Stadtrecht

1. Stadtrecht bricht Landrecht; Landrecht bricht gemeines Recht.Hillebrand, 11, 15; Körte, 5683; Simrock, 9803; Graf, 25, 269.

Im Mittelalter beschränkten sich Land- und Stadtrechte nicht, da jedes seinen besondern, vom andern unabhängigen Wirkungskreis hatte. Erst seit dem 16. Jahrhundert, in welchem die Städte allmählich dem allgemeinen Landesgesetz unterworfen wurden, während sie früher von demselben nicht berührt waren, konnte Stadtrecht Landrecht brechen. »Papst- und Bonzenrecht«, sagt I. Weber (Papstthum, I, 407) »brach (und bricht) alles Recht und ist unter allen Rechten das schlimmste.« In England gilt die umgekehrte Regel, das »gemeine« Recht steht über dem geschriebenen und soll im Contract vorgehen. (Vgl. L. Bucher, Der Parlamentarismus, Berlin 1855, S. 80.) In Kronstadt heisst es: Lootsenrecht geht vor Kapitänsrecht. (Altmann V.) Zu erwähnen ist in Bezug auf das obige Sprichwort noch: Amand Christ. Dorn, Progr. in quo veritatem paroemiae: Stadtrecht bricht Landrecht, Kiel 1748.)


2. Stadtrecht ist weltlich Recht.Graf, 22, 246.

Mhd.: Stadt recht is wertlich recht. (Lappenberg, 101, 21.)


3. Wer Stadtrecht geniesst, soll Stadtrecht gebrauchen.Graf, 21, 240.

Mhd.: We der stat rehtes ghenüth, der sal der stat rehtes ghebruken. (Göschen, III, 39.)

Dän.: Den som stads-ret vil nyde, bör ei stads-ret at bryde. (Prov. dan., 432.)


4. Wo das rostocker Stadtrecht anfängt, da hört der gesunde Menschenverstand auf.

Twesten in der Sitzung des preussischen Abgeordnetenhauses vom 20. Mai 1865. Der Professor Weber in Rostock begann seine Vorlesungen über das rostocker Stadtrecht stets mit den Worten: »Meine Herren, jetzt hört die Vernunft auf, und das rostocker Stadtrecht fängt an.«

Quelle:
Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 4. Leipzig 1876, Sp. 766.
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