Ganges

[303] Ganges, der bedeutendste Fluß Vorderindiens, entspringt aus zwei Quellen des Himalayagebirges, nimmt auf seinem Laufe eine große Anzahl kleinerer Flüsse auf und erlangt so bei Allahabad eine Breite von 4200 Fuß. Er strömt bei Benares vorbei, erhält unterhalb desselben neue Wassermassen und wälzt seine gelben Fluthen bei einer Tiefe von 60.....70 Fuß durch eine reizende, mit dem Reichthum tropischer Vegetation geschmückte Landschaft in die Ebenen Bengalens hinab. Hier theilt er sich in ein großes Delta, größer als das des Nils. Der westliche Arm geht durch Calcutta, der östliche ergießt sich in mehrere kleine Arme und vereinigt sich mit dem Brahmaputra 8 Meilen vom Meere. Man zählt an 100 Mündungsarme des Ganges. Jährlich überschwemmt er das Land ein Mal, gleich dem Nil und befruchtet es. Sein Lauf beträgt 300 Meilen, sein Stromgebiet 20,200 Quadrat Meilen. Er führt Gold, Perlen, Edelsteine und hat viele Fische, aber auch gefräßige Krokodile in seinem Schooß. Den Hindus ist der Strom von hoher, religiöser Bedeutung. Zu ihm wallen alljährlich Tausend Mal Tausende frommgläubiger Pilgerscharen, in seinen Wellen zu baden, in ihn hinab zu steigen, um sündenlos und geläutert wieder hervor zu gehen aus der Fluthumarmung. Glücklich ist, wer[303] seine Ufer schaut, glücklich, wem es vergönnt ist, an ihnen zu sterben. Wer vor seinem Dahinscheiden noch trank von der heiligen Reinigungsfluth, der kehrt nicht wieder zurück in einen andern irdischen Leib, rein und schlackenfrei geht er in ein seliges Leben hinüber. Weit und breit wird das geweihte Gangeswasser gebracht, jeder Tropfen davon ist ein Heilquell; ein Labsal für Sterbende, und wem es nicht gelang, dem Ganges zu nahen, dessen verbrannte Gebeine und Asche führt man noch zum Strom, und wirft sie hinein, so wird die Seele seiner Segnungen theilhaftig. So stark ist der Ganga Läuterungskraft, daß sie schon durch den Gedanken an diesen Strom während einer Waschung jedem andern Wasser sich mittheilt. Die Göttin Ganga selbst ist die Gemahlin des Schiwen (Feuerflamme); als ungeheure Fluth stürzte sie einst, nach der Mythe, da Wischnu dem Brahma Opfer brachte, herab auf des Opferers Füße, worauf Schiwen sie erfaßte und als Haarlocke auf sein Haupt legte. Dargestellt wird Ganga als Jungfrau, welche, Lotosblumen tragend, auf dem Spiegel der Gewässer sinnend hinwandelt, oder schwimmend als Fischweib, gekrönt und geschmückt, Ihr Bild steht nicht in den Tempeln, aber ihre Verehrung ist so allgemein, daß es keiner Bilder bedarf, immerwährend an sie zu erinnern.

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Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 4. [o.O.] 1835, S. 303-304.
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