Mahlerey. Mahlerkunst

Mahlerey. Mahlerkunst.

Diese so durchgehends gefallende und angenehme Kunst scheinet auf den ersten Blik blos für die Belustigung des Auges und für sanftes Ergözen zu arbeiten; aber eine überlegtere Betrachtung zeiget sie [729] uns in höherer Würde. Wahrscheinlich ist sie in ihrer ersten Jugend, wie die andern schönen Künste, eine bloße Belustigerin gewesen. Schon in den Farben allein, wenn auch keine Zeichnung dazu kommt, liegt Annehmlichkeit: noch halb wilde Völker werden davon gerührt, sammeln die schönsten Federn der Vögel, um ihre Kleider damit zu schmüken, die lebhaftesten bunten Muscheln, und die glänzendsten Steine, um Zierrathen davon zu machen. Vielleicht hat es lange gewähret, ehe man gewahr worden, daß Farben mit Zeichnung verbunden, ein noch mannigfaltigeres Ergözen verursachen; denn der Wachsthum der Kenntnisse und des Geschmaks ist unbegreiflich langsam. Aber erst nachdem man dieses gemerkt hatte, wurd der erste Keim der Mahlerey gebildet, die in ihrer ursprünglichen Natur nichts anders ist, als eine Nachahmung sichtbarer Gegenstände auf flachem Grund, vermittelst Zeichnung und Farbe.

Schweerlich wird diese Nachahmung in den ersten Zeiten etwas anderes zum Grunde gehabt haben, als die Belustigung der Sinnen und der Einbildungskraft, die überall bey gemahlten Gegenständen sich mehr vorstellt, als die Sinnen würklich empfinden. Aber schon bey dieser eingeschränkten Absicht hatte die Mahlerey ein edles und weites Feld zur Uebung vor sich: edel, weil sie die allweise und allwolthätige Natur nachahmete, die überall Lieblichkeit in Farben und Formen verbreitet hat; weit, weil die Mannigfaltigkeit des Angenehmen dieser Art, unermeßlich ist. Noch izt, da die Kunst durch manches Jahrhundert und durch die Anstrengung der größten Genien in ihren Kräften und Absichten erhöhet worden, ist sie auch in ihrem eingeschränkteren Wesen allein betrachtet, eine Kunst, die mit Ehren neben der Poesie und Musik stehen kann.

Alles was die so mannigfaltigen und zum Theil so reichen Scenen der leblosen und lebenden Natur, durch ihre Anmuthigkeit und durch so manchen Reiz, vortheilhaftes in uns würken, kann auch diese vornehmste Nachahmerin derselben ausrichten. Sie befördert in empfindsamen Seelen die Fähigkeit feineres Vergnügen zu fühlen, die der Mensch vor dem Thier voraus hat, und mildert dadurch seine Gemüthsart; sie macht, daß der Saamen des Geschmaks an Uebereinstimmung, Regelmäßigkeit, Ordnung und Schönheit, in der Seele aufkeimet, und treibet ihn allmählig bis zur Stärke einer erwachsenen Pflanze; sogar die ersten Keime des sittlichen Gefühls werden durch sie ausgetrieben.1 Wer wird nicht gestehen, daß die Kunst alle reizenden Scenen der sichtbaren Natur uns in wolgerathenen Nachahmungen vorzulegen, eine Kunst von schäzbarem Werth sey?2

Aber die Mahlerey hat noch etwas grösseres in ihrer Natur, als dieses ist: durch Philosophie geleitet, hat sie einen höheren Flug genommen. Sie hat gelernt den Menschen nicht blos zu ergözen, sondern ihn auch zu unterrichten, sein Herz zum Guten zu lenken, und jede Art heilsamer Empfindungen lebhaft in seinem Gemüthe zu erweken; das Feuer der Tugend in ihm anzuflammen, und die Schreknisse des Lasters ihm zur Warnung empfinden zu lassen. Aristoteles hat schon angemerkt,3 daß es Gemählde gebe, die eben so kräftig sind einem lasterhaften Menschen in sich gehen zu machen, als die moralischen Lehren des Weltweisen, und Gregorius von Nazianz erwähnet in einen seiner Gedichte eines würklichen Beyspieles hievon. Eine höchst wunderbare Würkung der Zeichnung und der Farben, die freylich das menschliche Genie in seiner höchsten Kraft nicht würde erfunden haben, wenn nicht die Natur dies wunderbare Problem zuerst aufgelößt hätte. Sie ist es, die uns denkende, innerlich und unsichtbar handelnde, nach Gutem und Bösen strebende, Vergnügen und Schmerzen fühlende Wesen, sichtbar gemacht hat. Denn der menschliche Körper ist nach seiner äußern Gestalt im Grunde nichts anders, als seine sichtbare Seele mit allen ihren Eigenschaften.4 Sanft und liebenswürdig ist eine wolgeschaffene weibliche Seele, stark, unternehmend und verständig die männliche; beydes zeigen uns die Formen ihrer Körper. Es liegt keine gute noch böse Eigenschaft in der Seele, die wir nicht durch Gestalt und Farbe des Körpers fühlten. Also kann der Mahler so gut die höhere, unsichtbare, sittliche Welt, als die gröbere, körperliche mahlen.

Zwar nicht in dem ganzen Umfang und mit allen kleinen Aeußerungen, wie es die Beredsamkeit und Dichtkunst thun; denn die Mahlerey läßt uns nur den Geist, nur das Kräftigste und Fühlbareste davon sehen; aber mit desto mehr Nachdruk. Der liebenswürdige Blik eines sanften, der wilde Blik eines zornigen Gemüthes, geben uns weit lebhaftere Empfindungen, als wenn wir den einen oder den andern Zustand der Seele, die durch diese Blike sich zeigen, in[730] lebhaften Ode lesen würden. Dieses fühlt jeder Mensch. Ein Blindgeborner wird gewiß nie so schnell die Würkung der Liebe aus den Reden der liebenswürdigsten Schönen empfinden, als der Sehende, der taub wäre; auch wird die stärkste Drohung durch Worte, nie so schnell noch so lebhaft in das Herz dringen, als ein grimmiger Blik des Auges von einem drohenden Gesichte. Und eben dieses läßt sich von jeder Empfindung behaupten. Was also die Mahlerey in den Vorstellungen aus der sittlichen Welt an Ausdähnung gegen die redenden Künste verliehret, das gewinnt sie an Kraft, die die Kraft der Rede weit übertrift. Der Musik steht sie an Lebhaftigkeit der Würkungen nach,5 aber unendlich übertrift sie dieselbe an Ausdähnung ihrer Vorstellungen.

Diese Betrachtung über die Natur und die Kräfte der Mahlerey, leitet uns natürlich auf Erwegung der Anwendung, die man davon machen kann, wenn kluge Ueberlegung das Genie des Künstlers leitet. Es wäre sehr zu bedauern, wenn eine so reizende und zugleich mit so lebhafter moralischer Kraft reichlich versehene Kunst nicht in dem ganzen Umfang ihrer Würkung angewendet würde.

Zuerst dienet sie also, wie bereits angezeiget worden, die mannigfaltigen Scenen der leblosen Natur vorzustellen, die, in mehrern Absichten unsre ganze Aufmerksamkeit verdienet. Dieses ist vorzüglich das Geschäft des Landschaftmahlers. Von der Mannigfaltigkeit und dem Nuzen seiner Arbeit haben wir in einem besondern Artikel ausführlich gesprochen.6

Auch die durch den Fleiß der Menschen verschönerte Natur ist hier nicht zu vergessen. Landschaften mit Aussichten auf schöne Gebäude, auch wol bloße Prospekte, da die Gebäude die Hauptsach ausmachen. Wir haben schon anderswo erinnert, daß die Werke der Baukunst eben den vortheilhaften Einfluß auf uns haben können, den die Schönheit der leblosen Natur hat.7 Wer kann die Werke eines Canaletto in Dreßden sehen, ohne beynahe alle die sanften Rührungen dabey zu fühlen, die uns die Aussichten auf die Natur empfinden lassen?

Selbst die einzelen kleineren Kunstwerke der Natur, die Blumen, in ihren so unendlich mannigfaltigen und immer ergözenden Gestalten, und in dem lieblichen Glanz, oder in dem Reichthum ihrer Farben, sind ein nicht unschäzbarer Gegenstand des Geschmaks, der allemal dabey gewinnet. Da es nicht möglich ist ohne beträchtlichen Aufwand, der selbst das Vermögen der meisten Reichen übersteiget, diesen angenehmen Theil der irrdischen Schöpfung aus allen Gegenden des Erdbodens zu sammlen, und in Natur zu besizen; so muß die Kunst des Mahlers darin uns zu Hülfe kommen, und diese Gattung des Reichthums der Natur uns genießen lassen.

Diese Anmerkungen sind ohne Einschränkung auch auf die Schönheiten der Natur im Thierreich anzuwenden, und um so viel mehr, da diese schon von einer etwas höhern Art sind, weil sie Bewegung, Leben und Empfindung haben; weil sich bey dem beträchtlichsten Theile derselben bereits ein innerer sittlicher Charakter in der äußern Form zeiget. Man muß gar sehr der feinern Empfindungen beraubet seyn, wenn man auf diesen merkwürdigen Theil der Schöpfung ohne lebhaftes Intresse sehen kann; wenn man nicht mannigfaltige, sowol ergözende, als sonst sehr vortheilhafte Rührungen dabey empfindet. Darum soll die Kunst des Mahlers uns auch zur genauen Betrachtung dieser Gegenstände loken.

Es ließe sich behaupten, daß alle Arten der bis hieher erwähnten Vorstellungen in gewissem Sinne noch unentbehrlicher seyen, als Gemählde von historisch sittlichem Inhalt. Dieses Parodoxum anzunehmen, därf man nur bedenken, daß der Mangel der leztern auf andre Weise, nämlich durch das Schauspiel kann ersezt werden, da er in Absicht auf jene Gegenstände durch nichts zu ersezen ist. Wenn es also nüzlich ist, wie daran nicht kann gezweifelt werden, daß der Mensch von dem mannigfaltigen Reichthum der Natur so viel kenne, als möglich ist, so muß die Mahlerey zu diesem Behuf nothwendig herbey gerufen werden.

Sie kann auf gar verschiedene Arten uns die Schäze der Natur vorlegen. Die den wenigsten Aufwand erfodert, ist die, welche erst seit einigen Jahren mit dem gehörigen Eyfer betrieben wird, durch die Verbindung der Arbeiten des Pensels und des Grabstichels. Man hat bereits eine beträchtliche Anzahl sehr schäzbarer Werke, darin auf diese Art das Merkwürdigste aus dem Pflanzen- und Thierreich vorgestellt wird; und kürzlich hat man angefangen auf eine ähnliche Art Landschaften zu machen.8 Ich wünschte sehr, daß ein Künstler in Dreßden auf eben diese Weise den ansehnlichen Vorrath, der vorhererwähnten Prospekte des Canaletto [731] herausgäbe. Dieses würde für Künstler und Liebhaber ein neues Feld eröffnen.

Wem noch mehr Aufwand erlaubt ist, der kann durch den Mahler seine Zimmer mit den mannigfaltigen Schönheiten der Natur ausziehren lassen. Wie viel besser würde nicht dieses seyn, als der izt so durchgehends in den Pallästen der Großen herrschende Geschmak durch goldene, blos durch eine wilde phantastische Zeichnung sonderbare Zierrathen das Aug zu reizen? Und was sieht es denn endlich, nachdem man es mit so viel Aufwand gleichsam betäubet hat? Nichts als reiche Kleinigkeiten, die den wesentlichen Charakter des izt herrschenden Geschmaks ausmachen. Wenn ich mir vorstelle, durch was für eine Mannigfaltigkeit der bewundrungswürdigsten Scenen aus der Natur die unzähligen Wände weitläuftiger Palläste könnten ausgeschmükt werden, und denn ihre gewöhnliche gegenwärtige Verziehrungen betrachte, so erweket dieses in meiner Phantasie das Bild irgend einer barbarischen Königin Indiens, die sich ungemein geziehrt glaubt, wenn Nase, Ohren und Stirne mit strozenden, aber sehr übel angebrachten Juwelen behangen sind.

Bey dem gegenwärtigen Mangel öffentlicher Nationalgebäude, wo die, die leblose Natur schildernde Mahlerey, ihre Kräfte zeigen könnte, ist in großen und reichen Städten doch noch eine Gelegenheit vorhanden, wo sie gebraucht werden kann: die Schaubühne, vornehmlich die für die Oper bestimmt ist. Hier hat dieses Fach der mahlerischen Kunst noch Gelegenheit vieles zu thun. Wer es nicht einsieht, daß durch das Kunst- und Geschmakreiche der Opern- Decorationen der Geschmak des Volks erhöhet und verfeinert werden kann; der erkennet noch nicht allen Einfluß der schönen Künste auf das menschliche Gemüth, wird auch nicht erklären können, warum in den grössern Städten Italiens in der Classe der gemeinesten Bürger oft mehr wahrer Geschmak angetroffen wird; als in manchem andern Land unter den vornehmsten.9

Das, was hier von der Anwendung der Mahlerey gesagt wird, hat gar nicht die Meinung, als ob wir dächten, kein Volk könne ohne dergleichen kostbaren Veranstaltungen glüklich seyn. Wir dringen blos darauf, daß diese, so wie andre Künste, da sie einmal eine unausbleibliche Folge des Ueberflusses sind, und würklich mit vielem Aufwand mißbraucht werden, besser recht gebraucht und von wahrem und großen Geschmak geleitet werden sollten. Hat man einmal Mahler, und verschwendet man Summen für sie, so ist es allerdings wichtig, daß man auch auf die beste und edelste Anwendung ihrer Kunst denke.

Aber noch höher erhebt sich die Mahlerey durch die Vorstellungen aus der sittlichen Welt. Hier kann der Mahler mit dem epischen und dramatischen Dichter, mit dem Redner und dem Philosophen um den Rang streiten. Wir können die mahlerischen Vorstellungen aus der sittlichen Welt in zwey Hauptgattungen eintheilen. Die erste stellt uns die sittliche Natur in Ruhe vor; die andre mahlt sie in Handlung: jede ist wieder entweder historisch, oder allegorisch. Es könnten wol noch andre Eintheilungen gemacht werden; aber wir dürfen uns nicht in Subtilitäten vertiefen. Also: gerade zum Zwek.

Die gemeineste Art ist hier das Portrait, und die meisten Gemählde dieser Art gehören zur ersten Classe, die die Natur in Ruhe vorstellt. Aus dem, was wir über den Charakter des Portraits in seinem Artikel10 sagen werden, läßt sich der Grad seiner Wichtigkeit bestimmen. Alle Arten der würklich vorhandenen menschlichen Charaktere können uns dadurch vorgestellt werden, und daraus allein erhellet schon seine Wichtigkeit. Der Physignomiste findet hier reichen Stoff um seine Kenntnisse zu erweitern.

Zunächst an dieser Art liegt das Ideal einzeler Menschen, für welches wir anderswo den Namen des Bildes vorgeschlagen haben.11 Aber es erfodert schon einen grössern Mann, als das bloße Portrait; und kann von großer Würkung seyn. Es dienet zu Vorstellung der Heiligen, der Helden und überhaupt großer Charakter. Indem es uns Menschen von höherer Denkungsart und höhern Empfindungen vorstellt, als wir sie in der Natur zu sehen gewohnt sind; dienet es zu Erhebung des Gemüthes.12 Hieher gehören endlich auch einzele allegorische Bilder, die Tugenden, Laster, Eigenschaften, sittlich handelnder Wesen vorstellen.

Hierauf folget das Gemähld, welches wir die Moral nennen:13 es ist mehr unterrichtend als rührend, und kann sowol die Natur in Ruhe, als in Handlung vorstellen, wie an seinem Orte gezeiget worden. Nach dieser Gattung kommt die eigentliche Historie, davon besonders umständlich gehandelt [732] worden.14 Hier wird die sittliche Natur in voller Thätigkeit vorgestellt; die Absicht der Historie geht aber mehr auf Empfindung, als auf Unterricht. Endlich folget die große Allegorie, die schweerste aller Gattungen, von welcher auch schon besonders gesprochen worden.15

Dasjenige, was wir über die Anwendung des Theiles der Mahlerey gesagt haben, die sich mit der leblosen Natur beschäftiget, erleichtert das, was hier über den Gebrauch der sittlichen Mahlerey zu sagen ist. Man sieht überhaupt, daß sie auf unzählige Weise vortheilhaft auf den Verstand und auf die Empfindungen würken könne. Da der Mahler alle guten oder schlimmen Eigenschaften des sittlichen Menschen auch dem körperlichen Auge sichtbar machen, und dadurch Charaktere, Bestrebungen der innern Kräfte, Empfindungen von allen Arten, nachdrüklich vorstellen kann; so därf er, um sehr nüzlich zu seyn, nur gut geleitet werden.

Die Griechen glaubten, nicht ohne guten Grund, daß die Vorstellungen ihrer Götter und Helden, zur Unterstüzung der Religion und des patriotischen Eyfers sehr dienlich seyen; und die römische Kirche, der gewiß Niemand eine höchst feine Politik zur Unterstüzung ihrer Lehr und ihrer Hierarchie absprechen wird, braucht die Gemählde ihrer Legenden mit großem Vortheil. Auch bey dem gemeinesten Volke findet man sie, wiewol in höchst elender Gestalt, was die Kunst betrift, und meistens von kindisch abergläubischem Geiste, nach dem Inhalt: und doch sind sie auch in dieser Verdorbenheit nicht ohne Würkung. Daraus läßt sich leicht abnehmen, was man damit ausrichten könnte, wenn anstatt dummer Anachoreten, oder pöbelhaft abergläubischer Heiligen, solche Personen vorgestellt würden, die eine Zierde der Menschlichkeit gewesen; wenn anstatt kindischer Historien, die ihren Werth blos von Aberglauben und Vorurtheil haben, die Thaten vorgestellt würden, wodurch die menschliche Natur sich in ihrer wahren Größe zeiget; oder auch nur solche, wo man den Menschen in seiner eigentlichen wahren Gestalt, von aller Verstellung und von dem Unrath der Moden und vieler elenden durch bürgerliche Einrichtungen entstandenen Verunziehrungen befreyt erbliken würde? Selbst das blos reine, wahre historische, das uns Sitten, Gebräuche, Lebensart und Charakter verschiedener Völker und Stände unter den Menschen abbildet, kann schon seinen vielfältigen Nuzen haben.

Darum sollte man nicht nur die Mahler ermuntern, dergleichen nüzliche Gemählde aus der sittlichen Welt mit der besten Wahl und dem besten Geschmak zu verfertigen, sondern auch auf Mittel denken, den Gebrauch derselben so viel, als möglich ist zu erleichtern. Da aber das, was wir dieses Punkts halber bey Gelegenheit der Vorstellungen aus der leblosen Natur gesagt haben, sich leicht auch hierauf anwenden läßt; so wär es überflüßig hier umständlicher zu seyn. Ich will nur eins erinnern. Sollte nicht jeder, wenigstens freye Staat, in dem die schönen Künste einmal eingeführt worden, öffentliche Tempel, oder Portieos haben, die dem Andenken der größten Männer des Staats gewidmet wären, wie in Athen der Porticus, der Pöcile genennt wurd? Sollten nicht da die Bilder und die Thaten dieser Männer zur Nacheyferung auf das Vollkommenste gemahlt seyn? Sollten nicht öffentliche Feyerlichkeiten eingeführt seyn, die jenen Eindrüken noch mehr Nachdruk gäben? Mit Vergnügen erinnere ich mich hier in der Schweiz etwas gesehen zu haben, das hier einschlägt. In Lucern ist eine lange Brüke, welche von dem grössern Theile der Stadt in den kleinern führet, und, weil sie mit einem Dache bedekt ist, eine offene Gallerie vorstellet. In einer mäßigen Höhe ist immer zwischen zwey gegenüberstehenden, das Dach unterstüzenden Pfeilern, ein Gemählde, dessen Inhalt sich auf die Geschichte der Stadt beziehet. Daher kaum eine ansehnliche Familie in der Stadt ist, die nicht ihr angehörige Männer in ehrenvollen Rolen, auf diesen Gemählden erblikte.

Nach diesen Betrachtungen über die verschiedenen Gegenstände, und Anwendungen der Kunst des Mahlers, kommt nun die Frage vor, durch was für Mittel er zu seinem Zwek komme, oder was er zu thun habe um ein lobenswerthes Gemählde zu verfertigen. Man sieht ohne Mühe, daß alles auf folgende Punkte ankomme: 1. auf eine gute Wahl, oder Erfindung seines Stoffs; 2. Auf eine geschickte Anordnung desselben; 3. Auf richtige Zeichnung und 4. auf ein gutes Colorit, mit Inbegriff aller guten Eigenschaften, die von der Farbengebung herkommen. Dieses sind gerade die vier Punkte, die der Herr von Hagedorn in der Ordnung, wie sie hier stehen, in seinem fürtrefflichen[733] Werk über die Mahlerey, sehr umständlich und gründlich abgehandelt hat. Wir haben jedem Punkt, und manchen Unterabtheilungen derselben eigene Artikel gewiedmet. Also bleibet hier nur noch zu bemerken übrig, wie die Vollkommenheit des Gemähldes überhaupt von diesen vier Punkten abhänge. Das in seiner Art vollkommene Gemähld muß einen dem Geist oder Herzen interessanten Gegenstand so vorstellen, daß er nach Maaßgebung seiner Art, die bestmögliche Würkung thue. Dieses geschieht, wenn das Aug zu der genauen Betrachtung des Gemähldes angeloket wird; wenn es das Ganze gehörig übersehen und seine Art genau erkennen kann; wenn dieses Ganze einen lebhaften und vortheilhaften Eindruk auf den Geist, oder das Herz macht, welcher durch die Betrachtung der Theile immer unterhalten und auch verstärkt wird.

Ohne gute Wahl, oder geschikte Erfindung kann das Ganze nicht interessant seyn. Ich besinne mich irgendwo ein Stük gesehen zu haben, darin nichts, als der geschundene und aufgeschnittene Rumpf eines geschlachteten Ochsen, aber mit so wunderbarer Kunst vorgestellt war, daß man nicht ohne Wahrscheinlichkeit den Rubens für den Urheber desselben hielte. Warum soll man doch ein solches Stük mit dem Namen eines Gemähldes beehren? Wenigstens wird doch Niemand sagen dürfen, daß es ein Werk des Geschmaks sey. Es kann auch zu nichts anderm dienen, als daß der Mahler es als ein Studium für das Colorit in seiner Werkstatt habe, so wie man bey allen, die die zeichnenden Künste üben, Bruchstüke von Statüen, Hände, Füße, halbe Köpfe u. d. gl. in Gyps hangen sieht.

Von den verschiedenen Gattungen des interessanten mahlerischen Stoffes ist bereits hinlänglich gesprochen worden. Auch ist anderswo angemerkt,16 was der Mahler, so wie jeder anderer Künstler wegen der Wahl und Erfindung überhaupt zu beobachten habe. Er muß aber besonders, als ein Mahler wählen, und dabey voraussehen, ob der Gegenstand fähig ist, wie es die besonderen Bedürfnisse seiner Kunst erfodern, behandelt zu werden; ob er z.B. sich so anordnen lasse, daß er auf einmal, als ein Ganzes, dem nichts fehlet, und das sich dem Auge gefällig darstellt, könne übersehen werden; ob alles, was dazu gehört, so wird können geordnet, gezeichnet, erleuchtet und gefärbt werden, daß das Aug immer gereizt und der Geist immer befriediget werde. Es können sowol in der leblosen Natur, als in den Handlungen der Menschen Dinge vorkommen, die der Redner, oder der Dichter sehr vortheilhaft brauchen könnte, die sich aber für den Mahler gar nicht schiken; weil er alles aus einem einzigen Gesichtspunkt übersehen muß, und in Handlungen, nur einen einzigen Augenblik vorstellen kann. Also gehören zur Wahl nicht nur Geschmak und Verstand, sondern Einsichten in das Besondere der Kunst. Wie bisweilen die fürtreflichste Ode für die Musik ein schlechter Stoff seyn kann, weil sie schlechterdings nicht nach den Regeln dieser Kunst kann behandelt werden; so geht es auch hier.

Durch die geschikte Anordnung wird das Gemähld nicht nur zu einem vollständigen Ganzen, zu einem einzigen, von allen andern Dingen abgesonderten Gegenstand, den man an sich, und ohne etwas anderes dabey zu haben, völlig fassen und betrachten kann;17 sondern er bekommt auch eine gefällige und anreizende Form; eine Klarheit, die ihn faßlich macht, und eine Gestalt, die das, was sein Wesen bestimmt, von dem Zufälligen ohne Müh unterscheiden läßt.

Durch die Zeichnung bekommt jeder Gegenstand die wahre Form, die in dem Gemüthe das bewürkt, was sie würken soll. Durch sie kommt also der Geist und die vornehmste Kraft in das Gemählde. Denn hauptsächlich würken die in der Natur vorhandenen, oder durch die Phantasie geschaffenen körperlichen Gegenstände, durch ihre Form. Auch kommt hauptsächlich von der Zeichnung die wunderbare Würkung, daß wir auf einem flachen Grund, einige Dinge wie ganz nahe bey uns, andre, als sehr entfernt erbliken. Daß die größte Kraft des Gemähldes von der Zeichnung abhange, wird an seinem Orte umständlich gezeiget werden.18 Die Phantasie kann leichter die Farben ergänzen, die dem Kupferstiche fehlen, als sie im Stand ist, die Zeichnung, wo sie im Gemählde fehlet, zu ergänzen. Selbst die Landschaft kann blos durch Zeichnung von der höchsten Richtigkeit, so wahr und so natürlich geschildert werden, daß wir eine würkliche Aussicht in der Natur zu sehen glauben, und uns Farben hinzudenken.

Endlich giebt das Colorit in seinem ganzen Umfange genommen dem Gemählde die lezte Vollkommenheit, und vollendet die, durch die Zeichnung [734] angefangene Täuschung des Auges, das nunmehr das Gemählde nicht mehr für ein Schattenbild, wie es in der That ist, sondern für etwas in der Natur vorhandenes hält; daß man ein würkliches Land, und lebende Menschen vor sich zu sehen glaubt. Durch die liebliche Harmonie der Farben aber wird das Aug auf das Angenehmste gerühret, daß es sich mit Lust mit Betrachtung des Gegenstandes beschäftiget.

Dieses sind also die Talente und Künste, wodurch das Gemählde zu einem vielwürkenden Werk des Geschmaks gemacht wird. Nun bleibet uns zur vollständigen Beschreibung dieser schönen Kunst noch übrig anzuzeigen, auf wie vielerley Art der Mahler den gewählten Gegenstand vermittelst der vier beschriebenen Arbeiten im Gemählde zur Würklichkeit bringet. Denn es ist auf gar vielerley Weise möglich denselben Gegenstand gut zu mahlen.

Gegenwärtig wird das Mahlen mit Oelfarben, das den Alten unbekannt war, für die vornehmste gehalten; wir haben ihr Verfahren besonders beschrieben.19 Nach diesem kommen die verschiedenen Arten mit Wasserfarben zu mahlen, vornehmlich in Betrachtung20, mit denen man entweder auf frischen Mörtel, womit die Mauren bekleidet werden21, oder auf trokene Mauren; auf Holz, Leinwand, Papier oder andern Grund mahlet. Eine besondere Art ganz kleine Gemählde mit Wasserfarben zu mahlen, wird Miniatur genennt.22 Eine dritte Art ist die den Alten gebräuchliche, und vor kurzem wieder neu erfundene Art, der man den Namen der Eneaustischen Mahlerey gegeben.23 Die vierte bedienet sich trokener Farben, und ist unter dem Namen Pastel24 bekannt. Die fünfte braucht Farben von feinem zerriebenen Glas, auf einem im Feuer dauerhaften Grunde; wenn das Gemählde fertig ist, so wird es im Feuer auf dem Grund eingebrannt. Dies ist die Schmelzmahlerey,25 oder das Emailliren. Die sechste Art ist das Mosaische, oder Musaische,26 nach welcher durch Nebeneinandersezung unzähliger kleiner Stüke vom gefärbtem Glas, das Gemähld herausgebracht wird. Vor einigen Jahrhunderten war die Glasmahlerey,27 die auf die Fenster, vornehmlich der Kirchen angebracht wurd, sehr gewöhnlich, ist aber gegenwärtig beynahe völlig abgekommen. Zu allen diesen Arten kann man die hinzusezen, da vermittelst gefärbter Wolle, oder Seide, Gemählde auf Tapeten, oder andere Gewandstoffen eingestikt, oder eingewürkt werden, worunter die so genannten Challiots, wo das Gemähld in eine Art Sammet eingewürkt ist, wie auch die so genannten Haute- und Basse-Lisses die Merkwürdigsten sind. Diese so vielfältigen Arten zu mahlen beweisen, wie herrschend der Geschmak an der Mahlerey zu allen Zeiten gewesen, da man so mannigfaltige Mittel ausgedacht hat, sie auf alle mögliche Weise überall anzubringen.

Von dem Ursprunge dieser Kunst läßt sich, wie von den ersten Anfängen der andern schönen Künste nichts gewisses sagen. Die Mahlerey scheinet nicht so unmittelbar von leidenschaftlichen Empfindungen entstanden zu seyn, als die Musik, der Tanz und die Dichtkunst; doch hat sie ebenfalls einen allen Menschen gemeinen und angebohrnen Trieb, die Neigung, Dingen, die wir täglich um uns haben, eine gefällige Form und ein angenehmes Ansehen zu geben, zum Grunde: aber hier mußte schon Ueberlegung zu diesem Hang zur Verschönerung hinzukommen. Es ist also nicht zu vermuthen, daß die Mahlerey, so wie Musik und Dichtkunst, schon bey ganz rohen Völkern in Gang gekommen sey. Zeichnung scheinet aus dem Schnizen der Bilder entstanden zu seyn. Da sich die Menschen überall gleichen, und wir noch izt sehen, wie müßige Hirten ihre Stäbe, Bächer, oder etwas anders von ihren wenigen Geräthschaften, mit Schnizwerk verziehren, so mag es auch ehedem gewesen seyn. Daher mag der noch sehr rohe Mensch auf den Einfall gekommen seyn, auch auf die hölzerne Wände seiner Hütte Figuren einzuschneiden. Wie aus diesem, bey zunehmendem Nachdenken über die Verschönerung der Dinge die verschiedenen Arten zu zeichnen nach und nach entstanden seyen, läßt sich gar wol begreifen. Auch die Verbindung der Farben mit der Zeichnung, wodurch eigentlich der Grund zur Mahlerey gelegt worden, ist leicht zu erklären. Die Menschen haben ein natürliches Wolgefallen an schönen Farben, und suchen beym ersten Aufkeimen des Geschmaks am Schönen, ihren Kleidern und andern Dingen schöne Farben zu geben. Die Säfte verschiedener Pflanzen boten sich zuerst dazu dar, und es war ganz natürlich diese beyden Arten der Verschönerung der Dinge zu vereinigen.

Auf diese Weise kann man auf die Spuhr kommen, wie der erste Keim der Mahlerey entstanden ist. Von da aus mußte freylich noch mancher Schritt [735] gethan werden, mancher neue Einfall hinzukommen, bis die Kunst eine etwas ausgebildete Gestalt bekam. Von den blos groben Umrissen und dem Aufstreichen durchaus gleich heller Farben, bis auf die Vollständigkeit und völlige Richtigkeit der Zeichnung; bis auf die sehr feine Entdekung, daß durch genaue Abstufung von Licht und Schatten, auch die Rundung der Körper, durch die Mittelfarben endlich ihr ganzes Ansehen könne nachgeahmt werden, war ein sehr langer und schweerer Weg zurück zu legen. Ein nicht minder langer, nur vom Genie zu entdekender Weg war auch nöthig der angefangenen Kunst einzele sichtbare Gegenstände nachzuahmen, nach und nach die Veredlung und Erhöhung zu geben, wodurch sie zu einem so vollkommenen Mittel worden ist, so mannigfaltig ergözende, den Geschmak und die Empfindung erhöhende Vorstellungen, dem Auge darzustellen.

Wenn wir den Griechen glauben, so ist von allen diesen unzähligen Schritten und Erfindungen keine, die man nicht ihnen zu danken hätte; sie nennen den, der zuerst versucht hat Umrisse zu zeichnen; den, der zuerst erfunden hat Farben zu mischen; den, der zuerst mehrere Farben zu einem Gemählde gebraucht, der die Abwechslung des Lichts und Schattens erfunden; der die verschiedenen Stellungen und Bewegungen ausgedrükt hat, und mehr dergleichen Dinge. Wir haben aber bereits im Vorhergehenden angemerkt28 wie wenig diesem Vorgeben zu trauen, und wie zuverläßig falsch das meiste davon sey.

Wahrscheinlich ist es, daß die ersten Gemählde, die einigermaaßen diesen Namen verdienen, nicht Werke des Pensels, sondern der Nadel, oder aus gefärbten Steinen zusammengesezte Werke gewesen, und daß von gestikten, gewürkten oder mosaischen Mahlereyen, die andern Arten der Gemählde entstanden seyen.29 Die Babylonier aber haben unstreitig eher als die Griechen buntgewürkte Tapeten gehabt, in welcher Arbeit sie vor andern Völkern berühmt waren.30 Und die Griechen können nicht in Abrede seyn, daß nicht die Phrygier eher, als sie gestikt haben.31

Darum bleibet aber diesem geistreichen an Genie und Geschmak alle Nationen übertreffendem Volke, noch genug Verdienst um die Mahlerey übrig. Denn unstreitig haben alle Theile derselben, sowol was das mechanische der Ausführung, als was den Geschmak, den Geist und die Anwendung der Kunst betrifft, von den Griechen die höchste Vollkommenheit bekommen, und sie sind hierin die Lehrmeister aller nachherigen Völker, und ihre Werke die Muster aller späthen Werke der Mahlerey geworden.

Gar frühe, und vor Homers Zeiten, scheinet die Mahlerey wenigstens unter den griechischen Colonien in Asien eine ziemlich reife Gestalt erlangt zu haben, da man schon damals hat unternehmen können Gemählde von historischem Inhalt auf Gewänder zu stiken, wie wir von diesem Vater der griechischen Dichtkunst lernen: und schon von der Zeit des ersten persischen Krieges ist sie so weit gebracht gewesen, daß große historische Gemählde etwas gemeines und gangbares müssen gewesen seyn, da die Athenienser schon nach einer alten Gewohnheit in dem Portikus, der Pöcile genannt wurd, die marathonische Schlacht haben abmahlen lassen. Aber es wäre hier zu weitläuftig dem allmähligen Wachsthum der Kunst, so weit es sich thun läßt, nachzuspühren. Wer Lust hat dieses zu thun, kann aus dem Werke des Junius über die Mahlerey der Alten die meisten Quellen, woraus Nachrichten zu schöpfen sind, kennen lernen; Plinius aber, und von unsern einheimischen Kunstgeschichtschreibern Winkelmann, werden ihm verschiedene merkwürdige Epochen der Kunst an die Hand geben. Auch wird er sowol aus diesen Schriftstellern, als aus den in Kupfer gestochenen Gemählden, die Pietro Santo Bartoli herausgegeben, aus denen, die der Engländer Turnbull,32 aber nur nach Copien von Copien, in 50 Platten hat stechen lassen, und endlich aus denen, die im alten Herkulanum entdekt worden und aus der Sammlung die der Graf Caylus mit Farben illuminirt herausgegeben hat33, erkennen können, wie weit die Griechen und nach ihnen die Römer die Kunst gebracht haben. [736] Man muß ihnen die höchste Richtigkeit und den vollkommensten Ausdruk der Zeichnung zugestehen; Theile, in denen die neuern Mahler den alten nie gleich gekommen sind. Aber in Ansehung der Anordnung und Gruppirung, besonders in der perspektivischen Zeichnung glaubet man durchgehends, und wie es scheinet nicht ohne Grund, daß unsre Künstler die alten übertreffen. In der That ist in dem, was uns von alten Gemählden übrig geblieben ist, eine Einfalt, die wenig überlegtes, in Ansehung dieses Theiles, verräth. Man sollte daher glauben, daß die Alten ihre ganze Aufmerksamkeit, nicht sowol darauf gerichtet haben, daß das Ganze des Gemähldes gut in das Aug falle, als darauf, daß jede einzele Figur redend sey. Gar ofte sind die Figuren auf einer Linie neben einander gestellt; aber fast allemal merket man ohne großes Forschen, was jede bey der Handlung denkt und empfindet.

Weil die Alten nicht mit Oelfarben, sondern meistentheils mit Wasserfarben mahlten, so waren ihre Farben lebhafter und heller, als sie izt in der Oelmahlerey sind. Daher konnten freylich ihre Gemählde die vollkommene Täuschung, die aus der genauesten Beobachtung des Hellen und Dunkeln, der völligsten Harmonie, dem verflossenen und geschmolzenen der Oelfarben entstehet, nicht haben. Man hat einige Mühe sich an die Schönheit der allemal hellen Farben, und an die Schwachheit des sogenannten Helldunkeln, das in den Gemählden der Alten ist, zu gewöhnen. Daß ihr Colorit auch dauerhaft gewesen, läßt sich daraus schließen, daß viele Gemählde etliche Jahrhunderte, nach dem sie verfertiget worden, noch die Bewundrung der Römer gewesen. Wiewol wir von Cicero lernen, das viele ausgeblaßt sind.34 Vermuthlich haben sie durch öfteres Uebermahlen, wie noch izt geschieht, ihnen die Dauer gegeben. Plinius sagt, daß Protagoras das Gemähld vom Jalysus, welches er für die Rhodier gemacht, viermal übermahlt habe.

Alles zusammen genommen, möchte bey Vergleichung der alten und neuen Kunst der Mahlerey der Ausschlag, doch wol den Neuern günstig seyn, ob sie gleich in einem so sehr wichtigen Theile, als die Kraft der Zeichnung ist, jene nicht erreichen.

In Ansehung des Inhalts und der mannigfaltigen Anwendung der Kunst, haben wir nichts vor den Alten voraus. Von dem kleinern Spiehlen der Phantasie, bis auf die höchsten historischen und allegorischen Gemählde haben sie, eben so große Mannigfaltigkeit des Stoffs bearbeitet, als unsre Künstler. Carrikaturen und Bürlesken, die die Griechen Gryllen nannten,35 Blumen- Frucht- und Thierstüke., Landschaften, Portraite, Sinnbilder, Satyren, Schlachten, Gebräuche, Historien, Fabeln und Allegorien; alle diese Arten waren bey ihnen häufig im Gebrauch, und auf weit mehrere Arten, als izt geschieht, angebracht. Ihre öffentlichen und Privatgebäude wurden an Wänden mehr bemahlt, als gegenwärtig geschieht; selbst ihre Schiffe wurden mit Mahlerey verziert, wozu bey dem Mangel der Oelfarben das Encaustische sich schikte. Also besaß Griechenland eine erstaunliche Menge Mahlereyen, sowol unbewegliche an den Wänden der Gebäude, als bewegliche auf Tafeln, wie unsre izige Stafeleygemählde, und auch ganz kleine, die man in der Tasche mit sich herumtrug.

In dem eigentlichen Griechenland scheinet die Kunst erst um die 90 Olympias ihr männliches Alter erreicht zu haben. Denn Apollodorus, der um diese Zeit gelebt hat, wird für den ersten angegeben, der durch Licht und Schatten den Gemählden Haltung gegeben:36 und Plinius sagt ausdrüklich, daß zu seiner Zeit kein Gemähld eines ältern Meisters der Kenner Aug auf sich gezogen habe, welches auch Quintilian bestätiget.37 Aber noch lange, sollen die griechischen Mahler nur vier Farben gehabt haben. Zwar weiß man gegenwärtig, daß außer dem Weißen und Schwarzen drey Farben für alle mögliche Tinten hinlänglich sind;38 Aber wir sehen aus einer Stelle des Plinius, daß die Mahler vor Alexanders Zeit, diese Verschiedenheit der Tinten mit ihren vier Farben nicht erreicht haben.39

Wie lange sich die Kunst auf der hohen Stufe auf der sie zu Alexanders Zeiten gestanden, erhalten [737] habe, läßt sich nicht bestimmen. Gewiß ists, daß zu Cäsars Zeiten noch große Mahler gewesen, und es scheinet, daß Timomachus, der verschiedenes für diesen Dictator gemahlt hat, den besten unter den alten Mahlern wenig nachgegeben habe.40 Und doch nennt Plinius die Mahlerey eine zu seiner Zeit dem Untergang nahe Kunst.41

Wie weit die alten Hetrusker die Kunst des Mahlens getrieben haben, läßt sich nicht sagen. Aus den Hetruskischen Geschirren, die noch häufig gefunden werden, sieht man, daß sie gute Zeichner gewesen. Denn man findet da Figuren von schönen Verhältnissen, einer sehr guten und dabey nachdrüklichen Zeichnung; aber über das Colorit der Mahler dieser Nation sind wir in völliger Ungewißheit.

Unter den späthern Kaysern kam die Mahlerey in Abnahm und wurd so barbarisch, als die Sitten. Es blieben zwar in Rom, und noch mehr in Griechenland und in Constantinopel Mahler genug übrig; aber die wahre Kunst war größtentheils verschwunden, und blieb viel Jahrhunderte durch in dem Zustand der Niedrigkeit. Merkwürdig ist indessen, daß außer der Bildschnizerey eine Art auf Holz zu mahlen, die dem Wind und Wetter wiederstund, wie die encaustische Mahlerey, in den mittlern Zeiten selbst bey den Pommerschen Wenden angetroffen worden.42 Auch finde ich in der Beschreibung der öffentlichen Gemählde in Venedig, daß im Jahr 1071 in der Marcuskirche mosaische Gemählde nach Cartons, welche aus Constantinopel gekommen, verfertiget worden. Ueberhaupt ist anzumerken, daß die Mahlerey durch alle Jahrhunderte der so genannten mittlern Zeiten immer getrieben worden. Aber der Geschmak und das Hohe der Kunst fehlten ihr, bis beydes gegen Ende des XV Jahrhunderts wieder zu keimen anfieng. Man hat wenig auf die Nachrichten zu achten, die uns die Welschen Schriftsteller von Wiederauflebung der Mahlerey im XIII und XIV Jahrhundert geben. Denn Mahler dergleichen ihr Giotto und Cimabue waren, hatte es auch seit dem Verfall der Kunst in allen Jahrhunderten, und in allen gesitteten Ländern von Europa gegeben; daher können gedachte Männer keine Epoche ausmachen. Die ersten wahren Mahler der neuern Zeit, bey denen die eigentliche Wiederherstellung der Kunst anfängt, sind Leonhardo da Vinci und Michel Angelo, auf die aber Titian, Corregio und Raphael bald folgten. Nur verdienet die Epoche der Erfindung der Mahlerey in Oelfarben noch bemerkt zu werden.43

Sonderbar ist es, daß die größten Mahler der neuern Zeit, Vinci, Angelo, Corregio, Titian, Raphael, alle zugleich, zur Zeit der eigentlichen Wiederherstellung der Kunst am Ende des XV und Anfange des XVI Jahrhunderts gelebt haben. Wie sehr seit dem verschiedene europäische Nationen gleichsam um die Wette sich beeyfert haben diese Kunst in die Höhe zu bringen, braucht hier nicht wiederholt zu werden, da wir hievon in den Artikeln über die verschiedenen Schulen, so weit die Absicht dieses Werks es erfodert, gesprochen haben.44 Man kann sagen, daß die neuern alle Theile der Kunst auf einen hohen Grad, einige aber auf den höchsten, der möglich ist, gebracht haben. Das einzige was ihr noch fehlet, ist eine mehrere Vollkommenheit in der Anwendung, wovon weiter oben bereits verschiedenes erinnert worden.

Nur noch eine Anmerkung, womit wir diesen Artikel beschließen wollen. Die Mahlerey gefällt hauptsächlich durch drey Dinge: 1. Durch den lebhaften Ausdruk leidenschaftlicher Empfindungen und großer Charaktere: darin war Raphael der erste Meister und nach ihm besonders in Charakteren Hannibal Caracci. 2. Durch Schönheit und Annehmlichkeit in Formen, Farben, Licht und Schatten; worin Corregio der erste Meister ist. 3. Durch Wahrheit der Vorstellungen: hierin muß Titian für den ersten Meister gehalten werden; nach ihm aber hat die holländische Schule in diesem Punkt den größten Verdienst. Will man noch die Mannigfaltigkeit eines angenehmen Inhalts dazu rechnen, so haben vielleicht die französischen Mahler hierin das meiste gethan.

1S. Künste, nicht weit vom Anfange des Artikels S. 610.
2Man sehe auch den Art. Landschaft.
3Polit. L. V.
4S. Schönheit.
5S. Künste gegen das Ende des Artikels.
6S. Landschaft.
7S. Baukunst.
8Man sehe in dem Art. Landschaft S. 655 die Anmerkung
9S. Oper.
10S. Portrait.
11Art. Historie. S. 541.
12S. Statue.
13S. Moral.
14Art. Historie.
15S. Allegorie S. 34 f. f.
16S. Wahl der Materie; Erfindung.
17S. Ganz.
18S. Zeichnung
19S. Oelfarbmahler.
20S. Wasserfarben.
21S. Fresko.
22S. Miniatur.
23S. Encaustisch
24S. Pastel.
25S. Schmelzmahlerey.
26S. Mosaisch.
27S. Glasmahlerey.
28S. Künste.
29S. Mosaisch.
30Colores diversos picturæ intexere Babylonios maxime celebravit. Plin. L. XX. c. 45.
31Plin. L. VIII. c. 49.
32Turnbulls Sammlung, die 1740 in London herausgekommen, ist nach Zeichnungen gemacht, die der berühmte D. Mead besaß, und die ehedem dem Cardinal Maßimi gehört hatten. Dieser soll sie aus einer ältern Sammlung gemahlter Zeichnungen, die nach einiger Vermuthung dem Raphael gehört haben, und in der Bibliothek des Escurials aufbehalten worden, haben copiren lassen.
33Recueil des peintures antiques. à Paris 1757. fol.
34Quanto colorum pulchritudine et varietate floridiora funt in picturis novis pleraque, quam in veteribus? de Orat. III.
35S. Plin. L. XXXV. c. 10.
36S. Plutarch. in der Abhandlung, ob die Athenienser im Krieg, oder im Frieden größer gewesen.
37Instit. Ov. L.XII. c. 10.
38S. Farbe.
39Zeuxim Polygnotum et Timantam et eorum qui non sunt usi plus quam quatuor coloribus, formas et lineamenta laudamus; at in Aetione, Nicomacho, Protogene et Apelle jam perfecta sunt omnia.
40Man sehe hievon Junium im Catalogo Pict.
41Hactenus dictum sit de dignitate artis morientis. L. XXXV. c. 5.
42Nachricht hievon giebt der im Art. Künste in der Anmerkung S. 618. angezogene Schriftsteller.
43S. Oelfarben,
44S. Schulen.
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 2. Leipzig 1774.
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