Eleganz

[312] Eleganz Mit der erhöhten Civilisation unseres gesammten gesellschaftlichen Zustandes haben sich zu den wenigen ursprunglichen Bedürfnissen des Zusammenlebens so undenklich viele künstlich gebildete Nothwendigkeiten eingestellt, daß ein Maßstab für die Beurtheilung dieser Umgebungen erforderlich sein mußte. Wenn sich das Schöne in allen Abstufungen seines Daseins nach gewissen ästhetischen Gesetzen bestimmt, und damit alle Momente seiner Begründung, die Erhabenheit, die Regelmäßigkeit, die Einfachheit, den Schmuck etc. umfaßt, so ist doch die Gesellschaft in ihrem Streben nach der Erreichung des Schönen von dem geraden Wege zu diesem Ziele vielfach abgewichen, das Ideal der Aesthetik wird durch das Idol der Mode häufig und allemal dann verdunkelt werden, wenn, wie das sehr oft der Fall ist, das Gebot der letztern mit den strenggemessenen Grenzlinien der erstern nicht im Einklange steht. Zwischen beiden mitten inne aber kann die Ausbildung eines Gedankens von Geschmack, Anmuth und Harmonie gedacht werden,[312] der das materielle und äußere Leben zur Vollendung entwickelt hat, dennoch aber von der öffentlichen Meinung abhängig ist, die Eleganz. Daraus geht hervor, wie viele Stufen diese unter der Schönheit steht, und wenn gleich das Schöne weit entfernt ist, immer elegant zu sein, so wird doch das Elegante jederzeit zugleich schön sein. Das weibliche Schönheitsgefühl, welches sich, wenn es natürlich erhalten und nicht überbildet ist, dem Einfachen mehr nähert, als dem Gesuchten, ist der beste Maßstab für die Eleganz. Darum wird diese von den Frauen immer mit mehr Glück angewendet und mit nähern und leichtern Mitteln, als von dem männlichen Geschlechte erreicht werden. Denn den Frauen ist außer diesem erwähnten Schönheitssinn jener geheime, nicht zu erklärende Zauber der Anordnung eigen, welcher sich Allem, was sie umgibt, mitzutheilen, und ihrem Wesen, wie ihren Umgebungen, jenen unbegreiflichen Reiz der Anmuth zu verleihen pflegt, der seine letzte Begründung wiederum in dem weiblichen Gemüthe findet. Wie nun das Gebiet der Eleganz streng abgeschlossen ist, so sind auch seine Grenzen streng gezogen, daß ein sicheres Bewegen innerhalb derselben eben so schwer, als ein Ueberschreiten derselben in der Wahl des Ueberladenen, Gezierten leicht ist. Die Uebertreibung und das Contrastirende werden sich niemals weder mit dem eingebornen Schönheitsgefühl des Gemüths, noch mit dem sichern Takt eines verfeinerten Geschmacks vereinigen können, als deren Ergebniß sich nach dem Vorstehenden die Eleganz hier aufgestellt hat.

X.

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 3. [o.O.] 1835, S. 312-313.
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