[5] Nach der Stimme: Aus tieffer Noht schrey ich zu dir, usw.
1.
Wir Menschen sind lebendig tod,
Wenn wir in Sünden wallen:
Wir stehen in der Seelennoht,
Bis daß wir sicher fallen.
Wir leben hin ohn Sorg und Scheu,
Gedenken spat deß Höchsten Treu,
So schwebet ob uns allen.
2.
Ob wir gleich offt aus falschem Wahn
Der Frömmkeit uns beflissen,
Jedoch sich niemand rühmen kan,
Daß er ein rein Gewissen.
Gott ist und bleibt allein gerecht,
Wir sind die stets unnützen Knecht',
Als die sich schämen müssen.
3.
Ich unter aller Sünder Stand
Muß mich den grösten nennen,
Dann meine Sünd ist gleich dem Sand,
Deß zahle nicht zu kennen.
Ach Gott, laß mich so grosse Schuld
Von deiner Milde, Gunst und Huld
Die Sündenwelt nicht trennen.
4.
Ich, ich bin der verlorne Sohn,
Den seine Sünden reuen,
Der nun zu deinem Gnadenthron
Zu fliehen nicht will scheuen.
O Vatter! ich hab für und für
Sehr offt und viel gesündigt dir;
Ich muß üm Gnade schreyen.
5.
Ich bin ach, leider! nun nicht wehrt,
Daß ich dein Sohn soll heissen:
Ich bin mit deinem Grimm beschwert,
Du wolst dich gnädig weisen.
Du sihest meine Reu und Schmertz
Und eilst mich mit dem Vatterhertz
Aus aller Noht zu reissen.
6.
Der ich zuvor war gleichsam todt,
Empfind' ein neues Leben:
Ein neues Kleid, Speiß, Trank und Brod
Läst du mir freudig geben.
So wil ich nun ohn falschen Schein
Dir als ein Kind gehorsam seyn,
Nach deinen Wort zu streben.
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Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica
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