Sprichwörter

[371] Sprichwörter, lakonische und kräftige Denk- und Sittensprüche, welche uns die theure Mutter Erfahrung gab, die der plane Menschenverstand gebührend wartete und pflegte, und ein tüchtiger Mutterwitz in allerhand kecke Reime und Alliterationen kleidete. Recht eigentlich das Eigenthum der Volksweisheit, sind sie markige Körner aus einer reichen Erfahrungssaat, eine Weisheit in Haselnüssen, die man mit starken und gefunden Zähnen anfassen muß, lustige und gemüthliche Gesellen auf der Wanderschaft durchs Leben. Die S. sind die Göttersprüche des Volkes, die etwas burleske Nachkommenschaft der alten Orakel, ein treffliches Vermächtniß der Vorzeit, gleichsam die kecken Trümmer eines uralten Liedes, welches von Hütte zu Hütte wanderte wie ein lustiger Herold, und die müden Schläfer oft mitten in der Nacht heraus pochte aus dem Schlummer der Gewohnheit und Trägheit. Viele Verschen desselben wurden gleichsam als Bruchstücke von den Alten fleißig im Herzen bewahrt, und vom Großvater zum Enkel fortgepflanzt; und wie sie aus dem Volke hervor gingen, ist ihr Lebenselement auch die Volksthümlichkeit: daher[371] auch viele derselben nicht bestimmt und abgeschlossen, sondern nur vergleichend und bedingend sind, viele auch nur aus alten Volkssitten erklärt werden können. Mehrere Sammlungen derselben sind erschienen, unter denen Sailer's »Weisheit auf der Gasse, oder Sinn und Gebrauch deutscher Sprichwörter« bis jetzt eine der besten sein dürfte. Doch fehlt es noch immer an einer wahrhaft kritischen Sichtigung derselben, und noch viel des Goldes ist auszubeuten aus diesen Verstandessagen der Vorzeit, en miniature.

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Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 9. [o.O.] 1837, S. 371-372.
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