Achtes Kapitel

[133] Sie blieb nicht aus. Sie kam zu ihm.

Hold lächelnd sprach sie und intim:

»Mein werter Freund! Seit längst erfüllt

Mich schon der Wunsch, ein lieblich Bild

Zu stiften in die Burgkapelle,

Was ich bei Ihnen nun bestelle.

So legendarisch irgendwie.

Vorläufig dies für Ihre Müh!«


Achtes Kapitel

Mit sanftem Druck legt sie in seine

Entzückte Hand zwei größre Scheine. –


Der Kuno, fremd in der Legende,

Verwendet sich zu diesem Ende

An einen grundgelehrten Greis,

Der folgende Geschichte weiß:[133]

Der kühne Ritter

und der greuliche Lindwurm

Es kroch der alte Drache

Aus seinem Felsgemache

Mit grausigem Randal.

All' Jahr ein Mägdlein wollt' er,

Sonst grollt er und radollt er,

Fraß alles ratzekahl.


Was kommt da aus dem Tore

In schwarzem Trauerflore

Für eine Prozession?

Die Königstochter Irme

Bringt man dem Lindgewürme;

Das Scheusal wartet schon.


Hurra! Wohl aus dem Holze

Ein Ritter keck und stolze

Sprengt her wie Wettersturm.

Er sticht dem Untier schnelle

Durch seine harte Pelle;

Tot liegt und schlapp der Wurm.


Da sprach der König freudig:

»Wohlan, Herr Ritter schneidig,

Setzt Euch bei uns zur Ruh.

Ich geb Euch sporenstreiches

Die Hälfte meines Reiches,

Mein Töchterlein dazu!«


»Mau, mau!« so rief erschrocken

Mit aufgesträubten Locken

Der Ritter stolz und keck.

»Ich hatte schon mal eine,

Die sitzt mir noch im Beine!

Ade!« und ritt ums Eck.


O altes blaues Wunder!

Da han wir doch jetzunder

Mehr Herz im Kamisol.

Wir ziehen unsre Kappe

Vor solchem Schwiegerpappe

Und sprechen: Ei jawohl!
[134]

Der Stoff ist Kuno sehr willkommen,

Die zweite Hälfte ausgenommen,

Um ihn mit Kohle zu skizzieren

Und dann in Farben auszuführen. –


Achtes Kapitel

Gar oft erfreut das Fräulein sich

An Kunos kühnem Kohlenstrich,

Obgleich ihr eigentlich nicht klar,

Wie auch dem Künstler, was es war.

Wie's scheint, will ihm vor allen Dingen

Das Bild der Jungfrau nicht gelingen.

»Nur schwach, Natur, wirst du verstanden« –

Seufzt er – »wenn kein Modell vorhanden!«


»Kann ich nicht dienen?« lispelt sie.

»Schön!« – rief er – »Mittwoch in der Früh!«[135]

Als nun die Abendglocke schlug,

Zieht ihn des Herzens süßer Zug

Zum Schimmel wirt, wie ehedem;

Und Susel macht sich angenehm.

Denn alte Treu, sofern es nur

Rentabel ist, kommt gern retour.


Achtes Kapitel

Ja, dies Verhältnis hier gedieh

Zu ungeahnter Harmonie. –


Mit zween Herrn ist schlecht zu kramen;

Noch schlechter, fürcht ich, mit zwo Damen.


Nach diesem mit Zittern gemachten Vermerke

Fahren wir fort im löblichen Werke.
[136]

Quelle:
Wilhelm Busch: Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bde. I-IV, Band 4, Hamburg 1959, S. 133-137.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Maler Klecksel
Balduin Bählamm / Maler Klecksel
Maler Klecksel
Maler Klecksel

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Leo Armenius

Leo Armenius

Am Heiligen Abend des Jahres 820 führt eine Verschwörung am Hofe zu Konstantinopel zur Ermordung Kaiser Leos des Armeniers. Gryphius schildert in seinem dramatischen Erstling wie Michael Balbus, einst Vertrauter Leos, sich auf den Kaiserthron erhebt.

98 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon