Gleim, Betty

[444] Gleim, Betty, bekannt als Schriftstellerin über deutsche Sprache und weibliche Erziehung, war in Bremen am 13. August 1781 geboren. Ein schon in dem Kinde bemerkbarer Hang zu wissenschaftlichen Beschäftigungen fand in der Sorge würdiger Eltern, so schöne Talente auszubilden, vorzüglich aber in der Aufmunterung, deren sich Betty von ihrem Großoheim J. L. W. Gleim (s. d.) zu erfreuen hatte, die ersprießlichsten Anregungen. In den gesammelten Kenntnissen ihres Geistes, in der Neigung, mit der sie sich namentlich zu dem Studium der ernstern Wissenschaften, [444] Sprache, Literatur und Erziehungskunst hingezogen fühlte, sah das trefflich gebildete Mädchen nur eine Vorbereitung zu dem Berufe, mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen der Welt nützlich zu werden. Ein unwiderstehlicher Drang trieb sie an, sich dem Erziehungsgeschäfte zu widmen; sie errichtete eine Töchterschule und ihrem unermüdlichen Eifer gelang es, lange Jahre hindurch die Anstalt in dem erwünschtesten Zustande der Blüthe zu erhalten. Nächst einem »Kochbuche,« für dessen Brauchbarkeit wiederholt nöthig gewordene Auflagen sprechen und einer zweckmäßigen »Zusammenstellung von Lesestücken für Schulen,« erwarb sich die einsichtsvolle Verfasserin um die Belehrung und Bildung ihres Geschlechts die namhaftesten Verdienste durch ihre »Erziehung und Unterricht des weiblichen Geschlechts, 1810,« dem 1814 ein zweiter Theil unter dem Titel: »Ueber die Bildung der Frauen und der Behauptung ihrer Würde in den wichtigsten Lebensverhältnissen« folgte. Unausgesetzt thätig in ihrem schönen Wirken schrieb sie mehrere kleinere Werke über deutsche Sprache und Grammatik, so wie eine »Anleitung zur Kunst des Versbaues.« Höchst gehaltvoll und ausgezeichnet vor mehreren Schriften ähnlicher Tendenz waren die »Randzeichnungen zu dem Buche der Frau von Stael über Deutschland,« worin sie viele grundlose Behauptungen, schiefe und einseitige Urtheile derselben mit eben so vieler Tiefe als Klarheit auf das Geistvollste widerlegte. 1815 befriedigte sie einen längst gehegten Wunsch, ihre über das Erziehungswesen eingesammelten Erfahrungen durch die Kenntniß des Auslandes zu bereichern. Sie bereiste Deutschland, Holland und England und kehrte mit der erworbenen Einsicht vieles Nützlichen und Zweckmäßigen, womit sie ihre Bildungsanstalt ausstattete, nach ihrer Vaterstadt zurück. Seit dem erschienen von ihr eine »ausführliche Darstellung der deutschen Grammatik« und ein »Lehrbuch der allgemeinen Erdbeschreibung,« nach einem eignen Plane bearbeitet. In der erstgenannten Schrift und in der hierauf folgenden »Anschauungslehre der Sprachformen[445] und Sprachverhältnisse,« drang die Verfasserin mit entschiedenem, fast männlichem Ernste auf die gründlichste Behandlung unserer Muttersprache, als der unmittelbaren Unterlage alles Wissens und aller geordneten Bildung überhaupt. So große Geistesanstrengungen aber mußten auf die ohnehin reizbare Gesundheit der rastlos Thätigen nachtheilig einwirken, und so zwang sie die Schwäche ihrer Nerven, in den letzten Lebensjahren den gewohnten Beschäftigungen zu entsagen; ihre Erziehungsanstalt blieb indessen in den besten Händen, einer langbewährten Freundin anvertraut, in deren Armen die Edle am 27. März 1817 vollendete. Betty Gleim hinterließ in ihrer Vaterstadt Bremen das ehrenvollste Andenken.

–i–

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 4. [o.O.] 1835, S. 444-446.
Lizenz:
Faksimiles:
444 | 445 | 446
Kategorien: