Amenemḥet I. und die zwölfte Dynastie

[264] 280. Nicht ohne Kämpfe hat König Amenemḥet I. die Krone gewonnen und behauptet; und auch die Kriege gegen die äußeren Feinde, in Asien, Libyen und Nubien, die wir unter Mentuḥotep III. und IV. kennen gelernt haben, haben sich jetzt fortgesetzt (vgl. § 287 a), vielleicht in Verbindung mit dem Wechsel der Dynastie. Einer seiner Gehilfen, Chnemḥotep, erzählt in seiner leider ganz lückenhaft erhaltenen Grabinschrift, wie er mit dem König eine Flotte von 20 Zedernschiffen [264] bestieg, den Feind in Aegypten niederschlug und die in den Diensten der Gegner stehenden Neger und Asiaten bezwang. Zur Belohnung wurde Chnemḥotep zum Grafen der bis dahin zum Ziegengau gehörigen Stadt Mena'atchufu (Benihassan in Mittelaegypten unterhalb von Hermopolis) eingesetzt, die jetzt aus dem Gauverband ausgeschieden wurde; mit ihr blieb die Regierung des östlichen Wüstengebirges (§ 278) verbunden. Später hat er auch noch die Grafschaft des Ziegengaus (bei Minje) erhalten. Offenbar stand das alte Fürstengeschlecht auf seiten der Gegner und hat seinen Besitz verloren. Noch 80 Jahre später erzählt sein Tochtersohn (Chnemḥotep II.), wie Amenemḥet I. den Großvater einsetzte »als er kam den Frevel niederzuschlagen, strahlend wie der Gott Atumu selbst, daß er herstelle, was er verfallen fand und was eine Gaustadt der anderen entrissen hatte, daß er jede ihre Grenze gegen die nächste wissen lasse, indem er ihre Grenzsteine aufrichtete wie den Himmel, da er ihre Wasser (die ihr gehörigen Nilarme und Kanäle) kannte auf Grund der Schriften und revidierte auf Grund der alten Urkunden, weil er das Recht so sehr liebte«. Deutlich genug tritt auch in diesen verschleiernden Andeutungen noch hervor, worum es sich handelte: Amenemḥet I. hat in Aegypten wieder ein kräftiges Königtum aufgerichtet, das die großen Barone seine starke Hand fühlen ließ. Wie es scheint, sind auch in mehreren anderen Gauen (so in Siut) damals neue Geschlechter eingesetzt worden. Auch in anderen Inschriften aus dem Anfang der Dynastie finden sich gelegentlich Anspielungen auf derartige Kämpfe. In einem Gedicht, welches dem Herrscher selbst in den Mund gelegt wird, der »Lehre des Königs Amenemḥet I. an seinen Sohn«, rühmt er den Glanz und die Segnungen seiner Regierung, warnt aber den Nachfolger, irgendjemand zu trauen; denn seine eigenen Leute, die sein Brot aßen, haben ihn verraten und bei Nacht ermorden wollen, nur mit Mühe hat er bei dem Überfall sein Leben gerettet. Unter seinem Sohn Sesostris I. rühmt sich der Vezir Mentuḥotep, er habe den Rebellen gegen den König (also eine bestimmte Persönlichkeit) [265] im Gerichtshof der Dreißig bestraft (MARIETTE, Abydos II 23, Zl. 10); und aus Manetho ist die Angabe erhalten, der dritte König, Amenemḥet II., sei von seinen Eunuchen ermordet worden.


Der nur trümmerhaft erhaltene Petersburger Papyrus, aus dem GOLENISCHEFF, ÄZ. 14, 110 und Rec. 15, 89 Mitteilungen macht, und von dem ein Stück auf einem Ostrakon wiederkehrt, jetzt behandelt von RANKE bei GRESSMANN, Altoriental. Texte und Bilder I 204ff., enthält über die Vorgeschichte der 12. Dynastie und das Emporkommen Amenemḥets (hier Ameni genannt) wertvolle Kunde, freilich durchsetzt mit dem Schema der Prophezeiungen § 297; nach diesem Text ist Ameni der Sohn eines nubischen Weibes, aber geboren in der alten Reichshauptstadt Nechen (Hierakonpolis), der sich die Doppelkrone aufsetzen und die Feinde, die das Land vorher heimsuchten, Asiaten ('Amu), Libyer und Rebellen bezwingen und die Fürstenmauer (§ 227) erbauen wird. – Inschrift des Chnemḥotep I.: NEWBERRY, Benihassan I, pl. 44; BREASTED, Anc. Rec. I 463ff. Die älteren in Benihassan begrabenen Grafen (Benihassan Bd. II) sind alle Nomarchen des Ziegengaus, so daß die Loslösung des »Horusberges« von Mena'atchufu erst von Amenemḥet J. vollzogen zu sein scheint. Über die Inschrift des Enkels Chnemḥotep II. (LD. II 124f. NEWBERRY, Benihassan Bd. I) s. MASPERO, Rec. I. KREBS, De Chnemothis nomarchi inscr. Berlin 1890. BREASTED, Anc. Rec. I 619ff. Der Stammbaum dieser Nomarchen ist wahrscheinlich:


Amenemhet I. und die zwölfte Dynastie

Unterweisungen des Amenemḥet: DÜMICHEN, ÄZ. 12, 30ff. AMÉLINEAU, Rec. 10. 11. GRIFFITH, ÄZ. 34, 35ff. ERMAN, Aus den Papyri der Kgl. Museen 43ff. BREASTED I 474ff. – Von Kämpfen scheint auch in den Stelen LANGE u. SCHÄFER 20539 II 15f. (Sesostris I., vgl. § 289 A.) und 20541, 9f. (Amenemḥet II.) die Rede zu sein.


[266] 281. Amenemḥet I. stammte zwar aus Theben, und wie er haben auch seine Nachfolger für die Entwicklung ihrer Heimatstadt und für ihre Götter, den jetzt mit Rê' identifizierten Amon und den Kriegsgott Montu, gesorgt. Aber seine Residenz hat der neue Herrscher wieder an den natürlichen Mittelpunkt des Landes verlegt. An der Grenze der beiden Reiche, etwa vier Meilen südlich von Memphis, bei Lišt, hat er die neue Königsstadt mit dem bezeichnenden Namen Iz-taui, »Eroberer der beiden Lande«, angelegt und seine Ziegelpyramide erbaut. Nach dieser Residenz werden Hof und Dynastie in den Denkmälern und im Turiner Papyrus benannt. – Den Bestand der Dynastie hat Amenemḥet I. dadurch gesichert, daß er nach dem mißlungenen Attentat im 20. Jahre seiner Regierung seinen Sohn Sesostris I. zum Mitkönig krönen ließ. Seitdem ist es dieser, »der die Fremdländer bändigt, während sein Vater im Palaste lebt und angibt, was geschehen soll«. Als Amenemḥet I. am 7/II seines 30. Jahres (3. Febr. 1971) starb, stand Sesostris gerade gegen die Libyer im Felde; auf die Kunde vom Tode des Vaters eilte er nach der Hauptstadt. Eines der beliebtesten Literaturwerke dieser Zeit, dem auch die vorigen Angaben entnommen sind, die in poetischem Stile gehaltene Selbstbiographie des Sinuhet, eines Hofbeamten im Dienst einer Prinzessin, erzählt, dieser habe sich bei dem Thronwechsel des Lebens nicht mehr sicher gefühlt, wie es scheint, weil er die geheim gehaltene Nachricht vom Tode des alten Herrschers durch einen Zufall vorzeitig erfuhr, und sei nach Asien geflohen; man sieht, wie viele Gegensätze am Hofe gespielt haben mögen. – Das Beispiel des Dynastiegründers haben die meisten seiner Nachfolger nachgeahmt; durch diese Mitregentschaften ist es gelungen, zwei Jahrhunderte lang alle Thronwirren zu vermeiden und dem Lande eine stabile Regierung zu sichern.

Zur Lage von Iztaui vgl. die Pi'anchistele Zl. 83f.; GRIFFITH, Hierat. papyri from Kahun p. 87f. Pyramiden des Amenemḥet I. und Sesostris I.: GAUTHIER et JÉQUIER, Fouilles à Licht (Mém. de l'inst. français au Caire VI,[267] 1902). Jetzt sind die Grabtempel vom Newyorker Museum durch LYTHCOE vollständig ausgegraben (vgl. BORCHARDT, Klio IX 488f.). – Geschichte des Sinuhet: MASPERO, Contes populaires 55ff. ERMAN, Aus den Papyri 14ff.; dazu jetzt GARDINER, Ber. Berl. Ak. 1907, 142ff. Der Eingang mit dem Todesdatum Am. I. ist von MASPERO, Mém. de l'inst. ég. II = Etudes de mythol. IV 281ff. aus einem Ostrakon ergänzt. – Manetho hat Amenemḥet I. eine Mittelstellung zwischen Dynastie 11 und 12 gegeben, am Schluß seines ersten τόμος; die 12. Dynastie beginnt er mit seinem Sohn Senwosret I., den er Sesonchosis nennt. Den dritten Herrscher dieses Namens dagegen nennt er Sesostris, und die Epitome identifiziert ihn mit der bekannten Sagengestalt der griechischen Erzählungen [und zwar in der auch bei Diodor I 53ff. vorliegenden hellenistischen Überarbeitung von Herodot II 102ff.]. Daß der früher Usertesen gelesene Name Senwosret in der Tat das Prototyp von Sesostris ist, hat SETHE (Sesostris, Unters. zur Gesch. Aeg. II; vgl. ÄZ. 41, 34ff.) erwiesen. Aber in der Deutung der griechischen Sage auf den historischen Senwosret III. geht er zu weit; in ihr sind vielmehr verschiedene Erzählungen von kriegerischen Pharaonen (darunter auch von Ramses II.) zu einer Einheit zusammengeschlossen. Vgl. MASPERO, J. des savants 1901, 594ff. – Durch die Doppeldaten in den Inschriften und die Papyri von Kahun (GRIFFITH, Hieratic Papyri from Kahun and Gurob. BORCHARDT, Der zweite Papyrusfund von Kahun, ÄZ. 37, 89ff., dazu ÄZ. 41, 34ff.) ist die Regierungszeit der meisten Herrscher genau bekannt. Im Turiner Papyrus sind die Zahlen der 12. Dynastie fast alle erhalten, ebenso die Ge samtsumme der Dynastie, die nicht aus einer Addition der Einzelposten [welche die Doppelregierungen nicht berücksichtigen] gewonnen, sondern wesentlich niedriger ist [also gegen die frühere Annahme von BRUGSCH und mir die Doppelregierungen berücksichtigt] und geschichtlich völlig exakt zu sein scheint. Die Zeit ist durch ein Sothisdatum und durch ein landwirtschaftliches Datum festgelegt, § 163, mit einem Spielraum von 4 Jahren, von denen ich der Einfachheit wegen durchweg das erste gewählt habe. – Rekonstruktion der Dynastie: GRIFFITH, Hierat. papyri from Kahun, Text p. 85. SETHE, ÄZ. 41, 38 [von falschen Voraussetzungen geht aus MAHLER, ÄZ. 40, 78ff.]. Über den rätselhaften König Horus s. § 293 A. – Die Angaben der manethonischen Epitome (nach Africanus; bei Eusebius erhalten die drei letzten Könige zusammen 42 Jahre und die Summe wird auf 245 Jahre [nach den Posten 182 Jahre] angegeben) zeigen nur, wie wenig sie für solche Bestimmungen brauchbar ist. Sesostris II. ist in ihr ausgefallen, Amenemḥet III. in die beiden Könige Lamares (bei Africanus verschrieben Λαχάρης, auf griechischen Inschriften Πραμαρης) und Ameres zerlegt; diese Namen sind aus dem Thronnamen Amenemḥets III. Nema'[t]rê' entstanden. Zu beachten ist noch, daß im Jahre 1981 v. Chr. zwei aegyptische Jahre [268] beginnen, die vom 1. Januar bis 30. Dezember 1981 und vom 31. Dezember 1981 bis 30. Dezember 1980 laufen. – (Übersicht der 12. Dynastie umstehend.)


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 264-269.
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