Himmel

[92] Himmel – Ich hatte einmal auf den leisen Bedeutungswandel hingewiesen, den der deutsche Ausdruck durchmachen mußte, um von dem (wahrscheinlichen) etymologischen Sinne »Dach der Welt«, vorbei an dem Alten Testamente, das – wie der Orient überhaupt und wie die Griechen – eine Mehrzahl der festen Himmel kannte, zu einem Gegensatze zur Erde, sodann zu einer Bezeichnung für das Klima, endlich zu dem Wohnplatze des Gottes und so zu einem Synonym für Gott zu werden. Wie man ja auch Kurie für den Papst sagte oder Wilhelmstraße für Bismarck. Ich machte dabei einen Scherz über den Himmelspförtner Petrus, der ja in alten und neuen Legenden die Rolle eines groben Hausknechts zu spielen pflegt. Dies wurde mir von ganz harmlosen Protestanten übelgenommen; als ob es mir, als einem Ungläubigen, verboten wäre, so bilderreiche Wörter wie »Himmel« überall zu gebrauchen. Man sollte nicht so streng sein.

Ich könnte sagen, daß diese guten Protestanten eine Sache angerührt haben, die sie ganz und gar nichts angehe; denn ein Himmel, in welchem der heilige Petrus seine legendare Rolle spielt, ist ein katholischer Himmel. Mit dem gleichen Recht könnte ein katholisches Blatt den Grundsatz aufstellen, ein Protestant dürfte über die Sixtina oder über die Assunta kein Wort des Entzückens oder des Tadels äußern. Ich denke aber gar nicht daran, über Intoleranz zu klagen; die Bettelsuppe der Toleranz ist mir denn doch zu geschmacklos. Ich möchte nur auf die Torheit hinweisen, die darin liegt, die Ungläubigen sogar von den ästhetischen Schönheiten des[92] christlichen Himmels ausschließen zu wollen. Nach dem Tode werden wir nicht hineinkommen, das ist wahr; solange wir aber leben, wollen wir uns seiner Herrlichkeit dann und wann erfreuen. Hat doch der protestantische Heide Goethe es im letzten Bilde seines Faust gewagt, den höchsten katholischen Himmel zu schauen und zu schildern.

Die Torheit der Ketzerschnüfflerei, die einem Protestanten die Freude am katholischen Himmel Dantes, die einem Ungläubigen den Gebrauch allgemein christlicher Symbole verbieten möchte, ist nun viel größer, als es beim flüchtigen Lesen solcher Unduldsamkeiten erscheint. Es ist vielleicht der stärkste Ausdruck des Sieges, den das Christentum über das Abendland (nicht über die Welt) errungen hat, daß auch die freiesten und ungebundensten Geister gar nicht anders als christlich empfinden können; auch die Konfessionslosen, auch die Gottlosen sprechen, wenn sie die Bildung des Abendlandes in sich aufgenommen haben, eine durchaus christliche Sprache; sie denken und fühlen in christlichen Bildern und Symbolen; diese Symbole sind seit tausend Jahren unser Gemeingut, wie zu jeder Zeit die Muttersprache Gemeingut des Volkes war, wie seit jeher Sonne und Luft allen Geschöpfen gehören. Diese gemeinsame Verwendung von christlichen Vorstellungen und Worten ist das geistige Band, das die getrennten Schichten des Volkes, die Ungläubigen und die Gläubigen, noch zusammenhält. Sollten die Ungläubigen, freiwillig oder gezwungen, auf den Gebrauch dieser alten Vorstellungen verzichten, so müßten sie sie durch die entsetzlich nüchternen Abstraktionen der Materialisten ersetzen; der Riß zwischen den beiden äußersten Volksschichten würde noch tiefer, und die Macht der alten Symbole würde zu ihrem Schaden geringer. Wir bewegen uns da auf einer abschüssigen Bahn. Schon will man den Ungläubigen verbieten, sich der Worte der alten Eidesformel zu bedienen; und bald wird es Richter geben, welche dann den archaistischen Eid für wirksamer halten werden als den neumodischen.

Was schön war an einem alten Glauben, was einen sogenannten[93] Ewigkeitswert besaß, das geht gewöhnlich in den neuen Glauben, der zuerst immer Unglaube heißt, hinüber! Und der neue Unglaube braucht darum auf die schönen alten Bilder nicht zu verzichten. So war es immer. Ich fürchte fast, daß die verjährten Geschichten, mit denen ich diese Meinung unterstützen will, allzu bekannt sind. Tut nichts; am Ende sind sie nicht alle gut genug bekannt.

Da war vor langer, langer Zeit einmal im Glauben eines begabten Volkes ein griechischer Himmel, mit Göttern und Halbgöttern, mit einem köstlichen, leichtlebigen, allzu menschenähnlichen Göttergesindel. Dieser griechische Himmel wurde von seinen Priestern wahrlich nicht mit dogmatischen Fangeisen gesichert wie andre Himmel; ein jeder glaubte von den hübschen Fabeln nur, was er wollte. Dann kam eine neue Zeit; die Bekenner eines neuen Glaubens, die darum von den Rückständigen sofort Atheisten genannt wurden, versuchten eifrig und übereifrig, die Symbole des griechischen Himmels aus ihrem Herzen und aus ihrem Sprachschatze loszuwerden. Vor ungefähr anderthalb Jahrtausenden war es, da bemühten sich die Modernen jener Zeit, die Kirchenväter (sie waren wirklich moderner als die klassischen Griechen und Römer), die heidnischen Götter als Teufel, die heidnischen Tugenden als glänzende Laster zu verdammen. Was half's ihnen? Heute noch oder heute wieder schwärmt der junge Mensch im Gymnasium für die Schönheit der antiken Götter und für die Größe der antiken Helden.

Die alte Wahrheit ist nicht mehr wahr; aber die alte Schönheit hat nicht völlig aufgehört, schön zu sein. Jawohl, trotzdem ich seit Jahrzehnten die Lehre zu verbreiten suche, daß das Ende der Renaissance gekommen sei, daß die Gestalten des griechischen Himmels anfangen, tote Symbole zu werden, trotzdem muß ich zugeben, daß diese Symbole die Formen unsrer Sprache und unsrer Kunst bis ins Innerste durchdrungen haben, daß wir unbewußt und ahnungslos noch vor diesen toten Symbolen alltäglich unsre Andachten verrichten. Wir fühlen nicht mehr Schillers schmerzliche Sehnsucht[94] nach den Göttern Griechenlands; aber noch ist der Abglanz der griechischen Sonne nicht völlig verblaßt, nicht von Goethes Versen, nicht von den Kapitellen unsrer Säulen. Aber den Modernen von heute, denen, die sich selbst heute Ungläubige nennen, ist der christliche Himmel nicht entvölkert, ihnen sind die meisten seiner Gestalten ganz lebendige Symbole, durch die er eine alte Sehnsucht ausspricht, eine nach vorwärts und nach aufwärts gewandte Sehnsucht. Eigentlich nur die Wenigen, die wie Friedrich Nietzsche sich zu mühsam haben zur Freiheit durchringen müssen, stehen diesen lebendigen Symbolen feindlich gegenüber; die ihre innere Freiheit leicht gewonnen haben, betrachten das, was heute der alte Glaube ist, mit Wehmut und Achtung; gar die Vertreter der vergleichenden Religionsgeschichte prüfen das mit den kühlen. Augen des Forschers, der alle Arten gleich gut und gleich wertvoll findet. Da ist gar nicht daran zu zweifeln, daß die Ungläubigen von heute die Gestalten des alten Glaubens noch sicherer in die Zukunft hinüberretten werden, als es mit den toten Symbolen des griechischen Himmels geschehen ist.

Der neue und wirklich moderne Unglaube ist nämlich erstaunlich duldsam; er läßt alle gelten. Vor ein bis zwei Menschenaltern hatte sich der Unglaube aus dem jenseitigen Dogma verzweifelt in das materialistische, in das diesseitige Dogma hineingestürzt und war, wie alle Dogmatiker, verfolgungssüchtig geworden. Ein tragikomisches Schauspiel: ein verfolgter Verfolger. Die Ungläubigen von heute und morgen fühlen sich alle in ihrer Freiheit als Kinder einer christlichen Welt und wissen sich fern von dem Radikalismus des 16. oder gar des 18. Jahrhunderts. Namentlich die Stürme der Zeit, die uns so viel näher und vertrauter ist, der Zeit der großen französischen Revolution, können uns darüber belehren, wie gemütlich heutzutage der Gegensatz werden könnte, wenn die Gläubigen ebenso alles gelten ließen wie die Skeptiker.

Damals wie immer war die Duldsamkeit, die Achtung vor jeder Religion auf Seite der Gebildeten; die Entvölkerung des Himmels, der Vandalismus gegen die Kirchen ging von[95] einigen wenigen Führern des Pöbels, von pöbelhaften Menschen aus: von Leuten wie Chaumette und Hebert. Danton und Robespierre widersetzten sich so lange als möglich. Die liederliche Göttin der Vernunft wurde von den Parisern ausgelacht. Und als nach dem Sturze und der Hinrichtung dieser Hebertisten Robespierre wieder der Herr der Lage war, da wurde durch ein sehr feierliches Dekret des Konvents der liebe Gott unter dem Namen des höchsten Wesens wieder anerkannt und die Unsterblichkeit der Seele dazu. Wenn es auch bei der Abschaffung der Heiligen blieb, so wurden doch den beliebtesten allegorischen Tugenden wieder Statuen errichtet; für diese vergöttlichten Tugenden wurden im neuen republikanischen Kalender kirchliche Feste eingesetzt, und wenn die Revolution – sie glich nach dem alten Worte dem Saturn, der seine eigenen Kinder verschlingt – nicht bald darauf ihren wunderlichsten Sohn, den unbestechlichen Robespierre, umgebracht hätte, wer weiß, er hätte vielleicht einen reformierten Katholizismus selbst noch in Frankreich eingeführt. Er stand in heimlicher Verbindung mit der Visionärin Catherine Théot, die ihn als einen Phropheten und Religionsstifter verehrte. Und der die Franzosen zwang, wieder zu dem alten, christlichen Himmel aufzublicken, war ein Ungläubiger, war der Kaiser aus eigener Kraft, Napoleon; für seine Person glaubte er weder an Gott noch Teufel, ließ aber in Frankreich und in Italien den Papst gelten, wie in Ägypten Allah und Mohamed. Nicht nur aus politischer Klugheit; Napoleon hatte Poesie genug in seiner leidenschaftlichen Seele, um einen Sinn zu haben für die verschiedenen Himmel aller Religionen. Einen getreuen Sohn der Kirche nannte er ihn freilich nur dann, wenn er in schwieriger Lage seinem Schwiegervater schmeicheln wollte, dem Kaiser Franz, oder dem Papste selbst; da er aber seine Krönung mit allem Pompe des Katholizismus vollzogen wissen wollte, war es doch nicht bloß Großmannssucht und Rücksicht auf die Phantasie der Pariser, war es doch auch Freude an der künstlerischen Pracht des katholischen Himmels und seinen irdischen Zeremonien. Auch der schlimmste Ketzer wird[96] ihm das nicht verübeln, falls er sich einmal in die entsetzlich farblose, schattenhafte Religion vertieft hat, die kurz vor der Herrschaft Napoleons in Frankreich aufkam und von der Regierung unterstützt wurde: der Kultus der Theophilanthropen. O du lieber Himmel, es ist vielleicht die am meisten logische, gewiß aber die am meisten langweilige Religion, die jemals auf der Erde eine Gemeinde fand. Ohne Himmel, ohne Heilige, ohne einen leibhaftigen Gott; aber sie triefte von Salbung. Die Theophilanthropen hatten auf alle schönen Symbole des Glaubens verzichtet und nur die kahlen Phrasen behalten.

Noch einmal: es ist eine ausbündige Torheit der Frommen, wenn sie ihre Kampflust gegen die ruhigen Leute richten, die in den Gestalten des griechischen Himmels, in den Göttern des Olymps, nur noch tote Symbole sehen, welche reif geworden sind für den Spott Offenbachs, die aber ohne jeden dogmatischen Glauben in den Gestalten des katholischen Himmels immer noch lebendige Symbole erblicken, einen Schmuck ihres Sprachschatzes, auf den sie nicht verzichten können und nicht wollen. Die Frommen mögen doch ihre Kampflust gegen die aufsparen, die übermütige Witze reißen über diese noch lebendigen Symbole. Nicht erst heutzutage geschieht das. Ich finde sogar, daß die Ungläubigen ernster und achtungsvoller geworden sind; oder vielmehr: daß die ungläubige Zeit der vergleichenden Religionsgeschichte vor jeder religiösen Erscheinung zu viel Achtung hat, um ihrer zu spotten. So spottet doch auch der Naturforscher über keine Pflanze, der Historiker über kein Ereignis der Weltgeschichte. Man muß noch halb im Glauben stehen, man muß sich selbst befreien wollen, um mit den Heiligen des Himmels Schindluder zu treiben, wie es Voltaire getan hat und eigentlich schon Rabelais. Aber auch die lustigen Scherze, die Rabelais mit der heiligen Flasche, die Voltaire (in seiner Pucelle) mit den Nationalheiligen von Frankreich und England trieb, waren am Ende nur Beweise dafür, daß diese Symbole noch lebendig waren.

Die tollste Gassenbüberei, die jemals gegen die Gestalten[97] des Himmels verübt wurde, ist wohl, wieder zur Zeit der Revolution, Parnys »Götterkrieg« gewesen; das kecke Gedicht wird in Deutschland gar nicht gelesen, meines Wissens auch in Frankreich nur wenig. Es verhöhnt ganz unverschämt alles, was einem rechten Christen heilig sein muß, und macht auch vor der Trinität und vor der Gottesmutter nicht halt. In den ersten Jahren der Restauration wurden einige bis dahin ungedruckte Gesänge dieses Büchleins von der Regierung angekauft und durch das Feuer vernichtet. Nur das Papier, nicht der Verfasser. Zweihundert Jahre früher war Giordano Bruno selbst auch darum verbrannt worden, weil er – ganz ähnlich wie der republikanische Kalender – kahle Allegorien an die Stelle von Halbgöttern zu setzen versucht hatte. Warum diese Scheiterhaufen für Menschen und für Bücher? Das wären schlechte Symbole, die es nicht aushielten, daß man sie nicht feierlich nimmt.

Wir haben – das Wort des alten Fontäne mag auch da gelten – keinen Sinn für Feierlichkeit der Weltanschauung. Ich glaube, und darauf läuft meine Antwort hinaus, daß die Flucht in die Feierlichkeit, die Scheu vor einem gemütlichen Spiele mit den Symbolen, daß die Angst vor Heiterkeit ein Zeichen schlechten Gewissens ist. Die Frommen unsrer Tage haben keine robuste Religion mehr und darum in allen diesen Dingen auch kein robustes Gewissen mehr. Wie konnte das Mittelalter in seinem handfesten Glauben lachen! Welche Blasphemien konnte es bei seinen kirchlichen Festen vertragen! Und bis in die Neuzeit hinein konnte starke Frömmigkeit auch starken Tobak vertragen. Man lese in den Himmelskomödien des prächtigen Pfarrers Sailer (die Dr. Owlglaß jüngst neu herausgegeben hat), was Luzifer, bevor er mit Gestank in die Hölle fährt, dem lieben Gott zuruft. Fast möchte ich behaupten, daß die Ungläubigen von heute und morgen zu den lebendigen Symbolen des katholischen Himmels ein schöneres, freieres und reineres Verhältnis haben als die mit der dogmatischen Feierlichkeit.

Die guten Protestanten hatten aber zuletzt doch ein Recht[98] mir den wissenschaftlichen Gebrauch des Wortes Himmel ernstlich zu verbieten; es gehörte nämlich doch nur zu der täuschenden adjektivischen Welt der Erscheinungen, bildlich zu der subjektivischen Scheinwelt; in der verbalen Welt der Wirkung oder Wirklichkeit hat es durchaus keinen Sinn.

Quelle:
Mauthner, Fritz: Wörterbuch der Philosophie. Leipzig 21923, Band 2, S. 92-99.
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