Vernunft

1. Der Vernunft Licht scheint im Menschen wie ein Docht in einer finstern Ampel.


[1572] 2. Die Vernunfft ist der weisen Meister.Petri, II, 146.


3. Die vernunfft ist dess glücks Bul, läst sich leicht füllen vnnd Schwängern vnnd gebirt schädliche Missgeburtten.Lehmann, 799, 34.


4. Die vernunfft weiss vnd begert offt das gut, was sie soll, vnnd thut doch dz böss, wz sie nit will.Lehmann, 797, 9.


5. Die Vernunft des Stärksten ist die beste.


6. Die Vernunft ist gut, sagte der Pfaffe, nur nicht in der Kirche.


7. Die Vernunft ist gut überall.

Frz. Schweiz: La réjon l'iet bonna pertot. (Schweiz, II, 242, 44.)


8. Die Vernunft muss herrschen.

It.: La ragione debbe signoreggiare, e la sensualità obbedire.


9. Gute Vernunft, tapfer Herz und weiser Rath hohe Sachen ausrichten und weise That.


10. Lebe mit Vernunft, so kommst du nicht in der Armen Zunft.Simrock, 10880; Körte, 6256.


11. Man soll der Vernunft Tribut geben, aber nicht opfern.Opel, 375.


12. Mit Vernunfft kompt man vielem Vnglück vor.Petri, II, 480.


13. Mit Vernunft, Geduld und Spucke geht alles.Klix, 114.


14. Vernunfft folgt den Irwischen.Lehmann, 799, 26.


15. Vernunfft geht vber Fauststärcke.Petri, II, 568.

Die Finnen: Die Vernunft ist besser als Gedächtniss. (Bertram, 66.)


16. Vernunfft ist der Gewonheit Knecht.Lehmann, 318, 61.


17. Vernunfft ist des Glaubens gross Hindernuss.Henisch, 1634, 60.


18. Vernunfft ist dess Teuffels Hur.Lehmann, 737, 12.

Eine Anschauung buchstabengläubiger Theologen, namentlich einer von den vielen Aussprüchen Luther's, mit denen er die Vernunft, ohne die er doch schwerlich verbessernd gewirkt hätte, schalt. Wahrscheinlich wäre aus seinem Werk etwas Vollkommneres geworden, wenn er die Vernunft völlig frei gemacht hätte. Aber so gibt es in seinen vielen Schriften nichts in der Welt, das er mehr hasste als die Vernunft, ohne welche der Mensch doch nur, und zwar ein sehr unvollkommenes Vieh ist. So nennt er die Vernunft den »alten Dünkel, Frau Hulda mit der Rotznasen«; ferner: Frau Unholde, die alte Wettermacherin; Frau Isabell, die Gottesmeisterin und Gottesmacherin; die Erzfeindin des Glaubens, des Teufels Hure. Er nennt sie auch: die kluge Hure, die tolle Hure, die Erzhure und des Teufels Braut, die tolle Närrin, die höheste Hure des Teufels, die schebichte, ausssätzige Hure. – Sind das die Namen, mit denen er die Vernunft, die Kraft, welche allein uns zum Menschen macht, belegt, so wollen wir nur noch einige Beispiele beifügen, aus denen zu ersehen, wie ihm ihre Thätigkeit erscheint. Er sagt, sie sei zehnmal klüger als Gott, wolle Gott allzeit hofmeistern; sie ist wie ein unvernünftiger Bloch, spielt Blindekuh mit Gott; ihr Werk ist ein Affenspiel; sie lehrt die Hühner Eier legen; sie ist das gefährlichste Ding; sie geht auf Stelzen; sie ist der Apfel, daran sich Adam und Eva den Tod gefressen haben. Wenn man nun fragt, wie man mit einem so gefährlichen Dinge, wie die Vernunft ist, umgehen solle, so antwortet Luther: »Man muss sie mit Füssen treten und ihr Dreck ins Gesicht werfen.« Einzelne Sprichwörter, wie das obige, sind nun dieser Anschauung, die noch jetzt von den starren Lutheranern vertreten ist, angehörend. Da ich diesen Standpunkt für eine menschliche Verirrung halte, so habe ich zwar die aus dieser Quelle entsprungenen Sprichwörter selbstverständlich aufgeführt, aber nicht einzeln widerlegt.


19. Vernunfft ist ein grosse Wettermacherin in der schrifft.Lehmann, 797, 13.


20. Vernunfft, Kunst vnd Witz gilt ohne Geld nichts.Petri, II, 568.


21. Vernunfft macht niemand fromb, Affekten machen sie gar thumb.Lehmann, 797, 5.


22. Vernunfft sihet durch den Dünckel, wie durch ein gemahlet Glass.Lehmann, 799, 26.


23. Vernunfft thut offt nit, wz recht, sondern wz meister mutwillen gefällig.Lehmann, 797, 11.

Lat.: Sic volo, sic jubeo, sit pro ratione voluntas. (Lehmann, 797, 11.)


[1573] 24. Vernunfft verstehet nicht gewiss, was nutz, recht vnnd gut ist; aber was böss ist, dass kan sie besser erkennen.Lehmann, 798, 17.


25. Vernunfft vnd Witz gibt gelehrte Leut.Petri, II, 568.


26. Vernunft ist des Rechts Kern und des Gesetzes Seele.Körte, 6255.


27. Vernunft kumbt nicht vor den iaren.Hauer, Mij2.


28. Vernunft und Rede halten die Leute zusammen.

Lat.: Societatis humanae vinculum est ratio et oratio. (Cicero.) (Philippi, II, 193.)


29. Vernunft und Verstand sind des Teufels Huren.Opel, 18; Körte, 6254; Körte2, 7854.

Körte bemerkt: »Ein von alten Pfaffen erfundenes und von neuen Pfaffen in Ehren gehaltenes Wort, denen nichts verhasster ist, als die Vernunft.«


30. Vernunft und Verstand sind nur Wettermacher und Hagelsieder in der Schrift.

»Meinten die Ablassmönche ihrer Zeit.« (Klosterspiegel, 18, 19.)


31. Was nicht mit Vernunft geschieht, hat keinen Bestand.Chaos, 788.


32. Wenn die Vernunft gestorben ist, geht die Gerechtigkeit zu Grabe.Winckler, XVIII, 81.


33. Wenn die Vernunft schläft, macht das Herz Schlingen.


34. Wenn die Vernunft stirbt, liegt die Gerechtigkeit in den letzten Zügen.

Lat.: Non facies furtum: legem hanc Jurista notabit, lex non occides pertinat ad medicam. (Chaos, 432.)


35. Wer die Vernunft in einem fremden Kopfe hat, ist übel daran.

Die Finnen: Dann ist die Vernunft entfernt, wenn sie in eines andern Mannes Kopfe ist. (Bertram, 66.)

36. Wer mit Vernunft will lieben, macht einen Wasserfall, der nicht soll stieben.


37. Wo richtige vernunfft ist, da ist (auch) vernünfftige redt.Lehmann, 643, 2.

Daraus kann man den Gegenschluss machen, dass da, wo man Un- und Wahnsinn redet und predigt, keine richtige Vernunft sein kann.


*38. Er hat Vernunft wie Gäns und Säu.Brant, Nsch., 14.

»Wer spricht, dass Gott Barmhertzig sey, allein, vnd nicht gerecht darbey, der hat vernunfft wie Genss vnd Sew.« (Kloster, I, 296.)


*39. Er kann vor lauter Vernunft nicht geschendt werden.Witzfunken, IIb, 97.


[Zusätze und Ergänzungen]

40. Die Vernunft trägt nicht Holz zur Küche des Teufels.Hammer-Purgstall, Duftkörner, 61.

Gegen die, welche die Vernunft zur Sklavin ihrer Begierden machen.


41. Vernunft und dicke Grütze, die sind zu allen Dingen nütze.


Quelle:
Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 4. Leipzig 1876.
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