Anfänge der karthagischen Macht

[641] Es konnte scheinen, als seien die phokäischen Handelsfahrten die Vorläufer einer neuen großen, das Westmeer umschließenden Kolonisation. Indessen dazu kam es nicht; vielmehr haben gerade sie den entscheidenden Rückschlag hervorgerufen. Die Phöniker hatten sich jahrhundertelang eine Position nach der andern von den Griechen entreißen lassen. Das Handelsgebiet war viel zu groß, als daß die Mutterstadt Tyros auch nur den Versuch hätte machen können, es mit bewaffneter Hand gegen die Rivalen zu verteidigen. Überdies war Tyros zu Ende des 8. und Anfang des 7. Jahrhunderts durch die fortwährenden Kämpfe mit den Assyrern gelähmt; höchstens vereinzelter Zuzug mag von hier aus den Kolonisten gekommen sein. Den Kolonien und Faktoreien aber fehlte die Widerstandskraft, und so mußten sie weichen, wo die griechischen Einwanderer Fuß faßten. So ist Sizilien bis auf die Westecke den Phönikern verloren gegangen; jetzt bereitete sich in Spanien eine ähnliche Entwicklung vor. Nur ein Gebiet war unberührt geblieben, die Nordküste des westlichen Afrikas. Hier lagen zahlreiche bedeutende phönikische Städte nahe beieinander, Utika, Hippo, Hadrumeton, Karthago, Leptis, Thapsos, Acholla934. Unter diesen Phönikerstädten gewinnt seit etwa dem Ende des 7. Jahrhunderts Karthago935 die Führung; es beginnt zu Land und zur See seine Macht zu erweitern, die Grundlage zu einem mächtigen Reich zu legen. Wie das geschehen ist, wird uns nicht überliefert; [641] falls die Alten davon Kunde hatten und Timäos in seiner ausführlichen Geschichte Karthagos die ersten Stadien seiner Machtentwicklung hat darlegen können – eine Frage, die wir weder zu bejahen noch zu verneinen vermögen –, so ist uns jedenfalls nichts davon erhalten. Überhaupt ist uns fast alle zusammenhängende Kunde über Karthago verloren bis auf einen elenden Auszug, den Justin aus dem Geschichtswerk des Trogus, der wieder aus Timäos schöpfte, gemacht hat. Justin hat hier wie überall äußerst liederlich und lediglich nach rhetorischen Gesichtspunkten gearbeitet; die wichtigsten Dinge verwirrt er oder übergeht sie ganz, um ein paar rührsame Geschichten breit zu erzählen und moralische Betrachtungen daran zu knüpfen936. – Karthagos Lage war äußerst günstig, nahe der Westküste Siziliens inmitten der großen tunesischen Bucht mit trefflichem Hafen und fester Burg. Dadurch mag es früh seine Nebenbuhler überflügelt haben, so daß die kleinern Städte bei ihm Anschluß suchten. Nur sein nächster Nachbar Utika, an der Mündung des fruchtbaren Bagradastals, konnte mit ihm rivalisieren: bis ins 5. Jahrhundert hat es Karthago gegenüber seine Selbständigkeit behauptet937.

In noch ganz anderer Weise als Milet oder Korinth war Karthago ausschließlich eine Handels- und Industriestadt. Das Landgebiet der Karthager wird ursprünglich sehr beschränkt gewesen sein; bis ins 5. Jahrhundert zahlten sie den Libyern Grundzins und sicherten sich dadurch zugleich gegen feindliche Angriffe der einheimischen Stämme. Nicht auf afrikanischem Boden ist [642] die karthagische Großmacht begründet, sondern durch die Schöpfung einer Seemacht und durch eine zielbewußt durchgeführte Handelspolitik, welche das Handelsgebiet ständig erweitert und gegen fremde Eingriffe sicherstellt. Das führte mit Notwendigkeit zum Konflikt mit den Griechen, und eben aus diesem ist Karthagos Macht erwachsen: die bedrängten Phönikerstädte suchten und fanden bei ihm den Schutz, den weder das Mutterland noch sie selbst sich gewähren konnten. Karthago hat den Phönikern gerettet, was sie von ihrer alten Position im Mittelmeer noch besaßen, und nicht wenig von dem Verlorenen wiedergewonnen. Mit der Heimat hat es immer enge Beziehungen, kommerziell und politisch, aufrecht erhalten, die Pietät gegen Tyros stets gewahrt (Bd. II 2, 113): Karthago war der vorgeschobene Posten der asiatischen Welt und besaß in ihr ein Absatzgebiet, das ihm die Griechen trotz aller Konkurrenz doch nie entreißen konnten. – Die erste auswärtige Eroberung ist, wenn wir einer Angabe des Timäos trauen dürfen, die Besiedlung der Insel Ebusos (auf Münzen םשב יא), der größeren der Pityusen, im J. 654 gewesen. Dann faßte man auf Sizilien festen Fuß. Die Phöniker, welche früher die Insel umsiedelt hatten, berichtet Thukydides VI 2, zogen sich vor den Griechen auf Motye, Soleis und Panormos zurück »im Vertrauen auf die Bundesgenossenschaft der Elymer und weil sie hier Karthago am nächsten waren«. Zu Anfang des 6. Jahrhunderts hat der karthagische Feldherr Malchus (oder Mazeus, der Name ist unsicher überliefert) mit Erfolg auf Sizilien gekämpft, ob gegen Pentathlos (o. S. 631 – unsere Berichte darüber reden von Karthago nicht) oder etwa gegen Phalaris, ist nicht bekannt. Dann ging er nach Sardinien. Viele Jahrzehnte lang haben die karthagischen Heere hier Krieg geführt, zuerst unter Malchus, dann unter Mago und seinen Söhnen Hasdrubal und Hamilkar, bis der Widerstand der Eingeborenen gebrochen und wenigstens die Küsten dauernd unterworfen waren – die Ilienser im Innern und die Korsen auf der Nordspitze haben ihre Unabhängigkeit behauptet. Zahlreiche Karthagerstädte wurden auf Sardinien gegründet, zum Teil wohl als Erweiterungen altphönikischer Ansiedlungen, so Karalis, Sulci mit der benachbarten [643] Habichtsinsel (î naşîm CISem. I 139), Tharros u.a. Seit dieser Zeit finden sich in den sardinischen Gräbern karthagische Waren neben den einheimischen Typen. Gleichzeitig beginnt die Erweiterung des afrikanischen Gebietes; wenn nicht früher, so sind jetzt die übrigen Phönikerstädte außer Utika Bundesgenossen der Karthager geworden. Im 5. Jahrhundert (»Periplus« des Hanno) ist die ganze Küste bis nach Lixos am Ozean von Karthago abhängig, wenigstens soweit sie mit Städten besetzt war; auch hier haben die Karthager wohl schon im 6. Jahrhundert nicht wenige Kolonien gegründet. Sofort tritt überall der Charakter der karthagischen Politik deutlich hervor: alle Fremden werden von den Häfen westlich vom karthagischen Golf ausgeschlossen, ihr Handel auf die Hauptstadt beschränkt. Auch gegen die Libyer versuchte man das Gebiet zu erweitern und den Zins, den man ihnen zahlte, abzuschütteln, doch zunächst ohne Erfolg; das karthagische Heer wurde geschlagen, die Tributzahlung erneuert. Noch zu Anfang des 5. Jahrhunderts scheint von dem reichen Fruchtlande an der kleinen Syrte, dem Gebiet der Maxyer und Byzanten (Herod. Γυζάντες, Hekat. Ζυγάντες), nur wenig in karthagischem Besitz gewesen zu sein938.

Die Begründung der auswärtigen Herrschaft hat auf die inneren Verhältnisse des Staats eine tiefe Rückwirkung ausgeübt. Das Regiment in Karthago lag in den Händen der kaufmännischen Aristokratie. An der Spitze des Staats standen zwei Jahresbeamte mit dem auch in Phönikien (vgl. Bd. II 2; S. 123) gebräuchlichen Richtertitel (suffetae). Ihnen zur Seite steht ein Rat. Sind Rat und Suffeten über eine Sache einig, so braucht sie dem Volk nicht vorgelegt zu werden; andernfalls hat die Volksversammlung die [644] Entscheidung (Aristot. pol. II 8, 3). In den Händen der Suffeten liegt die gesamte politische Leitung des Staats; daher werden sie von den Griechen immer »Könige« genannt. Ursprünglich mögen sie allein auch den militärischen Oberbefehl gehabt haben; dann aber wurden vielfach erwählte Feldherren an die Spitze der Heere gestellt939. Von dem Moment an, wo die auswärtigen Kriege und die überseeischen Eroberungen beginnen, tritt damit ein neues Element in den Staat ein: die große Gefahr entsteht, daß die Armee und der Feldherr übermächtig werden und die legitimen Organe mattsetzen oder beseitigen. Der Konflikt ist sofort hervorgetreten. Als Malchus, so erzählt unser freilich aufs ärgste entstellter Bericht (Justin 18, 7), der nur mit den schwersten Bedenken überhaupt für die Geschichtserzählung benutzt werden kann, nach großen Erfolgen in Sizilien und Afrika auf Sardinien eine schwere Niederlage erlitt, wurde er mit dem Rest des Heers zur Verbannung verurteilt – vielleicht hat man die Truppen in einer Kolonie ansiedeln wollen. Das Heer bestand damals offenbar noch gänzlich aus Bürgern; es war nicht gewillt, sich der Entscheidung zu fügen, sondern beschloß, die Rückkehr zu erzwingen, zunächst durch Bitten und Drohungen, als diese nichts fruchteten, mit Gewalt. Malchus rückte gegen Karthago vor und eroberte die Stadt. Zehn Ratsherren ließ er hinrichten; im übrigen hat er, so heißt es, die Verfassung nicht geändert. So konnte die regierende Partei sich von dem Schlage erholen; bald darauf wurde Malchus des Strebens nach königlicher Gewalt angeklagt und hingerichtet (um 550 v. Chr.). – Sein Nachfolger im Feldherrnamt war Mago, der nicht nur kriegerische Erfolge errang, sondern vor allem das Heerwesen von Grund aus reformierte940. Die schlimme Erfahrung hatte den Karthagern die Augen geöffnet. Die herrschende [645] Bevölkerung wurde fortan nur in geringem Maße und wohl nur in Notzeiten und bei größeren Kriegen zur Konskription herangezogen941. Die karthagischen Heere bestehen seitdem im wesentlichen aus den Kontingenten der Untertanen und einer großen Söldnertruppe, die aus allen Stämmen im Bereich des westlichen Mittelmeers angeworben wird. Nur die Offiziere sind Karthager; außerdem ist dem Feldherrn wohl schon damals von der Regierung ein Ausschuß zur Kontrolle beigegeben worden. An der Spitze dieses Heeres hat Mago in Sizilien, Sardinien, Afrika gekämpft und seine Stellung auf seine Söhne Hasdrubal (fällt auf Sardinien)942 und Hamilkar (fällt 480 an der Himera) und weiter auf seine Enkel vererbt943. Nicht selten mögen sie das Suffetenamt mit der Feldherrnwürde vereinigt haben; Herodot nennt den Feldherrn Hamilkar 480 »König der Karthager« (VII 165). Ein Jahrhundert lang hat der karthagische Staat diese Machtstellung des magonischen Hauses ertragen; die Gesundheit der inneren Zustände, wie sie bei einem aufblühenden, seinen Machtbereich stetig erweiternden Staat natürlich ist, ließ es nicht zu Konflikten zwischen der Militärmacht und der Zivilgewalt kommen, die Vielsprachigkeit der rohen Soldatenmasse, die nur durch die Disziplin ihrer Offiziere und die Soldzahlung zusammengehalten wurde, wirkte zunächst als Gegengewicht gegen ehrgeizige [646] Pläne der Feldherrn. Um die Mitte des 5. Jahrhunderts begann dann der Konflikt aufs neue: von da an beherrscht der Gegensatz und das Mißtrauen zwischen der Militärmacht und der Staatsregierung die weitere Geschichte Karthagos. Er hat überall lähmend eingewirkt, am verhängnisvollsten aber auf die energische Durchführung einer zielbewußten Politik944.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 641-647.
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