Achtes Kapitel

[336] Es war aber grade da zu Land

Die Dorfschulmeisterstelle vakant,

Und hat darüber die Disposition

Der gnädige Herr als Schutzpatron.


Achtes Kapitel

Aus Dankbarkeit auf höchsten Beschluß

Kriegt diese Stelle Hieronymus. –

So hat er nun die Schulmeisterei

Und sieht, was hierbei zu machen sei.


Zuvörderst findet er in der Fibel

Manche veraltete Mängel und Übel;

Wie er dann gleich mit Schrecken sah,

Daß das ff und ph nicht da. –


Auch scheint ihm gar nicht wohlgetan

Der abgemalete Gockelhahn. –


Achtes Kapitel

[336] Er streichet ihm hinweg zuvoren

Die überflüssigen Reitersporen.


Er füget ihm aber dagegen bei

Ein Nest mit eingelegtem Ei;

Damit man sehe, daß eigentlich dies

Der Segen und Nutzen des Federviehs.


Achtes Kapitel

Nachdem er also die Lehre verbessert,

Bedenkt er, wie man die Strafe vergrößert.

Nämlich im Schulvermögen war

Ein Eselskopf als Inventar.


Achtes Kapitel

Hieronymus, zu größerer Schand und Graus,

Macht einen ganzen Esel daraus. –

Die Bauern aber murren sehr

Über die neu erfundene Lehr.

Sie taten sich hoch und heilig vereiden,

Sie wollten und wollten dieses nicht leiden

Und wollten den neuen Meister der Schule

Herunterstoßen von seinem Stuhle.


Achtes Kapitel

[337] Eines Morgens in aller Früh

Wohl ausgerüstet marschieren sie.


Achtes Kapitel

Hieronymus schlummert noch sanft und gut,

Da tönet die Stimme: »Kum man mal rut!«
[338]

Achtes Kapitel

Alsbald so fühlt er sich fortgeschoben,

Schwupp da! – Er wird seines Amtes enthoben.


Achtes Kapitel

Die Bauern, geschmückt mit vielen Trophä'n,

Machen ein großes Siegesgetön.
[339]

Achtes Kapitel

Sie füllen die Gläser und stoßen an:

»Prost, vivat! Düt hett gude gan!«


Achtes Kapitel

Als aber vorüber das erste Feuer,

Ist manchem doch nicht so recht geheuer.

Ja, wenn der gnädige Herr nicht wär!

Der gnädige Herr, was sagt aber der??


»Mal fünfundzwanzig! Nach altem Brauch!«


Achtes Kapitel

Richtig geraten! – So kommt es auch. –
[340]

Quelle:
Wilhelm Busch: Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bde. I-IV, Band 2, Hamburg 1959, S. 336-341.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Bilder zur Jobsiade
Bilder zur Jobsiade

Buchempfehlung

Tschechow, Anton Pawlowitsch

Drei Schwestern. (Tri Sestry)

Drei Schwestern. (Tri Sestry)

Das 1900 entstandene Schauspiel zeichnet das Leben der drei Schwestern Olga, Mascha und Irina nach, die nach dem Tode des Vaters gemeinsam mit ihrem Bruder Andrej in der russischen Provinz leben. Natascha, die Frau Andrejs, drängt die Schwestern nach und nach aus dem eigenen Hause.

64 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon