Wahrnehmung

[689] Wahrnehmung (perceptio) nennt man die unmittelbare Bewußtseinserfassung eines Gegebenen durch die Sinne. Die Wahrnehmung entsteht nur bei Gegenwart eines wirklichen Objekts. Man unterscheidet äußere und innere Wahrnehmung. Jene ist die unmittelbare Erkenntnis des neben- und nacheinander Existierenden, welche auf Grund objektiver Verhältnisse durch unsere Sinne zustande kommt, diese faßt unsere psychischen Erlebnisse vom Standpunkt des Selbstbewußtseins mit materieller Richtigkeit auf. Auf der Verbindung der äußeren und inneren, der sinnlichen und der psychischen Wahrnehmung beruht ein großer Teil aller Erkenntnis. Im wesentlichen deckt sich also der Begriff der Wahrnehmung mit dem der Anschauung (s. d.). Will man beide unterscheiden, so kann dies mit Wundt (geb. 1832) so geschehen, daß man bei dem Ausdruck Wahrnehmung mehr die Auffassung des Gegenstandes nach seiner wirklichen Beschaffenheit, bei dem Ausdruck Anschauung dagegen vorzugsweise die dabei vorhandene Tätigkeit unseres Bewußtseins im Auge hat. Vgl. Wundt, Grundz. der phys. Psych. II, S. 1.

Quelle:
Kirchner, Friedrich / Michaëlis, Carl: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe. Leipzig 51907, S. 689.
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