2.

Symbolik des Unsinns

[310] Wir heben nun zu singen an

Das Lied von einer Nummer,

Die ist geheißen Nummer Drei;

Nach Freuden kommt der Kummer.


Arabischen Ursprungs war sie zwar,

Doch christentümlich frummer

In ganz Europa niemand war

Wie jene brave Nummer.


Sie war ein Muster der Sittlichkeit

Und wurde rot wie ein Hummer,

Fand sie den Knecht im Bette der Magd;

Gab beiden einen Brummer.


Des Morgens trank sie den Kaffee

Um sieben Uhr im Summer,

Im Winter um neun, und in der Nacht

Genoß sie den besten Schlummer.


Jetzt aber ändert sich der Reim,

Und ändern sich die Tage;

Es muß die arme Nummer Drei

Erdulden Pein und Plage.
[310]

Da kam ein Schuster und sagte: der Kopf

Der Nummer Drei, der sähe

Wie eine kleine Sieben aus,

Die auf einem Halbmond stehe.


Die Sieben sei aber die mystische Zahl

Der alten Pythagoreer,

Der Halbmond bedeute Dianendienst,

Er mahne auch an Sabäer.


Sie selber, die Drei, sei Schibboleth

Des Oberbonzen von Babel;

Durch dessen Buhlschaft sie einst gebar

Die heil'ge Dreieinigkeitsfabel.


Ein Kürschner bemerkte dagegen: die Drei

Sie eine fromme Trulle,

Verehrt von unsern Vätern, die einst

Geglaubt an jede Schrulle.


Da war ein Schneider, der lächelnd sprach,

Daß gar nicht existiere

Die Nummer Drei, daß sie sich nur

Befinde auf dem Papiere.


Als solches hörte die arme Drei,

Wie eine verzweifelte Ente,

Sie wackelte hin, sie wackelte her,

Sie jammerte und flennte:


»Ich bin so alt wie das Meer und der Wald,

Wie die Stern', die am Himmel blinken;

Sah Reiche entstehn, sah Reiche vergehn

Und Völker aufsteigen und sinken.
[311]

Ich stand am schnurrenden Webstuhl der Zeit

Wohl manches lange Jahrtausend;

Ich sah der Natur in den schaffenden Bauch,

Das wogte brausend und sausend.


Und dennoch widerstand ich dem Sturm

Der sinnlich dunkeln Gewalten –

Ich habe meine Jungferschaft

In all dem Spektakel behalten.


Was hilft mir meine Tugend jetzt?

Mich höhnen Weise und Toren;

Die Welt ist schlecht und ungerecht,

Läßt niemand ungeschoren.


Doch tröste dich, mein Herz, dir blieb

Dein Lieben, Hoffen, Glauben,

Auch guter Kaffee und ein Schlückchen Rum,

Das kann keine Skepsis mir rauben.«


Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 1, Berlin und Weimar 21972, S. 310-312.
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