Duns Scotus, Johannes

[141] Duns Scotus, Johannes, »doctor subtilis«, geb. 1265 oder 1274 in Dunston (Northumberland) oder in Dun (Irland), wurde Franziskaner und Professor in Oxford, lehrte dann in Paris, seit 1308 in Köln: gest. daselbst 1308.

D. ist das Haupt einer eigenen Richtung der Scholastik; erst bei ihm und den »Skotisten« findet sich eigentlich jene subtile, oft abstruse, spitzfindige Art des Unterscheidens und Argumentierens, die der Scholastik so oft vorgeworfen wird. Beeinflußt ist D. u. a. auch vom Platonismus und Neuplatonismus, von Augustinus, von Avicebron. Polemik und Kritik spielen in seinen Schriften eine große Rolle, eine gewisse Skepsis gegenüber den herkömmlichen Argumenten für das Dasein Gottes usw. verbindet sich mit strengster Gläubigkeit. Gegenüber den Schwächen logischer Demonstrationen in theologischen[141] Dingen wird auf die Offenbarung, den Glauben, den Willen rekurriert. Wie Augustinus ist D. Voluntarist, er betont den Primat des Willens vor dein Intellekt und tritt so zu Thomas von Aquino in einen gewissen. Gegensatz. Während die Philosophie die theoretische Wissenschaft vom Wesen der Dinge ist, hat die Theologie mehr praktischen Wert als logische Bedeutung.

Der allgemeinste Begriff ist der des Seienden (ens); dieser Begriff ist über alle Gegensätze von Substanz, Akzidens usw. erhaben. Ein Ding ist alles, was eine Wesenheit (quidditas) und eine Form hat und existiert oder existieren kann; im engeren Sinne ist das Ding das für sich Seiende. Das Nichts ist entweder absolutes oder relatives Nichts. Die Allgemeinheit (universalitas) ist die Indifferenz, vermöge deren das, was durch sich ist, die Möglichkeit enthält, von allem ausgesagt zu werden (»ut dicatur de quovis supposito«); die Einzelheit (»singularitas«, »individuatio«) bedeutet nur die doppelte Negation der realen Verschiedenheit (»realis alteritatis«) in sich und der Identität in bezug auf Anderes. Das Allgemeine ist vor den Dingen (als Idee in Gott), in den Dingen (als »quidditas«) und nach den Dingen (als Begriff.). D. ist also »Realist«, da nach ihm das Allgemeine wirklich (»formaliter«, daher die Skotisten auch »Formalisten« genannt werden) in den Dingen selbst, wenn auch nicht getrennt von ihnen ist. Besondert, individualisiert wird es, durch die »haecceitas« (das Sosein-Bestimmende, die Einheit der individualisierenden Momente, z.B. Socratitas, die zur Wesenheit des »Menschen« hinzukommend den Sokrates ausmacht). »Haecceitas nihil aliud est, nisi quidam modus intrinsecus, qui immediate contrahit et primo quidditatem ad esse... et nominatur differentia individualis« (Prantl, Gesch. d. Log. III, 290). Zu den »transcendentalia« gehören (außer »ens«) die »passiones entis« (unum, bonum, verum; idem-diversum, contingens-necessarium, actus-potentia). Von der realen ist die numerische Einheit zu unterscheiden. In den Dingen gibt es eine dreifache Zahl: die essentielle, welche allem das Maß der Dingheit (»entitatis mensuram«) gibt, die formale (oder natürliche), nach welcher, und die akzidentelle (oder mathematische), durch welche gezählt wird. Zahl und Zeit sind von den Dingen bezw. Bewegungen nicht real verschieden. Material ist die Zeit nur die Kontinuität der Dauer oder der Sukzession (»continuum durationis sive successionis motus«).

Gott ist immateriell (»actus purus«), absolute Kraft (»agens absolute«); er wird hauptsächlich aus seinen Wirkungen erkannt, als erste Ursache und Endzweck der Dinge, deren Urbilder in seinem Geiste liegen. Der göttliche Wille ist die »prima causa« der Dinge, die er aus Nichts, ohne Notwendigkeit des Seins oder Erkennens (»non aliqua necessitate vel essentiae vel scientiae vel voluntatis, sed ex mera libertate«), ohne jede auch mir innere, geistige (logische) Determinierung frei geschaffen hat, so daß die Welt nicht existieren mußte (Kontingenz der Welt). Gott sich t in Einem alle Gegensätze, ohne sie deshalb als identisch zu sehen. Was Gott (die »causa libera«) in seiner Allmacht will und tut, ist dadurch gut, daß er es will, denn der göttliche Wille ist »summa lex«.

Alles Geschaffene hat (wie nach Avicebron) Form und Materie; auch[142] den Seelen kommt eine (unkörperliche) Materie zu. Die formlose Urmaterie (»subiectum omnis receptionis«) ist die »materia primo-prima«, die Gott geschaffen hat. Die »m. secundo-prima« ist das Substrat des Entstehens und Vergehens, die »m. tertio-prima«, die schon geformte, aber noch weiter zu formende Materie (z.B. Marmor). Die Urmaterie, die allem zugrunde liegt, ist »radix et seminarium« der Welt, deren Blüten die vernünftigen Seelen, deren Früchte die reinen Intelligenzen (Engel) sind. Die Natur strebt immer nach Vollkommnerem, nach der Individualität. Ihre Einheit besteht in der Ordnung ihrer Teile und in der Harmonie aller Körper.

Die edelste Materie ist die organische des Menschen, weil sie nicht mir die sinnliche, sondern auch die vernünftige Seele aufnehmen kann. Die Seele ist die (von der »forma corporeitatis« zu unterscheidende) wesentliche Form (»forma essentialis«) des Menschen; sie ist ganz im ganzen Leibe. Sie erkennt sich selbst, indem sie ihr eigenes geistiges Bild (species) erfaßt, also nicht völlig unmittelbar. Die Kräfte der Seele sind nur formell verschieden (»sine diversitate reali potentiarum«). Die Sinneswahrnehmung (Empfindung) erfolgt durch Aufnahme einer »species« (Form) des Wahrgenommenen, welche zunächst im Gegenstände, dann im Medium existiert, durch das Organ (hier aber »magis spiritualiter«). Der Intellekt erkennt (vermittelst besonderer »species«) das Allgemeine in den Dingen; angeborene Begriffe gibt es nicht. Der Intellekt gibt das Willensobjekt (»Imperat autem voluntas non quidem cogitationi primae, quae praecedit omne velle«), bestimmt aber nicht den Willen selbst, welcher autonom ist und der Motor des Seelenlebens ist (»motor in toto regno animae«) und dem Intellekt gebietet (»imperans intellectui«). Der Wille ist absolut frei (Indeterminismus), er kann grund- und motivlos wollen, wird durch den Intellekt nicht determiniert, kann sich für das Entgegengesetzte entscheiden (»voluntas libera est ad oppositos actus«); er gibt frei den Motiven seine Zustimmung, auch im Denken (»assensus voluntatis«). Willensgrund ist stets wieder der Wille selbst (»ut voluntatis causa sit ipsa voluntas«). Gut ist der Wille, wenn er inhaltlich und dem Motive nach dem göttlichen Willen gemäß ist, von dem Gut und Böse abhängen, so daß eine Umkehrung der Werte auch möglich gewesen wäre, wenn nämlich Gott es anders gewollt hätte.

Zu den Skotisten gehören Franciscus Mayronis, Antonius Andreae, Peter von Aquila, Walter Burleigh u. a.

SCHRIFTEN: Quaestiones quodlibetales, 1506. – Reportata super IV libros sententiarum (Opus Parisiense), 1517-18. – Quaestiones in Aristotel. logicam, 1520. – Quaestiones super libros de anima, 1528. – Distinctiones in quatuor libros sententiarum (Opas Oxoniense), 1620, u. a. – Opera, 1633; 1891-95. – Vgl. K. WERNER, J. D. Sc., 1881. – H. SIEBECK, Archiv f. Gesch. d. Philos. I, 1888. – Zeitschr. f. Philos. n. philos. Kritik Bd. 94, 1888; Bd. 112, 1898. – R. SEEBERG, Die Theologie des D. Sc., 1900.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Philosophen-Lexikon. Berlin 1912, S. 141-143.
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