Die persische Religion

[114] Daß der große Gott, welcher Himmel, Erde und Menschen geschaffen hat und regiert, seinem Diener die Herrschaft über die ganze Welt verliehen hatte, war die glänzendste Bestätigung für die Wahrheit der reinen Lehre: das feurige Glaubensbekenntnis, das Darius in seinen Inschriften niedergelegt hat, dessen Formeln seine Nachfolger von ihm übernahmen, ist zugleich der Dank des Herrschers an den Gott. Aber auch die Religion erfuhr die Rückwirkung der Weltherrschaft172. Die iranische Religion kannte weder Götterbilder noch Götterhäuser. Auf den Berggipfeln rief man den Himmelsgott und seine Manifestationen an, Sonne und Mond, Erde und Feuer, Wasser und Wind, und errichtete die Altäre mit dem ewigen Feuer; aber auch an jedem beliebigen anderen Orte konnte man, ohne weitere Vorbereitung, zur Gottheit beten und ihr seine Gaben darbringen, unter Assistenz des Magiers, der die heiligen [114] Formeln dazu sang. Auch zur Zeit der Weltherrschaft noch sah der Perser, wie zahlreiche Angaben der Griechen lehren, geringschätzig herab auf die übrigen Völker, welche die weltumfassenden Götter in Menschen- oder gar Tiergestalt bildeten und in ein enges Haus zwängten. Dem Ahuramazda hat man niemals einen Tempel erbaut. Die Burgen von Persepolis und Pasargadä umschließen keine religiösen Bauten; nur die Feueraltäre auf den Bergen der Nachbarschaft gehören wohl der Achämenidenzeit an173. Aber eine symbolische Darstellung des Gottes entnahm man den Nachbarn doch: es war die vorderasiatische Umwandlung der geflügelten Sonnenscheibe der Ägypter, die bereits die Assyrer zur Darstellung ihres Nationalgottes Assur erwählt hatten: ein von mächtigen Flügeln getragener Ring, aus dem die Gestalt des Gottes herausragt, wie ein König gekleidet, mit langem Bart und Haupthaar, auf dem Haupt die Kidaris, in der Linken einen Kranz, die Rechte belehrend erhoben, wie es sich für den Gott ziemte, der den Menschen durch seinen Propheten die Wahrheit offenbart hatte. Andere Entlehnungen aus der babylonischen Kunst, wie die Kämpfe des Königs mit Einhorn, Greif und anderen Untieren (o. S. 109f.), dienen zunächst lediglich der Dekoration; zugleich aber erhalten durch sie die feindlichen Dämonen, die Geschöpfe Ahrimans, eine festere Gestalt.

Daß, wenn auch die Grundgedanken der religiösen Lehre überall auf Zarathustra selbst zurückgehen, doch das System in der Perserzeit weitergebildet ist, ist nicht zu bezweifeln, so wenig wir darüber im einzelnen feststellen können. Namentlich werden sich hier wie in der bildlichen Darstellung und in den populären Kulten (u. S. 118f.) babylonische Einflüsse geltend gemacht haben. Daß die sechs abstrakten Mächte, die Ameša spenta, welche [115] Ahuramazdas, ihres Vaters, Willen verwirklichen und die Welt regieren (Bd. III2 S. 101), mit diesem zu einer Siebenheit zusammengefaßt werden, daß weiter neben ihnen vierundzwanzig Gottheiten (Jazata) stehen (Plut. de Is. 47), scheint auf Babylon zu weisen174 (u. S. 125f.), ebenso vielleicht die Ausmalung des Weltendes und die Auferstehung aller Toten zu einem allgemeinen Jüngsten Gericht – während die damit in Widerspruch stehende Anschauung, daß jeden Menschen drei Tage nach dem Tode das Gericht über seine Taten erwartet, daß der Gute und Fromme die Brücke Tšinvat überschreiten muß, um in Ahuramazdas Reich zu gelangen, während der Gottlose und Böse in die Hölle eingeht, auf den Propheten selbst zurückgeht und im Mittelpunkt seiner Predigt gestanden hat. Auch der Gedanke mag jetzt ausgebildet sein, daß die beiden miteinander ringenden Mächte sich aus dem Urprinzip der Zeit (Zrvan) losgelöst haben, daß erst Ahuramazda, der Schöpfer der guten Welt, dann der böse Geist, der seine Werke nachgebildet und ins Gegenteil verkehrt hat, je dreitausend Jahre geherrscht haben, bis mit Zarathustras Auftreten eine dreitausendjährige Periode des Kampfes begann. An ihrem Ende wird das böse Prinzip definitiv erliegen und eine selige Zeit eintreten, in der die Menschen keiner Nahrung bedürfen, in der es keinen Schatten gibt, sondern nur Licht; dann kann der gute Gott vom Kampf ausruhen. Am Ausgang der Perserzeit sind diese Gedanken bereits den griechischen Forschern bekannt geworden [vgl. o. Bd. III2 S. 124]175, – Daneben ist das [116] Ritual, die Reinheitsvorschriften, die Beobachtung und Deutung von Vorzeichen weiterentwickelt. Wenn die Bedeutung irgendwelche reale Grundlage hat, in der die Griechen schon in der Mitte des 5. Jahrhunderts und ihnen folgend wir das Wort Magier und Magie gebrauchen, so müssen sie sich auch mit Zauberei und Beschwörungen abgegeben haben176. Doch nicht nur die persischen Religionsbücher wissen nichts davon, auch die besten griechischen Zeugen Deinon und Aristoteles bestreiten ausdrücklich, daß die Magier »von magischen Zauberkünsten etwas gewußt hätten« (τὴν δὲ γοητικὴν μάγειαν οὐδ᾽ ἔγνωσαν). Ihre Prophetenkunst beschränkte sich auf Weissagungen, vor allem aus den bei der Opferliturgie verwerteten Zweigen (baresman); dazu mögen Traumdeutungen, Mittel zur Abwendung böser Vorzeichen u.a. gekommen sein177. So ist die griechische Bedeutung des Magiernamens wohl nur darauf zurückzuführen, daß sie im Gefolge des Königs und der Magnaten Geistliche sahen, welche unter unverständlichen Gebräuchen und Liturgien das Opfer vollzogen, Vorzeichen deuteten und religiöse Unterweisungen darüber gaben, was zulässig und heilsam sei und was nicht. – Zu politischer Bedeutung ist der Magierstand trotz des Ansehens seiner Mitglieder am Hofe unter den Achämeniden niemals gelangt. Sie sind lediglich die Diener und Werkzeuge, welche die Verbindung des Laien, der die Riten nicht kennt, mit der Gottheit vermitteln178.

[117] Die Lehre Zarathustras, zu der sich Darius bekannte, konnte sich nur in begrenzten Kreisen rein erhalten: die Masse des Volkes brauchte kräftigere religiöse Kost. Die persischen Eigennamen zeigen, welches Ansehen alle Zeit die alten volkstümlichen Götter behauptet haben, die Zarathustra beiseitegeschoben, aber als Manifestationen des wahren Gottes geduldet hatte, die Darius in seinen Inschriften nie nennt, so vor allem Mithra, der Sonnengott. Sein Name ist den Griechen früher bekannt geworden als der Ahuramazdas179. Bei den Nachbarvölkern herrschte überall ein prunkender, reich ausgestatteter Kultus, und sie wußten von der Macht und Größe ihrer Götter genug zu erzählen180. Da ist es kein Wunder, daß auch die persischen Anschauungen von ihnen beeinflußt wurden, daß ein König wie Artaxerxes I. z.B. an die Realität und Macht des Himmelsgottes von Jerusalem wirklich glaubte (Ezra 7, 23, vgl. 8, 22), während seine Vorgänger den fremden Göttern lediglich aus politischen Gründen gehuldigt hatten, daß man die Gestalten der eigenen Religion den fremden anähnelte und so die untergeordneten Götter in den Vordergrund gehoben wurden dem abstrakten Ahuramazda gegenüber. »Ursprünglich opferten die Perser nur dem Himmelsgott Zeus und der Sonne, dem Monde, der Erde, dem Feuer, dem Wasser und den Winden«, sagt Herodot [I 131]; »von den Assyrern (d.i. Babyloniern) und Arabern aber haben sie gelernt, auch der Uranostochter Aphrodite zu opfern, die sie Mithra nennen.« Daß Herodot hier die Namen Mithra und Anâhita verwechselt hat, liegt auf der Hand. In der Tat haben die Perser die Quell- und Vegetationsgöttin Ardvîsûra Anâhita (Anaitis, Bd. III2 S. 116), ursprünglich die Göttin des Oxusstroms, der babylonischen Istar oder Belit gleichgesetzt und zu einer üppigen Göttin der Zeugung und Fruchtbarkeit ausgestaltet. Die babylonischen Sakäen181, ein Freudenfest [118] mit rauschenden Gelagen, bei dem den Sklaven gestattet wird, nach Art der Herren zu leben, werden übernommen und mit ihrem Dienst verbunden; vielfach werden ihr Sklaven und Sklavinnen geweiht, ja selbst freie Mädchen prostituieren sich ihr zu Ehren wie bei den Semiten und Kleinasiaten, so vor allem in Armenien182. Sie wird gestaltet wie die babylonische Göttin, als schönes kräftiges Weib, fest gegürtet, mit strotzenden Brüsten, mit goldener Sternenkrone und goldgewirktem Bibermantel, Ohrringen und Halsband von Gold; in der Hand trägt sie den heiligen Baresmazweig183. Auch Mithra wird jetzt in menschlicher Gestalt, als Sonnenjüngling, dargestellt. Das Mithrafest wird das Hauptfest des Reichs, an dem der König sich berauscht und den Nationaltanz tanzt184. Unter Artaxerxes II. kommt die Entwicklung zum Abschluß; er zuerst ruft in seinen Inschriften neben Ahuramazda die Anâhita und den Mithra an. »Er zuerst hat die Perser gelehrt, menschengestaltige Götterbilder zu verehren,« berichtet Berossos fr. 16, »und das Bild der Aphrodite Anaitis in Babylon, Susa, Egbatana, in Persepolis, Baktra, Damaskos und Sardes aufgestellt.«

Die Religion Zarathustras trägt, wie früher bemerkt (Bd. III2 S. 98f., von Anfang an keinen streng nationalen Charakter. Wendet sich der Prophet auch zunächst an seine Landsleute und dann an die Arier im allgemeinen, so steht doch nichts im Wege, daß auch der Fremde seine Lehre annimmt. Die richtige Verehrung Ahuramazdas, die Mehrung seines Reichs, ist an keine Nationalität und an kein Land gebunden. Die Perser, welche in die Provinzen gingen, haben daher nicht nur ihre Religion mitgenommen, sondern auch begonnen, sie unter den Untertanen [119] zu verbreiten. Namentlich in Armenien185 und Kappadokien186 entwickelt sich eine starke religiöse Propaganda, offenbar im Anschluß an die Höfe der persischen Magnaten, die hier große Besitzungen hatten. Überall treten bei derselben die volkstümlichen Götter in den Vordergrund. Mithra, die Manifestation des Ahuramazda, der »Vermittler«187, weniger allerdings, wie Plutarch meint, zwischen den beiden Prinzipien, aus denen er gemischt wäre, als zwischen Ahuramazda und der Welt, wird der eigentliche Träger der persischen Propaganda188. »Alle persischen Dienste haben wie die Meder so die Armenier angenommen«, sagt Strabo, »den Anaitiskult aber die Armenier ganz; besonders; vor allem hat sie eine Kultusstätte in der Landschaft Akilisene« am oberen Euphrat, die daher auch Anaitika genannt wird. Auch der »Drachentöter« Vrtragna (Ἀρτάγνης, armen. Vahagn) gehört zu diesem Kreis. Im Irisgebiet in Kappadokien ist Zela ein großes Heiligtum der Anaitis, an die sich die Amešaspentas Omanos (Vohumano) und Anadates (Ameretât?) anschließen; hier werden ihr die Sakäen gefeiert. Auch im inneren Lydien ist ihr Kultus in mehreren Städten heimisch geworden; er verbindet sich hier mit dem des einheimischen Mondgottes189.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 61965, Bd. 4/1, S. 114-120.
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