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[235] In der Kammer, still und donkel,
Schläft die Tante bei dem Onkel.
[235] Mit der Angelschnur versehen
Naht sich Lenchen auf den Zehen.
Zupp! – Schon lüftet sich die Decke
Zu des Onkels großem Schrecke.
[236] Zupp! – Jetzt spürt die Tante auch
An dem Fuß den kalten Hauch.
»Nolte!« – ruft sie – »Lasse das,
Denn das ist ein dummer Spaß!«
[237] Und mit Murren und Gebrumm
Kehrt man beiderseits sich um.
Schnupp! – Da liegt man gänzlich bloß
Und die Zornigkeit wird groß;
[238] Und der Schlüsselbund erklirrt,
Bis der Onkel flüchtig wird.
Autsch! Wie tut der Fuß so weh!
An der Angel sitzt die Zeh.
[239] Lene hört nicht auf zu zupfen,
Onkel Nolte, der muß hupfen.
Lene hält die Türe zu.
Oh, du böse Lene du!
[240] Stille wird es nach und nach,
Friede herrscht im Schlafgemach.
Am Morgen aber ward es klar,
Was nachts im Rat beschlossen war.
Kalt, ernst und dumpf sprach Onkel Nolte:
»Helene, was ich sagen wollte: –«
»Ach!« – rief sie – »Ach! Ich will es nun
Auch ganz gewiß nicht wieder tun!«
»Es ist zu spät! – Drum stantepeh
Pack deine Sachen! – So! – Ade!«
[241]
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Die Fromme Helene
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