Publius Virgilius

[334] Publius Virgilius (auch Vergilius) Maro, einer der ersten Römischen Dichter aus Augustus Zeitalter, geboren im J. Roms 684 (unterm Consulat des Crassus und Pompejus) zu Andes bei Mantua. Gute und wohlhabende, wenn gleich nicht vornehme, Aeltern, welche hier ein Landgut hatten, ließen ihm eine anständige Erziehung geben, und schickten ihn im 12ten Jahre nach Cremona, wo er einen trefflichen Grund in den Wissenschaften legte, und dann, nachdem er schon im 15ten Jahre die männliche Toga erhalten hatte, nach Mailand, bald darauf aber nach Neapel ging, und vorzüglich Griech. Literatur, Philosophie, Mathematik etc. unter Partenius, Syron und andern Gelehrten studirte. Als in der Folge zwischen Pompejus und Cäsar der bürgerliche Krieg ausbrach, ging Virgil wahrscheinlich auf sein ererbtes Landgut, wo er sich mit dem Landbau beschäftigte, dabei aber an schönen Wissenschaften, vorzüglich aber an der Dichtkunst das meiste Vergnügen fand. Hier fing er an, außer andern kleinen Gedichten, an seinen Eclogen, oder den kurzen Gedichten, welche unter dem Namen Bucolica (s. dies. Art.) bekannt sind, zu schreiben. Unterdessen war Cäsar umgebracht, und das berüchtigte Triumvirat (s. dies. Art.) errichtet worden; und da Asinius Pollio als Gouverneur von dem Cisalpinischen Gallien (worin Mantua lag) auch unsern Dichter kennen lernte, so kam diesem die Empfehlung, die er durch jenen an den Mäcen und Octavian nachher erhielt, gar sehr zu statten, als die von allen damahligen Dichtern so bitter beklagte Ländervertheilung unter die Soldaten – auch den unschuldigen Virgil (im Jahre Roms 713) traf: er reisete selbst nach Rom, und erlangte wirklich die Wiedereinsetzung in sein verlornes Gut, obgleich neue mit Lebensgefahr verbundene Bedrückungen eine zweite Reise nach Rom nöthig machten, und er erst 714 zum völlig ruhigen Besitz gelangte. Er endete nun [334] seine Eclogen, und beschloß (717) mit der Zehnten Ecloge jene Bucolica, welche schon da die Kenner außerordentlich aufmerksam machten, indem er sich nicht bloß als geschickter Nachahmer Theokrits, in Gedichten, welche das Hirtenleben und ländliche Gegenstände betreffen, sondern auch als selbst erfinderisches Genie zeigte. Jetzt fing er auch seine Gedichte über die Landwirthschaft (Georgica) an – wie man vermuthete, aus der Absicht, um dadurch die Römer zu dem in den zeitherigen Kriegen so ganz vernachlässigten Ackerbau wieder aufzumuntern. Eine an sich selbst trockene Materie, auf diese so angenehme, so anziehende Weise zu behandeln, war in der That keine kleine Aufgabe, und um so mehr brachte dieß vortreffliche Lehr-Gedicht, das erste in dieser Art, das vollendetste seiner Gedichte und ein Meisterstück der Lateinischen Dichtkunst, seinem Verfasser Ehre und Ruhm: er vollendete es erst nach 7, ja, nach andern gar erst nach 17 Jahren zu Neapel. Bald trat nun auch die glücklichere, den Künsten und Wissenschaften günstigere Allein-Regierung Augustʼs ein; und Virgil begann nun sein Helden-Gedicht, die Aeneide (die ihn vielleicht am berühmtesten gemacht hat), worin er die Schicksale des Aeneas nach Trojaʼs Eroberung (s. d. Art. Troja), und das von den Trojanern in Italien gegründete Reich besang. Den Plan dazu mochte er schon lange entworfen und dabei die Absicht haben, seinen Landsleuten ein Gedicht über solche Begebenheiten in die Hände zu geben, welche sie als national ansehen, und mit eben dem Vergnügen lesen könnten, mit welchem die Griechen an den Begebenheiten der Ilias des Homers Theil nahmen. An diesem Gedichte arbeitete er mit noch größerm Fleiße; und so wie er jedes Buch (deren zusammen Zwölf sind) vollendet hatte, pflegte er es seinen Freunden, ja bisweilen auch dem August selbst vorzulesen, und benutzte ihre Beurtheilungen. Daher wurde dieß Werck schon unter den Gelehrten bekannt, ehe es zum Vorschein kam, und erregte schon damahls die größten Erwartungen. Auch August schenkte dem Werke seinen ganzen Beifall; und da sein Schwester-Sohn, der junge, hoffnungsvolle Prinz Marcell (730), mit Todte abging, und Virgil diese Gelegenheit benutzte, in dem 6ten Buche seiner [335] Aeneide, das er eben unter den Händen hatte, einen feinen Lobspruch auf denselben anzubringen, so erwarb er sich bei der Vorlesung nicht nur hohen Ruhm, sondern auch eine wirklich königliche Belohnung. Im J. 735 entschloß sich Virgil zu einer Reise nach Griechenland, wo er nun vollends die letzte Hand an dieses sein Heldengedicht legen und ausfeilen wollte; unterwegs wurde er von dem aus Asien nach Rom zurückkehrenden August bewogen, wieder mit zurück nach Italien zu gehen: allein auf der Rückreise erkrankte er, und starb zu Brundusium in Calabrien im 52. Jahre seines Alters. Sein Körper wurde, seinem Verlangen gemäß, nach Neapel, seinem liebsten Aufenthalte, gebracht, und nicht weit von der Stadt, am Berge Pausilippus, begraben, wo man noch h. z. T. sein Grabmahl zeigt (die Grabschrift: Mantua me genuit etc. soll von ihm selbst angegeben sein), und zu welchem auch nachher die Gelehrten, wie zu einem heiligen Orte, reisten, seinen Geburtstag feierlich begingen, und so die Verehrung fortpflanzten, die man mit Recht dem Genie dieses großen Dichters erwies, der auch in Rücksicht seiner Sitten sich so ganz auszeichnete, daß er sich die Liebe aller seiner Freunde, eines Horaz, Properz, Sallust etc. und die Achtung und Gewogenheit seiner Gönner, wie schon oben erwähnt worden, erwarb; ob es gleich nicht an Neidern und Feinden gefehlt hat, die, besonders in der Folge die alten Grammatiker, ihn sehr zu verkleinern suchten. Was nun die Vollendung seiner Aeneis, welche er zu bewerkstelligen durch den Todt verhindert wurde, betrifft, so hatte er zwar, wie Donatus erzählt, kurz vor seinem Todte dem Varius und Tucca den Auftrag gegeben, nun das ganze Manuscript zu verbrennen; allein auf sehr nachdrückliche Vorstellungen wäre dieß, setzt man hinzu, nicht geschehen, sondern das Ganze, so wie es war, nun, selbst mit den noch nicht ausgefüllten Versen, bekannt gemacht worden. Man setzt mit Recht Zweifel in diese letzte Erzählung: indessen sei dem, wie ihm wolle, so ist uns doch, auch selbst mit jenen einzelnen Lücken, eines der trefflichsten Gedichte erhalten worden, das die Bewunderung der Römer um so eher auf sich zog, da es das erste Heldengedicht war, welches sie in ihrer Sprache lesen konnten. Man trug [336] kein Bedenken, es dem Homerischen Werke an die Seite zu setzen; wohl aber war man zweifelhaft, ob man mehr das erfindungsreiche Genie Homers, oder die glückliche Dichtkunst seines Nachahmers, Virgil, bewundern sollte, der zwar an Erfindung nachstand, aber an Schmuck, an Feinheit etc. ihm weit zuvorkam. Ueberhaupt aber zeichnete sich Virgil unter allen übrigen Römischen Dichtern durch Mannigfaltigkeit seiner Kenntnisse, durch Feinheit des Geschmacks und durch gebildeten Verstand aus; und für Sprache und Versbau war er das erste Muster: besonders zeigt er in seinem Gedichte über den Landbau den höchsten Reichthum von Kenntnissen und Sprachfertigkeiten. – Sehr viel Gedichte hat man dem Virgil noch zugeschrieben, woran jedoch seine Autorschaft sehr zweifelhaft ist. Die, welche ihm unstreitig zugehören, sind die oben weitläufiger angeführten, nehmlich die 10 Eklogen (Vucolica), die Georgica, und endlich die Aeneis. – Der Commentare und der Herausgeber sind unendlich viel; so wie man auch der Deutungen über die Tendenz seiner Gedichte, besonders der Aeneide, sehr viele herausgeklügelt hat. Unter den Herausgaben ist wohl die von Heyne in Göttingen die beste; im J. 1800 ist dieselbe wieder sehr prachtvoll, mit Kupfern, von dem Verleget (Fritsch in Leipzig) veranstaltet worden. Unter den Uebersetzungen der Georgicorum ist wohl keine mit so vieler Einsicht und Kenntniß als die von Voß gemacht worden.

Quelle:
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 6. Amsterdam 1809, S. 334-337.
Lizenz:
Faksimiles:
334 | 335 | 336 | 337
Kategorien:

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Das Leiden eines Knaben

Das Leiden eines Knaben

Julian, ein schöner Knabe ohne Geist, wird nach dem Tod seiner Mutter von seinem Vater in eine Jesuitenschule geschickt, wo er den Demütigungen des Pater Le Tellier hilflos ausgeliefert ist und schließlich an den Folgen unmäßiger Körperstrafen zugrunde geht.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon