Harmonie (Mahlerey)

[516] Harmonie. (Mahlerey)

Es ist eine alte Beobachtung, daß die Farben in mehr als einer Absicht, den Tönen ähnlich sind. Man hat hohe und tiefe Farben, wie hohe und tiefe Töne, und so wie mehrere Töne sich in einen Klang vereinigen können, in welchem keiner besonders hervorsticht, so hat dieses auch bey den Farben statt. Also ist in den Farben die Harmonie, das Consoniren und Dissoniren von eben der Beschaffenheit, wie in den Tönen: die Töne consoniren nicht, wenn man jeden besonders hört und unterscheidet, ob sie gleich zusammen angeschlagen werden; und die Farben consoniren nicht, wenn jede das Aug besonders auf sich zieht.

Hieraus läßt sich leicht abnehmen, was man durch die Harmonie der Farben in einem Gemählde verstehe. Sie macht, daß eine ganze Masse, sie sey hell oder dunkel, ob sie gleich aus unzähligen Farben und Tinten zusammengesetzt ist, in Absicht auf die Farben, als eine einzige unzertrennliche Masse ins Auge fällt, so daß keine einzele Stelle darin besonders und für sich hervorsticht. Wenn wir eine Person ganz roth oder ganz grün gekleidet sehen, so fällt uns nicht ein zu sagen, daß sie ein vielfarbiges Kleid anhabe, wenn sie gleich in einem Lichte steht, wovon einige Stellen ein helles und schönes Grün, andre ein dunkleres haben, und noch andre so völlig im Schatten sind, daß man die Farbe gar nicht mehr unterscheiden kann. Wir urtheilen dieser großen Verschiedenheit der Farben ungeachtet, daß die Person durchaus mit einem einfärbigen, grünen Gewand bedekt sey. Dieses ist die höchste Harmonie der Farben. Sie kann nur in den Gemählden erreicht werden, die aus einer Farbe gemahlt sind, grau in grau, oder roth in roth, welche Art zu mahlen die Welschen Chiaroscuro nennen. Wo man schon Gegenstände von vielerley eigenthümlichen oder Localfarben mahlt, da hat zwar diese vollkommene Harmonie nicht statt: nichts desto weniger sieht man ofte, daß solche Massen, der Mannigfaltigkeit der Lokalfarben ungeachtet, dem Auge nur als eine Masse von Farben in die Augen fallen; weil keine dieser Farben für sich das Aug besonders rühret, ob man sie gleich, wenn man sie besonders betrachten will, genau von den übrigen unterscheidet.

Die mehr oder weniger vollkommene Vereinigung aller Farben des Gemähldes, in eine einzige Masse, macht das Maaß der Harmonie der Farben aus. Die höchste Harmonie ist nur in dem Einfärbigen, das von einem einzigen Licht erleuchtet wird: und je näher die Empfindung des Vielfarbigen jenem Einfärbigen kommt, je vollkommener ist die Harmonie.

Man muß aber von der Harmonie der Farben eben das bemerken, was in der Harmonie der Töne statt hat. Obgleich nur der Unisonus die vollkommene Harmonie hat,1 so ist er deswegen nicht die angenehmste Consonanz, sondern nur die volleste. Die Uebereinstimmung des Mannigfaltigen2 ist allemal angenehmer, als die noch vollkommnere Uebereinstimmung des Gleichartigen. Wenn also bey der Mannigfaltigkeit der Farben doch nur ein einziger Hauptbegriff von Farben erwekt wird, so ist die Harmonie noch reizender. Darin besteht eigentlich [516] die Schönheit des Gemähldes, in so fern es nur durch die Farben rühret, und noch keine bedeutenden Formen zeiget.

Die Harmonie der Farben hängt von zwey Ursachen ab; von den Farben selbst, und von Licht und Schatten. An der guten Wahl der eigenthümlichen Farben, deren jede sich für die Stelle schike, und daselbst den Grad der Würkung oder der Rührung des Auges habe, der ihr zukömmt, ist das meiste gelegen. In jedem Gemählde ist etwas das Wesentliche; dahin muß das Aug gezogen werden. Also müssen die wesentlichen Theile durch ihre Farbe in dem Maaß hervorstechen, daß das Aug zuerst darauf geleitet werde. Aber es muß dabey nicht stehen bleiben; darum müssen die andern Theile in der Farbe nicht schnell abfallen, daß das Aug gleichsam einen Sprung darauf zu thun hätte; sonder allmählig durch sanfte Abänderungen in der Empfindung, wo das Mittel zum Uebergang von der einen zur andern noch empfindbar ist. Man kann in einer Masse sehr widerstreitende Farben anbringen; aber sie müssen nicht neben einander stehen, sondern nach dem Grad des Dissonirens derselben müssen mehr oder weniger Mittelfarben, als Verbindungen dazwischen gesetzt seyn. Es würde unerträglich seyn, wenn man uns in der Musik von der lebhaftesten Freude plötzlich in finstere Traurigkeit führen wollte: wenn diese Abwechslung gefällig seyn soll, so muß die Freude allmählig in die vermischte Empfindung eines zärtlichen Vergnügens herübergelenkt werden, von welcher man wieder allmählig in sanfte, und endlich in strengere Traurigkeit geleitet werden kann, ohne irgendwo eine schnelle Verändrung zu empfinden. Auf eine ähnliche Weise muß der Mahler Localfarben von sehr ungleichartiger Würkung durch alle sich dazwischen schikende Farben zu verbinden wissen, ohne die Harmonie zu verletzen.

Hiebey kömmt das meiste auf die Feinheit seiner Empfindung an. Sein Aug muß, wie das Aug eines Corregio, von sybaritischer Zärtlichkeit seyn, das auch von dem geringsten Mißlaut der Farben beleidiget wird. Aus der mehr oder weniger vollkommenen Harmonie in den Werken des Mahlers läßt sich beynahe sein Gemüthscharakter bestimmen. Wer vorzüglich das Strenge, das stark Auffallende liebt, der wird es in diesem Theile der Kunst nicht hoch bringen; aber weiche zärtliche Seelen, die von der geringsten Kleinigkeit gerührt werden, sind aufgelegt, die größte Harmonie zu erreichen.

Von Licht und Schatten hängt ein großer Theil der Harmonie ab; denn schon dadurch allein kann ein Gemähld Harmonie bekommen. Die höchste Einheit der Masse, oder die höchste Harmonie findet sich nur auf der Kugel, die von einem einzigen Lichte beleuchtet wird. Das höchste Licht fällt auf einen Punkt, und von da aus, als dem Mittelpunkt, nihmt es allmählig durch völlig zusammenhangende Grade bis zum stärksten Schatten ab. Dieses ist das Muster, an dem sich der Mahler halten muß, um die vollkommene Harmonie in Licht und Schatten zu erreichen.

Doch ist dieses nur von einzelen Massen zu verstehen; denn wo das Gemähld aus mehrern besteht, da kann die Harmonie den höchsten Grad nicht haben, weil sich die verschiedenen Gruppen von einander absondern müssen. In diesem Falle hat der Mahler größere Arbeit. Er muß in jeder Gruppe besonders, nach dem Grad der Stärke des ihr zukommenden Lichts, auf die höchste Einheit oder Harmonie der Gruppe arbeiten, und noch überdem jeder Nebengruppe den Grad des Lichts geben, der sie mit der Hauptgruppe auf das richtigste verbindet. Dieses allein erfodert schon ein langes Studium. Der angehende Mahler kann sich dieses dadurch erleichtern, daß er eine Zeitlang nur einfärbig oder grau in grau arbeitet. Allzulang aber muß er sich dabey auch nicht verweilen, weil er sonst in Absicht auf die Behandlung der Farben zurüke bleiben könnte.

Der Mahler muß aber eben so gut wissen die Harmonie zu unterbrechen; denn dadurch erhält er die vollkommene Haltung. Was sich nothwendig von dem Grund ablösen muß, kann nicht ganz mit ihm harmoniren. Ein Baum auf dem Vorgrund einer Landschaft thut eben dadurch seine Würkung, daß er gegen die Luft und gegen den hintern Grund gehörig absticht. Also muß man nicht immer auf die höchste Harmonie arbeiten; weil sie ofte das Ganze unkräftig machen würde.

Auch in der Zeichnung muß Harmonie seyn. Die Vermeidung des Ekichten und Spitzigen in den Umrissen, das Schlängelnde und Wellenförmige darin, macht eigentlich die Formen sanft und harmonisch. Mengs sagt von Corregio, daß er alle Eken vermieden [517] und seine Umrisse schlängelnd gemacht habe, und daß dieses vom Gefühl der Harmonie hergekommen sey. In den meisten antiken Formen zeiget sich dieses ebenfalls. Aber es ist nicht so zu verstehen, als wenn jeder Umriß den höchsten Grad des sanften und weichen haben müßte; denn dieses würde ofte dem Ganzen die Kraft benehmen. Der Grad des Harmonischen in den Umrissen muß dem Charakter der Gegenstände selbst angemessen seyn. Die weibliche Gestalt erfodert eine vollkommnere Harmonie, als die männliche, und einen ähnlichen Unterschied muß der Zeichner in jeder Art der Formen zu beobachten wissen.

Noch ist eine andre Harmonie der Zeichnung so nothwendig, daß sie nie kann übertrieben werden, weil sie allezeit den höchsten Grad haben sollte. Dieses ist die Harmonie der Theile, in so fern sie zum Charakter der Dinge gehören. Was dieses sagen wolle, kann am deutlichsten am Portrait erklärt werden. Der Charakter einer Person zeiget sich nicht blos im Gesichte, sondern auch in der ganzen Haltung und Bewegung des Körpers; und im Gesichte zeiget er sich in allen Theilen zugleich. Der Mund lacht nicht allein, sondern auch die Augen, die Stirn und die Nase lachen; jeder Theil nach seiner Art. Die Uebereinstimmung oder Harmonie der Theile zum Ausdruk ein und eben desselben Charakters ist ein höchst wichtiger Theil der Zeichnung. Der Portraitmahler würde ein seltsames Werk machen, wenn er bey einem Sitzen die Augen, bey einem andern die Nase, und bey einem dritten den Mund mahlen wollte, die Person aber, die er mahlt bey jedem Sitzen in einem besondern Gemüthszustand wäre; da würde die Harmonie der Zeichnung ganz wegfallen und das Werk müßte nothwendig schlecht werden.

Aus einem ähnlichen Grunde muß es der Harmonie der Zeichnung schädlich seyn, wenn der Künstler sein Werk nicht in einerley Gemüthsverfassung zeichnet. Wenn er einmal verdrießlich und ein andermal fröhlich ist, so wird er auch in beyden Fällen seinem Werk einen Anstrich seiner Laune geben. Also dienet es sehr zur Harmonie der Zeichnung, wenn sie in einem Feuer und in einer Gemüthsfassung durchaus vollendet wird.

Die Harmonie der Rede wird im Artikel Wolklang in Betrachtung gezogen werden.

1S. Einklang.
2Concordia discors.
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 1. Leipzig 1771, S. 516-518.
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516 | 517 | 518
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