Kunst und Literatur. Prophezeiungen

[292] 294. Das Mittlere Reich ist klassische Epoche der Geschichte und Kultur Aegyptens wie in der Gestaltung des Staats so in Kunst und Literatur. Gleich am Eingang steht eine so eigenartige und künstlerisch vollendete Anlage wie der Tempel Mentuḥoteps IV. in Der el bahari, und am Ende der Wunderbau des Labyrinths. Die Grabpyramiden der Könige und die in sehr kleinen Dimensionen gehaltenen der Privatleute sind jetzt durchweg aus Ziegeln gebaut, die Tempel dagegen aus Stein. Meist sind sie noch einfach gewesen, Zellen mit einem von einer Kolonnade eingefaßten Hof daran; aber die maßgebenden Formen der Architektur scheinen alle jetzt ausgebildet zu sein. Auch die Felsengräber haben eine selbständige Architektur entwickelt, die durch die aus dem Stützpfeiler entwickelte polygonale (protodorische) Säule charakterisiert wird. Gelegentlich ist sie auch auf den Tempelbau übertragen; doch behalten hier die heiteren Säulenformen mit Pflanzenkapitell durchaus die Vorherrschaft. In der Plastik herrscht eine feine Empfindung, die z.B. in den Sandsteinstatuetten hoher Beamter den Dünkel unübertrefflich wiedergibt, der jede Berührung mit dem Schmutz des Lebens von sich fernhält und auf die gewöhnlichen Sterblichen mit unendlicher Geringschätzung herabblickt. Noch wirkungsvoller vielleicht sind einige Köpfe von Königsstatuetten, in denen die Gesichtszüge in feinster Individualisierung durchgearbeitet sind und einen Einblick in das Seelenleben des Herrschers [292] gewähren. Wohl sind auch sie kraftvolle Persönlichkeiten; aber damit verbindet sich ein schwermütiger Ernst, der die Sorgen und inneren Kämpfe verrät, welche den Herrscher bei der Führung seines göttlichen Amtes nie verlassen haben. So gewinnen die oft keineswegs schönen Züge ein inneres Sonderleben, das uns empfinden läßt, wie sich die Kultur über die im Alten Reich erreichte Stufe hinaus verinnerlicht und individualisiert hat. Die Anschauungen, welche die Lehre des Amenemḥet I. (§ 280) dem König selbst in den Mund legt, sind hier vom Bildhauer in dem Porträt des Herrschers zum Ausdruck gebracht. In den Kolossalstatuen der Könige dominiert die feste Norm des vorgeschriebenen Kanons, und so können diese Schöpfungen trotz aller Sorgfalt im einzelnen die unmittelbare Wirkung der lebensfrischen Meisterwerke des Alten Reichs nicht erreichen. Neben dem idealisierten Königsbild tritt uns in anderen Denkmälern, namentlich unter Amenemḥet III., eine realistischere Darstellung entgegen, die das Gesicht mit derben Zügen, stark vorspringenden Backenknochen und eingezogenen Mundwinkeln bildet und ihm dadurch einen sehr energischen Ausdruck verleiht. Da auf einigen dieser Denkmäler, z.B. einem Sphinx aus Tanis, später Hyksoskönige ihren Namen haben einkratzen lassen, hat man sie früher fälschlich für Porträts der Hyksos gehalten. – In der Wanddekoration herrscht jetzt die Malerei vor, die allerdings in den Nomarchengräbern die Vorbilder des Alten Reichs weder in der Komposition noch in der Technik erreicht. Dagegen hat die Kleinkunst z.B. in den eingelegten Goldarbeiten der bei den Pyramiden von Dahšur bestatteten Prinzessinnen (§ 290) Vorzügliches geleistet. Es beruht nur auf den Zufällen, die über der Erhaltung der Denkmäler gewaltet haben, daß wir von großen Denkmälern, welche ihm auch äußerlich die gebührende Stellung zwischen dem Alten und dem Neuen Reich zuweisen würden, aus dem Mittleren Reich wenig besitzen.


Daß die früher den Hyksos zugeschriebenen Denkmäler in Wirklichkeit von Amenemḥet III. stammen, hat GOLÉNISCHEFF, Rec. 15, 131ff. [293] gezeigt. – Von den kleineren Köpfen mit ganz individuellem Ausdruck kommt vor allem der von H. SCHÄFER in den Berichten aus den Kgl. Kunstsammlungen, Berlin 1907 S. 75 publizierte Königskopf aus Diorit in Betracht, ferner z.B. der Kopf bei PETRIE, Abydos I 55, wiederholt in Bd. III, und der Kopf 9529 im Berl. Mus.


295. Von den ziemlich zahlreichen Überresten der Literatur des Mittleren Reichs, die auf uns gekommen sind, ist manches schon erwähnt worden; so das Märchen vom Schlangenkönig, die Erzählung vom Bauern, die Geschichte des Sinuhet, die Lehre des Amenemḥet I., die Lehre des Ṭuauf. Auch andere Sammlungen von Lebensregeln gehören dieser Zeit an, ebenso manche Lieder, wie das des Harfners beim Gastmahl, das das Leben und seine Güter zu genießen mahnt, so lange es noch Zeit ist; denn »die Götter (d.h. Könige), die ehemals waren, ruhen in ihren Pyramiden und die Toten desgleichen; wo sind Imhotep (der alte Weise, § 230) und Ṭeṭefḥôr (der weise Sohn des Cheops), deren Sprüche noch viel gesprochen werden? Ihre Stätten sind nicht mehr, als wären sie nie gewesen, und niemand kommt von dort, der von ihrem Befinden berichten könnte«. In den volkstümlichen Erzählungen und Liedern herrscht ein schlichter, ansprechender Ton. Die höhere Literatur dieser Zeit dagegen ist vollständig beherrscht von der Manier, dem Streben nach gekünsteltem, pointiertem Ausdruck, voll von Alliterationen und Gleichklängen, von Wortwitzen und Spielereien; je gekünstelter und unnatürlicher eine Wendung ist, desto mehr gefällt sie und desto stolzer ist ihr Erfinder auf seinen Geistreichtum. Das gilt ebenso von den Hymnen auf den König und die Götter, wie von den Berichten über Thronsitzungen, in denen der Pharao etwa einen neuen Tempelbau anordnet, von den Angaben der Grabinschriften über Stellung und Tätigkeit der hohen Beamten, ja selbst von den Dekreten und Grenzsteinen des Sesostris III. Daher vermeidet man nach Kräften alle präzisen Angaben, die eine Tatsache der gemeinen Wirklichkeit klar bezeichnen oder einen historischen Vorgang in seinen Einzelheiten anschaulich wiedergeben würden; nur in verhüllten Andeutungen darf darauf [294] hingewiesen werden-deshalb hat die Verwertung dieser Texte für die Geschichte überall mit so großen Schwierigkeiten zu kämpfen. In dieser Manier, die den Aegyptern immer als klassisch gegolten hat-daher sind diese Texte im Neuen Reich vielfach abgeschrieben worden –, spricht sich drastisch die Kluft aus, welche den Gebildeten, der durch den langen Kursus der Schreibschule hindurch gegangen ist und sich in höheren Kreisen zu bewegen gelernt hat, von dem gemeinen Manne trennt.


Die meisten hierhergehörigen Texte sind von ERMAN, Aegypten Kp. 15, viele auch in seinem Buch Aus den Papyrus der Kgl. Museen behandelt; über das Lied des Harfners »aus dem Hause des seligen Königs Antef« vgl. MASPERO, Etudes ég. I 177ff. Ferner W. M. MÜLLER, Aeg. Liebespoesie. Auch die Geschichten des Cheopspapyrus (§ 249) gehören dem Ausgang des Mittleren Reichs an. – In den literarischen Hausbedarf geben die von GRIFFITH bearbeiteten Papyri von Kahun einen lebendigen Einblick: ein Hymnus auf den König (§ 287), ein mythologischer Zau bertext, ein Märchen, ein Buch über Frauen- und eines über Tierkrankheiten, eines über die gute oder schlechte Bedeutung der dreißig Monatstage, ein Rechenhandbuch und zahlreiche Briefauszüge des Tempelarchivs; daneben Briefe, Rechnungen, Hauslisten (§ 284), Testamente.


296. Sowohl formell wie inhaltlich zehrt diese Literatur in weitem Umfang von traditionellem Gut, ganz wie die bildende Kunst; dieselben Wendungen und Formeln werden immer von neuem wieder aufgegriffen. Das gleiche gilt von den wissenschaftlich-technischen Handbüchern (z.B. der Medizin, Geometrie, Arithmetik) und von den religiösen Hymnen und Totentexten (vgl. § 271). Eine selbständige literarische Persönlichkeit gibt es daher nicht, und eine von bestimmten Schriftstellernamen getragene Literatur haben die Aegypter nie entwickelt. Sehr beliebt ist dagegen die Form der Selbsterzählung (Sinuhet, Schlangenkönig, Lehre Amenemḥets), die zwar durchweg nur Einkleidung ist, aber doch wohl als ein erster Ansatz des Strebens nach individueller Gestaltung gelten kann, wie das ebenso z.B. in der griechischen Aoedenpoesie in den Selbsterzählungen des Odysseus und anderer Heroen auftaucht. Doch hat es auch an selbständigeren Schöpfungen [295] nicht gefehlt, in denen die Ergebnisse individuellen Nachdenkens niedergelegt sind und neue Probleme auftauchen und diskutiert werden. Uns ist der Schlußteil einer Dichtung des Mittleren Reichs erhalten, welche, wieder in der Form einer Selbsterzählung, das Gespräch eines vom Unglück verfolgten, von allen seinen Freunden verlassenen Mannes mit seiner eigenen Seele (ichu) enthält. Er möchte sterben, um dem Elend zu entgehen, und will den Flammentod suchen; aber seine Seele entsetzt sich; sie will nicht mit ihm gehen, sie versagt sich auch seiner Bitte, für die Bestattung zu sorgen. Das Begraben ist Trauer, die prächtigen Grabbauten nützen dem Menschen nichts, ihre Opfersteine sind leer; er solle vielmehr sein Leben genießen. Schließlich aber, als der Lebensmüde ihr nochmals sein Elend, seine Verzweiflung und seine Sehnsucht nach dem Tode geschildert hat, fügt sie sich; sie willigt ein, mit ihm in den Westen zu ziehen. – Es ist begreiflich, daß ein derartiges Werk für uns vielfach noch sehr unverständlich ist. Aber klar erkennbar ist, daß hier die schwersten Probleme des Menschenschicksals und die Frage der Erlösung aus der Not des Daseins behandelt sind, an einem typischen Fall, den der Verfasser sich für seine Zwecke eben so frei konstruiert hat, wie der Dichter des Hiob; freilich immer durchsetzt mit den traditionellen aegyptischen Anschauungen von dem Verhältnis zwischen Mensch und Seele und von der Bedeutung der herkömmlichen Bräuche und Formeln der Bestattung, die niemand entbehren kann, der im Westreich bestehen will vor dem Gericht des Thout und dessen Rede Rê' hören soll. Nur um so bezeichnender ist es, daß hier, ganz wie im Liede des Harfners (§ 295), daneben die Anschauung durchbricht, daß im Grunde doch alles Mühen um das Grab und den Totenkult fruchtlos ist und dem Menschen nichts nützt: man sieht, wie weit trotz aller Zauberformeln des Totenbuchs diese Zeit über den naiven Materialismus des Alten Reichs hinausgewachsen war.


ERMAN, Gespräch eines Lebensmüden mit seiner Seele, Abh. Berl. Ak. 1896.


[296] 297. Noch ein anderer Zweig der Literatur tritt uns in dieser Zeit zuerst entgegen: das sind Prophezeiungen über die Zukunft Aegyptens. Freilich mag diese Literaturgattung schon weit älter sein; sie hat sich dann durch die ganze weitere Entwicklung Aegyptens bis in die griechische und römische Zeit hinein lebendig erhalten, liegt uns aber nur in einigen wenigen zufällig erhaltenen Trümmern vor. Die Einkleidung ist durchweg die, daß, wohl immer bei irgend einem bestimmten Anlaß, ein Weiser dem König zunächst eine große Katastrophe schildert, bei der die Fremdvölker das Land überschwemmen und verwüsten, die Götter und ihre Tempel ausgeplündert und ihre Diener verfolgt, die Bevölkerung aufs ärgste heimgesucht und das oberste zuunterst gekehrt wird; dann aber folgt ein göttergeliebter Herrscher, der die Barbaren besiegen und in langer gesegneter Regierung Kultus und Ordnung wiederherstellen wird. Das Schema ist genau dasselbe, wie später bei den hebraeischen Propheten: erst die furchtbare Katastrophe, dann das messianische Reich. Es ist bei beiden Völkern durchaus traditionell und von alters her feststehend; individuell ist jedesmal nur die Anwendung auf eine bestimmte, historisch gegebene Situation. Von der Weiterbildung und Vertiefung, welche es dann durch die großen hebraeischen Propheten erfahren hat, findet sich in Aegypten keine Spur: die schöpferische Individualität fehlt eben hier auch auf diesem Gebiet. – Erhalten ist uns in einer Literaturhandschrift des Neuen Reichs ein derartiger Text, der nach Sprache und Diktion im Mittleren Reich verfaßt sein muß, die Mahnungen des Apu-uêr. Bestimmte zeitgeschichtliche Anspielungen sind in dem Text, soweit er bisher hat gedeutet werden können, kaum zu erkennen, wenn auch von einer Invasion des Delta durch die Asiaten und daneben von Verheerungen durch Libyer, Neger und Maẕoi die Rede ist. Das könnte auf die Wirren zur Zeit der Herakleopoliten und der elften Dynastie und die damaligen Kämpfe mit den Asiaten Bezug nehmen; doch liegt die Vermutung nahe, daß die Wirren der dreizehnten Dynastie und der Hyksoszeit bereits auf seine Gestaltung eingewirkt haben.


[297] H. 0. LANGE, Prophezeiungen eines aegyptischen Weisen, Ber. Berl. Ak. 1903, 601ff. Seitdem hat A. GARDINER, The admonitions of an Egyptian sage, 1909 den Text eingehend behandelt und das Verständnis des Einzelnen wesent lich gefördert. Aber der allgemeine Zusammenhang bleibt auch jetzt noch sehr unsicher. GARDINER verwirft LANGES Deutung des zweiten Teils, der die idealen Zustände ausmalt, auf einen zukünftigen König, sondern bezieht sie auf den Götterkönig Rê'; der Text sei nicht prophetisch, wie er denn auch, ganz anders als z.B. der Petersburger Papyrus (s.u.), das Futurum nicht braucht. Aber die Schilderung des Elends der Gegenwart und der Schuld des Königs, an den die Mahnungen des Weisen gerichtet sind, scheinen doch das Gegenbild einer besseren Zukunft (nach den Ordnungen des Rê') zu fordern, so daß vielleicht doch LANGES Auffassung zutreffender ist. – Die Form einer Prophezeiung hat der § 280 A. besprochene Petersburger Papyrus: erst die Heimsuchung durch die Feinde, dann wird die Erlösung durch den König Ameni kommen. Ganz nach dem im Text angegebenen Schema sind ferner verfaßt die demotischen Prophezeiungen des Lamms unter König Bokchoris (KRALL, vom Kg. Bokchoris, Festgaben für BÜDINGER 1898; erwähnt auch bei Manetho), die Prophezeiungen des Amenophis, Sohns des Paapis, an König Amenophis bei Manetho (Jos. c. Ap. I 232ff.) und die ἀπολογία κεραμέως an König Amenophis (WILCKEN in den Aegyptiaca 146ff. REITZENSTEIN, Ein Stück hellenistischer Kleinliteratur Ber. Gött. Ges. 1904, 309ff., der von WILCKEN, Hermes 40, 544ff. vielfach berichtigt wird). Daß das Grundschema überall dasselbe, also traditionell und nicht für eine bestimmte historische Situation erfunden, sondern im besten Falle nur auf sie gedeutet ist, ist völlig zweifellos. Vgl. meine Israeliten und ihre Nachbarstämme 451ff. und die Übersetzungsproben RANKES bei GRESSMANN, Altoriental. Texte und Bilder I 204ff. – Im Anhang zu den Admonitions veröffentlicht GARDINER einen verwandten Traktat, Betrachtungen über das Elend des Lebens und des Landes, der einem nach Sesostris II, benann ten Priester von Heliopolis Cha'cheperre'-seneb in den Mund gelegt ist.



Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 292-299.
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