Marquis von Pombal

[464] Marquis von Pombal – seine übrigen Namen sind Sebastian Joseph von Carvallo (sein Geschlechtsname) und Melo, Graf von Oeyras – war 1699 geboren und der Sohn eines armen Edelmanns. Er studirte die Rechte zu Coimbra,, ward dann Soldat, dankte aber schon 1735 ab. Er wurde 1738 in London und, von 1745 an, in Wien zu Gesandtschaften seines Hofs gebraucht, und kehrte von letzterer Stadt wahrscheinlich erst 1750, nicht lange vor dem Tode Königs Johann V. (dieser starb 1750), nach Lissabon [464] zurück. Der neue König, Joseph Emanuel, machte ihn sogleich zum Minister oder Secretair der auswärtigen Angelegenheiten; nachher bekam er als Secretair der innern Angelegenheiten die erste Ministerstelle, wurde 1759 zum Grasen von Oeyras, und endlich 1770 zum Marquis von Pombal ernannt: er bekam endlich noch eine Menge einträglicher Aemter, z. B. das Schatzmeisteramt. Ueber den König maßte er sich wie über das ganze Land eine unbeschränkte Herrschaft an. Ersterem hatte sich Pombal ganz unentbehrlich gemacht.

Daß Portugal unter seiner Ministerschaft ansehnlich gewonnen habe, wird wohl kein Unparteiischer bezweifeln, wenn er auch über manche seiner Anstalten von ihm nähere Auskunft wünschen sollte. Was nun aber seinen Charakter betrifft, so treffen wir in demselben einen sonderbaren Contrast von hohen und niedrigen Eigenschaften; und seine zahlreichen Feinde – die Jesuiten, die Geistlichkeit und der Adel – haben ihn zu derselben Zeit unter die verworfensten Bösewichter herabgesetzt, zu welcher das über seine schnellen und nachdrucksvollen Verbesserungen erstaunende Europa in ihm einen der größten Männer bewunderte. In der That that er wirklich sehr viel für sein sehr tief gesunkenes Vaterland mit ausnehmender Klugheit und Beharrlichkeit; aber seine bei den trägen und widerspenstigen Portugiesen schlechterdings nothwendige Strenge verleitete ihn zu Grausamkeit und Despotismus, von welchem seine Regierung unzählige schauderhafte Beispiele liefert. Seine Sucht zur Alleinherrschaft machte, daß er alle seine Feinde und Nebenbuhler mit unerbittlicher Wuth stürzte; und selbst den König unterwarf er seiner Willkühr. Zur Erreichung seiner Zwecke wählte er die verabscheuungswürdigsten Mittel, bei deren Gebrauch er alle Vorschriften der Gerechtigkeit überschritt. Die Beschuldigung, daß er sich selbst auf Unkosten des Staats sehr bereichert habe, ist aber ungegründet und durch seine eigne Vertheidigung hinlänglich widerlegt worden. Sein Hauptzweck war, außer der Verbesserung des Landes, die Erhebung der königlichen Macht, oder vielmehr seiner eignen, auf den Trümmern des Adels, der Jesuiten und des [465] Papstthums, durch welche dem Könige viel Gewalt entrissen worden und eine seiner Macht sehr gefährliche Mitregierung entstanden war.

Auch bot sich ihm bald eine Gelegenheit zur Unterjochung der Jesuiten an. Als nehmlich Portugal i. J. 1753 die Colonie von San Sagramento gegegen ein Stück von Paraguay an Spanien abtrat, und die Jesuiten die Vollziehung des Abtretungsvertrags auf alle Weise zu hindern suchten, so entdeckte man bei dieser Gelegenheit die wahre Lage der Jesuitischen Missionen in Paraguay, welche in dem Artikel Paraguay ausführlich erzählt ist; s. Seite 366. Die Jesuiten wagten es sogar, gegen die Portugiesen und Spanier die Waffen zu ergreifen. Dieß alles veranlaßte den Minister zu dem Entschluß, sie ganz auszurotten. Er nahm ihnen vorläufig, 1757, ihre Beichtvaterstellen beim König und seiner Familie, und versagte ihnen das Recht, bei Hofe zu erscheinen. Bald darauf ereignete sich aber ein sehr merkwürdiger Vorfall, der zu der Jesuiten wie des Adels gänzlichem Ruin und zur Begründung der unumschränkten Gewalt des Ministers das meiste beitrug, zugleich aber auch Pombals Charakter in das schwärzeste Licht stellt. Ich rede von jenem großen Mordplan wider den König. Die nähern Umstände davon sind immer noch dunkel und problematisch; die wahrscheinlichste Meinung ist folgende.

Der König unterhielt ein geheimes Liebesverständniß mit der jungen Gemahlin eines Marquis aus der Familie Tavora, und besuchte sie oft zur Nachtzeit im Wagen seines Kammerdieners Texeira, der nebst Pombal allein von der Liebschaft etwas wußte, nebst Texeira ohne alle andre Begleitung. Als er am 3. Sept. 1758 von ihr zurück kam, geschahen in einer einsamen Gegend Schüsse nach dem Wagen; und der König wurde gefährlich am Arme verwundet. Allein wahrscheinlich galt der Angriff, zu dem die Mörder wirklich von einigen aus der Familie des Marquis von Tavora gedungen worden waren, bloß dem Kammerdiener Texeira, dem der Herzog von Aveiro schon ein Mahl den Tod durch Meuchelmörder ziemlich deutlich gedroht hatte. Es war der Herzog einst von Texeira bei Hofe durch Stolz [466] beleidigt worden; und schon hatte er das Schwert wider ihn gezogen, als ihn die Betrachtung zurückhielt, den Burgfrieden nicht zu brechen. Schwerlich konnte man ferner wissen, raß der König in des Kammerdieners Wagen fahre; auch floh kein einziger Jesuit oder Adlicher aus dem Lande; und es erfolgte keine Veränderung oder Unruhe unter den höhern Ständen, welches bei mißlungener Verschwörung höchst wahrscheinlich geschehen wäre: alles Beweise, daß von einem Anschlage gegen den König wohl schwerlich die Frage sein konnte. Man suchte die wahre Ursache der Krankheit des Königs zu verheimlichen; dennoch konnte sie nicht ganz verschwiegen werden, und man sprach in der Stille von einem vorgehabten Königsmord. Wie benahm sich nun Pombal hierbei?

Er glaubte entweder dem Gerede, und hielt, da er ohnehin in dem Adel und den Jesuiten (welche Letztere insbesondre eine sehr gefährliche Theorie des Königsmords annahmen) die Stifter aller Unruhen und Verschwörungen zu finden glaubte, auch jetzt einen großen Theil der Vornehmsten vom Adel und die sämmtlichen Jesuiten für Verschworne und Theilnehmer, und fand im blinden Eifer Beweise und Wahrscheinlichkeiten, wo keine waren; oder er erdichtete bloß aus teuflischer Bosheit, und um seine größten Feinde (den Herzog von Aveiro und das Haus Tavora) zu stürzen, zugleich auch den Adel und die Jesuiten mit einem Schlage zu vernichten, das ganze Verbrechen. Er ließ viele Jesuiten und (außer den Angeführten) noch eine Menge anderer vom Adel plötzlich arretiren, wiewohl erst drei Monathe nach der Verwundung, als niemand mehr an den Vorfall dachte (im Decbr. 1758), setzte selbst eine weitläuftige, auf Klätscherei und unwahrscheinliche Anzeige und Vermuthungen gegründete Anklage gegen sie auf, stiftete zwei Tribunale zur Untersuchung der Sache, eins wider die Jesuiten, das andre wider den Adel, in denen er selbst nicht bloß Kläger sondern auch vorzüglichster Richter war; er hörte die Vertheidigung der Gefangenen gar nicht an, behandelte sie auf die schimpflichste Weise, und sprach am 12. Januar 1759 über den Herzog von Aveiro, die Tavoraʼs und einige Andre selbst das Todesurtheil aus. Um [467] nicht durch königlichen Pardon für die Verbrecher seine Feinde gerettet zu sehen, eilte er mit der Vollziehung des Urtheils; und schon den Tag darauf geschah die Hinrichtung in aller Frühe mit einer empörenden Grausamkeit: der Herzog, die Tavoraʼs und einige Andre wurden lebendig von unten auf gerädert, Andre erdrosselt, gehenkt oder enthauptet; dann wurde das Blutgerüst mit allen Leichnamen verbrannt und die Asche ins Meer zerstreut. Die Häuser der angeblich Verschwornen wurden niedergerissen und Statt derselben Schandsäulen errichtet, ihr Vermögen confiscirt, und sie selbst aller Rechte und bürgerlichen Ehre für verlustig erklärt. Pombal hätte noch mehrere Schlachtopfer zu einem eben so schmählichen Tode verurtheilt, wenn ihnen nicht der Widerwille des Königs gegen Fortsetzung der Greuelscenen das Leben gerettet hätte; dessen ungeachtet wurden noch Viele heimlich in den Gefängnissen umgebracht. – Die Jesuiten wurden, ohne daß man das ihnen zur Last gelegte Verbrechen gehörig untersuchte, am 3. Septbr. 1759 gänzlich aufgehoben, aus allen Staaten der Portugiesen in- und außerhalb Europa verbannt und ihre sämmtlichen Güter eingezogen. Noch bis auf den heutigen Tag aber ist der wider sie angestellte Prozeß nicht revidirt worden; und man kann also über ihre Strafbarkeit oder Unschuld nicht mit Gewißheit urtheilen. Indessen hat ihre Verbannung Portugal sehr viel Vortheil gebracht. Zugleich wurde hierdurch die nachherige Aufhebung der Jesuiten in Europa durch Clemens XIV. veranlaßt (s. dies. Art. und Jesuiten). So befestigte der blutdürstige Minister seine Alleinherrschaft, und bereicherte die Staatscassen durch Confiscationen der Begütertsten des Volks.

Auf der andern Seite suchte er die abscheulichen Ungerechtigkeiten durch treffliche Anstalten in Vergessenheit zu bringen, von denen die meisten in die spätern Zeiten seiner Verwaltung fallen. Schon i. J. 1755, als Lissabon und die umliegende Gegend durch das bekannte fürchterliche Erdbeben zerstört worden war, erleichterte er die allgemeine Noth, so viel er nur konnte, und ließ die zerstörten Plätze so schön und nutzbar als möglich wieder aufbauen, 1760 befreiete er Portugal [468] durch Vertreibung des päpstlichen Nuntius Acciajuoli von den Nuntiaturgerichten, schwächte dadurch den Einfluß des Papstes, und verschaffte dem König wichtige Rechte in geistlichen Dingen. 1762 unterstützte er den Feldmarschall, Grafen von Schaumburg Lippe (den Wiederhersteller der kaum dem Namen nach noch existirenden Portugiesischen Landmacht, den Retter Portugals) in einem Kriege mit Portugal aufs eisfrigste, machte übrigens mancherlei ruhmwürdige Anordnungen in geistlichen Sachen, verbesserte die Seemacht, Handlung und Schifffahrt, beförderte den durch zu weit getriebenen Anbau des Weins gesunkenen Ackerbau, indem er den Weinbau einschränkte, und suchte durch eine ganz neue Einrichtung der Universität Coimbra und des Schulwesens (das bisher in den Händen der Jesuiten gewesen war,), so wie durch eine bessere Büchercensur die Aufklärung auszubreiten. Seine Bemühungen um die Aufklärung waren indeß wegen der außerordentlichen Trägheit und Einfalt der Portugiesen nur von sehr geringem Erfolge. Ueberhaupt gingen die meisten seiner guten Anstalten leider ganz verloren, da Joseph Emanuel 1777 starb. Seine Tochter Maria Francisca Isabella, eine große Freundin des Adels und eine heftige Feindin Pombals, verabschiedete ihn gleich bei dem Anfange ihrer Regierung, verbannte ihn vom Hofe, und gestattete ihm bloß aus Gnade, auf seiner Herrschaft Pombal zu bleiben. Sie führte, vom Adel wider Pombal aufgehetzt, die vorige Gewalt des Papstes wieder ein, vernichtete die meisten herrlichen Anstalten des Exministers, ließ gleich bei ihrem Regierungsantritt alle Staatsgefangne los, darunter sie freilich eine außerordentliche Menge Unschuldige fand, die Pombal zu ewigem Kerker verdammt hatte. Er wurde überall gekränkt und verkleinert, sein starker Anhang verschwand, und seine Feinde bekamen die besten Aemter. Die Königin schickte sogar zwei Richter zu ihm, die ihn im Winter von 1779 bis 1780 täglich mehrere Monathe hindurch verhören mußten. Zwar wurde von dem Inhalte des Verhörs nichts bekannt; aber es erging wirklich nachher ein Verdammungsurtheil über ihn: jedoch verzieh ihm die Königin in Rücksicht auf sein hohes und schwächliches Alter und seine über [469] 26 Jahre geleisteten Dienste. Die empfindlichste Kränkung für ihn war jedoch die von Marien anbefohlne Revision des Prozesses der am 13. Januar 1759 verhafteten oder hingerichteten Personen, welche alle 1781 von einer Commission für völlig unschuldig erklärt wurden, und deren Verwandten alle ehemahligen Güter und Würden wieder bekamen. Nichts war indeß natürlicher als eine solche Erklärung, da der Adel jetzt wieder die Oberhand bekommen hatte; und man kann also jene Hingerichteten immer noch nicht unbedingt freisprechen, zumahl, da anfänglich von 10 Richtern 3 gegen die völlige Unschuld gestimmt haben sollen. Pombal starb endlich 1782 am 8. Mai in einem Alter von 83 Jahren.

Quelle:
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 3. Amsterdam 1809, S. 464-470.
Lizenz:
Faksimiles:
464 | 465 | 466 | 467 | 468 | 469 | 470
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Casanovas Heimfahrt

Casanovas Heimfahrt

Nach 25-jähriger Verbannung hofft der gealterte Casanova, in seine Heimatstadt Venedig zurückkehren zu dürfen. Während er auf Nachricht wartet lebt er im Hause eines alten Freundes, der drei Töchter hat... Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht.

82 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon