Octavia, Gemahlin Nero's

[472] Octavia, Gemahlin Nero's, Tochter des Kaisers Claudius, und Schwester des Britannikus, wurde in zarter Jugend von ihrem Vater mit L. Silanus, einem ausgezeichneten, vom Volke geliebten Jünglinge, [472] verlobt, durch Ränke jedoch dieses Band wieder zerrissen. Später, im Jahre der Stadt 807, vermählte sich O. mit dem sechzehnjährigen Nero, der ihre Tugenden und die Güte ihres Herzens nicht zu würdigen wußte. Von einer heftigen Leidenschaft für Sabina Poppäa entflammt, die unter einem schönen Aeußern nur schlecht die innere Entsittlichung ihrer Seele verbarg, verstieß er Octavien, unter dem Vorwande, daß sie ihm keine Erben seines Namens gebe. Kaum sah sich Poppäa mit Nero verbunden und ihres Einflusses gewiß, als sie O. der Untreue gegen ihren Gemahl und eines strafbaren Verhältnisses mit einem Sklaven zu zeihen wagte. Vergebens betheuerten die Dienerinnen die Unschuld ihrer Herrin, diese wurde nach Campanien verwiesen und ihr eine Wache von Soldaten beigegeben. Nur der laut sich äußernde Unwille des Volkes, der in heftigen Unmuth auszubrechen drohte, veranlaßte Nero, die Verbannte zurück zu rufen. O's Rückkehr erregte eine allgemeine, trunkene Freude, man dankte den Göttern und bewies ihr alle mögliche Ehrfurcht und Liebe. Bestürzt vernahm Poppäa den Jubel des Volkes; sie beschwor Nero, diesen für sie ungünstigen Eindruck zu vernichten, den Gatten gegen die schuldlose O. zu immer größerem Hasse entflammend. Ihren Lockungen vermochte der schwache Kaiser nicht zu widerstehen. Da er jedoch keinen gerechten Tadel an O. aufzufinden vermochte, mußte einer, Namens Anicetus, das Bekenntniß eines verbotenen Umganges mit ihr ablegen, die hierauf in die Verbannung auf die Insel Pandataria geschickt wurde, wo sie nach wenigen Tagen auf eine grausame Art ihr freudenloses Leben endete. Man öffnete ihr die Adern, und da das Blut langsam floß, tödtete man sie durch ein heißes Bad. Ihr Haupt wurde abgeschnitten und der Poppäa nach Rom gesandt.

E. v. E.

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 7. [o.O.] 1836, S. 472-473.
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