Ideal

[553] Ideal. (Schöne Künste)

Durch dieses Wort drükt man überhaupt jedes Urbild eines Gegenstandes der Kunst aus, welches die Phantasie des Künstlers, in einiger Aehnlichkeit mit Gegenständen, die in der Natur vorhanden sind, gebildet hat, und wonach er arbeitet. »Jene Bildhauer und Mahler, sagt Cicero, hatten, als sie das Bild Jupiters oder der Minerva verfertigten, niemand vor sich, dessen Gestalt sie nachzeichneten; sondern ihrem Gemüthe war ein Bild von ausnehmender Schönheit eingepräget, welches sie mit unverwandten Bliken ansahen, und wonach sie arbeiteten.«1 Dergleichen Bilder, die der Künstler nur in seiner Phantasie sieht, sind das Ideal, wonach er seinen Gegenstand bildet, wenn er nicht etwa schon in der Natur einen antrift, den er nachbilden könnte. Dieses[554] geht nicht nur auf sichtbare Formen; auch der Dichter bildet Charaktere von Menschen und Engeln in seinem Gemüthe, und trägt sie von da in seine Gedichte herüber.

Man kann überhaupt von jedem Gegenstand der Kunst, der nicht nach einem in der Natur vorhandenen abgezeichnet worden, sondern sein Wesen und seine Gestalt von dem Genie des Künstlers bekommen hat, sagen, er sey nach einem Ideal gemacht. Jeder Mensch von irgend einigem Genie, der nicht als ein blos leidendes Wesen, als ein todter Spiegel, nur die Formen der Dinge, die er durch die Sinnen empfangen hat, unverändert behält, bildet sich Wesen und Formen nach der Analogie derer, die er in der Natur findet. Aber nur Menschen von großem Genie sind vermögend ideale Formen zu bilden, die an Fürtrefflichkeit die in der Natur vorhandenen übertreffen. Diese sind das hohe Ideal, wodurch die Werke großer Künstler eine höhere Kraft bekommen, als die ist, die in natürlichen Gegenständen des Geschmaks und Gefühls lieget. Dieses ist das Ideal, dessen Ausdruk der Künstler vorzüglich muß zu erreichen suchen, wenn er seinem Beruff völlig Genüge leisten soll. Zwar hat er schon Verdienste, wenn er zu jedem Werk, das, was sich zum Zwek schiket, in der Natur ausfündig macht und richtig abbildet; aber das höchste Verdienst erreicht er nur vermittelst der Schöpfungskraft, wodurch er das höhere Ideal hervorbringt.

Daß das menschliche Genie diese Kraft habe, kann nicht in Zweifel gezogen werden: der Apollo im Belvedere ist gewiß so wenig nach der Natur gemacht, als Miltons Engel oder Teufel. Die Möglichkeit der Erhöhung der Gegenstände, erhellet nicht nur daraus, daß die Natur, wie ein großer Kenner anmerkt, in ihren Hervorbringungen vielen Zufällen unterworfen ist, da die Kunst frey würkt2; sie entsteht fürnehmlich daher, daß die Natur bey keinem Geschöpfe nur auf einen einzigen Zwek arbeitet, welches der Künstler meistentheils thut. Das Ideal besteht nicht immer in Verbesserung der Natur, sondern auch in Vereinigung dessen, was zum Zwek gehört, und Weglassung dessen, was ihm entgegen wäre. Die Natur hat keinen Menschen gebildet, um ihn zum sichtbaren Bild der Majestät zu machen: aber diesen einzigen Zwek hatte Phidias, als er seinen Jupiter bildete. Wenn wir bey einem würklich lebenden Menschen etwas von dem Charakter der Majestät antreffen, so finden wir noch viel anders bey ihm, das damit nicht übereinstimmt, weil die Natur es ihm in andern Absichten gegeben hat. Dieses andre konnte dem Phidias nicht dienen, darum hätte er nach einen Ideal arbeiten müssen, wenn er gleich das beste Original vor sich gehabt hätte. Es ist damit, wie mit andern Produkten der Natur. Da sie keine Gefäße von Gold oder Silber macht, wozu diese Metalle rein seyn müssen, so bringt sie auch kein reines Gold oder Silber hervor, sondern mit Gestein und Erde vermischt. Die Kunst, die Metalle reiniget, veredlet sie nicht; sondern scheidet nur die Theile, die zu ihrem Zwek nicht dienen, davon ab. Alsdenn sind sie nicht schlechterdings besser, sondern nur zu diesem besondern Zwek tauglicher. So ist der farnesische Herkules ein vollkommenes Bild dessen, was er seyn soll: aber ein Mensch, gerade so gebildet, würde unvollkommener seyn, als jeder andre wolgestaltete Mensch. Dieses ist der wahre Begriff den man sich von dem Ideal machen muß.

Der Künstler, dem die Schilderung der in der Natur vorhandenen Gegenstände zu seinem Zwek hinlänglich ist, hat mit dem Ideal nichts zu thun. Wer sich vorgenommen hat einzele Menschen ihre Tugenden oder Laster, zu schildern; wer die strengen Sitten des Cato, die patriotische Tugend des Cicero, in einem Drama zeigen will, der muß sich genau an der Natur halten. Wo aber nicht Personen, sondern Tugenden, wo gute oder böse Eigenschaften selbst, zu schildern sind, da muß man das Ideal suchen. Dieses thut der Bildhauer und Mahler, der nicht die schöne Phryne, noch die schöne Helena, sondern die weibliche Schönheit, ohne Beymischung dessen, was der persönliche Charakter darin besonders bestimmt, in einem Bilde darstellen will. Ueberhaupt dienet das Ideal um abgezogene Begriffe in ihrer höchsten Richtigkeit sinnlich zu bilden. Darum ist auch nicht jedes Geschöpf der Phantasie, nicht jedes Bild, das wie die Helena des Zeuxis,3 aus einzelen Theilen andrer zusammengesetzt ist, gleich ein Ideal zu nennen. Was diesen Namen verdienen soll, muß auf das beste den Begriff seiner Art, oder Gattung, ohne Beymischung des Einzelen ausdruken. Darum schikt es sich in den zeichnenden Künsten vornehmlich zu den Statuen4 und zu den Gemählden, die wir Bilder nennen5; weil es dabey nicht darum zu thun ist, wie [555] die abgebildeten Personen ausgesehen haben, sondern zu empfinden, was für einen Charakter sie gehabt haben.

Das Ideal ist allemal das Werk des Genies und ofte die Frucht eines glüklichen Augenbliks, da die durch Begeisterung erhöhten Seelenkräfte, plötzlich sich zur Bildung desselben vereinigen. So schuff Euphranor, nachdem er lange dem Begriff der höchsten Majestät nachgedacht hatte, das erhabene Bild Jupiters, in dem Augenblik, da ihm Homer ein paar Züge dazu gab,6 und so wird vielleicht einmal ein künftiger Künstler das Ideal zu einer so genannten Madre dolorosa finden, wenn er in dem rechten Zeitpunkt der Begeisterung auf folgende Stelle des Meßias kommen wird.


–– Denn die Mutter des Unerschaffnen

Zeigt, wiewol der Schmerz sie verhüllt, in ihren Gebehrden

Eine Hoheit, von Engeln (weil die sie am meisten verstanden)

Selbst bewundert.7


Es ist zu vermuthen, daß nur die besten Köpfe, nachdem sie alle Seelenkräfte lang anhaltend, auf die vollkommene Bildung einer einzigen Idee, vereiniget haben, in einem hellern Augenblike, die Schöpfung des Ideals vollenden.

Man kann die Künstler in Absicht auf das Genie in drey Classen eintheilen. Die erste, oder unterste Classe enthält die, welche sich genau an die Natur halten, und die Gegenstände, die sie nöthig haben, ohne Wahl des Bessern, nehmen, wie sie sich darbiethen. In der Mahlerey gehören die meisten Holländischen, so wie auch die meisten Brabandischen, und die alten deutschen Mahler hieher. In der zweyten Classe stehen die, welche zwar sich auch an die Natur halten, aber in derselben mit Ueberlegung und Geschmak das Beste wählen; wie die Mahler der römischen und der bolonesischen Schule gethan haben. Zur dritten und höchsten Classe gehören die, denen die höchste Natur nicht mehr Genüge leistet; die deswegen ihr Genie anstrengen in den Gegenständen der Natur das, was zu ihrem Zwek nicht dienet wegzulassen, das, was ihnen dienet allein herauszusuchen, und aus diesen Elementen durch die schöpferische Kraft ihres Genies eigene idealische Formen zu bilden: dieses thaten die besten Künstler des Alterthums. Mengs urtheilet,8 daß Niemand von den Neuern auf dem Weg der Vollkommenheit der alten Griechen gegangen sey. Es würde verwegen seyn, einem solchen Meister der Kunst geradezu zu widersprechen: aber daß Raphael, Hanibal Carraci und einige andre, wenigstens in einigen Arbeiten, das höchste Ideal gesucht haben, kann kaum geleugnet werden; also will Mengs vermuthlich blos sagen, daß keiner der Neuern die hohe Vollkommenheit der Griechen erreicht habe, und hierin wird ihm wol niemand widersprechen.

1Illi artifices vel in simulacris vel in picturis cum facerent Iovis formam, aut Minervæ, non contemplabantur aliquem a quo similitudinem ducerent; sed ipsorum in mente insidedat species pulchritudinis eximiæ quædam; quam intuentes in eaque defixi, ad illius similitudinem artem et manum dirigebant. Cicero in Orat.
2Mengs Gedanken über die Schönheit S. 12.
3S. Cic. de Invent. L. II.
4S. Statue.
5S. Historie.
6S. Erfindung. S. 336.
7Meß. VII. Ges.
8In dem angezogenen Werk S. 15.
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 1. Leipzig 1771, S. 553-556.
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