Hieroglyphen

Hieroglyphen

[387] Hieroglyphen, d.h. heilige Schriftzüge, nennt man die Bilderschrift der alten Ägypter, deren Kenntniß ein vorzugsweises Besitzthum der Priesterkaste war und welche man noch jetzt auf vielen alten Denkmalen, wie Obelisken und Pyramiden, auf Tempelwänden, in Grabmälern, auf Papyrusrollen u.s.w. in Ägypten findet und um deren Enträthselung sich schon viele Gelehrte die größte Mühe gegeben haben, ohne zu einem völlig genügenden Resultate gekommen zu sein.

Man erblickt solche Hieroglyphen auf den Obelisken von Luxor, deren Abbildung im Artikel Ägypten (s.d.) mitgetheilt ist, sowie in größerer Form auf der umstehenden Abbildung. Es sind diese Schriftzeichen, wie man sieht, Bilder von allerlei Gegenständen, wie Natur und Kunst sie erzeugen. Außer dieser echten Hieroglyphenschrift gibt es noch andere altägyptische Schriftarten, welche wahrscheinlich durch Abkürzung und theilweise Abänderung jener ältesten Hieroglyphenschrift entstanden sind. Die größten Verdienste um Entzifferung der Hieroglyphen haben sich der Engländer Young und der Franzose Champollion erworben. Aus der Vergleichung gleichlautender griech. und ägypt. Inschriften, welche sich auf verschiedenen Denkmälern nebeneinander finden, hat man entdeckt, daß keineswegs überall, wie man früher annahm, jede Hieroglyphe nur denjenigen Gegenstand bedeute, den sie als Abbildung oder Zeichen darstellt, sodaß jedes Zeichen ein ganzes Wort wäre, sondern daß wenigstens in den Namen die einzelnen Zeichen einzelne Buchstaben bezeichnen. Dieselben Zeichen kehren mit derselben Bedeutung wieder. Für eine derartige Auffassung der Hieroglyphen spricht auch der Umstand, daß die alte phönizische und die aus ihr hervorgegangene hebr. und griech. Buchstabenschrift ebenfalls dadurch entstanden sind, daß man die Abbildung eines gewissen Gegenstandes als Zeichen für den Buchstaben genommen hat, mit [387] welchem sich der Name jenes Gegenstandes anfängt. Auf der Mauer eines alten ägypt. Palastes fand man einen Triumphzug abgebildet; die Fürsten von 30 besiegten Völkern werden aufgeführt und unter ihnen erscheint auch der unten abgebildete. Champollion liest die Inschrift auf seinem Schilde »Jondaha Malek«, d.h. König der Juden, eine Entzifferung, welche durch den offenbar jüd. Charakter des Gesichts bestätigt wird. Nach der Geschichte muß dieses Bild den Rehabeam vorstellen. Bei der Wichtigkeit der alten Ägypter und bei der großen Anzahl von Inschriften auf den großartigen Denkmälern, welche sich jenes Volk schon in den ältesten Zeiten gesetzt, liegt es am Tage, welch ein Gewinn für die Geschichte es wäre, wenn man in den Stand gesetzt würde, die Hieroglyphenschrift völlig zu enträthseln.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1838., S. 387-388.
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