagen. (Musik)

Vom italiänischen Passo und Passagio: sind Zierrathen der Melodien, da auf eine Sylbe des Gesanges mehrere Töne hintereinander folgen, oder eine Hauptnote, die eine Sylbe vorstellt, durch sogenannte Diminution, oder Verkleinerung in mehrere verwandelt wird. In beyden Fällen aber müssen alle Töne der Passage, die Stelle eines einzigen [879] vertreten, folglich leicht und in einem ununterbrochenen Zusammenhang vorgetragen werden. Die Läufe bestehen aus mehrern Passagen über eine Sylbe.

Die Passagen werden entweder von dem Tonsezer vorgeschrieben, oder die Sänger und Spiehler machen sie selbst, wo der Tonsezer nur eine Note gesezt hat. Dazu werden aber schon Sänger und Spiehler erfodert, die außer dem guten Geschmak die Harmonie besizen, damit ihre Passagen, derselben nicht entgegen klingen.

Es giebt zweyerley Passagen. Einige sind würklich vom Geschmak und der Empfindung an die Hand gegeben, weil sie den Ausdruk unterstüzen; andere sind blos zur Parade, wodurch Sänger und Spiehler ihre Kunst zeigen wollen. Diese verdienen nicht in Betrachtung genommen zu werden, als in so fern man das Unschikliche davon vorstellen, und dagegen, als gegen eine den guten Geschmak beleidigende Sache, Vorstellung thun will. Sie sind Ausschweifungen, wozu die welschen Sänger auch unsre besten Tonsezer verleitet haben. Besonders sind die sogenannten Bravourpassagen, ungeheure Auswüchse, die wenigstens in Singesachen nicht sollten geduldet werden, es sey denn etwa zum Spaß in comischen Operen.

Daß es Passagen von der ersten Gattung gebe, die zum Ausdruk sehr charakteritisch sind, wird Niemand leugnen, der gute Sachen von unsern besten Tonsezern gehört hat. Ja man kann behaupten, daß sie der singenden Leidenschaft natürlich seyen. In zärtlichen Leidenschaften geschieht es gar ofte, daß man sich gerne auf einem Ton etwas verweilet. Wenn alsdenn dieser Ton eine die Leidenschaft schmeichelnde Verziehrung verträgt, so entsteht ganz natürlich eine Passage. In folgender Stelle, aus der Arie; Ihr weichgeschaffne Seelen,1

Passagen

sind die Passagen ungemein wol erfunden, um eine schmerzhaft zärtliche Leidenschaft auszudrüken; ob sie gleich hier, um dieses beyläufig zu erinnern, am unrechten Orte stehen; da der, welcher singt, nicht selbst in dieser Leidenschaft ist. So steht auch im Anfang einer andern Arie, in gedachter Paßion,

Passagen

die, sonst sehr abgenuzte Passage, hier zu lebhafterm Ausdruk der Bewunderung sehr gut. Nichts ist geschikter den höchsten Schmerz auszudrüken, als folgende Passage:2

Passagen

Aber in heftigen und schnellströhmenden Leidenschaften, und wo das Herz eilt seiner Empfindung schnell Luft zu machen; da sind die Passagen selten natürlich. Und da sie im Grunde Verziehrungen sind, und etwas angenehmes haben, so schwächen sie die Heftigkeit des Ausdruks. Man betrachte folgende Stelle aus einer Graunischen Arie.

Passagen

[880] Nach meiner Empfindung hat dieser Ausdruk des Worts paventi, der schrekend seyn soll, durch die kleine Passage der beyden lezten Sylben etwas eher schmeichelndes, als schrekhaftes bekommen, und die Art, wie das Wort furore beydemale gesungen wird, hat eher etwas beruhigendes, als drohendes.

Es mögen sich einige einbilden, daß die Arien ohne Passagen zu einförmig und so gar langweilig werden würden. Allein dieses ist nicht zu befürchten, wenn nur der Tonsezer geschikt genug ist, alle Vortheile der Modulation und der begleitenden Instrumente, wol zu nuzen. Die so eben angeführte Arie Giam' affretta il furor mio, wo am Schluß des zweyten Theiles die so eben angeführte schmerzhafte Passage vorkommt, ist sonst durchaus ohne Passagen, und es ist gewiß eine der vollkommensten Opernarien.

Was die Passagen, die die Sänger für sich machen, betrift, sollte jeder Capellmeister sich die Maxime des berühmten ehemaligen Churfürstl. Hanoverischen Capellmeisters Stephani zueignen, der durchaus nicht leiden wollte, daß ein Sänger eine Note, die ihm nicht vorgeschrieben war, hinzusezte. Ich weiß wol, daß diese Leuthe nicht allemal zu zwingen sind, vornehmlich, da ein so großer Theil ihrer Zuhörer den willkührlichen Passagen so ofte Bravo zuruft.

Zum wenigsten sollte der Capellmeister sich solcher Sünden gegen den Geschmak nicht noch dadurch theilhaftig machen, daß er sie selbst begeht. Die Raserey für die willkührlichen Passagen hat eigentlich das Verderben in die Singemusik eingeführet, worüber gegenwärtig mit so viel Recht geklagt wird. Mancher unberufene Tonsezer, der nicht Genie und Empfindung genug hat, den wahren Ausdruk der Leidenschaft durch ein ganzes Stük fortzusezen, begnüget sich damit, daß er etwa eine Melodie in dem schiklichen Ausdruk angefangen hat: hernach schreibet er eine Folge von Passagen hin, durch die der Sänger seine Geschiklichkeit zeigen kann, und die sich gleich gut zu allen Arten der Empfindung schiken; und dann glaubt er eine gute Arie gemacht zu haben. Möchte doch jeder Kunstrichter seine Stimme gegen Ausschweiffungen erheben, die der wahren Musik so verderblich sind!

1In Grauns Passion.
2Grauns Op. Angeliea und Medor aus der Aria Gia m' affretta etc.
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 2. Leipzig 1774, S. 879-881.
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879 | 880 | 881
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