Babylonien. Die Weisheit der Chaldäer

[120] In Babylonien war Kyros der Bevölkerung soviel wie möglich entgegengekommen. Als Marduks erkorenen Liebling hatte er sich eingeführt; er hatte den Titel eines Königs von Babel angenommen. Alljährlich am Neujahrstage, dem 1. Nisan (April), ergriff nach altem Brauch der König Babels die Hände der Statue des Marduk (Bel) und gewann dadurch die göttliche Sanktion seiner Königswürde. Kyros hat diese Sitte beibehalten. So besteht nach Nabonids Fall das »Königreich von Babel« der Form nach noch ein halbes Jahrhundert weiter, wenn auch gemindert um seine auswärtigen Besitzungen und verbunden mit dem »Königtum der Länder«, d.i. »der Welt«. Nicht vom Tage der Thronbesteigung ab, sondern von dem folgenden Neujahrstage, dem Tage der Ergreifung der Königswürde, werden in Babylon nach alter Weise auch die Jahre der persischen Großkönige gezählt; die vorhergehende Zeit wird als »Anfang des Königtums« des betreffenden Herrschers bezeichnet190. Als Kyros im Sommer 530 zu seinem letzten Kriegszug den Osten aufbrach, hat er seinen Sohn Kambyses zum König von Babel eingesetzt. Während der Wintermonate residierten die Perserkönige regelmäßig in Babylon. Trotzdem konnte die Stadt, die über ein Jahrtausend lang der geistige und zuletzt noch einmal wieder der politische Mittelpunkt der vorderasiatischen Kulturwelt gewesen war, den Verlust ihrer Unabhängigkeit nicht verschmerzen. Als der Usurpator Smerdis sich gegen Kambyses empörte, hat sie ihn sofort anerkannt und dann nach seiner Ermordung zweimal (Oktober 521 bis Februar 520 und Hochsommer 520 bis Januar 519) den Versuch gemacht, [121] unter einem Nebukadnezar III. das nationale Reich wiederherzustellen. Es ist bezeichnend, daß Sippara191, und vermutlich auch andere Landstädte, während dieser Krisen der legitimen Regierung treu blieben, erst dem Kambyses, dann dem Darius. Für sie war Babylon der glückliche Rivale, der sie aus der Stellung gleichberechtigter, ja weit älterer religiöser und politischer Zentren herabgedrückt hatte: so hatten sie wenig Ursache, Befreiung vom Perserjoch zu suchen. Darius hat Babylon für die zweimalige Empörung schwer gezüchtigt durch Hinrichtungen und Zerstörung der Mauern (Herod. III 159); aber das Königtum von Babel abzuschaffen hat er nicht gewagt. Erst sein Sohn Xerxes hat den entscheidenden Schritt getan. In den ersten Monaten seiner Regierung (reg. seit Oktober 485) führt er noch den alten Titel »König von Babylon und der Länder«. Aber am Neujahrstage 484 hat er die Hände Bels nicht erfaßt, vielmehr die goldene Belstatue aus dem Tempel entfernt, wie vor ihm Sanherib, als er von 688-681 den babylonischen Thron unbesetzt ließ, und den Priester getötet, der ihn daran hindern wollte192. Die Griechen erklären das als Habgier oder Despotenlaune; in Wirklichkeit war es eine unvermeidliche symbolische Handlung, die Ankündigung, daß mit dem bisherigen System definitiv gebrochen werden sollte. Seitdem heißt Xerxes auch in den babylonischen Urkunden »König von Persien und Medien, König von Babel und der Länder« oder auch nur »König von Persien und Medien«. Seit 480 tritt bei ihm und seinen Nachfolgern einfach »König der Länder« an dessen Stelle. Was den Anstoß zu Xerxes' Vorgehen gegeben hat, wissen wir nicht; vielleicht die Erkenntnis, welche der zwei Jahre vorher ausgebrochene ägyptische Aufstand die Perser lehren mußte, daß die Versöhnungspolitik des Kyros und Darius trotz aller Konzessionen doch nicht zum Ziel führte. Noch einmal ist das babylonische Nationalgefühl aufgeflammt. Als Xerxes während [122] der Sommermonate nach Egbatana gegangen war, empörte sich Babylon unter Führung des Šamaš-irbâ, der den Königstitel annahm (wahrscheinlich Herbst 484). Aber auch diesmal war dem Aufstand keine lange Dauer beschieden: nach Ktesias' Bericht hat Megabyzos, der Sohn des von den Rebellen erschlagenen Statthalters Zopyros, Babylon durch List erobert193. Das war das Ende des babylonischen Königtums. Seitdem ist auch der alte Terrassentempel des Bel-Marduk allmählich verfallen; als Alexander nach Babylon kam, lag er in Trümmern.

Mit dem Erschlaffen des persischen Regiments ist auch in Babylonien der Wohlstand zurückgegangen, der hier ohne ein kräftiges Eingreifen der Staatsgewalt nicht bestehen kann. Die von Nebukadnezar wiederhergestellten Kanäle und Deiche verfielen, weite Gebiete versumpften und verödeten. Wieweit die späteren Könige der Religion und den Landstädten noch Interesse zuwandten, wissen wir nicht. Babylon freilich blieb nach wie vor der Mittelpunkt des vorderasiatischen Handels und bot durch seinen Umfang, seine Paläste und Tempelbauten und die wunderbare Fruchtbarkeit seiner Umgebung dem Fremden Anlaß genug zum Staunen. Keine Provinz zahlte so hohen Tribut (1000 Silbertalente = 7030000 Mark, dazu die Abgaben für den Hofhalt des Königs und seine Garde während vier Monaten und die Abgaben an den Satrapen, Herod. I, 192). Nirgends auf der Welt konnte man ein solches Häusermeer überblicken wie von dem großen Terrassenturm des Beltempels: alles drei- und vierstöckige Bauten, von geraden Straßen durchschnitten, die sich senkrecht kreuzten (Herod. I 180). Aber der Wohlstand der Stadt hatte durch die fortwährenden Aufstände gelitten (Herod. I 196), und Xerxes und seine Nachfolger hatten keinen Anlaß, ihn zu heben. Es ist schwerlich Zufall, daß die Dokumente des etwa 2500 Tontafeln umfassenden Archivs von Privaturkunden aus Babylon [123] (o. S. 3), welche unter Nebukadnezar II. beginnen, nicht über die letzten Jahre Darius' I. hinabreichen. Aus der späteren Perserzeit sind derartige Dokumente nur spärlich erhalten, abgesehen von dem großen Funde aus Nippur aus der Zeit Artaxerxes' I. und Darius' II.

Von den babylonischen Priestern mögen nicht wenige in die nationalen Aufstände verwickelt, ja ihre eigentlichen Anstifter gewesen sein; andere haben, so scheint es, wie in Ägypten ihren Frieden mit der Fremdherrschaft gemacht und versucht, dadurch ihre Stellung sich zu wahren. Die Priesterschaft führte jetzt den Namen Chaldäer194, der ursprünglich dem südbabylonischen Volksstamm zukam, an dessen Spitze Mardukbaliddin, der König des »Seelandes«, gegen die Assyrer gekämpft und Nabopolassar und Nebukadnezar II. das neubabylonische Reich gegründet hatten. Wie die Namensübertragung zu erklären ist, wissen wir nicht; sollen wir annehmen, daß bei der Neuordnung des Reichs die Priesterstellen mit Landsleuten des Siegers besetzt wurden, daß damit auch eine neue theologische Richtung, namentlich eine weitere Fortbildung der astrologischen Lehren ans Ruder kam, welche die altbabylonische Bevölkerung nicht kannte? Wie dem auch sei, jedenfalls haben die chaldäischen Priester ihre theologische und wissenschaftliche Tätigkeit auch in der Perserzeit eifrig fortgesetzt. Sie haben wie unter den einheimischen Herrschern Annalen der einzelnen Regierungen geführt und die Kunde von der Vergangenheit wie die heilige Tradition von den Göttern und der Urzeit weiter überliefert, die alten religiösen, literarischen und wissenschaftlichen Texte abgeschrieben und vielleicht auch vermehrt, vor allem aber eifrig die Sterne erforscht, die Finsternisse, das Eintreten der Mondphasen, die Sternkonjunktionen und Planetenbahnen sowohl beobachtet und aufgezeichnet wie mit [124] großer Sicherheit, an der Hand zyklischer Zahlen, auf Jahre hinaus im voraus berechnet. Manche dieser Berechnungen und Beobachtungen sind uns noch auf Tontafeln erhalten, so die über die Mondfinsternis am 16. Juli 523, die in die griechische Astronomie und in den Almagest des Ptolemäos übergegangen ist. Hier verbindet sich die theoretische Forschung mit praktischer Tätigkeit. An den Observatorien der großen babylonischen Heiligtümer in Sippara, Borsippa, Uruk (Orche) bestanden verschiedene Schulen195, die, wie sie seit alters im Anschluß an die Lokalkulte in den Einzelheiten der kosmogonischen Systeme und der Götterlehre auseinandergingen, so auch in der Astrologie abweichende Ansichten vertraten. Einige glaubten, daß nur die Schicksale der Reiche und die großen Weltbegebenheiten in den Sternen vorgezeichnet seien, während andere das Geschick eines jeden Menschen aus der Konstellation bei seiner Geburt ableiteten. In der Grundanschauung, daß die Götter sich in den Sternen, speziell den Planeten, verkörpern und diese die Gestalt der irdischen Vorgänge bestimmen, daß es daher bei jeder wichtigen Handlung nötig ist, die richtige Stunde vorher zu berechnen und alle unheilvollen Kombinationen zu beseitigen, stimmen sie alle überein. Sie haben es verstanden, durch ihr Wissen, durch den Besitz einer geheimnisvollen, genau ausgebildeten Kunst, durch die Autorität einer uralten religiösen Tradition sich am Hof wie bei den Massen dauerndes Ansehen zu gewinnen. Sie werden vom König und seinen Magnaten um Rat gefragt, sie setzen Tag und Stunde für wichtige Unternehmungen fest, sie deuten die Träume, stellen das Horoskop, wenden böse Vorzeichen ab. In Ost und West erzählt sich das Volk von ihrer Weisheit, aber auch von der Art, wie sie ihre Kunst zu ihrem Vorteil auszubeuten suchen und dabei gelegentlich ihr selbst zum Opfer fallen.

Seit Jahrtausenden hat die babylonische Kultur ununterbrochen eine tiefe Einwirkung auf das westliche Asien geübt, zuerst direkt, dann durch assyrische Vermittlung. Jetzt wird auch Persien von ihrem Einfluß berührt. Unter der Achämenidenherrschaft dringen die babylonischen Ideen und Formen weit über die Kreise [125] hinaus, in denen die chaldäischen Priester direkte Einwirkung üben konnten. Der Glaube, daß es für alles eine »Zeit« gibt, die von den Weisen berechnet werden kann und von der das Gedeihen des Werks abhängt (z.B. Esther 1, 13. Dan. 2, 8f.), wird allgemein herrschend, ebenso die Anschauung, daß sieben Sterne, sieben Lichter, sieben Geister die eigentlichen Regenten des Schicksals sind und als Diener und Gehilfen der weltbeherrschenden Gottheit ihren Willen vollstrecken; ihre Symbole begegnen uns oft auf den Siegeln der Perserzeit. Die bizarren mischgestaltigen Wesen, die Dämonen, welche die Welt erfüllen und die Götter des Lichts bekämpfen, bis sie von ihnen bezwungen, gefesselt, vernichtet werden, sind seit alters namentlich durch die Kunst verbreitet worden und haben ihren Eingang auch in die persischen Paläste gefunden (s.o. S. 109f.); aber auch der religiöse Glaube, der sie erzeugt hat, wird Allgemeingut, die Mythen, die an sie anknüpfen, wenden in mannigfacher Umgestaltung überall erzählt. Die Verbindung mit der babylonischen Religion und ihren Kulten schwindet dabei, die heimischen Gottheiten oder unbekannte magische Mächte treten an die Stelle der ursprünglichen Gestalten; aber die Erzählung selbst bleibt bestehen und wandelt als geheimnisvolle vieldeutige Überlieferung von Ort zu Ort196.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 61965, Bd. 4/1, S. 120-126.
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