Braga

[110] Braga oder Bragi (Nord. M.), Sohn Odins und der Frigga, Gott der Beredtsamkeit und Dichtkunst, der weiseste unter den Asen. Odin übergab jedem der Asen irgend eine Eigenschaft, welche derselbe wieder an seine Lieblinge verleihen konnte: so dem Thor die Stärke, der Freia die Liebe, dem Baldur die Schönheit, und so auch dem B. den begeisternden Dichtermeth; nun bewahrt B. denselben, spendet ihn jedoch nur an wenige Erlesene, macht aber selbst häufig Gebrauch davon, so dass seinem Munde kein geistloses Wort entflieht und Alles, was er sagt, Weisheit im Gewande der Schönheit ist. Den Ankommenden in Walhalla geht er entgegen in Gesellschaft des Hermode, sie mit dem Göttergrusse empfangend: »Tretet ein in Walhalla, geniesst Einheriarfrieden und trinket geheiligten Meth mit den Asen.« Des Gottes Zunge ist mit Runen bezeichnet, und so wird er zum Erfinder der Sprache. Seine Gattin ist die jugendliche Itun (nach moderner Schreibart Iduna); sie besitzt die Aepfel der Unsterblichkeit: wem daher ihr Gatte Dichtermeth gibt, dem schenkt sie ewiges Leben im Andenken des Volkes. Der Gott war so hoch geehrt, dass Gelübde, bei seinem Becher abgelegt, unverbrüchlich gehalten wurden; auch bei dem Regierungsantritt eines Fürsten spielte dieser Becher (Bragafull) eine wichtige Rolle. Wenn die Leichenfeierlichkeiten für den verstorbenen Herrscher gehalten wurden, sass der neue König nicht auf dem Thron, sondern auf einem Stuhle vor demselben, bis von dem Priesterchor der Bragafull gebracht wurde; nun erhob er sich, ging demselben entgegen, ergriff ihn zum Preise des Gottes, legte irgend ein wichtiges, auf seine Regierung Bezug habendes Gelübde ab, und leerte ihn mit einem Zuge; musste er absetzen, so war diess ein sehr übles Vorzeichen. Nun erst bestieg er den Thron. - Merkwürdig ist, dass dem B. bei Aegirs Gastmahl aller Muth und alle kriegerische Tapferkeit durch den tückischen Loke abgesprochen wird, ohne dass diess seinem Ruhme Abbruch thut.

Quelle:
Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Stuttgart 1874, S. 110.
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