An Freiligrath

[161] bei seinem Eintritt in die Schweiz


im Frühling 1845


Sobald ein Dichterkind mit holdem Siege

Die Augen aufschlägt hier im Erdentale,

Stehn schon zwei Genien an seiner Wiege:


Hell von Kristall hält dieser eine Schale,

Voll bis zum Rand von feuergoldnem Wein,

Belebt, durchwebt vom reinsten Sonnenstrahle;


Des andern Schal' ist dunkler Edelstein,

Rubin, und faßt des Mohnes dunkeln Saft,

Durchwoben von des Mondes Zitterschein.


In beiden Schalen ruht die Lebenskraft,

Die ihm die treuen Genien rastlos schenken,

Die ihn durchwallt und seine Lieder schafft.


Aus beiden Schalen strömt sein Sein und Denken,

Sein Blühn und Sehnen, fließen Tag und Nacht,

Ein sonnig Schaun, ein träumerisch Versenken


In seine Seele, wie sie träumt und wacht.

Und Preis dem Dichter, wenn die Lebensbecher

Ihm reich erfunkeln und in gleicher Pracht!


Doch Halbpoet nur ist der trunkne Zecher,

Der aus dem einen überwiegend trinkt;

Sein Herz wird krank, sein Lied alltäglich schwächer. –
[162]

Oh, wenn die Nacht mit ihren Sternen winkt,

Dann leer die dunkle Schale bis zum Grunde,

Daß der uralte Zauber in dich sinkt!


Doch naht mit heil'gem Wehn die Morgenstunde,

Laß dem Kristall den klaren Trank entquellen

Und führ, wie sie, der Wahrheit Gold im Munde!


Tu auf dein Aug des Lichtes goldnen Wellen!

Laß liegen, die im tödlichen Rausch versunken,

Die ewig auch den Tag zur Nachtgesellen! –


So hast auch du die Zauberflut getrunken,

O Freiligrath! daß Berg und Tal erklungen

Und sich die Elfen fröhlich zugewunken!


Vom Morgenland hast ahnend du gesungen;

Denn als der Morgen leuchtend vor dir stand,

Da hast du aus den Rosen dich geschwungen


Frisch und gesund; und sieh! das Morgenland

Lag ausgebreitet da zu deinen Füßen:

Kamele, Tiger, Sklaverei und Sand!


Doch mitten aus der Wüste Finsternissen

Erblüht' der »Morgen, und vom Rhein« erklang's

Entgegen dir von hellen Freiheitsgrüßen!


Und jeder Mund im deutschen Lande sang's:

»Der Freiligrath hat sich zu uns geschlagen!«

Und jedes Ohr in fernen Gaun verschlang's,
[163]

So weit die deutsche Kunde ward getragen.

Doch manchem wohl erklang dein Taglied schrill,

Denn bald sah man die Schergen nach dir jagen.


Die sonst so nächtlichsanft und muckerstill,

Es brach die preußische Romantik los,

Die Mohn und Mohn und wieder Mohnsaft will. –


So grüß ich dich in dieses Landes Schoß!

Zwar eben ist's in unsern Bergen düster

Bei heiterm Frühlingshimmel; heut noch floß


Ein blutig Rieseln, und ein Klaggeflüster

Durchzieht den Bergwald; es erdröhnt das Land

Vom wüsten Schrei der Pfaffen und Philister.


Wir reichen dir die pulvergeschwärzte Hand,

Der Trommelschlag verschlingt die Freundesgrüße,

Und ringsum loht des Hasses roter Brand.


Auf starre Leichen stoßen deine Füße!

Hier liegen sie mit ausgestochnen Augen,

Dort schiffen sie hinab die blauen Flüsse.


Sieh, wo dir mag ein stilles Plätzlein taugen!

Du trittst hier in der Freiheit Werkstatt ein,

Wo zornig ihre Essen sprühn und rauchen.


Doch mag hier noch der beste Boden sein,

Wo harrend du dir deine Warte baust;

Wallt doch nach deinem vielgeliebten Rhein
[164]

Ein jedes Wässerlein, in das du schaust!

Da lasse deine Lieder abwärts schwimmen,

Da wirf hinein die »Späne, die du haust!«


Und hier, wie dort, die Hoffnungssterne glimmen;

Bis du wirst drin den Tag der Heimkehr schauen,

Kannst du derweil zum Sieg die Saiten stimmen.

Mich dünkt, du wirst darüber nicht ergrauen!


Quelle:
Gottfried Keller: Sämtliche Werke in acht Bänden, Band 1, Berlin 1958–1961, S. 161-165.
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