Felsenschwalben (Cotyle rupestris)

[512] Die Felsenschwalbe, Berg- oder Steinschwalbe (Cotyle rupestris, Hirundo rupestris, montana, rupicola und inornata, Chelidon und Biblis rupestris, Bild S. 509), ist die größere der bei uns vorkommenden Arten. Ihre Länge beträgt funfzehn, die Breite fünfunddreißig, die Fittiglänge vierzehn, die Schwanzlänge sechs Centimeter. Alle oberen Theile des Leibes sind matt erdbraun, die Schwingen und Schwanzfedern schwärzlich, letztere bis auf die mittleren und äußersten mit eiförmigen, schön gilblichweißen Flecken gezeichnet, Kinn und Kehle, Kropf und Oberbrust schmutzig bräunlichweiß, fein schwarz längsgestrichelt, die übrigen Untertheile erdbräunlich. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß röthlich hornfarben. Männchen und Weibchen unterscheiden sich kaum durch die Größe, die Jungen durch noch einfarbigeres Gefieder.

In Deutschland ist die Felsenschwalbe zwar wiederholt beobachtet worden, und in den südlichsten Theilen desselben, in gewissen Alpenthälern Tirols und Steiermarks, kommt sie wohl auch als Brutvogel vor; ihre eigentliche Heimat aber ist der Süden unseres Erdtheiles, Spanien, Griechenland und Italien. Außerdem bewohnt sie Nordwestafrika, Mittelasien, östlich bis China, Persien und Indien. Sie ist ein eigenthümlich harter Vogel, welcher in den nördlichsten Theilen seines Aufenthaltes sehr früh im Jahre, bereits im Februar oder spätestens im Anfange des März, erscheint und bis in den Spätherbst hinein hier verweilt, in Südeuropa aber überhaupt nicht wandert. In der Sierra Nevada sah ich noch am achtzehnten November einen zahlreichen Flug von ihr, und die Jäger, welche ich auf das späte Vorkommen einer Schwalbe aufmerksam gemacht hatte, erzählten mir, daß regelmäßig mehr oder minder zahlreiche Gesellschaften der Felsenschwalbe in ihrem Lande überwintern. Dasselbe erfuhren Graf von der Mühle, Lindermayer, Erhard, Schrader und Krüper in Griechenland. Ein Theil der Brutvögel tritt jedoch auch in Spanien eine Wanderung an, und zwar schon im Anfange des September. Um diese Zeit beobachteten wir solche in Flügen von acht bis zwanzig Stücken bei Murcia, wo wir ihn früher nicht gesehen hatten. Diese Flüge schienen aber keineswegs eilig zu sein und sich hier ebenso behaglich zu fühlen wie in der Nähe ihres Nistplatzes, hielten sich mindestens tage- und wochenlang in der Gegend auf.

Der nur einigermaßen geübte Beobachter kann die Felsenschwalbe nicht verkennen. Sie fällt auf durch ihre graue Färbung und durch ihren verhältnismäßig langsamen, sanft schwebenden Flug. Gewöhnlich streicht sie möglichst nahe an den Felswänden dahin, bald in größerer, bald in geringerer Höhe, mehr oder weniger in gleichmäßiger Weise. Doch erhebt auch sie sich ausnahmsweise zu bedeutenden Höhen und zeigt dann ungefähr die Gewandtheit der Mehlschwalbe. Selten vereinigt sie sich mit anderen Arten, obwohl es vorkommt, daß sie da, wo Mehlschwalben an Felswänden nisten, auch in deren Gesellschaft sich bewegt oder mit der Höhlen- und Mehlschwalbe dieselben Brutstätten theilt. Sie ist weit weniger gesellig als alle übrigen mir bekannten Schwalbenarten und bewohnt meist nur in wenigen Paaren ein und dasselbe Felsenthal. In der Schweiz streift sie, laut Schinz, nach ihrer Ankunft im Frühjahre oft lange umher, ehe sie ihre alten Nester bezieht, und ebenso nach vollendeter Brut bis zur Zeit der Herbstwanderung entweder einzeln oder mit ihren Jungen oder in Gesellschaft mit noch einer oder zwei anderen Familien von einem Thurme oder Felsen zum anderen. Bei schlechtem Wetter hält sie sich nahe über dem Boden; während starken Regens sucht sie unter vorspringenden Steinen, in Fels- oder Mauerlöchern Zuflucht. Sonst setzt sie sich selten am Tage, falls sie nicht zum Boden herabkommen muß, um hier Niststoffe zusammenzulesen. Nur an heiteren Sommertagen sieht man sie zuweilen auf Hausdächern sich niederlassen; in das Innere der Häuser aber kommt sie nie. »Beim Wegfliegen«, sagt Schinz, »stürzt sie sich aus ihren Schlupfwinkeln hervor und breitet nun erst im Fallen die Flügel aus; dann fliegt sie meist [512] ruhig schwimmend längs der Felsen hin und her, schwenkt ungemein schnell um die Ecken und in alle Klüfte hinein, setzt sich aber sehr selten. Zuweilen entfernt sie sich von den Felsen, aber nie weit, und selten, meist nur, wenn die Jungen erst flügge geworden sind, senkt sie sich etwas abwärts, fliegt dann um die Wipfel der Tannen, die sich hier und da am Fuße der Felsen befinden, und atzt die gierig nachfliegenden Jungen. Sie ist viel stiller und weniger lebhaft als die neben ihr wohnende Hausschwalbe. Zuweilen spielt sie, auf Felsenvorsprüngen sitzend, indem zwei gegen einander die Flügel lebhaft bewegen und dann sehr schnell unter dem Rufe ›Dwi, dwi, dwi‹ aufeinander stürzen, dann aber plötzlich und mit mannigfaltigen Schwenkungen davon fliegen. Die Lockstimme ist oft tief und heiser ›Drü, drü, drü‹; ihren Gesang habe ich niemals vernommen.«

Die Nester der Felsenschwalbe sieht man da, wo sie vorkommt, an Felsenwänden hängen, oft nicht hoch über dem Fuße der Wand, immer aber in Höhlen oder doch an Stellen, wo vorspringende Steine sie von oben her schützen. Sie ähneln am meisten denen unserer Rauchschwalbe, sind jedoch merklich kleiner und mit Thier- und Pflanzenwolle, auch wohl einigen Federn, ausgekleidet. An manchen Orten sieht man mehrere dieser Nester zusammen, jedoch niemals so dicht wie bei den Mehlschwalben, wie denn auch eine Ansiedelung der Felsenschwalbe nicht entfernt dieselbe Nesterzahl enthält wie die Siedelung der Mehlschwalbe. Das Gelege, welches frühestens um die Mitte des April, gewöhnlich nicht vor Ende des Mai vollzählig zu sein pflegt, enthält vier bis fünf, ungefähr dreiundzwanzig Millimeter lange, funfzehn Millimeter dicke, auf weißem Grunde unregelmäßig, am dichtesten gegen das dicke Ende hin blaß graubraun gefleckte Eier. Zu Ende des Mai beobachteten wir an einer Felswand des Monserrat junge Felsenschwalben, wie es schien solche, welche erst vor wenigen Tagen das Nest verlassen hatten; denn sie wurden von den Alten noch gefüttert. Dies geschieht, wie schon Schinz beobachtete, im Fluge, indem Junge und Alte gegen einander anfliegen und beide sich dann flatternd auf einer und derselben Stelle erhalten, bis ersteres das ihm zugereichte Kerbthier glücklich gepackt hat.

Ueber die Feinde der Felsenschwalbe weiß ich nichts anzugeben. Auch sie wird wahrscheinlich von dem kleinen, gewandten Edelfalken zu leiden haben. Der Mensch verfolgt sie nirgends.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Fünfter Band, Zweite Abtheilung: Vögel, Zweiter Band: Raubvögel, Sperlingsvögel und Girrvögel. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882., S. 512-513.
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