Himmel, der

[1174] Der Himmel, des -s, plur. ut nom. sing. ein altes Wort, welches ehedem eine jede, besonders eine gewölbte oder hohle Decke bedeutete.

1. Eigentlich, in welcher Bedeutung es nur noch in einigen Fällen üblich ist. Die bewegliche, größten Theils von kostbarem Zeuge verfertigte Decke, welche bey gewissen Feyerlichkeiten über vornehme Personen getragen, oder über ihren Sitz befestiget, und mit einem ausländischen Worte ein Baldachin genannt wird, ist noch unter dem Nahmen eines Himmels, eines Prachthimmels, eines Tragehimmels, eines Thronhimmels bekannt. Ehedem wurde er auch ein Himmelzen, Himlitz genannt. Auch die oberste Decke einer Kutsche, ingleichen der obere Theil eines mit Vorhängen versehenen Bettes, (S. Himmelbett,) wird noch der Himmel, der Kutschenhimmel, der Betthimmel genannt.[1174] Ein bedeckter Wagen, eine Landkutsche oder Postkutsche kommt noch in dem vorigen Jahrhunderte unter dem Nahmen eines Himmelwagens vor. In den Salzburgischen Salzwerken ist der Himmel das, was andere Bergleute die First nennen. Hornegk nennt eine Pferdedecke oder Schabracke den Himmel. In Boxhorns Glossen ist Himila die Decke eines Zimmers, in den Monseeischen Glossen aber bedeutet das Zeitwort himmeln wölben. Bey dem Kilian ist Hemel des Mondes das Gewölbe im Munde, der Gaumen. Eine Art eines spiegelicht gestrickten Garnes, welches nicht zum Fangen, sondern nur zum Abhalten und Bedecken üblich ist, und daher auch eine Decke heißt, wird noch jetzt bey den Jägern ein Himmel genannt. S. auch Himmelskorn.

2. Figürlich und am häufigsten, das dem Anscheine nach runde blaue Gewölbe, welches über der Oberfläche der Erde erhaben ist und dieselbe gleichsam bedecket. Quam late coelum tegit terram, sagt ein alter Dichter, und Ottfried: So himil thekit thaz lant.

1) Überhaupt, der ganze sichtbare Raum über der Erde; ohne Plural. Unter dem freyen Himmel schlafen, im Gegensatze des Schlafens in einem Gebäude, in einer Hütte oder Höhle. Die blaue Farbe des Himmels, S. Himmelblau. Er war so betrunken, daß er den Himmel nicht sahe. Jemanden bis in den Himmel erheben, außerordentlich loben. Besonders im Gegensatze der Erde, alles was über der Erde ist, im Gegensatze derselben. Himmel und Erde bewegen, sich alle ersinnliche Mühe geben, eine Absicht zu erreichen. Diese Dinge sind so verschieden, wie der Himmel von der Erde. Dergleichen grober Mann, als dieser ist, muß zwischen Himmel und Erde nicht mehr seyn, Gell.

2) Besonders mit verschiedenen Einschränkungen, einzelne Theile dieses unermeßlichen Raumes über der Erde zu bezeichnen. (a) In einigen wenigen Zusammensetzungen wird dieses Wort dem Innern er Erde entgegen gesetzt, ihre Oberfläche zu bezeichnen, ingleichen der letztern, etwas auszudrucken, was nahe über derselben ist. S. Himmelerz, Himmelsspur. Noch häufiger, (b) Der sichtbare Theil des Himmels, welcher den Gesichtskreis abschneidet, von welchem man im gemeinen Leben optisch sagt, daß er auf der Erde ruhe, die Erde berühre. Die Sonne stehet mitten am Himmel, wenn sie in der Mitte dieses Raumes gesehen wird. Besonders in Ansehung der darin befindlichen Luft, der Dünste und deren Beschaffenheit. Ein heiterer, heller, klarer Himmel. Der Himmel ist voller Wolken. Der Himmel ist trübe, welches man in Niedersachsen hevenschemig nennet, von Hefen, der Himmel, und schemig, schattig, trübe. Der Himmel, der finster über mich herab hängt, Weiße. Die Vögel unter dem Himmel, die Vögel des Himmels, in der Deutschen Bibel; der Thau des Himmels, Regen vom Himmel, u.s.f. eben daselbst. In der höhern Schreibart zuweilen auch, ein Himmelsstrich, ein Land, ein Theil der Erdfläche in Ansehung der Entfernung von dem Äquator. Unter diesem für mich ewig fremden und ewig trüben Himmel möchte ich noch ein Mahl die Freuden meiner muntern Jugend zurück rufen, Zimmerm. Was uns unter Einem Himmel nicht schädlich ist, kann uns unter dem andern gefährlich seyn.


Ihm hohlet über Meer

Die Früchte fremder Himmel der kühne Schiffer her,

Dusch.


S. Himmelsstrich. In weiterer Bedeutung wird auch zuweilen der ganze Dunstkreis, welcher die Erdkugel umgibt, der Himmel oder der Lufthimmel, der Wolkenhimmel genannt. (c) Der ganze Raum, welchen das Sonnen-System einnimmt,[1175] und in weiterer Bedeutung der Raum, welchen ein jeder Fixstern mit seinen Planeten einnimmt. In Ansehung des Sonnen-Systems nennet man diesen Himmel zuweilen gleichfalls den Lufthimmel, weil er mit einem feinen, der Luft ähnlichen flüssigen Wesen ausgefüllet seyn soll. (d) In noch weiterer Bedeutung, der ganze unermeßliche Weltraum außer der Erde, mit allen darin befindlichen Weltkörpern; der Sternenhimmel, in der Deutschen Bibel das Firmament, die Feste des Himmels. Die Sterne am Himmel, (nicht im Himmel.) Den Himmel beobachten, die Veränderung der in diesem Raume befindlichen Weltkörper. S. Himmelslauf, Himmelskörper u.s.f. So fern in diesem Raume wiederum besondere Räume angenommen werden, kann auch der Plural gebraucht werden, welcher daher nach morgenländischer Art auch in der Deutschen Bibel so oft vorkommt. Laß sich, o Herr, die hohen Himmel neigen, Opitz. (e) Der Ort des Aufenthaltes, oder vielmehr der unmittelbaren Offenbarung des unendlichen Wesens, so fern derselbe in einem Theile dieses Himmels, oder außerhalb desselben angenommen wird; ohne Plural. α) Eigentlich, welcher Himmel denn auch der empyräische Himmel, und 2 Cor. 12, 2 der dritte Himmel genannt wird; zum Unterschiede von dem Sternenhimmel und Lufthimmel. Der Heilige im Himmel, Sir. 48, 23. Euer Vater im Himmel, Matth. 6, 9. Gott im Himmel weiß es. Die Ehen werden im Himmel gemacht. β) Besonders, so fern dieser Ort zugleich als der Aufenthalt der guten Engel, und der vollendeten Gerechten angenommen wird; der Himmel der Seligen, im Gegensatze der Hölle. In den Himmel kommen. Elias fuhr gen Himmel. Seine Seele ist im Himmel. Das wird dir dort im Himmel belohnet werden. Ein Bürger des Himmels. Wo es denn auch von der Glückseligkeit selbst gebraucht wird, welche die Gerechten an diesem Orte der unmittelbaren Offenbarung Gottes genießen. Der Vorschmack des Himmels. Nach einer noch weitern Figur auch von einem sehr hohen Grade irdischer Glückseligkeit. Ihr erhebt mich in einen Himmel von Freuden, Weiße. Denke was das für ein Himmel von Glückseligkeit seyn müßte, wenn wir unsere Liebe vor den Augen der Welt feyern könnten, ebend. Schon die ältesten heidnischen Skandier nannten Odins Sitz und die beglückte Wohnung der Helden in demselben Gimle. γ) Figürlich, das höchste Wesen selbst, Gott selbst; ohne Plural. Der Himmel hat es so gewollt. Der Himmel ist mein Zeuge. Das weiß der Himmel. Das sey dem Himmel geklagt! Der Himmel sey gelobt! Wie es der Himmel schicken wird. Um des Himmels willen! Nein, um des Himmels willen nicht! Gell. Um des Himmels willen, ich höre jemanden oben reden! ebend. Auch bey den alten Finnen und Lappen bedeutete Jumal so viel als Gott.

Anm. Bey dem Ulphilas und im alt Schwed. Himin, im Isidor, bey dem Kero, Ottfried, Willeram u.s.f. schon Himil, Himile, im Dän. und Schwed. gleichfalls Himmel. Wachter war in Ansehung der Ableitung dieses Wortes sehr unbeständig. Anfänglich pflichtete er dem Dieterich von Stade bey, der es von heimen, bedecken, abstammen ließ; hernach sahe er das Vorwort um als das Stammwort an, und endlich fiel er gar auf das Zeitwort hammeln, verstümmeln, und erklärete die Benennung des Himmels aus der albernen Fabel von dem Saturn, der den Cölum verschnitten haben soll. Frisch leitete es von ha, hoch und heben her, nach einer nicht seltenen Verwandelung des b in m, wie die Holländer Hemel für Hebel, Sauerteig, sagen. Allein da dieses Wort ehedem von einer jeden Decke, besonders von einer gewölbten und hohlen Decke gebraucht wurde, so ist die Ableitung von dem alten heimen, decken, bedecken, immer[1176] noch die wahrscheinlichste. S. Hemd. Die Endsylbe -el ist weiter nichts als die Ableitungssylbe, welche ein Werkzeug, oder ein handelndes Ding bedeutet, so daß Himmel nichts anders ist, als eine gewölbte Decke, welches mit dessen scheinbaren Beschaffenheit sehr gut überein kommt. Auf eben die Art nannten ihn die Griechen κοιλος, und die Lateiner coelum, welche beyden Wörter mit hohl sehr genau verwandt sind. Bey den alten Schweden war Himin die Gehirnhaut, so wie das Griech. υμƞν eine jede pergamentartige Haut bezeichnet. Die Niedersachsen nennen den Himmel Hefen, (Engl. Heaven,) entweder von heben, dessen Höhe zu bezeichnen, oder auch noch wahrscheinlicher von der scheinbaren gewölbten Beschaffenheit desselben, da denn dieses Wort zu Hafen, ein hohles Gefäß, Lat. cavus, gehören würde. Aus eben dieser Ursache heißt er bey den Bretagnern und Wallisern Nef, Nefo, S. Napf. Im Oberd. wird himmlitzen häufig für blitzen gebraucht. S. auch Himmeln.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 2. Leipzig 1796, S. 1174-1177.
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