Thomas von Aquino

[141] Thomas von Aquino, einer der berühmtesten Scholastiker, und sogar nach seinem Todte wegen der vorgegebenen Wunderwerke unter die Heiligen versetzt, war aus der gräflichen Familie Aquino im Neapoliatanischen, im Jahr 1227 geboren. Schon im 5ten Jahre wurde er in das Benedictiner-Kloster auf dem Berge Cassino, und nachher nach Neapel geschickt. So sehr ihn seine Aeltern vom Studiren abzuhalten suchten, auch seine Mutter ihn sogar einsperren ließ (wo er auch den stärksten Versuchungen, z. B. eines sehr schönen Mädchens, widerstand), so konnte ihn doch nichts abbringen: er entfloh, ging nach Rom, Paris etc kam endlich auch zu dem berühmten Albertus Magnus nach Cölln, und war dessen eifrigster Schüler, indem er hauptsächlich die Aristotelische Philosophie und scholastische Theologie studirte. Da er wenig sprach, so hielten ihn seine Mitbrüder für dumm, nannten ihn auch nur immer den stummen Ochsen. Mit Recht aber sprach Albertus: »Dieser stumme Ochse wird zu seiner Zeit brüllen, daß es in der ganzen Kirche wiederhallen wird.« Er ging nachher mit Albertus nach Paris, und ward hier 1255 Doctor und Lehrer der Theologie, ging dann nach Italien, und ließ sich endlich zu Neapel nieder. Ob ihm gleich große Ehrenstellen (z. B. das Erzbisthum zu Neapel) angetragen wurden, so schlug er sie doch aus. Als er 1274 vom Papst Gregor X. auf das Concilium zu Lyon berufen [141] wurde, starb er unter Wegs in der Cisterzienser Abtei Fossa nuova im 48. Jahre. Vom Papst Johannes XXII. wurde er 1323 unter die Heiligen, und von Pius V. unter die Kirchenlehrer versetzt. Sein Ansehen bei der Römischen Kirche war außerordentlich: er wurde der Engel der Schulen, der Adler der Theologen etc. genennt; und seine Verehrer rühmen hauptsächlich an ihm Kürze, Bündigkeit, Deutlichkeit. – Viel Mährchen wurden von seiner Wunderkraft, auch noch nach seinem Todte, erzählt; um seine Reliquien hat man sich lange gestritten. Zu Neapel, welches ihn zu seinem Patron gewählt hatte, wurde er vorzüglich verehrt. – Seine Schriften sind in 18 Theilen in Folio (!) mehrere Mahl gedruckt worden.

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Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 6. Amsterdam 1809, S. 141-142.
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